Gehirn Schmerzmechanismen: Ein umfassender Überblick

Schmerzen sind eine allgegenwärtige und oft quälende Erfahrung. Sie können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und die Freude an Bewegung rauben. Doch was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir Schmerzen empfinden? Und warum sind manche Schmerzen chronisch, während andere schnell wieder verschwinden? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Schmerzmechanismen im Gehirn und gibt Einblicke, wie man mit anhaltenden Schmerzen umgehen kann.

Einführung in das Schmerzkontinuum

Schmerz ist nicht gleich Schmerz. Gifford und Butler stellten bereits 1997 ein Schmerz-Mechanismus-Klassifizierungs-System vor, das verdeutlicht, dass Patienten von der akuten Schmerzepisode zum chronischen Zustand verschiedene Mechanismen durchlaufen. Diese Mechanismen sind nicht klar voneinander abgrenzbar, sondern gehen fließend ineinander über. Je länger Schmerzen bestehen, desto komplexer wird der zugrunde liegende Mechanismus.

Auf diesem Kontinuum lassen sich sechs Hauptmechanismen unterscheiden:

  • Nozizeptiv-inflammatorisch
  • Nozizeptiv-ischämisch
  • Peripher neurogen
  • Zentrale Sensibilisierung
  • Affektiv
  • Motorisch/autonom

In der Praxis lassen sich diese Mechanismen jedoch nicht immer klar voneinander trennen. Ein Patient kann sowohl einen dominanten peripheren Mechanismus (z.B. inflammatorisch) als auch einen dominanten zentralen Mechanismus (z.B. affektiv) aufweisen.

Um dies besser zu verstehen, kann man sich das Problem wie eine kaputte Lampe vorstellen. Wenn die Lampe nicht leuchtet, muss nicht unbedingt die Glühbirne defekt sein. Der Fehler kann auch im Schalter, im Stromkabel oder im Sicherungskasten liegen. Ähnlich verhält es sich mit Schmerzen: Die Ursache liegt nicht immer dort, wo es weh tut.

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Die sechs Hauptschmerzmechanismen im Detail

1. Nozizeptiv-inflammatorischer Schmerzmechanismus

Wenn eine Lampe nicht angeht, überprüft man zuerst die Glühbirne und den Lichtschalter. Ist die Glühbirne kaputt? Ist der Schalter umgelegt? Ähnlich verhält es sich bei Schmerzen: Wenn etwas weh tut, schauen wir zunächst dorthin, wo es weh tut.

Der nozizeptiv-inflammatorische Schmerzmechanismus betrifft vor allem die Wundheilungsphasen. Nach einer Verletzung durchläuft der Körper verschiedene Phasen der Heilung:

  • Entzündungsphase: 3 bis 10 Tage
  • Proliferationsphase: 2 bis 21 Tage (manchmal länger)
  • Remodellierungsphase: 21 bis 500 Tage

In der Entzündungsphase sollte man die Bewegung einschränken und die verletzte Körperstelle schonen. In der Proliferationsphase kann man den Bewegungsumfang Stück für Stück ausbauen, ohne die Symptome herauszufordern. In der Regel gehen die Beschwerden nach der Wundheilung wieder zurück.

Oftmals verändern sich die Symptome bei diesem Schmerzmechanismus mit bestimmten Bewegungen; machen sie also besser oder schlechter. Oftmals gibt es eine bevorzugte Bewegungsrichtung, bspw. schmerzt nach einem Bandscheibenvorfall oftmals die Beugung nach vorn und die Streckung nach hinten ist angenehm.

2. Nozizeptiv-ischämischer Schmerzmechanismus

Der nozizeptiv-ischämische Schmerzmechanismus beschreibt einen Prozess, bei dem bestimmte Gewebetypen (z.B. Nerven, Muskeln oder Sehnen) unzureichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden. Dies kann durch Kompression entstehen, wenn z.B. ein Muskel auf einen Nerv drückt oder die Blutversorgung mindert. Oder wenn durch andauernde und niedrigschwellige Aktivität die Kapillare im Zielmuskel komprimiert werden.

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Um das Problem zu lösen, muss in der Reha aggressiv vorgegangen werden. Dabei werden die Symptome während einer Übung bewusst hervorgerufen. Das Ziel: Das Gewebe zur Anpassung zwingen.

Dabei sind Beschwerden während der Übung okay, solange sie nicht mehr als 5 von 10 sind und nach der Übung wieder auf das Ausgangsniveau zurückgehen. Außerdem sollte der Bewegungsumfang nach einer Übung nicht kleiner werden.

In diese Kategorie fallen Beschwerden wie z.B.:

  • Tendinopathien wie ein Tennisarm
  • Repetitive Strain Injuries wie ein Mausarm
  • Thoracic Outlet Syndrom, sofern die Ursache muskulär bedingt ist
  • Adaptive Verkürzungen, nachdem ein Muskel lange ruhig gestellt war

Bei diesem Schmerzmechanismus gilt: Mehr ist nicht besser. Die Therapie muss intensiv sein. Das bedeutet jedoch nicht, dass du jeden Tag intensiv trainieren solltest. Jedoch darfst du in der Therapie intensiv trainieren. Anschließend darfst du zwei Tage Pause machen. Schließlich muss sich der Körper von intensiven Trainingsreizen erholen können.

3. Peripher neurogener Schmerzmechanismus

Wenn die Glühbirne und der Lichtschalter beide in Ordnung sind, schaut man sich als nächstes die Stromkabel an. Denn wenn diese kaputt sind, kommt natürlich kein Strom bei der Lampe an. Ganz ähnlich verhält es sich mit den peripheren Nerven. Das sind alle Nerven außerhalb vom Gehirn oder Rückenmark. Sind sie eingeschränkt, können Probleme entstehen.

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Nerven können in Mitleidenschaft geraten durch:

  • Krankheiten
  • Verletzungen
  • Übermäßigem und anhaltendem Druck
  • Übermäßigem und anhaltendem Zug
  • Einklemmen durch die umgebende Muskulatur

In vielen Fällen ist der Nerv aber nur das Opfer. Die eigentliche Ursache liegt in den umgebenden Strukturen, welche den Nerv einklemmen. Der Fokus liegt in der Reha darauf, eine strukturelle Balance herzustellen. Zusätzlich wollen wir den Nerv mit sogenannten Slider-Übungen in seinem Kanal bewegen.

Manchmal ist der Nerv aber auch Opfer und Täter zugleich. Dann wollen wir die Dehn- und Belastbarkeit des Nervengewebes erhöhen. Ähnlich wie beim vorherigen Schmerzmechanismus muss dabei eine gewisse Intensität wirken.

Die Folge: Es werden Beschwerden auftreten. Solange sich diese aber zügig beruhigen, bist du auf der sicheren Seite. Dies ist notwendig, um eine Anpassung des Nervs zu erzwingen. Nur so wird er dehn- und belastbarer.

Mithilfe neurodynamischer Tests finden wir heraus, was deine peripheren Nerven benötigen. Anhand der Testergebnisse lassen sich passende Maßnahmen ableiten, sodass du schnell dein Ziel erreichen kannst.

4. Zentrale Sensibilisierung

Die Lampe leuchtet noch immer nicht. Aber wohin wendest du dich, wenn die Lampe, der Schalter und die Stromkabel in Ordnung sind? Wahrscheinlich gehst du dann zum Sicherungskasten. Ganz ähnlich verhält es sich bei anhaltenden Schmerzen. Denn bei einer zentralen Sensibilisierung interpretiert unser "Gefahrenzentrum" im Gehirn bestimmte Reize stärker als normalerweise. Es glaubt schneller, dass Reize gefährlich sind und reagiert mit Schmerz.

Vor allem katastrophisierende Gedanken, Wörter und Glaubenssätze bezüglich der Beschwerden stehen mit diesem Mechanismus in Zusammenhang. Wann können wir von einer zentralen Sensibilisierung ausgehen? Vor allem dann, wenn die Beschwerden auch nach der normalen Wundheilung bestehen bleiben.

Entsprechend liegt der Fokus in der Reha darauf, diese Gedankenmuster zu durchbrechen. Gleichzeitig dürfen Betroffene lernen, Selbstvertrauen in Bewegung zu gewinnen. Zusätzlich dürfen sie lernen, dass leichte Beschwerden bei Bewegung okay sind.

Aber bitte nicht von 0 auf 100 los sporteln. Das Zauberwort heißt: Graduelle Exposition.

Dabei hilft dir das folgende Ampel-Modell:

  • Grünes Licht: Der Bewegungsumfang ist nach einer Übung gleich, obwohl währenddessen Schmerzen aufgetreten sind -> Du kannst dich nächstes mal steigern
  • Gelbes Licht: Der Bewegungsumfang bleibt erhalten, aber der Schmerz bleibt nach der Übung 24 bis 72 Stunden erhalten -> Die Intensität ist okay und sollte nicht gesteigert werden
  • Rotes Licht: Der Bewegungsumfang ist stark eingeschränkt und es treten Schmerzen auf -> Es war zu intensiv und du darfst einen Schritt zurückgehen.

Das dominante Kennzeichen dieses Schmerzmechanismus ist Angst-Vermeidungs-Verhalten. Sind andere Faktoren wie Stress oder Emotionen präsenter, darfst du eher die folgenden Mechanismen betrachten.

5. Affektiver Schmerzmechanismus

Es gib keine Anzeichen für Angst-Vermeidungs-Verhalten und die Lampe leuchtet dennoch nicht. An wen wendest du dich als nächstes? Vielleicht die Hausverwaltung oder den Stromanbieter.

Bei diesem Schmerzmechanismus geht es vor allem um negative Emotionen und die Fähigkeit, mit diesen Gefühlen umzugehen. Sind die Coping-Strategien eingeschränkt, manifestiert das Gehirn körperliche Beschwerden, um dich von dem emotionalen Problem abzulenken.

Oftmals spüren Betroffene dennoch starke Gefühle wie Traurigkeit, Ärger, Wut Angst oder Sorgen. Diese Emotionen zeigen sie aber nicht, weil Betroffene sie "herunterschlucken".

Verschiedene Lebensereignisse können psychische Themen wie Depression, PTBS usw. triggern. Dazu gehören u.a. Beziehungen in der Kindheit, verdrängte Traumata, Kriegserlebnisse, Jobverluste, Scheidung uvm.

Neben den oben genannten Gefühlen erleben Betroffene auch Trauer, Scham, Schuld oder Minderwertigkeit und haben einen Drang zu Perfektionismus.

Weil viele psychische Themen eine Rolle spielen, sollte bei diesem Schmerzmechanismus unbedingt mit einem Psychotherapeuten zusammengearbeitet werden.

Weitere Maßnahmen, die Betroffene selbstständig machen können, sind:

  • Schmerztagebuch führen: Damit können Lebensereignisse mit dem Schmerzerleben in Verbindung gebracht werden. Dies schafft ein Bewusstsein für den affektiven Schmerzmechanismus.
  • Achtsamkeitsübungen: Damit lernst du, Gedanken und Gefühle wahrzunehmen. Das ist der erste Schritt, um diese zu ändern.
  • Angenehme Dinge tun, die für dich von Bedeutung sind.
  • Ausdauer- und Krafttraining, das an die Beschwerden angepasst ist

Der entscheidende Punkt ist, einen besseren Umgang mit negativen Emotionen zu entwickeln.

6. Motorisch/autonomer Schmerzmechanismus

Funktioniert die Lampe noch immer nicht? Dann müssen wir uns an die zentrale Energieversorgung wenden. Dieser Mechanismus ist selten. Aber er wird relevant, wenn trotz guter Coping-Strategien Schmerzen bestehen bleiben.

Dabei spielen verschiedene Systeme im Körper wie z.B. das Neuroimmun-, Hormon- und das Stresssystem eine Rolle. Dies kann sich auf den somatosensorischen Kortex auswirken und die Körperwahrnehmung verändern.

Dieser Schmerzmechanismus macht sich mit unterschiedlichen Symptomen bemerkbar, z.B.:

  • Grundsätzliches Unwohlsein
  • Erhöhter Muskeltonus
  • Lymphödeme
  • Schlechte links-rechts-Diskrimination
  • Neglect oder
  • Schlechte Körperwahrnehmung

Insgesamt spielen unterschwellige Entzündungsprozesse, zentrale Sensibilisierung und eine Veränderung der kortikalen Struktur eine Rolle.

Für eine erfolgreiche Rehabilitation MÜSSEN verschiedene Disziplinen zusammenarbeiten. Betroffene benötigen:

  • Gute Ernährungsstrategien
  • Gute Coping-Strategien im Umgang mit Emotionen
  • Neuro-rehabilitative Maßnahmen
  • Ein Ausdauer- und Kraftprogramm, welches insgesamt die Belastbarkeit erhöht

Für diese Art Schmerzmechanismen eignet sich daher eine stationäre multimodale Schmerztherapie sehr gut. Dabei müssen den Betroffenen immer wieder die Fortschritte vor Augen geführt werden, sodass die Motivation nicht verloren geht. Die Betroffenen müssen sehen, dass sie ihrem Ziel näherkommen.

Moderne Schmerzforschung und ihre Erkenntnisse

Die moderne Schmerzforschung hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Neurowissenschaftler haben viel über die Signalübertragung bei Schmerz, die beteiligten Schaltkreise und Moleküle herausgefunden. Daraus ergeben sich neue Ansätze, ihn mit weniger Nebenwirkungen besser zu bekämpfen.

Ein wichtiger Aspekt ist das Verständnis, dass Schmerz nicht immer mit Schaden gleichzusetzen ist. Viele Menschen verbinden Schmerz automatisch mit der Vorstellung, dass im Körper etwas „kaputt“ ist. Doch besonders bei chronischen Schmerzen hat sich das Nervensystem verändert und reagiert überempfindlich - selbst ohne dass ein struktureller Schaden vorliegt.

Bewegung trotz Schmerzen kann sinnvoll sein, wenn sie dosiert, gezielt und mit Verständnis für den eigenen Körper erfolgt. Ein zentraler Bestandteil moderner Physiotherapie ist es deshalb, gemeinsam zu verstehen, warum der Schmerz da ist, welche Faktoren ihn beeinflussen (z. B. Stress, Schlaf, Belastung oder Gedanken) - und wie man Schritt für Schritt wieder Vertrauen in Bewegung gewinnt.

Was hilft bei chronischen oder anhaltenden Schmerzen?

  • Wissen über Schmerzmechanismen: Wer versteht, was im Körper passiert, kann besser mit Beschwerden umgehen.
  • Individuelle Bewegungstherapie: Nicht zu viel, nicht zu wenig - gemeinsam finden wir den passenden Weg.
  • Selbstwirksamkeit stärken: Was kann ich selbst tun? Wie finde ich einen guten Umgang mit Belastungen im Alltag?
  • Ganzheitlicher Blick: Auch Schlaf, Ernährung, Stress, Gedanken und Emotionen können eine Rolle spielen - und werden in der Therapie mitgedacht.

Die Rolle von Schmerzmitteln

Schmerzmittel können bei akuten Schmerzen eine sinnvolle Option sein. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass auch frei verkäufliche Medikamente wie Diclofenac, ASS oder Paracetamol Organe schwer schädigen können. Bei chronischen Schmerzen ist es wichtig, die Ursache des Schmerzes zu behandeln und nicht nur die Symptome zu unterdrücken.

Multimodale Schmerztherapie

Die multimodale Schmerztherapie ist ein ganzheitlicher Ansatz, der verschiedene Behandlungsformen kombiniert, um chronische Schmerzen zu lindern. Dazu gehören unter anderem:

  • Medikamentöse Therapie
  • Physiotherapie
  • Psychotherapie
  • Entspannungstechniken
  • Ernährungsberatung

Ziel der multimodalen Schmerztherapie ist es, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und ihnen zu helfen, ein aktives und selbstbestimmtes Leben zu führen.

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