Die kalte Therapie, auch Kryotherapie genannt, ist ein vielseitiges Verfahren, das in der Medizin zur Behandlung verschiedener Beschwerden eingesetzt wird. Sie umfasst die gezielte Anwendung von Kälte, um Schmerzen zu lindern, Entzündungen zu hemmen, die Regeneration zu fördern und das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern. Die Thermotherapie, die sowohl Wärme- als auch Kältetherapie (Kryotherapie) umfasst, wird eingesetzt, um eine Vielzahl von Beschwerden zu behandeln und das allgemeine Wohlbefinden zu fördern. Sie basiert auf der Nutzung der therapeutischen Eigenschaften von Temperatur. Obwohl die Behandlung von Schmerzen mit Kälte eine weit zurückreichende Tradition hat, ist die wissenschaftliche Fundierung in den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten gegen Schmerz bis heute eher wenig ausgeprägt.
Paradoxe Effekte: Kälte als Auslöser oder Hemmer von Schmerzen
Die Wirkung von Kälte auf Schmerzen ist komplex und kann paradoxe Effekte haben. Während Kälte bei gesunden Menschen mit akutem Schmerz schmerzhemmend sein kann, existiert bei Patienten mit Nervenschmerzen ein gegenteiliger Effekt: Sie reagieren häufig überempfindlich auf Kälte und empfinden manchmal schon bei einem leichten Luftzug starke Schmerzen. Verantwortlich dafür sind Eiweiße der Zelloberfläche der Nerven, die die Nervensignale um ein Vielfaches steigern und zu der unangenehmen Wahrnehmung führen.
Kälteempfindlichkeit bei Nervenschmerzen
Schaut man sich die Wirkung von Kälte bei Patienten mit Nervenschmerzen, also neuropathischen Schmerzen, an, fällt auf, dass sie Kälte nicht nur als unangenehmer, sondern sogar als brennenden Schmerz empfinden. „Wir bezeichnen diesen Effekt als Kaltschmerzüberempfindlichkeit, eine Kälteallodynie. Auch Patienten, die mit Platinsalzen behandelt wurden, können im späteren Verlauf einen solchen Nervenschmerz erleiden, der dann aber völlig unabhängig von dem Medikament ist“, erklärt Schmelz. Der Mechanismus, der diesen Schmerz hervorruft, ist noch ungeklärt. Allerdings gibt es Hinweise, dass das „Türklappern“ bei diesen Patienten nicht nur die Natriumkanäle der Nervenfasern für die Kaltempfindung betrifft, sondern auch die für den Schmerz.
Eine weitere Wirkung der Kälte betrifft die Eiweiße der Zellmembran (Kaliumkanäle Kv1.1/2), die beim Abkühlen aktiviert werden und als „Bremse“ der neuronalen Erregung beziehungsweise als Gegenspieler der „Kaltfühler“ funktionieren. Fehlt nun diese Bremse, wirkt die Kälte viel stärker und kann nun auch Nervenzellen mit sehr wenigen Kaltfühlern aktivieren, die vorher nicht erregbar waren. „Selbst Nervenzellen, die überhaupt keinen Kaltfühler besitzen, können durch einen ähnlichen Mechanismus kälteempfindlich werden. Daher verspüren einige Patienten mit Nervenschmerzen schon bei leichtem Abkühlen der Haut, beispielsweise durch einen Luftzug, starke Schmerzen“, so Schmelz.
Kälte als Schmerzlinderung
Bei einem akuten entzündlichen Schmerz kann es schmerzlindernd sein, wenn man die entsprechende Stelle kühlt, während bei chronisch entzündlichen Schmerzen auch eine lokale Wärmebehandlung helfen kann. Kleine Temperaturänderungen der Haut nehmen Menschen mit besonderen Sensoren wahr. Diese sitzen auf Nervenzellen, die für das Kalt- und Warmempfinden verantwortlich sind: Abkühlen schaltet die Kaltsensoren ein und die Warmsensoren ab. „Durch vermehrte Nervensignale von Kaltsensoren und verminderte Signale von Warmsensoren fühlen wir also eine Abkühlung“, erklärt Schmelz.
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Wirkungsweise der Kältetherapie
Die Wirkung der Kältetherapie beruht auf verschiedenen Mechanismen:
- Verminderung der Durchblutung: Extreme Kälte führt in den ersten fünf bis zehn Minuten zu einer oberflächlichen Gefäßverengung, wodurch die Durchblutung in der betroffenen Region reduziert wird. So kann gezielt Schwellungen, beispielsweise durch eingelagerte Flüssigkeit, und Entzündungen entgegengewirkt werden.
- Blockierung der Schmerzrezeptoren: Kälte blockiert die lokalen Schmerzrezeptoren, was zur verminderten Schmerzwahrnehmung beiträgt. Kälte verringert die Schmerzempfindlichkeit und verlangsamt die Nervenleitgeschwindigkeit für Schmerzreize.
- Entzündungshemmung: Langfristig angewendet, kann die Kältetherapie entzündungshemmende Effekte erzielen. Durch die reduzierte Durchblutung gelangen weniger entzündungsfördernde Substanzen in das betroffene Gewebe, wodurch sich Entzündungsreaktionen verlangsamen und Schwellungen reduziert werden können.
- Entspannung der Muskeln: Während Kälte zunächst zu einer Muskelanspannung führt, kommt es nach der Behandlung zu einer verstärkten Durchblutung, die die Muskulatur entspannt und Verspannungen lösen kann. In der Folge können Bewegungseinschränkungen minimiert und die Mobilität verbessert werden. Zudem werden bei längerer Kühlung die Erschlaffungsphasen der Muskeln verlängert und so die Spannung gesenkt, so dass sich Muskelverspannungen und Verkrampfungen lösen.
- Bessere Regeneration: Kälte wird zunehmend nach intensiven Sporteinheiten zur Linderung von Muskelschmerzen eingesetzt. Nach dem Kältereiz setzt eine verstärkte Durchblutung der Muskulatur ein, wodurch Stoffwechselprodukte schneller abtransportiert werden. Das kann die Erholungszeit nach dem Sport verkürzen und sogar die Leistungsfähigkeit kurzfristig steigern. Spannungszustand, Durchblutung und Stoffwechsel der Skelettmuskulatur werden beeinflusst.
Anwendungsbereiche der Kältetherapie
Die Kältetherapie ist vielseitig einsetzbar und kann bei einer Reihe von Zuständen wie Sportverletzungen, postoperativen Schmerzen, Entzündungen und bestimmten chronischen Schmerzbedingungen hilfreich sein. Sie kommt unter anderem zum Einsatz bei:
- Akuten Verletzungen (Schleimbeutelentzündung, Tendinitis calcarea, Arthritis)
- Sportverletzungen (Distorsionen)
- Rheumatischen Erkrankungen
- Arthrose
- Fibromyalgie
- Schuppenflechte mit und ohne Gelenkschmerzen
- Weichteilrheumatischen Erkrankungen
- Chronischen Schmerzen
- Schlafstörungen
- Neurodermitis
- Muskelsteifigkeit (Multiple Sklerose, infantiler Zerebralparese)
- Hautveränderungen (Warzen, Blutschwämmchen)
- Tennisarm
- Fersensporn
Anwendungsformen der Kältetherapie
Im Grundsatz verfolgen alle Applikationsformen der Kryotherapie das Ziel des Wärmeentzugs im Anwendungsgebiet. Die Anwendungsdauer richtet sich dabei nach der Größe des Behandlungsgebiets, der Wärmeleitgeschwindigkeit und der Temperatur des Trägers. Die Wärmeleitgeschwindigkeit ist bei direkten Applikationsformen höher als bei indirekten. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Anwendung, etwa Kühlspray, Kältepackungen, maschinelle Kälteanwendungen durch tiefgekühlte Luft oder Stickstoff, kalte Wickel und Kneippsche Anwendungen.
Lokale Kryotherapie
Die lokale Kryotherapie kommt direkt auf einer bestimmten Körperstelle zum Einsatz und ist besonders bei akuten Verletzungen oder Schmerzen wirksam. Sie wird mithilfe verschiedenster Gegenstände, sogenannten „Kälteträgern“, auf verschiedenen Körperregionen angewendet. Der Wärmeentzug führt zu einer Abkühlung des Gewebes, lindert Schmerzen und kann Bewegungseinschränkungen vermindern.
Anwendungen mit Eis:
- Eisbeutel oder Eispacks werden direkt auf schmerzende oder verletzte Stellen gelegt, um Schwellungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
- Eisgranulat (ca. -0,5 bis -1,0 °C): feines Eis zur gezielten Kühlung
- Eisbeutel aus Kunststoff mit einer Mischung aus Wasser und Eis (ca. 0 °C)
- Eisteilbad (etwa 1 bis 12 °C): z. B. für Arm- oder Fußbäder
- Gestielter Eisroller (ca. -0,5 bis -1,0 °C): Betupfen oder Abreiben der Haut, z. B. nach einer Lymphdrainage
- Eislolli: Eislollis sind einfach in der Herstellung und finden insbesondere bei Sehnenansatzschmerzen und Sportverletzungen Anwendung. Eislollis kommen als direkte, nasse Kälte auf die Haut.
Anwendungen mit Kompressen:
- Kühlende Kompressen oder spezielle Gel-Pads werden zur lokalen Schmerzbehandlung verwendet. Sie sind flexibel einsetzbar und oft wiederverwendbar.
- Kältekompressen (ca. 1 bis 3 °C): ideal für Gelenke
- Gelpackungen (ca. -15 bis -20 °C): nicht direkt auf die Haut legen, um Erfrierungen zu vermeiden
- Kältespray (ca. -0,5 bis -1,0 °C): stark kühlend, nur kurzfristig anwenden, meist als Erstmaßnahme bei akuten Sportverletzungen
- Kaltwickel (ca. 0 bis 15 °C): z. B. Tücher getränkt in Eiswasser oder mit kühlem Quark
Anwendungen mit Gasen:
- Mithilfe von kalten Gasen können einzelne Hautstellen oder Gewebe schnell heruntergekühlt werden.
- Kalte Gase (Kaltluft ca. -30 °C oder Stickstoff bis -160 °C): vor allem bei rheumatischen Beschwerden
- Wattetupfer mit Flüssigstickstoff (bis -195 °C): der getränkte Tupfer wird für maximal 45 Sekunden leicht auf die zu vereisende Stelle gedrückt
- Kryosonde (Vereisung/Kryochirurgie) (bis -195 °C): flüssiger Stickstoff wird durch eine Sonde geleitet, um Gewebe gezielt zu vereisen - z. B. bei Warzen, Narbengewebe, Hautkrebs im Frühstadium oder Tumoren
- Offenes Sprayverfahren mit Flüssigstickstoff (bis -195 °C): flüssiger Stickstoff wird mit Hochdruck direkt auf die zu behandelnde Hautstelle gesprüht
Ganzkörper-Kryotherapie
Bei der Ganzkörper-Kryotherapie wird der gesamte Organismus Kälte ausgesetzt. Die Ganzkörper-Kryotherapie beeinflusst unser Stresshormon Cortisol und es gibt sogar Hinweise darauf, dass sie bei Migräne, leichten Depressionen und Schlafstörungen unterstützen kann. Die Kältekammer wirkt schmerzlindernd und entzündungshemmend. Ziel einer solchen Behandlung ist zudem die Beschleunigung von Regenerations- und Heilprozessen.
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Kältekammer:
Die extremen Temperaturen von -60 bis -120 Grad in der Kältekammer regen die Durchblutung und den Stoffwechsel an, wodurch Muskeln entspannt, Entzündungen gehemmt und Schmerzen reduziert werden. Während der Behandlung trägt der Patient Badekleidung, und kälteempfindliche Körperteile wie Hände, Füße, Gesicht und Ohren werden abgedeckt. Nach einer „Eingewöhnung“ von etwa 30 Sekunden in einer speziellen Vorkammer bei -60 Grad geht es in die eigentliche Kältekammer, wo der Patient für maximal drei Minuten bleibt. Während der gesamten Behandlungsdauer ist ärztliche Aufsicht erforderlich.
Eistauchbad:
Eine weitere Form der Ganzkörper-Kryotherapie ist das Eisbad, das besonders bei Sportlern beliebt ist. Hierbei wird der Körper für einige Minuten in eiskaltes Wasser (etwa 6 bis 12 °C) getaucht, um die Regeneration nach dem Training zu fördern und Muskelkater vorzubeugen. Anschließend sollte der Körper im vorgewärmten Bett ruhen.
Wann sollte Kryotherapie nicht angewendet werden?
Obwohl die Kryotherapie viele Vorteile hat, gibt es auch einige Umstände, bei denen die Therapieform nicht angewendet werden sollte:
- Kälteüberempfindlichkeit oder Kälteallergie
- Hauterkrankungen oder offene Wunden
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Durchblutungsstörungen
- Schwangerschaft
- Diabetes (vor allem bei der Ganzkörper-Kryotherapie)
- Asthma und Lungenerkrankungen (durch kalte Luft kann es zu Atembeschwerden kommen)
- Epilepsie (Kältereize könnten Anfälle auslösen)
Wichtig: Vor der Anwendung, besonders bei der Ganzkörper-Kryotherapie, sollten Sie Ihren Arzt verständigen, insbesondere wenn Vorerkrankungen bestehen.
Begleiterscheinungen der Kryotherapie
Wie jede Therapie kann auch die Kryotherapie Begleiterscheinungen mit sich bringen. Je nach Art, Dauer und Intensität der Behandlung können verschiedene Symptome auftreten. Es ist immer hilfreich, die körperlichen Veränderungen zunächst zu beobachten und ärztlich abklären zu lassen.
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Kurzfristige Begleiterscheinungen:
- Kälteschmerzen oder Taubheitsgefühl während der Anwendung
- Leichtes Brennen oder Kribbeln auf der Haut
- Muskelfrösteln oder Zittern nach der Anwendung
- Erhöhter Blutdruck
- Verringerte Herzfrequenz
- Lokale Hautreaktionen wie Rötungen oder Juckreiz
Langfristige Begleiterscheinungen:
- Chronische Hautveränderungen bei langfristiger Anwendung (z. B. Kälteurtikaria oder Raynaud-Syndrom)
- Frostschäden
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