Neurologische Untersuchung des Vibrationsempfindens im Abdomen: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Einleitung

Die neurologische Untersuchung ist ein Eckpfeiler der neurologischen Diagnostik. Sie ermöglicht es, das Krankheitsbild einzugrenzen und die betroffene neuroanatomische Region zu identifizieren. Die Untersuchung des Vibrationsempfindens im Abdomen ist ein wichtiger Bestandteil dieser Untersuchung, insbesondere bei Verdacht auf Polyneuropathie oder Small-Fiber-Neuropathie (SFN).

Polyneuropathie: Ein Überblick

Polyneuropathie ist ein Sammelbegriff für Erkrankungen oder Schädigungen des peripheren Nervensystems. Chronische Komplikationen bei Diabetes mellitus und chronischer Alkoholkonsum sind für fast 50 % aller Polyneuropathien verantwortlich. Die meisten Fälle sind wahrscheinlich multifaktoriell bedingt.

Ursachen von Polyneuropathie

  • Diabetes Mellitus: Etwa jeder dritte Patient mit Diabetes ist von einer Schädigung der Nerven betroffen. Eine mögliche Ursache für die Nervenschäden ist ein Vitamin-B1-Mangel, der bei Diabetikern häufig vorkommt.
  • Alkoholabusus: Übermäßiger Alkoholkonsum kann zu einer alkoholischen Neuropathie führen.
  • Vitamin-B1-Mangel: Ein Mangel an Vitamin B1 kann Neuropathien auslösen oder verstärken und dadurch Empfindungsstörungen wie Kribbeln, Brennen und Taubheitsgefühle in den Füßen hervorrufen.
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Eine immunvermittelte Polyneuropathie, die nach einer Campylobacter-jejuni-Infektion auftreten kann.
  • Kritische Erkrankungen: Sepsis und septischer Schock und Multiorganversagen können zu einer Polyneuropathie führen.
  • Maligne Erkrankungen: Paraneoplastische Syndrome können ebenfalls eine Polyneuropathie verursachen.
  • Hereditäre Neuropathien: Die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit ist die häufigste hereditäre Neuropathie.
  • Ehlers-Danlos-Syndrome: Diese fallen insbesondere durch eine Hypermobilität der Gelenke und eine Hyperelastizität der Haut auf.
  • ATTR-Amyloidose: Die ATTR-Amyloidose ist eine genetische Ursache für periphere Nervenschädigungen.

Symptome der Polyneuropathie

Kribbeln, Brennen oder ein Taubheitsgefühl in den Füßen sind meist Symptome für Nervenschädigungen. Unbehandelt können Nervenschädigungen schwerwiegende Folgen wie einen diabetischen Fuß haben. Wegen der Taubheit und dem verminderten Schmerzempfinden im Fuß steigt das Verletzungsrisiko und Wunden werden schlechter wahrgenommen.

Small-Fiber-Neuropathie (SFN)

Die Small-Fiber-Neuropathie (SFN) betrifft hauptsächlich kleine sensible und autonome Nervenfasern, die für Schmerz- und Temperaturwahrnehmung sowie autonome Funktionen zuständig sind. Motorische und dickere sensible Fasern bleiben dabei intakt. Die Kleinfaserneuropathie ist elektroneurografisch nicht nachweisbar, weshalb die Diagnose herausfordernd sein kann.

Symptome der SFN

Bei der längenabhängigen Form der Erkrankung überwiegen auf oder direkt unter der Haut lokalisierte Fehlwahrnehmungen, die distal betont sind. Zu den Plussymptomen zählen Brennschmerzen, Parästhesien, Allodynie und Hyperalgesie. Unter den Minussymptomen werden u.a. Autonome neuropathische Symptome sind vor allem verbreitet bei einer SFN, die im Rahmen eines Diabetes mellitus, einer Amyloidose oder dem Sjögren-Syndrom auftritt.

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Diagnosekriterien für SFN

Für die Diagnose der Small-Fiber-Neuropathie müssen zwei der folgenden drei Bedingungen erfüllt sein:

  1. Klinische Symptome einer Beeinträchtigung der kleinen Fasern (vor allem distal betonte sensible Plus- oder Minussymptome)
  2. Abnorme Wahrnehmungsschwellen für Wärme und/oder Kälte am Fuß, festgestellt mittels quantitativer sensorischer Testung
  3. Reduzierte intraepidermale Nervenfaserdichte am Unterschenkel, ermittelt per Hautbiopsie

Differenzialdiagnosen der SFN

Als seltene Differenzialdiagnose muss man an autoimmune autonome Neuropathien denken. Die Betroffenen leiden vor allem unter ausgeprägten Kreislaufbeschwerden und unter Blasenentleerungsstörungen. Pathophysiologisch relevant sind Autoantikörper z.B. gegen die α3-Untereinheit der ganglionären Acetylcholinrezeptoren. Einige Patienten leiden unter neuropathischen Schmerzen. Biopsie und sensorische Testung zeigen ggf. Neuropathische Schmerzen kommen außerdem bei Ehlers-Danlos-Syndromen vor. Diese fallen insbesondere durch eine Hypermobilität der Gelenke und eine Hyperelastizität der Haut auf. Differenzialdiagnostisch ebenfalls relevant ist die ATTR-Amyloidose, die eine genetische Ursache für periphere Nervenschädigungen darstellt. Bevor die Amyloidablagerungen in Nerven, inneren Organen und Blutgefäßen Organkomplikationen hervorrufen, leiden viele Betroffene an neuropathischen Schmerzen und autonomen Symptomen. Eine SFN kann auch als Komorbidität eines posturalen Tachykardiesyndroms (POTS) auftreten. Erkennbar ist ein POTS z.B. daran, dass die Herzfrequenz während einer Stehzeit von 10 Minuten anhaltend um mehr als 30 oder 40 Schläge pro Minute steigt, keine orthostatische Hypotonie besteht und Symptome wie Schwindel oder Herzstolpern schon länger als drei Monate vorhanden sind. Auch lageunabhängige Symptome wie Kopfschmerzen oder gastrointestinale Beschwerden können auftreten. Bisherige Befunde sprächen dafür, dass eine SFN bei gleichzeitigem POTS meist nicht längenabhängig ist.

Neurologische Untersuchung: Vibrationsempfinden im Abdomen

Die neurologische Untersuchung ist ein wesentlicher Bestandteil der Diagnose von Polyneuropathien und SFN. Sie umfasst verschiedene Tests, um die Nervenfunktion zu überprüfen.

Allgemeine neurologische Untersuchung

Die hier aufgeführte Untersuchung folgt dem Prinzip „von Kopf bis Fuß“ um eine möglichst flüssige und strukturierte Untersuchung zu ermöglichen. Die Reihenfolge der Untersuchungen ist jedoch keineswegs streng festgelegt. In der klinischen Praxis sollte die Untersuchung um eine internistische Untersuchung ergänzt werden.

Die einzelnen Untersuchungsmethoden sind hier jeweils sehr ausführlich dargestellt. Die Herangehensweise in der klinischen Praxis ist allerdings häufig fokussiert und leitsymptomorientiert. Beispielsweise kommen bei Verdacht auf Morbus Parkinson oder neuromuskulären Erkrankungen spezifischere Untersuchungsmethoden zum Einsatz, die bei anderen Erkrankungen überflüssig sind. In manchen Fällen reicht eine „orientierend-neurologische Untersuchung“ aus. Es sollten daher immer die Verdachtsdiagnose und die Symptome berücksichtigt werden und die Untersuchung daran angepasst werden.

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Wichtige Bestandteile der neurologischen Untersuchung

  • Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte, einschließlich der aktuellen Beschwerden, des Beginns und des Verlaufs der Symptome, der Auswirkungen auf den Alltag, der Vorerkrankungen und der Medikamenteneinnahme.
  • Inspektion: Beurteilung des Muskelreliefs, der Muskeltrophik, von Faszikulationen und spontanen Myoklonien.
  • Muskeltonus: Prüfung durch passives Bewegen der Extremitäten.
  • Muskelkraft: Einzelkraftprüfung und Halteversuche.
  • Reflexe: Prüfung der Muskeleigenreflexe mit einem Reflexhammer.
  • Sensibilität: Prüfung des Berührungs-, Vibrations- und Temperaturempfindens.
  • Koordination: Prüfung der Koordination der Bewegungen.
  • Stand- und Gangprüfung: Beurteilung des Gleichgewichts und des Gangbildes.
  • Hirnnerven: Untersuchung der Hirnnervenfunktion.
  • Bewusstsein und Orientierung: Beurteilung des Bewusstseinszustandes und der Orientierung.
  • Sprache: Beurteilung der Sprache und des Sprechens.

Vibrationsempfinden

Mit dem sogenannten Stimmgabel-Test prüft die Ärztin oder der Arzt, wie deutlich Sie Vibrationen am Körper wahrnehmen. Dazu schlägt er die Stimmgabel an und hält sie an Körperstellen, einschließlich des Fuß- oder Handknöchels und des Abdomens.

Weitere diagnostische Maßnahmen

  • Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurografie, NLG): Falls bereits eine Neuropathie diagnostiziert wurde, kann die Ärztin oder der Arzt durch eine Messung der Reizleitgeschwindigkeit der Beinnerven feststellen, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist.
  • Bestimmung der Muskelaktivität (Elektromyografie, EMG): Das Elektromyogramm zeichnet die Aktivität einzelner Muskeln auf. Veränderungen der Reizantworten deuten auf geschädigte Nerven oder Muskeln hin.
  • Quantitative sensorische Testung: Abnorme Wahrnehmungsschwellen für Wärme und/oder Kälte am Fuß werden mittels quantitativer sensorischer Testung festgestellt.
  • Hautbiopsie: Eine reduzierte intraepidermale Nervenfaserdichte am Unterschenkel wird per Hautbiopsie ermittelt.
  • Ultraschall und/oder Magnetresonanz-Angiografie: Wenn die Ärztin oder der Arzt eine Beteiligung der Gefäße an den Beschwerden vermutet, kann eine bildgebende Darstellung der Beinarterien (Ultraschall und/oder Magnetresonanz-Angiografie) die Polyneuropathie-Diagnose sichern.
  • Elektrokardiogramm (EKG): Mit der Untersuchung der Herzstromkurve kann die Ärztin oder der Arzt prüfen, ob das Herz von einer autonomen Neuropathie betroffen ist.
  • Laboruntersuchungen: Zur Klärung von möglichen Grund- oder Begleiterkrankungen wird eine Blutentnahme zur Labordiagnostik durchgeführt.

Therapie von Polyneuropathie und SFN

Die Therapie von Polyneuropathie und SFN zielt darauf ab, die Ursache der Erkrankung zu behandeln, die Symptome zu lindern und Komplikationen vorzubeugen.

Allgemeine Maßnahmen

  • Ernährung und Bewegung: Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung sind für die Gesunderhaltung des gesamten Körpers wichtig - so auch für die Nerven.
  • Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen und ein hoher Alkoholkonsum sollten vermieden werden.
  • Fußpflege: Die Füße sollten täglich kontrolliert werden, um Verletzungen frühzeitig zu erkennen. Unpassende Schuhe sollten vermieden werden.

Spezifische Therapien

  • Diabetes Mellitus: Eine gute Einstellung des Blutzuckerspiegels ist eine wichtige Basismaßnahme, um einem Fortschreiten der Erkrankung entgegenzuwirken.
  • Vitamin-B1-Mangel: Ein Mangel an Vitamin B1 sollte ausgeglichen werden.
  • Schmerztherapie: Bei neuropathischen Schmerzen können Pregabalin, Gabapentin, Amitriptylin oder Duloxetin eingesetzt werden.
  • Orthostatische Symptome: Gegen orthostatische Symptome kann man eventuell durch eine (angepasste) antihypertensive Medikation angehen. Die Patienten sollten 2-3 Liter pro Tag trinken und 8-12 g Salz täglich zuführen. Kompressionsstrumpfhosen der Klasse II, Stehtraining und ein Training der Bein- und Bauchmuskulatur tragen ebenfalls dazu bei, Kreislaufstörungen einzudämmen.
  • Kausale Therapie: Die ATTR-Amyloidose und der Morbus Fabry sind kausal behandelbare Differenzialdiagnosen.

Fallbeispiel

Ein 56-jähriger Patient, bei dem seit 14 Jahren ein Diabetes mellitus Typ 2 bekannt ist, stellt sich mit Schmerzen in beiden Füßen und deutlichen Kribbelparästhesien vor. Anamnestisch werden einschießende Schmerzen in den Füßen während der Nacht angegeben, ebenso wie zum Teil auch belastungsabhängige Schmerzen. Die körperliche Untersuchung zeigt einen deutlich übergewichtigen Patienten (189cm, 131 kg) mit medikamentös gut eingestelltem Diabetes mellitus (HbA1c: 6,1 Prozent, Nüchtern-BZ: 90 bis 110 mg Prozent, 1 Std. pp.: max. 190 mg Prozent). Der weitere körperliche Befund ist weitgehend unauffällig, bei der neurologischen Untersuchung zeigen sich deutliche Sensibilitätsstörungen, ein pathologisches Vibrationsempfinden und seitengleich abgeschwächte Muskeleigenreflexe. Das EKG ist bis auf einen Rechtsschenkelblock unauffällig. Die dopplersonografische Gefäßuntersuchung zum Ausschluss einer p-AVK ergibt normale Werte. Zur Klärung von möglichen Grund- oder Begleiterkrankungen wird noch eine Oberbauchsonografie und eine Blutentnahme zur Labordiagnostik durchgeführt. Zur Ergebnisbesprechung und zur Erörterung der Diagnose einer Polyneuropathie sowie zur Therapieeinleitung wird mit dem Patienten ein weiterer Termin vereinbart.

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