Interview mit einem buddhistischen Mönch über Vertrauen, Neurologie und die Herausforderungen der modernen Welt

Das Vertrauen ist ein grundlegendes Gefühl, das fast alle Bereiche unseres Lebens berührt. Es beeinflusst unsere Beziehungen, unsere Fähigkeit zu lernen und uns in der Welt zurechtzufinden. In einer Zeit, die von globalen Herausforderungen und Unsicherheiten geprägt ist, gewinnt das Vertrauen noch mehr an Bedeutung. Dieses Interview mit einem buddhistischen Mönch beleuchtet das Thema Vertrauen aus einer einzigartigen Perspektive und verbindet es mit Erkenntnissen aus der Neurologie.

Vertrauen als Basis des Lebens

Die Psychoanalytikerin Verena Kast betont, dass ein Kind, das die notwendige Aufmerksamkeit und Zuwendung erfährt, ein grundlegendes Vertrauen in die Welt entwickelt. Dieses Urvertrauen bildet die Basis für ein erfülltes Leben und ermöglicht es uns, Beziehungen einzugehen und uns in der Gesellschaft zu engagieren.

Selbstmitgefühl als Schlüssel zur Überwindung von Ängsten

Tara Brach, Meditationslehrerin und Psychologin, verbindet westliche Psychologie mit östlichen spirituellen Praktiken. Sie betont die Bedeutung des Selbstmitgefühls als Mittel zur Überwindung von Ängsten und Selbstverurteilung. Durch tägliche Übung können wir uns der Momente bewusst werden, in denen wir uns selbst verurteilen, und lernen, uns selbst mit Freundlichkeit und Verständnis zu begegnen.

Die Kraft des Einzelnen in einer globalen Krise

Yongey Mingyur Rinpoche, ein tibetisch-buddhistischer Mönch und Lehrer, litt als Kind unter Panikattacken, die er durch Meditation und Geduld überwinden konnte. Er betont, dass jeder Einzelne die Welt verändern kann, indem er auf seine eigene Stimme, seine Kraft, sein Wissen, seine Liebe und sein Mitgefühl hört. Auch angesichts von Kriegen und Krisen auf der Welt können wir mitfühlend handeln und einen positiven Beitrag leisten.

Die Rolle des Vertrauens in der Neurologie

Der Professor für Neurologie und Psychiatrie Viktor E. Frankl rückte mit seiner Logotherapie und Existenzanalyse die Sinnfrage ins Zentrum von Theorie und Praxis. Er betrachtete Vertrauen als ein wichtiges Heilmittel für seelische Not. Neuere Forschungen bestätigen die Bedeutung des Vertrauens für unsere psychische Gesundheit.

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Die Verbindung von Buddhismus und Wissenschaft

Der Buddhismus wird oft als eine Religion beschrieben, die sowohl als Philosophie als auch als Wissenschaft definiert werden kann. Der Gründer des Buddhismus, Buddha, bezeichnete sich selbst weder als Gott noch als Prophet Gottes, sondern als ein Mensch, der den Titel Buddha, "der Erwachte", annahm. Der Buddha lehrte, dass das Universum nicht von Gott erschaffen wurde, sondern nach den Gesetzen von Ursache und Wirkung funktioniert.

Meditation und Neurowissenschaften

Die Neurowissenschaften haben begonnen, die Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn zu untersuchen. Studien haben gezeigt, dass Meditation die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitsfokussierung trainieren und morphologische Veränderungen im Gehirn hervorrufen kann.

Ein Interview mit Prof. Dr. Wolf Singer

Prof. Dr. Wolf Singer, einer der bekanntesten Hirnforscher Deutschlands, hat sich intensiv mit der Verbindung von Meditation und Neurowissenschaften auseinandergesetzt. Im Gespräch mit unserer ICNF Newsletter-Redakteurin Nicola A. erläutert er seine Erkenntnisse.

Wie ein Hirnforscher zur Meditation findet

Singer entdeckte vor etwa 15 Jahren neuronale Synchronisationsphänomene im Gehirn. Unabhängig von ihm begannen US-amerikanische Wissenschaftler, während der Meditation Hirnstromkurven bei buddhistischen Mönchen zu erstellen. Dabei beobachteten sie Synchronisationsphänomene, die denen ähnelten, die Singer entdeckt hatte. So kam es zum ersten Treffen zwischen Singer und Matthieu Ricard, einem buddhistischen Mönch und Wissenschaftler.

Die Bedeutung von Matthieu Ricard

Ricard ist selbst Wissenschaftler und war Molekularbiologe im Labor des französischen Nobelpreisträgers François Jacob. Er spricht die wissenschaftliche Sprache und hat zugleich die Meditationserfahrung eines buddhistischen Mönchs. Diese Kombination macht ihn zu einem idealen Gesprächspartner für Hirnforscher.

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Die buddhistische Sicht auf das Ich

Singer betont, dass es neben der Hirnforschung und Meditation noch andere interessante Aspekte am Buddhismus gibt, wie z.B. die Frage nach der Konstitution des Ichs. Das Konzept von Autonomie und freiem Willen ist im Buddhismus ganz anders als in unserem Kulturkreis. Buddhisten fühlen sich eingebunden in ein großes Netzwerk von Determiniertheiten, aus der es kein Entrinnen gibt.

Die Auswirkungen von Meditation auf das Gehirn

Singer erklärt, dass Meditation die Fähigkeit trainiert, Aufmerksamkeit zu fokussieren. Studien haben gezeigt, dass Menschen, die viel meditieren, weniger Bilder bei Versuchen mit dem Aufmerksamkeitsblinzeln verpassen. Außerdem gibt es Hinweise auf morphologische Veränderungen im Gehirn. Die Großhirnrinde nimmt in bestimmten Bereichen an Volumen zu.

Die Herausforderungen der modernen Welt

Die moderne Welt ist von Stress, Informationsflut und sozialer Isolation geprägt. Diese Faktoren können zu einer ständigen Alarmbereitschaft des Körpers führen, was zu einer Vielzahl von Zivilisationskrankheiten führen kann.

Stress als Auslöser von Krankheiten

Chronischer Stress kann das Immunsystem schwächen, das Herz belasten, zu Übergewicht führen und sogar die Struktur des Gehirns verändern. Es ist daher wichtig, Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln.

Die Bedeutung von sozialer Unterstützung

Soziale Kontakte können den Dauerstress mindern. Es ist daher wichtig, soziale Beziehungen zu pflegen und sich mit anderen Menschen auszutauschen.

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Die Rolle der Spiritualität

Religiosität und Spiritualität können dem Menschen helfen, mit den Zumutungen und Bedrohungen des Alltags besser fertig zu werden und seine psychische Gesundheit zu stärken.

Meditation als Werkzeug zur Stressbewältigung

Meditation kann ein wirksames Werkzeug zur Stressbewältigung sein. Sie kann helfen, die Aufmerksamkeit zu fokussieren, die innere Ruhe zu finden und die eigene Perspektive zu verändern.

Die Bedeutung des Vertrauens in einer unsicheren Welt

In einer Zeit, die von globalen Herausforderungen und Unsicherheiten geprägt ist, ist das Vertrauen wichtiger denn je. Vertrauen in uns selbst, in unsere Mitmenschen und in die Zukunft kann uns helfen, die Herausforderungen zu meistern und ein erfülltes Leben zu führen.

Die Suche nach Sinn und Spiritualität

Auch heute sucht der Mensch, unabhängig von seinem Kulturkreis, seiner Konfession, seinem Wohlstand, nach einem tiefen Grund des Seins. Ohne einen objektiven Sinn des Lebens geht es für die meisten Menschen nicht. An einer völlig sinnlosen Welt würden sie zerbrechen.

Die Relativität der Wahrheit

Die Geschichte des Verhältnisses von Buddhismus und Wissenschaft ist voll von irrigen Anklängen. Richtig ist, dass unser Geist ständig Vergleiche anstellt, um die Erfahrungen zu organisieren. Vergleichen kann eine evolutionäre Anpassung sein.

Die Notwendigkeit der Übersetzung

Wenn es einen Dialog zwischen Buddhismus und Wissenschaft geben soll, dann wird er in der Form der Übersetzung kommen, die für die Verbreitung des Dharma über die Jahrhunderte und quer durch die Bereiche von zentraler Bedeutung ist.

Die Rolle des Wissenschafts-Buddha

Der Wissenschafts-Buddha durchbricht die kosmische Ordnung. Er erschien auf der Welt, bevor die Lehren des Śākyamuni Buddha vergessen waren. Er war weder von einem vorherigen Buddha vorausgesagt worden, und noch hatte die Welt hatte sein Erscheinen erwartet. Und doch hat er eine nützliche Rolle gespielt. Er wurde in eine Welt der kolonialen Unterjochung Asiens durch Europa hineingeboren.

Die Zerstörung der Welt

Der Wissenschafts-Buddha ist ein blasses Abbild des Buddha aus Asien, eines Buddha, der in unsere Welt gekommen ist, um sie zu zerstören. Dieser Buddha hat kein Interesse, mit der Wissenschaft vereinbar zu sein.

Das Verhältnis von Buddhismus und Wissenschaft

Das Verhältnis von Buddhismus und Wissenschaft sollte nicht als Meinungsverschiedenheit darüber gesehen werden, wann und wie das Universum seinen Anfang nahm. Es sollte nicht als die zwei Wahrheiten angesehen werden, wobei die Wissenschaft für die konventionelle und der Buddhismus für die endgültige Wahrheit zuständig ist. Buddhismus und Wissenschaft haben jeweils ihre eigene Darstellungsweise, ihr eigenes Telos.

Das Ziel der Auslöschung

Einer der bekanntesten Aussagen in der buddhistischen Literatur findet sich im Diamant-Sūtra, wo der Buddha zu dem Mönch Subhūti sagt: "In dieser Hinsicht, Subhūti, sollte jemand, der den Weg eines Bodhisattvas betreten hat, den folgenden Gedanken haben: 'Ich sollte alle Lebewesen zur endgültigen Auslöschung im Reich der Auslöschung bringen, ohne dass ein Substrat zurückbleibt. Aber nachdem ich Lebewesen solchermaßen zur endgültigen Auslöschung gebracht habe, ist kein Lebewesen jemals zur Auslöschung gebracht worden.' Warum ist das so? Wenn, Subhūti, die Idee eines Lebewesens oder die Idee einer Seele oder die Idee einer Person einem Bodhisattva widerführe, dann dürfte man ihn nicht einen Bodhisattva nennen."

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