Einführung
Die Parkinson-Krankheit ist eine der häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen, von der weltweit Millionen Menschen betroffen sind. Trotz intensiver Forschung gibt es bis heute keine Heilung, und die Behandlung konzentriert sich hauptsächlich auf die Linderung der Symptome. In den letzten Jahren hat die Forschung jedoch vielversprechende neue Ansätze identifiziert, darunter die Untersuchung der potenziellen therapeutischen Wirkung bereits zugelassener Medikamente für andere Erkrankungen. Ein solches Medikament ist Ivermectin, ein Anthelminthikum, das in den sozialen Medien als "Wunderwaffe" gegen das Coronavirus propagiert wird. Obwohl die Forschung zur Verwendung von Ivermectin bei COVID-19 keine nennenswerten klinischen Erfolge gezeigt hat, gibt es auch Studien, die sich mit der potenziellen Rolle von Ivermectin bei der Behandlung von Parkinson beschäftigen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die aktuelle Forschung zu Ivermectin und Parkinson-Studien und beleuchtet andere vielversprechende Therapieansätze.
Ivermectin: Ein Anthelminthikum im Fokus der Forschung
Ivermectin ist ein Medikament, das hauptsächlich zur Behandlung von Parasitenbefall bei Tieren und Menschen eingesetzt wird. Es ist sowohl in der Veterinär- als auch in der Humanmedizin weit verbreitet. In der Veterinärmedizin wird Ivermectin häufig bei Haus- oder Nutztieren gegen Fadenwürmer und andere Parasiten eingesetzt. In der Humanmedizin sind zugelassene Arzneimittel mit Ivermectin zur kutanen Behandlung von Rosacea und Krätze (Scabies) erhältlich.
Seit Beginn der COVID-19-Pandemie wurde Ivermectin auch auf seine Wirksamkeit gegen das SARS-CoV-2-Virus untersucht. Obwohl frühe Laborergebnisse in Zellkulturen vielversprechend waren, konnten diese Ergebnisse bisher nicht in klinischen Studien am Menschen bestätigt werden. Trotzdem wird Ivermectin in den sozialen Medien weiterhin als "Wunderwaffe" gegen das Coronavirus propagiert.
Eine mögliche Erklärung für den anhaltenden Hype um Ivermectin könnte laut einer Gruppe um Dr. Avi Bitterman von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York mit dem Zwergfadenwurm (Strongyloides stercoralis) zusammenhängen. Bitterman und sein Team stellten fest, dass Ivermectin vor allem in Studien aus dem tropischen Raum gut abgeschnitten hatte, in Lateinamerika, Südostasien und Afrika südlich der Sahara. Zufälligerweise ist dies auch genau dort, wo ein Befall mit dem Zwergfadenwurm überdurchschnittlich häufig vorkommt. Wenn nun COVID-19-Patienten mit Ivermectin behandelt werden, während sie gleichzeitig unter einem unerkannten Befall mit dem Parasiten leiden, könnte sich der Zustand durch die Behandlung verbessern und die Mortalität gesenkt werden.
Diabetes-Medikamente und Parkinson: Ein neuer Therapieansatz
Neben der Forschung zu Ivermectin gibt es auch vielversprechende Studien, die sich mit der potenziellen therapeutischen Wirkung von Diabetes-Medikamenten bei Parkinson beschäftigen. Eine im April 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlichte klinische Studie [1] ergab, dass der Wirkstoff Lixisenatid das Fortschreiten der Parkinson-Symptome in einem geringen, aber statistisch signifikanten Umfang verlangsamen kann.
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Lixisenatid ist ein sogenannter GLP-1-Rezeptoragonist (Glucagon-like Peptid-1), der zur Behandlung von Typ-2-Diabetes zugelassen ist. Es ahmt die Wirkung des natürlich vorkommenden Peptids nach und aktiviert eine intrazelluläre Signalkaskade, welche eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung physiologischer Blutzuckerwerte spielt. Der Wirkstoff gehört zu einer großen Familie ähnlicher Wirkstoffe, die in jüngster Zeit als „Abnehmspritze“ (Semaglutid) auch zur Behandlung der Adipositas eingesetzt werden.
Die Ergebnisse der Studie sind vielversprechend, da sie darauf hindeuten, dass Diabetes-Medikamente möglicherweise eine neue Strategie zur Behandlung von Parkinson darstellen könnten. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass weitere Langzeitstudien erforderlich sind, um die Wirksamkeit und Sicherheit von Lixisenatid und anderen verwandten Wirkstoffen bei Parkinson-Patienten zu bestätigen.
Studiendetails und Ergebnisse
In der Studie wurden 156 Personen mit leichten bis mittelschweren Parkinson-Symptomen untersucht, die alle bereits das Standard-Parkinson-Medikament Levodopa oder andere Arzneimittel einnahmen. Die eine Hälfte von ihnen erhielt ein Jahr lang den Wirkstoff Lixisenatid, die andere ein Placebo. Nach zwölf Monaten zeigten die Teilnehmenden der Placebo-Kontrollgruppe wie erwartet eine Verschlechterung ihrer Symptome. Auf einer Skala zur Bewertung des Schweregrads der Parkinson-Krankheit, mit der gemessen wird, wie gut die Betroffenen Aufgaben wie Sprechen, Essen und Gehen ausführen können, war ihr Wert um drei Punkte gestiegen.
Obwohl das Ergebnis aufgrund des Studiendesigns interessant ist, muss berücksichtigt werden, dass drei Punkte in der Bewertung wenig sind. Es müssen weitere Studien folgen, unter anderem um zu klären, wie sich die Wirkung über mehrere Jahre hinweg entwickelt. Zudem führte die Behandlung zu Nebenwirkungen: Übelkeit trat bei fast der Hälfte und Erbrechen bei 13 % der Personen auf, die das Medikament einnahmen.
Mögliche Erklärungen für die Wirkung von Diabetes-Medikamenten bei Parkinson
Noch ist unklar, wie sich der positive Effekt des Diabetes-Medikaments bei Parkinson erklären lässt. Schon seit Längerem deuten verschiedene Studien an, dass Diabetes Typ 2 und manche neurodegenerative Krankheiten ähnliche Signalwege aufweisen. Offenbar können nicht nur Leber- und Muskelzellen, sondern auch Neurone schlecht auf Insulin reagieren, welches z. B. an Gedächtnisprozessen beteiligt ist. Dies könnte erklären, warum Menschen mit Diabetes Typ 2 z. B. ein höheres Risiko für Alzheimer haben [2].
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Eine 2017 veröffentlichte Studie aus London deutet darauf hin, dass der Wirkstoff Exenatid, ein weiteres Diabetes-Medikament, das in Deutschland seit 2007 auf dem Markt ist, auch den Krankheitsfortschritt bei Parkinson mindestens verlangsamt, wenn auch nur in geringem Umfang. Die Forschenden vermuten, dass Exenatid die Energieversorgung der Neuronen verbessert, indem es sie wieder empfänglicher für Insulin macht, und damit Entzündungsreaktionen verringert [3].
In zwei Anfang 2023 veröffentlichten Studien machten Forschende aus Florida und Taiwan die Beobachtung, dass die Einnahme des Wirkstoffs Metformin bei manchen Diabetes-Patient:innen offenbar eine schützende Wirkung hinsichtlich der Entwicklung einer Demenz hat [4, 5].
Weitere Forschungsfragen
Wissenschaftlich interessant sind auch die in der aktuellen Studie nicht untersuchten Fragen, ob GLP-1-Medikamente vor dem Verlust von Dopamin-produzierenden Neuronen schützen und vielleicht den Ausbruch von Parkinson verhindern können.
Immuntherapie bei ALS: Ein weiterer vielversprechender Ansatz
Neben der Forschung zu Parkinson gibt es auch vielversprechende Ansätze zur Behandlung anderer neurodegenerativer Erkrankungen wie der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Eine klinische Studie an den Standorten Bonn und Berlin erprobt das Medikament Rituximab, das in das Immunsystem eingreift.
Forschende haben zuletzt mehrfach festgestellt, dass sich die Immunzellen bei ALS-Patienten auffällig verhalten; eine neue Veröffentlichung (DOI 10.1038/s41586-022-04844-5) im renommierten Fachmagazin Nature legt nahe, dass bei einem ALS-Untertyp der Schadensmechanismus sogar maßgeblich durch das Immunsystem beeinflusst wird.
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Das Medikament Rituximab wird bei verschiedenen Erkrankungen eingesetzt, unter anderem für Krebserkrankungen des lymphatischen Systems. Es gilt als gut verträglich und hochwirksam, wenn es um die Absenkung des Antikörperspiegels geht. Bei ALS-Patienten wurden schon in der Vergangenheit neuronale Antikörper festgestellt - und in ihrer Gehirnflüssigkeit, besonders bemerkenswert, antikörperproduzierende Zellen.
Die Forschenden zielen besonders auf das Molekül CD20 ab, ein Oberflächenprotein auf der Zelloberfläche von B-Zellen. B-Zellen sind jene Zellen, die Antikörper produzieren - und genau gegen sie richtet sich das Medikament Rituximab, das eine sogenannte B-Zell-Depletion bewirkt, also eine Entfernung der B-Zellen.
Es wird erwartet, dass die Therapie systemmodulierend wirkt und also die vielleicht 10 oder 20 Prozent des Krankheitsverlaufs beeinflussen kann, die in direktem Zusammenhang mit Antikörpern stehen könnten.
Fazit
Die Forschung im Bereich der neurodegenerativen Erkrankungen wie Parkinson und ALS macht stetig Fortschritte. Neben der Untersuchung neuer Medikamente werden auch bereits zugelassene Medikamente für andere Erkrankungen auf ihre potenzielle therapeutische Wirkung untersucht. Die Ergebnisse der Studien zu Diabetes-Medikamenten bei Parkinson und zur Immuntherapie bei ALS sind vielversprechend und könnten in Zukunft zu neuen Behandlungsstrategien führen.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass weitere Forschung erforderlich ist, um die Wirksamkeit und Sicherheit dieser Ansätze zu bestätigen. Trotzdem geben die aktuellen Erkenntnisse Anlass zur Hoffnung, dass in Zukunft wirksamere Therapien zur Behandlung von neurodegenerativen Erkrankungen entwickelt werden können.
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