Metamizol, besser bekannt unter dem Handelsnamen Novalgin®, ist ein weit verbreitetes Schmerzmittel mit einer fast hundertjährigen Geschichte. Trotz seiner Popularität und Wirksamkeit war der Wirkmechanismus von Metamizol lange Zeit nicht vollständig geklärt und Gegenstand von Kontroversen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte von Metamizol, einschließlich seiner chemischen Eigenschaften, Wirkungsweise, Anwendung, Nebenwirkungen und Risiken.
Chemische Grundlagen und Namen
Metamizol-Natrium, chemisch als N-Methyl-N-(2,3-dimethyl-5-oxo-1-phenyl-3-pyrazolin-4-yl)aminomethansulfonsäure-Natriumsalz bekannt, trägt verschiedene Namen, darunter Dipyrone (in den USA), Novaminsulfon-Natrium (in der Pharmacopoea Helvetica), Sulpyrine (in der Japanese Pharmacopoeia) und Noramidopyrin-methansulfonat. Es gehört zur Gruppe der Pyrazolone, die zu den ersten synthetischen Arzneimitteln ohne natürliche Vorbilder zählen.
Historischer Hintergrund
Metamizol wurde 1922 von der Firma Hoechst unter dem Namen Novalgin® auf dem deutschen Markt eingeführt. Die Synthese φ-methylschwefligsaurer Salze aminosubstituierter Arylpyrazolone wurde bereits 1911 von den Farbwerken Meister, Lucius & Brüning in Höchst am Main beim Kaiserlichen Patentamt angemeldet. Die Herstellung von Metamizol erfolgt durch Nitrosierung von Phenazon, anschließende Reduktion und Kondensation mit Benzaldehyd, gefolgt von Methylierung und Hydrolyse.
Pharmakologische Eigenschaften
Wirkmechanismus
Obwohl Metamizol seit fast einem Jahrhundert verwendet wird, sind seine genauen Wirkmechanismen noch nicht vollständig aufgeklärt. Es wird angenommen, dass Metamizol sowohl zentral als auch peripher analgetisch wirkt. Es gibt jedoch keine Hinweise auf eine Bindung an Opioidrezeptoren. Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass das Amid von 4-MAA (4-Methylaminoantipyrin), einem Hauptmetaboliten von Metamizol, als Cyclooxygenase-Hemmstoff und Cannabis-Rezeptorligand im ZNS wirkt, was seine zentrale analgetische und antipyretische Wirkung erklären könnte.
Pharmakodynamik
Metamizol besitzt starke analgetische und antipyretische sowie gute spasmolytische Wirkungen. Antiphlogistische Effekte treten nur in therapeutisch nicht erreichbaren Dosen auf. Es wird angenommen, dass die spasmolytischen Effekte auf einer myotropen Herabsetzung der Erregbarkeit der glatten Muskulatur beruhen.
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Pharmakokinetik
Metamizol ist ein Prodrug und wird in vivo primär komplett zu 4-Methylaminoantipyrin (4-MAA) umgesetzt. Nach intravenöser Applikation ist Metamizol bereits nach 15 Minuten im Blut nicht mehr nachweisbar. Nach oraler Verabreichung gelangt es nicht in das Plasma, da es bereits im Gastrointestinaltrakt quantitativ nicht-enzymatisch zu 4-MAA hydrolysiert wird, welches nahezu vollständig resorbiert wird. Die Biotransformation von 4-Methylaminoantipyrin erfolgt hauptsächlich über Oxidation zu 4-Formylaminoantipyrin oder Demethylierung zu 4-Aminoantipyrin. Letzteres wird teilweise zu 4-Acetylaminoantipyrin transformiert, wobei das Ausmaß dieses Metabolierungsschrittes vom Acetylierungsphänotyp des Patienten abhängt. Als eigentliche Wirkformen werden derzeit 4-Methylaminoantipyrin und 4-Aminoantipyrin diskutiert. Ihre Plasmahalbwertzeiten unterscheiden sich von Patient zu Patient stark. Im Urin können 50 Prozent der jeweiligen Dosis als 4-Methylaminoantipyrin, 4-Formylaminoantipyrin, 4-Aminoantipyrin und 4-Acetylaminoantipyrin nachgewiesen werden. Bereits nach 48 Stunden werden 90 Prozent der Metaboliten renal eliminiert.
Anwendungsgebiete (Indikationen)
Metamizol wird zur Behandlung verschiedener Schmerzzustände und Fieber eingesetzt:
- Akute starke Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen
- Koliken der Gallen- oder ableitenden Harnwege
- Tumorschmerzen
- Sonstige chronische oder akute starke Schmerzen
- Hohes Fieber, das auf andere Mittel nicht anspricht
Darreichungsformen und Dosierung
Metamizol ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, darunter:
- Tropfen
- Brausetabletten
- Filmtabletten
- Injektionslösungen
- Suppositorien
Die Dosierung variiert je nach Alter, Gewicht und Schmerzintensität des Patienten. Bei Erwachsenen wird zumeist die orale Verabreichung von Einzeldosen im Bereich von 500 bis 1000 mg vorgezogen. Bei Kindern ab drei Monaten wird Metamizol als Injektion oder in Tropfenform appliziert. Üblich sind 6 bis 16 mg Metamizol pro Kilogramm Körpergewicht.
Kontraindikationen
Metamizol darf nicht angewendet werden bei:
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- Allergie gegen Metamizol, andere Pyrazolone oder Pyrazolidine
- Schmerzmittelunverträglichkeit (Analgetika-Asthma-Syndrom oder Analgetika-Intoleranz vom Urtikaria-Angioödemtyp)
- Störungen der Knochenmarksfunktion
- Erkrankungen der Blutbildung
- Angeborenem Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
- Akuter hepatischer Porphyrie
- Letzten drei Monaten der Schwangerschaft
- Stillzeit
- Neugeborenen und Säuglingen unter 3 Monaten oder unter 5 kg Körpergewicht
Nebenwirkungen und Risiken
Die Gabe von Metamizol kann mit einigen Nebenwirkungen einhergehen. Zu den häufigsten gehören allergische Reaktionen, die sich in Rötungen mit Juckreiz und Brennen äußern können. Schwerwiegender ist die Auslösung einer Agranulozytose, einer schweren Erkrankung aufgrund einer starken Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen.
Agranulozytose
Das Risiko einer Agranulozytose wird in verschiedenen Ländern unterschiedlich hoch eingeschätzt. Die "Internationale Agranulozytose- und Aplastische Anämie Studie" (IAAAS) ermittelte für Metamizol eine Inzidenz von 1,1 Agranulozytose-Erkrankungen pro Million exponierter Personen pro Behandlungswoche. Die Therapie erfordert das sofortige Absetzen des Medikamentes und die Gabe von Glukokortikoiden beziehungsweise Antibiotika.
Weitere Nebenwirkungen
Weitere mögliche Nebenwirkungen von Metamizol sind:
- Allergischer Schock
- Blutdruckabfall
- Schwere Hautreaktionen (Stevens-Johnson-Syndrom, toxische epidermale Nekrolyse)
- Leberprobleme (Leberentzündung)
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Metamizol kann Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln eingehen. Es kann eine Abnahme des Ciclosporin-Blutspiegels bewirken und die Wirkung von Acetylsalicylsäure (ASS) auf die Blutplättchen verringern. Die gleichzeitige Gabe von Metamizol-Natrium und Methotrexat kann eine mögliche Schädigung der Blutbildung durch Methotrexat verstärken.
Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit
Die Anwendung von Metamizol in der Schwangerschaft ist kontraindiziert, insbesondere im ersten und dritten Trimenon. Auch in der Stillzeit wird von einer Einnahme abgeraten, da die Metaboliten anteilig in die Muttermilch übergehen.
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Überdosierung
Innerhalb der therapeutischen Plasmakonzentrationen von 10 bis 40 mg/l ist Metamizol sehr gut verträglich. Bei Einmaldosierungen von mehr als 5 bis 7,5 Gramm kann es zu Beschwerden im Gastrointestinaltrakt, zentralnervösen Störungen und Störungen der Nierenfunktion kommen.
Alternativen zu Metamizol
Es gibt verschiedene Alternativen zu Metamizol, darunter andere nicht-opioide Analgetika wie Paracetamol, Ibuprofen und Diclofenac sowie Opioide für stärkere Schmerzen. Die Wahl des geeigneten Schmerzmittels sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
Metamizol und das Restless-Legs-Syndrom (RLS)
Es ist wichtig zu beachten, dass einige Medikamente, darunter bestimmte Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika und Metoclopramid, ein Restless-Legs-Syndrom (RLS) verstärken oder sogar neu auslösen können. Bei der Behandlung des RLS sollte in Abhängigkeit von den Blutwerten zunächst Eisen eingesetzt werden. Die Behandlung mit dopaminergen Medikamenten ist die Therapie erster Wahl.