Schizophrenie und Spastik: Eine Betrachtung möglicher Zusammenhänge und Therapieansätze

Schizophrenie und Spastik sind zwei unterschiedliche neurologische Zustände, die jeweils erhebliche Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen haben können. Während Schizophrenie primär eine psychische Erkrankung ist, die das Denken, Fühlen und Verhalten beeinflusst, handelt es sich bei Spastik um eine Form von Muskelsteifheit oder -krampf, die die Bewegung beeinträchtigt. Obwohl diese beiden Zustände auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben, gibt es bestimmte Überschneidungen und potenzielle Zusammenhänge, die es wert sind, genauer untersucht zu werden.

Desorganisierte Sprechweise bei Schizophrenie: Ein Fenster zur Erkrankung

Die desorganisierte Sprechweise, oft auch als "Crazy Talk" bezeichnet, ist ein Kernsymptom der Schizophrenie. Sie manifestiert sich in Schwierigkeiten beim Abrufen von Wörtern, der Verwendung von Neologismen (Neuschöpfungen), Paraphrasien (fehlerhafte Wortwahl) sowie einem Mangel an Kohärenz und Konsistenz im Gespräch. Die Analyse dieser Sprachmuster kann wertvolle Einblicke in den psychotischen Zustand des Patienten liefern.

Bisher stützt sich die Beurteilung der desorganisierten Sprechweise hauptsächlich auf subjektive, qualitative Untersuchungen. Standardisierte, objektive Messverfahren fehlen bislang. Hier könnte die Verarbeitung natürlicher Sprache (Natural Language Processing, NLP) eine entscheidende Rolle spielen. NLP, ein Teilbereich der künstlichen Intelligenz, zielt darauf ab, Computern die Fähigkeit zu verleihen, menschliche Sprache zu analysieren und zu verstehen.

NLP als Werkzeug zur objektiven Analyse

Eine Pilotstudie am Michael Garron Hospital in Toronto untersuchte den Einsatz von NLP zur Analyse von "Crazy Talk" bei akuten Psychosen. Die Forscher nutzten das NLP-Programm BERT (Bidirectional Encoder Representations from Transformers), das unter anderem die Kohärenz eines Textes misst und einen ungewöhnlichen Sprachgebrauch erkennt.

Die Analyse von Sprachtranskripten von Patienten mit Schizophrenie, die sich in einer akuten Psychose befanden, ergab vielversprechende Ergebnisse. Es zeigten sich Übereinstimmungen zwischen den NLP-basierten Analysen und den Ergebnissen traditioneller Testverfahren wie der Scale for the Assessment of Positive and Negative Symptoms (SAPS/SANS) und der Scale for the Assessment of Thought, Language, and Communication (TLC). Insbesondere die Vorhersagen der Machine-Learning-Modelle in Bezug auf die Schwere von Alogie (Sprachverarmung), Unlogik, Sprachverarmung und sozialer Unaufmerksamkeit deckten sich mit bis zu 82% Genauigkeit mit den TLC-Scores.

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Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass NLP in der Lage ist, inkohärente Sprache objektiv zu messen und bei der klinischen Evaluierung von Schizophrenie-Symptomen von Nutzen sein könnte. Die durch NLP detektierten Sprachmarker könnten auch das Symptom-Monitoring während des Klinikaufenthalts des Patienten verbessern. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass weitere Studien mit größeren Teilnehmerzahlen erforderlich sind, um diese Ergebnisse zu bestätigen.

Medikamenteninduzierte Bewegungsstörungen: Eine mögliche Verbindung zur Spastik

Eine weitere mögliche Verbindung zwischen Schizophrenie und Spastik liegt in den Nebenwirkungen von Medikamenten, die zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt werden. Bei der Einnahme bestimmter Medikamente, insbesondere von Antipsychotika (Neuroleptika), können als Nebenwirkung Bewegungsstörungen auftreten.

Vielfalt der motorischen Störungen

Der Begriff "motorische Störungen" oder "Bewegungsstörungen" umfasst ein breites Spektrum an unwillkürlichen Bewegungen, darunter:

  • Tremor: Unwillkürliches Zittern eines oder mehrerer Körperteile.
  • Medikamenteninduziertes Parkinson-Syndrom (Parkinsonoid): Symptome ähnlich der Parkinson-Krankheit, wie Ruhetremor, Muskelsteifheit (Rigor), Bewegungsarmut (Hypokinesie) und posturale Instabilität.
  • Chorea: Unwillkürliche, rasche, unregelmäßige Bewegungen, meist der Arme und Beine, des Gesichts, des Nackens oder des Rumpfes.
  • Dystonie: Unwillkürliche Muskelanspannung und Krämpfe verschiedener Muskelgruppen, die zu schmerzhaften Fehlhaltungen oder Bewegungsstörungen führen können. Antipsychotische Medikamente können Frühdyskinesien auslösen, bei denen die Muskulatur des Halses, des Nackens, der Augen und des Rumpfes von krampfhaften Muskelanspannungen betroffen sein kann.
  • Akathisie: Bewegungsunruhe und quälende innere Anspannung, oft auf die Beine begrenzt (Sitzunruhe).
  • Spätdyskinesien: Unwillkürliche, stereotype Bewegungsmuster, wie Kau-, Schluck- und Schmatzbewegungen, Grimassieren, Zungenbewegungen, Kopfwendungen oder ständiges Blinzeln, die erst nach Monaten oder Jahren der Antipsychotika-Einnahme auftreten können und mitunter nicht mehr rückgängig zu machen sind.
  • Malignes neuroleptisches Syndrom: Ein seltenes, aber lebensbedrohliches Krankheitsbild mit Symptomen wie Tremor, Rigor, hochgradiger Bewegungsarmut, Bewusstseinsstörung, Fieber, beschleunigter Atmung und Puls, Blutdruckerhöhung sowie veränderten Blutwerten.

Ursachen und Häufigkeit

Diese Bewegungsstörungen entstehen meist durch die Interaktion der Medikamente mit dem extrapyramidal-motorischen System, das für die unwillkürliche Koordination von Bewegungsabläufen zuständig ist. Die häufigste Ursache ist die Therapie mit Antipsychotika (Neuroleptika), z. B. im Rahmen einer Schizophrenie. Die Häufigkeit von medikamentenbedingten Bewegungsstörungen hängt vom Wirkstoff und der Art der Bewegungsstörung ab. Sie treten häufig bei einer Therapie mit klassischen Antipsychotika auf.

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose erfolgt in der Regel durch eine ausführliche Anamnese, körperliche Untersuchung und gegebenenfalls Blutuntersuchungen. Die weitere Abklärung erfolgt meist bei Spezialisten (Neurologen).

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Die vorrangigsten Behandlungsoptionen bei medikamentenbedingten Bewegungsstörungen sind das Absetzen des auslösenden Medikaments, eine Dosisreduktion oder ein Wechsel des Medikaments. In einigen Fällen kann eine zusätzliche medikamentöse Therapie zur Linderung der Beschwerden sinnvoll sein. Das maligne neuroleptische Syndrom wird im Krankenhaus, in der Regel auf der Intensivstation, behandelt.

Spastik als mögliche Folge

Obwohl die oben genannten Bewegungsstörungen nicht direkt als Spastik im engeren Sinne definiert sind, können einige von ihnen, insbesondere Dystonien, zu einer erhöhten Muskelspannung und Steifheit führen, die der Spastik ähneln. Darüber hinaus können Spätdyskinesien, die durch langfristige Einnahme von Antipsychotika verursacht werden, zu anhaltenden, unwillkürlichen Muskelkontraktionen führen, die die Bewegungsfähigkeit beeinträchtigen und möglicherweise spastische Zustände verstärken oder imitieren können.

Es ist wichtig zu beachten, dass nicht alle Patienten, die Antipsychotika einnehmen, Bewegungsstörungen entwickeln. Das Risiko hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Art des Medikaments, die Dosierung, die Dauer der Behandlung und individuelle Risikofaktoren.

Cannabisbasierte Medikamente: Eine Option zur Behandlung von Spastik

Unabhängig von der Ursache der Spastik gibt es verschiedene Therapieansätze zur Linderung der Symptome. In den letzten Jahren hat sich die Verwendung von cannabisbasierten Medikamenten zur Behandlung von Spastik, insbesondere bei Multipler Sklerose (MS), zunehmend etabliert.

Rechtlicher Rahmen und verfügbare Medikamente

Das "Cannabis als Medizin"-Gesetz, das 2017 in Deutschland in Kraft trat, ermöglicht die Verschreibung von Medizinalcannabisblüten und daraus hergestellten Extrakten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen unter bestimmten Voraussetzungen die Kosten für diese Therapie.

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In Deutschland sind derzeit drei Präparate auf Cannabisbasis zugelassen:

  • Nabiximols (Sativex®): Ein Cannabisextrakt zur Behandlung der therapieresistenten mittelschweren oder schweren Spastik bei Multipler Sklerose (MS).
  • Nabilon (Canemes®): Ein THC-Analogon zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen im Rahmen einer Krebschemotherapie.
  • Cannabidiol(CBD)-Extrakt Epidyolex®: Für die Begleitbehandlung zu Clobazam bei Kindern ab zwei Jahren bei Krampfanfällen im Zusammenhang mit dem Lennox- Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom.

Darüber hinaus sind weitere (nicht zugelassene) cannabisbasierte Medikamente verschreibungsfähig, darunter Medizinalcannabisblüten mit unterschiedlichen Gehalten an THC und CBD, die Reinsubstanzen THC und CBD sowie Cannabis-Vollspektrum-Extrakte in Tropfenform zur oralen Einnahme.

Einsatz in der Neurologie

Nicht nur wegen der Zulassung von Nabiximols in dieser Indikation können keine begründeten Zweifel an der Tatsache bestehen, dass THC-haltige cannabisbasierte Medikamente zu einer Reduktion der Spastik in dieser Patient(inn)engruppe führen können. Oft wirken sich weitere Wirkungen positiv auf das Behandlungsergebnis aus, etwa eine Reduktion von Schmerzen, Ängsten und Übelkeit oder eine Verbesserung von Schlaf, Stimmung, Appetit und Gewicht. Unklar ist hingegen, ob cannabisbasierte Medikamente auch bei einer Spastik aus anderer Ursache wirksam sind.

Das Endocannabinoid-System

Die Wirkung von THC wird primär durch spezifische Cannabinoid-1(CB1)- und Cannabinoid-2(CB2)-Rezeptoren vermittelt. Physiologisch binden an diesen Rezeptoren körpereigene (endogene) Liganden, sogenannte Endocannabinoide, darunter Anandamid (N-Arachidonylethanolamid, AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG). THC wirkt somit als Agonist im Endocannabinoid-System. CBD hingegen wirkt antagonistisch an CB-Rezeptoren und beeinflusst darüber hinaus zahlreiche weitere Transmittersysteme, etwa das serotonerge System.

Unerwünschte Wirkungen und Kontraindikationen

Cannabisbasierte Medikamente gelten als sicher. Nebenwirkungen treten insbesondere zu Therapiebeginn auf, sind meist transient und lassen im Verlauf der Behandlung nach. Kaum je kommt es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen. Die häufigsten akuten Nebenwirkungen THC-haltiger Präparate sind Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, Mundtrockenheit, Angst, Übelkeit und kognitive Beeinträchtigungen. Gelegentlich kommt es zu Euphorie, Verschwommen-Sehen und Kopfschmerzen. Als seltene Nebenwirkungen gelten orthostatische Hypotonie, Psychose, Wahnvorstellungen, Depression, Ataxie, Desorientiertheit, Tachykardie, Cannabis- Hyperemesis-Syndrom und Diarrhö. Als Kontraindikationen gelten eine vorbestehende Psychose, Schwangerschaft und Stillzeit. Sehr streng sollte die Indikation bei Kindern und Jugendlichen gestellt werden.

CBD ist selbst in hohen Dosierungen sehr gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Schläfrigkeit, Sedierung, Lethargie, erhöhte Leberenzyme, verminderter Appetit, Durchfall, Ausschlag, Unwohlsein, Schwäche und Schlafstörungen. Einzige Kontraindikation ist eine Überempfindlichkeit.

Hereditäre spastische Paraplegie: Genetische Ursachen und Forschungsansätze

Die hereditäre spastische Paraplegie (HSP) ist eine seltene Erkrankung, die durch Spastik und Schwäche der Beinmuskulatur zu einer immer weiter fortschreitenden Gangstörung führt. Ihre Ursache hat sie, so viel weiß die Forschung bereits, in den Nervenzellen im Gehirn. Diese sind jedoch besonders schwierig zu untersuchen.

Ein Forschungsteam des Universitätsklinikums Erlangen wendet dabei eine besondere Methode an: Es programmiert Hautzellen von Patienten zu Stammzellen um und in einem zweiten Schritt zu Gehirnzellen, um daran zu forschen. Eine erste Erkenntnis haben die Forscherinnen so gewonnen: Bei Menschen, die an HSP leiden, ist die Kalziumregulation gestört.

Die Rolle von Spastin und Kalziumregulation

Unsere Nervenzellen im Gehirn haben viel zu tun. Um zu funktionieren, benötigen sie ein funktionierendes Schienennetz, mit dessen Hilfe sie Eiweiße und andere Zellbestandteile hin und her transportieren können: die sogenannten Mikrotubuli. Diese Mikrotubuli müssen jederzeit flexibel umgebaut werden können. Dabei hilft das Protein Spastin, sozusagen die Bautrupps, die sich um die Reparaturen im Schienennetz kümmern.

Gehirnzellen von Patienten mit spastischer Paraplegie verfügen über weniger Spastin als Gehirnzellen gesunder Menschen. Der Effekt: Die Transportprozesse in den Nervenzellen sind gestört, letztlich degenerieren die Nervenzellfortsätze vollständig - es kommt zu massiven Einschränkungen beim Gehen bis hin zur Lähmung der Beine.

Die Forscher fanden heraus, dass die veränderte Menge an Spastin eine Schlüsselrolle für die lebenswichtige Regulation von Kalziumionen in der Zelle spielt. Diese spezifische Art von Kalziumregulation wird als „Store-operated calcium entry“, kurz „SOCE“, bezeichnet. Übrigens ist eine Störung dieses Mechanismus, so die Vermutung, auch für andere neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer mitverantwortlich.

Stammzellenforschung als Schlüssel zum Verständnis

Um Veränderungen innerhalb dieses Mechanismus nachzuweisen, haben die Forscher einen besonderen Weg beschritten: Aus Hautzellen von HSP-Patienten werden sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen „reprogrammiert“. Diese Zellen sind sehr speziell: Sie können in jeden beliebigen Zelltyp verwandelt werden - auch in Gehirnzellen. Die Forscher der Stammzellbiologie des Uniklinikums Erlangen sind besonders erfolgreich darin, auf diese Weise Stammzellen in eben jene, sonst nur schwer zugängliche Gehirnzellen umzuwandeln.

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