Das egoistische Gehirn: Zwischen Überlebensstrategie und sozialer Verantwortung

Die Frage, ob der Mensch von Natur aus egoistisch ist oder ob das Streben nach Gemeinschaft und Kooperation eine ebenso starke Triebkraft darstellt, beschäftigt Wissenschaftler seit langem. Ein Interview mit Professor Joachim Bauer, einem renommierten Autor und Wissenschaftler, sowie Erkenntnisse aus der Hirnforschung und Stressforschung werfen ein neues Licht auf dieses Thema.

Darwins Irrtum und die Bedeutung der Kooperation

Charles Darwin, bekannt für seine Theorie der natürlichen Selektion und den "Kampf ums Überleben", sah in der Natur ein von Konkurrenz geprägtes System. Bauer kritisiert diese Sichtweise und argumentiert, dass Darwin fälschlicherweise annahm, die Dinosaurier seien von Säugetieren ausgerottet worden. Dies führte ihn zu der Überzeugung, dass Evolution vor allem Eigenschaften fördert, die im gegenseitigen Vernichtungskampf nützlich sind. Altruistische Verhaltensweisen wurden von Darwin als sekundär betrachtet, dienlich dem Überleben.

Joachim Bauer hingegen betont, dass am Anfang allen Lebens Resonanz und Kooperation standen. Nur durch Zusammenarbeit konnte aus einer Gruppe von anorganischen Molekülen ein erstes lebendes System entstehen. Auch in der Tier- und Pflanzenwelt lassen sich zahlreiche Beispiele für Kooperation und Resonanz finden.

Das "egoistische Gen" als Mythos

Die Vorstellung eines "egoistischen Gens", populär gemacht durch Richard Dawkins, wird von Bauer aus molekularbiologischer Sicht als unhaltbar abgelehnt. Jedes Gen ist Teil eines kooperativen Systems verschiedener Moleküle und wird durch Signale aus der Umwelt reguliert. Gene sind keine isolierten Einheiten, die auf Autopilot laufen, sondern Kommunikatoren und Kooperatoren. Die Umwelt spielt permanent auf der Klaviatur der Gene und beeinflusst deren Aktivität über sogenannte Promoter, an die Signalstoffe binden können.

Aggression als Schutzmechanismus und die Sehnsucht nach Gemeinschaft

Aggression dient laut Bauer, abgesehen vom Kampf um Ressourcen, vor allem der Bewahrung der körperlichen Unversehrtheit und der Abwehr von Schmerz. Besonders beim Menschen reagiert das Gehirn nicht nur auf körperlichen Schmerz, sondern auch auf Ausgrenzung und Demütigung mit der Aktivierung seiner Schmerzzentren.

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Neurobiologische Daten deuten darauf hin, dass die Grundmotivationen des Menschen Zuwendung und Gemeinschaft sind. Aggression ist zwar wichtig, um Bindungen zu erwerben und zu verteidigen, aber sie ist nicht der primäre Antrieb. Um sich in eine Gemeinschaft einzubringen, benötigt man einen gewissen aggressiven Antrieb.

Die Evolution hat uns auf halber Strecke abgesetzt: Einerseits hat sie uns mit dem Verlangen nach gelingenden Beziehungen geschaffen, andererseits aber keinen Automatismus für gute Beziehungen mitgegeben. Diese Lücke zwingt die Menschheit zu einem Suchprozess, um eine menschlichere Gesellschaft zu schaffen.

Das "egoistische Gehirn": Priorität für Energieversorgung

Die Theorie vom "egoistischen Gehirn", entwickelt von Achim Peters von der Universität Lübeck, besagt, dass das Gehirn vom Körper ausreichend Energie verlangt, auch wenn dies auf Kosten des übrigen Organismus geht. In extremen Hungerzeiten verlieren die inneren Organe bis zu 40 Prozent ihres Gewichts, während das Gehirn maximal ein Prozent einbüßt.

Zur Deckung des Energiebedarfs nutzt das Gehirn das körpereigene Stresssystem: Hormone wie Cortisol helfen, Brennstoff aus den Körperspeichern freizusetzen. Schon in normalen Zeiten greift das Gehirn auf 50 Prozent des gesamten Glukosebedarfs zu, unter Stress sogar auf 90 Prozent.

Übergewicht als Stressbewältigungsstrategie?

Peters argumentiert, dass Übergewicht eine gesunde Art der Stressbewältigung sein kann. Bei dicken Menschen funktioniert der Zugriff des Gehirns auf die Fettdepots nicht optimal, weshalb es seine Energieforderung immer weiter verstärkt. Die Betroffenen müssen essen, um den Bedarf ihrer Schaltzentrale zu decken, aber auch von diesen Kalorien gelangt nur ein geringerer Teil zum Gehirn; der Rest wird in Fettdepots eingelagert. Demnach können sich Dicke also gar nicht dagegen wehren, dick zu werden. Es ist ihre - langfristig förderliche - Reaktion auf Dauerstress.

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Studien haben gezeigt, dass übergewichtige Menschen unter bestimmten Umständen sogar länger leben als schlanke, sofern sie nicht krankhaft fettleibig sind. Dies wird als "Gewichtsparadoxon" bezeichnet. Voraussetzung ist, dass das Körperfett nicht hauptsächlich um die Taille herum angesammelt wird (Apfelfigur), da dies ein erhöhtes Gesundheitsrisiko darstellt. Fett an Armen, Beinen, Hüfte und Po hingegen kann sogar schützend wirken.

Stress, Gewöhnung und die Rolle von Hormonen

Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress. Manche gewöhnen sich an Stressoren und schütten weniger Stresshormone aus. Bei ihnen wird das Insulin nicht gedrosselt, wodurch der Körper vermehrt Kohlenhydrate und Fette in den Zellen speichert. Dieser Energiestau im Fettgewebe kann zu Übergewicht führen.

Andere Menschen gewöhnen sich nicht an Stress. Bei ihnen steigen Adrenalin und Kortisol bei jeder nervigen Situation erneut an. Ihr Gehirn verbraucht immense Mengen an Energie und Zucker, um dem Stress standzuhalten. Dauerhaft erhöhte Kortisolwerte können zu toxischem Stress führen, was Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen begünstigt.

Es ist genetisch festgelegt, ob man sich an Stress gewöhnt oder nicht. Die Gewöhnung ist ein komplexer Lernprozess im Frontalhirn, bei dem Cannabinoid- und Kortisolrezeptoren eine wichtige Rolle spielen. Empfindliche Rezeptoren führen zu einer besseren Anpassung an Stress - und somit zur Gewichtszunahme.

Die Bedeutung von Stressreduktion und gesellschaftlichen Maßnahmen

Wenn die Theorie vom "egoistischen Gehirn" und Übergewicht als Stressreaktion zutrifft, dann ist die Reduktion des Stresslevels ein wichtiger Faktor, um abzunehmen. Diäten können das Problem sogar verschärfen, da Hungern ein zusätzlicher Stressfaktor ist, der das Cortisol erhöht.

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Auch gesellschaftliche Maßnahmen können positiv wirken. Eine Studie in den USA zeigte beispielsweise, dass Frauen, die in Armut lebten und in ein besseres Wohnviertel umziehen durften, gesundheitliche Vorteile hatten.

Psychopathie: Wenn Empathie fehlt

Ein weiterer Aspekt, der im Zusammenhang mit Egoismus und sozialem Verhalten relevant ist, ist die Psychopathie. Psychopathen sind skrupellos und verfolgen ihre Ziele ohne Rücksicht auf Verluste. Da ihnen die Empathie fehlt, können sie andere Menschen manipulieren und ausnutzen.

Robert Hare entwickelte die Psychopathy Checklist (PCL-R), die heute als Goldstandard für die Diagnose von Psychopathie gilt. Die 20 Unterpunkte umfassen unter anderem oberflächlichen Charme, Impulsivität, ständiges Lügen, Kaltschnäuzigkeit und fehlende Empathie.

Die Hirnforschung hat begonnen, nach den Ursachen für Psychopathie zu suchen. Studien haben gezeigt, dass Psychopathen Defekte im paralimbischen System aufweisen, das für die Verarbeitung von Emotionen und die Impulskontrolle zuständig ist.

Es ist wichtig zu betonen, dass nicht jeder Psychopath kriminell wird. Ob sie eine Karriere als Bankräüber oder Bankdirektor machen, hängt von psychosozialen Einflussfaktoren ab.

Mut, Selbstachtung und die Überwindung von Denkmustern

Der Neurobiologe Gerald Hüther betont, dass Mut nicht darin besteht, sich in gefährliche Situationen zu bringen, sondern darin, auf andere zuzugehen, sich zu öffnen und seine Vorstellungen immer wieder in Frage zu stellen.

Hüther kritisiert die Vorstellung, dass Konkurrenz die Grundlage für Weiterentwicklung sei. Er plädiert für ein Leitbild, das Kooperation und Verbundenheit in den Vordergrund stellt. Kinder lernen erst, egoistisch zu sein, wenn wir es ihnen so vorleben.

Das Gehirn ist nicht genetisch vorprogrammiert, sondern kann sich ein Leben lang verändern. Erfahrungen von Ausgrenzung und Bestrafung führen zu Inkohärenz im Gehirn, die durch Ersatzbefriedigungen wie Konsum kaschiert wird.

Um sich zu ändern, müssen wir Neues ausprobieren, positive Erfahrungen sammeln und uns für etwas anderes begeistern als bisher.

Spiritualität, Therapie und die Suche nach Lebenssinn

Die Kliniken Heiligenfeld arbeiten zusätzlich zu Medikamenten und klassischer Psychotherapie mit Methoden, die seelische Grundbedürfnisse berühren: Halt, Geborgenheit, Lebenssinn. Vielen Patienten fehlt das Gefühl, im Leben verankert und eingebunden zu sein. Hoffnungslosigkeit, innere Leere und Einsamkeit können Symptome und Ursachen von Depressionen und Ängsten sein.

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