Einführung
Demenz ist eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Dr. Jürgen Herzog, ein erfahrener Neurologe, widmet sich der Erforschung und Behandlung dieser komplexen Erkrankung. Als Ärztlicher Direktor der Schön Klinik München Schwabing und Chefarzt der dortigen Demenz-Tagesklinik, setzt er sich für eine frühzeitige Diagnose und umfassende Betreuung von Demenzpatienten ein. Dieser Artikel beleuchtet seine Arbeit, seine Erkenntnisse und seine Perspektiven im Umgang mit Demenz.
Die Leidenschaft für die Neurologische Frührehabilitation
Dr. Herzog beschreibt die Neurologische Frührehabilitation als seine Leidenschaft, da sie wie kaum ein anderes Fachgebiet die Schnittstellen der Medizin verkörpert. Sie verbindet die Intensivmedizin mit den rehabilitativen Therapien, die Sozialmedizin mit der aktivierenden Pflege und berührt kontinuierlich internistische, infektiologische, notfallmedizinische und palliative Aspekte. Diese interdisziplinäre Herangehensweise ist entscheidend für eine umfassende Behandlung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen.
Frühe Symptome und Diagnose von Demenz
Im Interview mit FOCUS online schildert Dr. Herzog, dass Demenz oft mit kleinen Gedächtnislücken beginnt. Betroffene vergessen Alltagsdetails, haben Schwierigkeiten, sich in fremden Umgebungen zu orientieren, und ihre Sprache verarmt. Es ist wichtig, sich Sorgen zu machen, wenn diese Symptome rasch voranschreiten oder so stark werden, dass fremde Hilfe im Alltag benötigt wird. Eine frühe Diagnose ist entscheidend, um frühzeitig gegensteuern und Symptome mit medikamentösen und nicht-medikamentösen Maßnahmen verbessern zu können.
Präventive Maßnahmen und Lebensstil
Dr. Herzog betont die Bedeutung der Prävention von Demenz. Es gibt Faktoren, die eine schützende Rolle spielen können, wie die Minimierung von Demenz-Risikofaktoren. Dazu gehören Schwerhörigkeit, Übergewicht, Rauchen, Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, soziale Isolation, Diabetes und Bluthochdruck. Er empfiehlt, eine Altersschwerhörigkeit nicht nur aus Sicht des HNO-Arztes, sondern auch im Hinblick auf die Demenzprävention zu behandeln. Regelmäßige Bewegung, eine gesunde Ernährung und geistige Stimulation sind ebenfalls förderlich.
Die MIND-Diät
Obwohl es zur Ernährung derzeit widersprüchliche Daten gibt, hält Dr. Herzog die MIND-Diät für die meisten Menschen für sinnvoll. Diese fleischarme Ernährung mit viel Obst und Gemüse und reich an ungesättigten Fettsäuren hat einen positiven Effekt auf das Herz-Kreislauf-System. Da nicht nur das Gehirn im Fokus stehen sollte, sondern das gesamte Herz-Kreislauf-System, ist die MIND-Diät eine gute Wahl.
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Persönliche Strategien zur Demenzprävention
Dr. Herzog verrät, dass er selbst viel für seine allgemeine Gesundheit tut. Er vermeidet es, zu viel über Demenz nachzudenken, da etwa 60 Prozent der Faktoren genetisch bedingt sind. Er glaubt aber stark an regelmäßige Bewegung, vor allem Ausdauersport, und bemüht sich um geistige Stimulation durch seinen Beruf und breite Interessen. Er pflegt kulturelle Angebote, lernt Fremdsprachen, liest viel und umgibt sich mit jungen Menschen. Auch er versucht, sich gesund und ausgewogen zu ernähren, entsprechend der MIND-Ernährung.
Umgang mit der Diagnose Demenz
Für Angehörige ist die Diagnose oft ein Schock. Dr. Herzog rät, die Betroffenen so lange wie möglich auf Augenhöhe zu behandeln, sie nicht zu bevormunden oder ins Wort zu fallen. Angehörige sollten versuchen, die größtmögliche Flexibilität für das Verhalten und die spontanen Einfälle von Demenzpatienten aufzubringen. Es ist hilfreich, Dinge zu vertagen, zu verschieben oder es auch mal gut sein zu lassen.
Perspektivenwechsel
Dr. Herzog empfiehlt, sich in die Perspektive der Patienten mit einer völlig veränderten Wahrnehmung des eigenen Umfelds zu versetzen. Man kann es sich so vorstellen, wie wenn man nach 30 Jahren in einer völlig veränderten Welt wieder aufwacht. Es ist wichtig, nicht mit der klassischen verbalen Logik zu argumentieren, sondern zu verstehen, dass es für die Betroffenen sinnig ist.
Widerspruch und Grenzen setzen
Dr. Herzog rät, sich gut zu überlegen, wo und wann man widerspricht. Häufig streiten sich Angehörige mit Patienten um Belanglosigkeiten. Es ist wichtig, Grenzen zu setzen, wenn es herausforderndes Verhalten, kränkende oder verletzende Bemerkungen gibt. Dies dient sowohl der eigenen Psychohygiene als auch dem vernünftigen Umgang.
Umgang mit dem Nichterkennen
Wenn der eigene Partner einen nicht mehr erkennt, ist das schmerzhaft. Dr. Herzog betont, dass man es nicht zu persönlich nehmen sollte, da dies nicht konstant, sondern phasenweise auftritt. Man kann versuchen, sich erkenntlich zu machen, indem man das gewohnte Parfüm oder Aftershave von früher benutzt oder ein gemeinsames Lied singt oder pfeift.
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Hoffnungsvolle Medikamente und Therapien
Dr. Herzog berichtet über das Alzheimer-Medikament Lecanemab, das in den USA bereits zugelassen ist und hoffentlich bald auch auf den europäischen Markt kommt. Er hält relativ viel davon, weil es das erste Mittel ist, das tatsächlich einen krankheitsmodifizierenden Effekt hat. Obwohl es noch mit vielen Fragezeichen behaftet ist, gibt es Hoffnung, dass es einen gewissen Zugriff auf die Erkrankung gibt.
Sicherheitsaspekte und Nebenwirkungen
In den Zulassungsstudien sind Hirnödeme und Mikroblutungen als relevante Nebenwirkungen aufgefallen. Dieses Phänomen wird als "Amyloid-related imaging abnormalities" (ARIA) bezeichnet. Obwohl Ödeme und Mikroblutungen in den Zulassungsstudien in den meisten Fällen symptomarm verlaufen sind, muss man realistisch sagen, dass man noch nicht weiß, was das Medikament langfristig macht.
Geeignet für frühe Demenzstadien
Das Medikament ist nur für Patienten im frühen Demenzstadium geeignet. Es ist eine Abwägungssache, ob Patienten in einer Phase, in der sie noch ganz wenige Beschwerden haben, schon mit einem Medikament behandelt werden wollen, das auch Risiken birgt.
Die Zukunft der Demenzbehandlung
Dr. Herzog glaubt nicht, dass Demenz heilbar werden wird, da es eine viel zu komplexe systemische Erkrankung des gesamten Gehirns ist, deren Ursache tatsächlich in den Genen liegt. Er ist aber sehr zuversichtlich, was deutlich verbesserte Diagnostik und Behandlungsmöglichkeiten in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren angeht. Er hofft, dass Demenz zu einer Erkrankung gemacht werden kann, die deutlich an Schrecken verliert.
Der Weltalzheimertag und die Bedeutung des Redens
Am Weltalzheimertag steht das Motto „Demenz - wir müssen reden!“ im Vordergrund. Es fällt vielen Familienmitgliedern schwer, den Betroffenen auf merkliche Veränderungen seiner geistigen Leistungen anzusprechen, aus Sorge, ihn zu verletzen. Selbst einem Arzt gegenüber wird das Thema oft nur vorsichtig und verklemmt angesprochen. Der Erkrankte selbst verschließt häufig die Augen vor seiner zunehmenden Vergesslichkeit oder entwickelt Kompensationsmechanismen. Dabei ist es wichtig, frühzeitig mit Gedächtnistraining, Gesprächen und Aktivitätsprogrammen mitten im Leben zu beginnen, um das Fortschreiten der Erkrankung zumindest zu verzögern und die Lebensqualität zu erhalten.
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