In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend den Zusammenhang zwischen verschiedenen chronischen Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Alzheimer-Krankheit, Arteriosklerose und Virusinfektionen in den Fokus gerückt. Ziel ist es, die zugrunde liegenden Mechanismen zu verstehen und neue Präventions- und Therapieansätze zu entwickeln.
Diabetes und beschleunigte Hirnalterung
Typ-2-Diabetes ist ein bekannter Risikofaktor für Demenz. Eine aktuelle Studie schwedischer Forschender hat gezeigt, dass bei Menschen mit Typ-2-Diabetes das Gehirn schneller altert als bei gesunden Menschen. Dieser Effekt wurde sogar schon bei Patienten mit Prädiabetes, einer Vorstufe von Typ-2-Diabetes, beobachtet.
Studiendesign und Ergebnisse
Ein Forschungsteam am Stockholmer Karolinska-Institut analysierte Daten von über 31.000 Menschen im Alter zwischen 40 und 70 Jahren, die im Rahmen des britischen Biobank-Projektes MRT-Untersuchungen des Gehirns erhalten hatten. Mithilfe künstlicher Intelligenz entwickelten die Forschenden ein Modell eines gesund alternden Gehirns und verglichen dieses mit den Hirnscans von Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Gehirne von Menschen mit Prädiabetes im Schnitt um 0,5 Jahre älter waren als erwartet, während die Gehirne von Menschen mit Diabetes sogar um 2,3 Jahre vorzeitig gealtert waren. Besonders stark war der Alterungseffekt bei Diabetikern mit schlecht eingestelltem Blutzucker, deren Gehirne im Schnitt mehr als vier Jahre älter waren als erwartet.
Mögliche Mechanismen der beschleunigten Hirnalterung
Die Studie liefert zwar keine direkten Beweise für die Mechanismen, wie Diabetes die Hirnalterung beschleunigt, aber die Autoren haben verschiedene Hypothesen aufgestellt. Hohe Blutzuckerwerte könnten oxidativen Stress erzeugen und Entzündungsprozesse begünstigen, was wiederum die Verkalkung der Blutgefäße (Arteriosklerose) fördern könnte. Dies könnte die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erhöhen, die das Gehirn normalerweise vor schädlichen Substanzen schützt. Eine Insulinresistenz, ein Kennzeichen von Typ-2-Diabetes, könnte die Bildung von Beta-Amyloid fördern, schädlichen Ablagerungen im Gehirn, die für die Alzheimer-Krankheit typisch sind.
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Präventive Maßnahmen
Die gute Nachricht ist, dass Betroffene der frühzeitigen Hirnalterung entgegenwirken können. Eine hohe körperliche Aktivität, der Verzicht auf Rauchen und ein geringer Alkoholkonsum können die diabetesbedingten Alterungsprozesse des Gehirns deutlich verlangsamen. Ein gutes Blutzucker-Management könnte hier große Auswirkungen haben.
Die Rolle des glymphatischen Systems
Das glymphatische System, das Reinigungssystem des Gehirns, spielt eine zentrale Rolle bei der Homöostase des Gehirns, indem es neurotoxische Metabolite wie Amyloid-β und Tau abtransportiert. Störungen im glymphatischen System können neurodegenerative Prozesse fördern.
MRT-Marker der Liquordynamik als Prädiktoren für Demenz
Eine Studie untersuchte, ob MRT-Marker der Liquordynamik das Demenzrisiko vorhersagen und ob sie die Beziehung zwischen kardiovaskulären Risikofaktoren und Demenz mediieren. Die Analyse umfasste über 44.000 Teilnehmende der UK Biobank. Drei der vier untersuchten Liquormarker zeigten eine signifikante Vorhersagekraft für Demenz: ein niedriger DTI-ALPS-Wert (misst den Flüssigkeitsaustausch entlang perivaskulärer Räume), eine verminderte BOLD-CSF-Kopplung (erfasst die Synchronität von Hirnaktivität und Liquorfluss) und ein erhöhtes Plexus-choroideus-Volumen (Indikator für Liquorproduktion und metabolische Clearance). Alle drei Marker korrelierten mit kardiovaskulären Risikofaktoren und Hyperintensitäten der weißen Substanz.
Implikationen für Früherkennung und Therapieentwicklung
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine gestörte Liquorzirkulation ein zentrales Bindeglied zwischen vaskulärer Schädigung und Neurodegeneration darstellt. Die Identifikation objektiver MRT-Marker der Liquordynamik eröffnet neue Perspektiven für die Früherkennung von Demenzrisiken, die Therapieentwicklung und die Forschung.
Diabetes und Demenz: Ein komplexer Zusammenhang
Menschen mit Diabetes haben ein erhöhtes Risiko, an Demenz zu erkranken. Dies liegt an verschiedenen Faktoren:
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- Blutzuckerwerte: Sowohl dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte als auch schwere Unterzuckerungen können das Gehirn schädigen.
- Gefäßschäden: Diabetes begünstigt Arterienverkalkung und Durchblutungsstörungen - auch im Gehirn. Dadurch steigt das Risiko für eine vaskuläre Demenz.
- Entzündungen und Stoffwechselveränderungen: Erhöhte Blutzuckerwerte können Entzündungsprozesse fördern, die langfristig auch das Gehirn belasten.
- Insulinresistenz: Die Insulinresistenz der Körperzellen scheint ein Bindeglied zwischen Diabetes und Alzheimer-Demenz darzustellen.
Präventive Maßnahmen zur Senkung des Demenzrisikos
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die helfen können, das Demenzrisiko zu senken und die Gesundheit des Gehirns zu fördern:
- Gut eingestellter Blutzucker
- Schwere Unterzuckerungen vermeiden
- Ausgewogene Ernährung
- Alltag aktiv gestalten mit regelmäßiger Bewegung
- Blutdruck- und Blutfettwerte regelmäßig kontrollieren und gegebenenfalls ärztlich behandeln lassen
- Eigene Psyche stärken und Hilfe bei Stress, Sorgen oder depressiven Stimmungen in Anspruch nehmen
- Geistig aktiv bleiben, zum Beispiel durch Lesen, Spielen oder Neues lernen
- Soziale Kontakte pflegen
Koronare Herzkrankheit und Demenz
Die Koronare Herzkrankheit (KHK) ist auf eine Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) zurückzuführen. Ablagerungen in den Blutgefäßen des Gehirns könnten die Entwicklung einer Demenz begünstigen. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen mit einer KHK-Diagnose vor dem 45. Lebensjahr ein besonders hohes Risiko haben, an Demenz zu erkranken.
Vorbeugung durch Änderung des Lebensstils
Sowohl Arteriosklerose als auch die KHK können durch eine Änderung des Lebensstils aktiv beeinflusst werden. Eine Lebensstiländerung, die das Risiko einer KHK senkt, kann sich auch positiv auf das Risiko einer späteren Demenzerkrankung auswirken.
Der RAGE-Rezeptor: Ein Schlüssel zum Verständnis von Alterserkrankungen
Der Rezeptor für fortgeschrittene Glykierungsendprodukte (RAGE) spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung chronischer Erkrankungen. AGEs entstehen durch die Reaktion von Zucker mit Proteinen und Lipiden und werden bei Diabetes, Arteriosklerose und Alzheimer vermehrt gefunden. RAGE bindet AGEs und löst im Zellinneren eine Kaskade von Reaktionen aus, die zu Entzündungen und oxidativem Stress führen.
Die RAGE-Hypothese
Die RAGE-Hypothese besagt, dass die Bindung von AGEs an RAGE eine chronische Aktivierung von Zellen verursacht, die letztlich zu Schäden und chronischen Erkrankungen führt. Studien an Tiermodellen haben gezeigt, dass die Blockade von RAGE die Entwicklung von Diabetes, Arteriosklerose und Alzheimer verlangsamen kann.
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Therapeutische Ansätze
Die Entwicklung von Medikamenten, die die RAGE-abhängige Nachrichtenübermittlung ausschalten, könnte ein vielversprechender Ansatz zur Behandlung von chronisch-entzündlichen und altersbedingten Krankheiten sein.
Virusinfektionen und neurologische Erkrankungen
Eine Studie aus Dänemark hat gezeigt, dass das Risiko, eine Alzheimer-Demenz oder ein Parkinson-Syndrom zu entwickeln, nach einer COVID-19-Infektion erhöht ist. Allerdings ist das Risiko dafür nach anderen Atemwegserkrankungen wie Influenza oder der bakteriellen Lungenentzündung ebenso groß. Es scheint also eher der Infekt an sich zu sein, der das Risiko steigert.
Die Bedeutung von Impfungen
Die Impfung gegen das Coronavirus kann das Risiko für Schlaganfälle und Thrombose senken, die im Zusammenhang mit COVID-19 auftreten können. Auch das Risiko für Long-COVID-Beschwerden wird durch die Impfung verringert.
Ernährung und Lebensstil als Schlüsselfaktoren
Eine gesunde Ernährung und ein aktiver Lebensstil sind entscheidend für die Vorbeugung von Demenz und anderen chronischen Erkrankungen. Eine mediterrane Ernährung, die reich an Gemüse, Obst, Olivenöl und Fisch ist, kann die Hirnleistung verbessern und das Demenzrisiko senken. Regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und der Abbau von Stress sind ebenfalls wichtige Faktoren für die Gesundheit des Gehirns.
Die Bedeutung der Früherkennung und Vorbeugung
Da es für viele Demenzerkrankungen noch keine Heilung gibt, kommt der Früherkennung und Vorbeugung eine besondere Bedeutung zu. Regelmäßige Gesundheits-Check-ups beim Hausarzt können helfen, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.