Hereditäre Ataxie Typ 2: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Ataxie ist ein Begriff, der eine Gruppe von neurologischen Erkrankungen beschreibt, die durch eine Störung der Bewegungskoordination gekennzeichnet sind. Diese Störungen können verschiedene Ursachen haben, von genetischen Defekten bis hin zu erworbenen Schädigungen des Gehirns oder Rückenmarks. Hereditäre Ataxien, also vererbte Formen der Ataxie, umfassen eine Vielzahl von Erkrankungen mit unterschiedlichen genetischen Ursachen, Symptomen und Verläufen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der hereditären Ataxie Typ 2 (EA2) und anderer relevanter Ataxieformen.

Was ist Ataxie?

Der Begriff "Ataxie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Mangel an Ordnung". Er beschreibt eine Störung der Muskelkoordination, die zu unpräzisen und unkontrollierten Bewegungen führt. Betroffene haben Schwierigkeiten, willkürliche Bewegungen auszuführen, was sich in unterschiedlichen Symptomen äußern kann, wie z.B. Gleichgewichtsstörungen, ungeschickte Bewegungen, Sprachstörungen und Zittern.

Ataxie kann ein einzelnes Symptom sein oder Teil eines komplexeren Syndroms. Es ist wichtig, die verschiedenen Ätiologien und Syndrome der Ataxie zu verstehen, um eine genaue Diagnose und Behandlung zu ermöglichen.

Klassifizierung von Ataxien

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Ataxien zu klassifizieren, basierend auf ihrer Ursache, ihrem Verlauf und den betroffenen Bereichen des Nervensystems.

Nach Ursache

  • Erbliche Ataxien: Diese Formen werden durch genetische Mutationen verursacht, die von den Eltern an die Kinder weitergegeben werden. Sie sind in der Regel durch einen längeren und langsameren Krankheitsverlauf gekennzeichnet.
  • Erworbene Ataxien: Diese Formen entstehen durch Schädigungen des Kleinhirns, des vestibulären Systems oder der propriozeptiven Sinnesbahn aufgrund von äußeren Faktoren wie Schlaganfall, Trauma, Infektionen, Vergiftungen oder Mangelernährung.
  • Idiopathische Ataxien: Diese Formen treten ohne erkennbare Ursache auf. Eine idiopathische späte Kleinhirnataxie (ILOCA) tritt typischerweise im höheren Lebensalter auf.

Nach Vererbungsmuster

  • Autosomal-dominante Ataxien: Hier reicht ein betroffenes Gen von einem Elternteil aus, damit die Krankheit ausbricht. Ein Beispiel ist die spinozerebelläre Ataxie (SCA).
  • Autosomal-rezessive Ataxien: Hier müssen beide Elternteile Träger des mutierten Gens sein, damit die Krankheit bei ihren Kindern auftritt. Beispiele sind die Friedreich-Ataxie und die Ataxia teleangiectatica.
  • Mitochondriale Vererbung: Hier wird die Krankheit ausschließlich von der Mutter vererbt, da die Mitochondrien (die "Kraftwerke" der Zelle) ihre eigene DNA haben.

Nach betroffener Region im Gehirn

  • Zerebelläre Ataxie: Hier ist das Kleinhirn betroffen, was zu Störungen der Augenbewegungen, Zielbewegungen und automatisierten Bewegungen führt.
  • Spinale Ataxie: Hier sind die sensiblen Bahnen des Rückenmarks geschädigt, die dem Gehirn Informationen über die Körperposition liefern.
  • Spinozerebelläre Ataxie: Hier sind sowohl das Rückenmark als auch das Kleinhirn betroffen.

Hereditäre Ataxie Typ 2 (EA2)

Die episodische Ataxie Typ 2 (EA2) ist eine seltene Form der erblichen Ataxie, die durch anfallsartige Gleichgewichtsstörungen mit Schwindel und Erbrechen gekennzeichnet ist. Die Attacken können Minuten bis Tage andauern und werden oft von Dysarthrie (Sprachstörung), Doppelbildern, Tinnitus, Dystonie (unwillkürliche Muskelkontraktionen), Hemiplegie (Halbseitenlähmung) und Kopfschmerzen begleitet.

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Ursachen

EA2 wird durch Mutationen im Gen CACNA1A verursacht, das für eine Untereinheit eines spannungsabhängigen Calciumkanals im Gehirn kodiert. Diese Mutationen führen zu einer Funktionsstörung der Calciumkanäle, was die Erregbarkeit der Nervenzellen im Kleinhirn beeinträchtigt. Die EA2 folgt einem autosomal-dominanten Erbgang.

Es ist wichtig zu beachten, dass Mutationen im CACNA1A-Gen auch andere neurologische Erkrankungen verursachen können, wie z.B. die familiäre hemiplegische Migräne und die spinozerebelläre Ataxie Typ 6 (SCA6), die durch eine CAG-Expansion in Exon 47 des Gens verursacht wird.

Symptome

  • Anfallsartige Gleichgewichtsstörungen mit Schwindel und Erbrechen
  • Dysarthrie (Sprachstörung)
  • Doppelbilder
  • Tinnitus (Ohrengeräusche)
  • Dystonie (unwillkürliche Muskelkontraktionen)
  • Hemiplegie (Halbseitenlähmung)
  • Kopfschmerzen (häufig migräneartig)
  • Interiktal (zwischen den Anfällen) können Ataxie oder Nystagmus (Augenzittern) auftreten

Der Beginn der Symptome liegt typischerweise in der Kindheit oder im frühen Erwachsenenalter (zwischen dem 2. und 32. Lebensjahr). Die Häufigkeit der Attacken variiert stark, von 1-2 Mal im Jahr bis zu 3-4 Mal pro Woche. Typische Auslöser sind Stress, Anstrengung, Koffein, Alkohol, Fieber und Hitze.

Diagnose

Die Diagnose der EA2 basiert auf der klinischen Untersuchung, der Familienanamnese und den Ergebnissen genetischer Tests. Eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns kann eine Atrophie (Schrumpfung) des Kleinhirnwurms zeigen.

Behandlung

Eine medikamentöse Behandlung mit dem Carboanhydrasehemmer Acetazolamid kann die Häufigkeit und den Schweregrad der Attacken positiv beeinflussen. Es gibt keine Heilung für EA2, aber die Symptome können durch Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie gelindert werden.

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Andere Formen der hereditären Ataxie

Neben der EA2 gibt es eine Vielzahl anderer hereditärer Ataxien, die sich in ihren genetischen Ursachen, Symptomen und Verläufen unterscheiden. Einige der häufigsten Formen sind:

Friedreich-Ataxie (FRDA)

Die Friedreich-Ataxie ist die häufigste Form der rezessiv vererbten Ataxien. Sie wird durch eine Mutation im FXN-Gen verursacht, das für das Protein Frataxin kodiert, das für die Funktion der Mitochondrien wichtig ist. Die Symptome beginnen meist in der Pubertät und umfassen Gleichgewichtsstörungen, Muskelabbau, Sprachstörungen, Herzprobleme, Wirbelsäulenverkrümmungen und Hohlfüße.

Die Friedreich-Ataxie ist bislang nicht heilbar. Seit 2024 ist das Medikament Omaveloxolon für Betroffene ab 16 Jahren zugelassen. Ergänzend wirken regelmäßige Therapien wie Physio-, Ergo- und Logopädie symptomlindernd. Regelmäßige Facharzttermine (Neurologie, Kardiologie, Orthopädie) sind zentral. Schreibhilfen und Mobilitätsunterstützung können helfen.

Spinozerebelläre Ataxien (SCA)

Die spinozerebellären Ataxien (SCA) sind eine Gruppe von autosomal-dominant vererbten Ataxien. Es gibt über 40 verschiedene Arten von SCA, die jeweils durch Mutationen in unterschiedlichen Genen verursacht werden. Die Symptome variieren je nach SCA-Typ, können aber Gleichgewichtsstörungen, Koordinationsprobleme, Sprachstörungen, Schluckbeschwerden, Muskelsteifheit, Gedächtnisprobleme undSensibilitätsstörungen umfassen.

Ataxia teleangiectatica (AT)

Die Ataxia teleangiectatica ist eine seltene autosomal-rezessiv vererbte Ataxie, die durch Mutationen im ATM-Gen verursacht wird. Die Symptome beginnen typischerweise in der Kindheit und umfassen Gleichgewichtsstörungen, Koordinationsprobleme, Teleangiektasien (erweiterte Blutgefäße) auf der Haut und in den Augen, sowie ein erhöhtes Krebsrisiko.

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Diagnose von Ataxien

Die Diagnose einer Ataxie erfordert eine sorgfältige neurologische Untersuchung, eine detaillierte Anamnese und verschiedene diagnostische Tests.

Neurologische Untersuchung

Der Neurologe wird verschiedene Tests durchführen, um die Koordination, das Gleichgewicht, die Reflexe, die Muskelkraft und die sensorische Funktion zu beurteilen.

Anamnese

Der Arzt wird nach der Familiengeschichte von Ataxie oder anderen neurologischen Erkrankungen fragen, sowie nach möglichen Expositionen gegenüber Toxinen oder Medikamenten, die Ataxie verursachen können.

Bildgebung

Eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und des Rückenmarks kann helfen, strukturelle Veränderungen im Gehirn oder Rückenmark zu identifizieren, die Ataxie verursachen könnten.

Genetische Tests

Genetische Tests können verwendet werden, um Mutationen in Genen zu identifizieren, die mit erblichen Ataxien in Verbindung stehen.

Andere Tests

Je nach den vermuteten Ursachen der Ataxie können weitere Tests durchgeführt werden, wie z.B. Blutuntersuchungen, Liquorpunktion (Entnahme von Nervenwasser) oder Elektrophysiologische Untersuchungen (z.B. EMG oder NLG).

Behandlung von Ataxien

Die Behandlung von Ataxien zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Es gibt derzeit keine Heilung für die meisten Formen der Ataxie, aber verschiedene Therapien können helfen, die Symptome zu kontrollieren und die Funktion zu erhalten.

Medikamentöse Behandlung

  • Acetazolamid: Kann bei episodischen Ataxien helfen, die Häufigkeit und den Schweregrad der Attacken zu reduzieren.
  • Riluzol: In einigen Studien wurde eine Verbesserung der Symptome bei spinozerebellären Ataxien beobachtet.
  • Omaveloxolon: Zugelassen für die Behandlung der Friedreich-Ataxie ab 16 Jahren.
  • Symptomatische Behandlung: Medikamente können eingesetzt werden, um spezifische Symptome wie Muskelkrämpfe, Zittern, Depressionen oder Schlafstörungen zu lindern.

Physiotherapie

Physiotherapie kann helfen, die Muskelkraft, die Koordination und das Gleichgewicht zu verbessern.

Ergotherapie

Ergotherapie kann helfen, die Fähigkeit zu verbessern, alltägliche Aufgaben auszuführen, wie z.B. Anziehen, Essen und Schreiben.

Logopädie

Logopädie kann helfen, Sprach- und Schluckstörungen zu verbessern.

Hilfsmittel

Verschiedene Hilfsmittel können den Betroffenen helfen, ihre Unabhängigkeit und Mobilität zu erhalten, wie z.B. Gehhilfen, Rollstühle, Kommunikationsgeräte und adaptive Geräte für den Alltag.

Stammzelltherapie

Die Stammzelltherapie ist ein neuerer Ansatz zur Behandlung von Ataxien, der darauf abzielt, geschädigte Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark zu ersetzen oder zu reparieren. Bei der Stammzellbehandlung werden unreife Stammzellen injiziert, die sich in verschiedene Zelllinien differenzieren und so degenerierte und geschädigte Zellen durch gesunde Zellen ersetzen können. Studien zeigen, dass die Stammzelltherapie das Fortschreiten der spinozerebellären Ataxien verlangsamen oder stoppen kann.

Es ist wichtig zu beachten, dass die Stammzelltherapie bei erblichen Ataxien möglicherweise nicht von Dauer ist, da sie den genetischen Ursprung der Erkrankung nicht beeinflusst. Regelmäßige Behandlungen können erforderlich sein, um einen stabilen Zustand zu erhalten.

Weitere unterstützende Maßnahmen

  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung kann helfen, die allgemeine Gesundheit zu verbessern und Komplikationen zu vermeiden. Bei einigen Patienten kann eine ketogene Diät hilfreich sein.
  • Psychologische Unterstützung: Ataxie kann eine erhebliche psychische Belastung darstellen. Psychologische Unterstützung kann helfen, mit den emotionalen und sozialen Herausforderungen der Erkrankung umzugehen.
  • Soziale Unterstützung: Der Austausch mit anderen Betroffenen und die Teilnahme an Selbsthilfegruppen können hilfreich sein, um sich nicht isoliert zu fühlen und Informationen und Unterstützung zu erhalten.

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