Neurologische Erkrankungen bei Kameliden: Ein umfassender Überblick

In den letzten Jahren hat die Haltung von Neuweltkameliden, insbesondere Lamas und Alpakas, in Deutschland und Europa stetig zugenommen. Diese Tiere erfreuen sich sowohl in der Hobby- als auch in der kommerziellen Haltung wachsender Beliebtheit und werden in unterschiedlich großen Herden und verschiedenen Konstellationen gehalten, was zu vielfältigen Haltungs- und Nutzungsformen geführt hat. Neben der klassischen Wollgewinnung werden sie im Tourismus, bei Trekking-Touren, in der Landschaftspflege oder zur Zucht eingesetzt.

Einleitung

Neuweltkameliden sind von Natur aus „Fluchttiere“, was bedeutet, dass sie Krankheiten oft verbergen und neurologisch-klinische Symptome erst relativ spät zeigen. Daher muss bei ersten Anzeichen von Krankheit von einem fortgeschrittenen Stadium ausgegangen werden. Diese Tiere präsentieren sich oft mit einer vielseitigen klinischen Symptomatik, die in vielen Fällen als unspezifisch (Schwäche, Festliegen, Fressunlust, Tremor) zu bewerten ist. Dies erfordert eine umfassende differentialdiagnostische Abklärung.

Diagnostisches Vorgehen

Anamnese

Eine ausführliche Anamnese ist entscheidend für die ätiologische Abklärung neurologischer Symptome. Dabei ist besonders auf den Verlauf und das zeitliche Auftreten der klinischen Symptomatik zu achten. Plötzliches Auftreten bestimmter klinischer Veränderungen, die langsam abklingen, kann auf traumatische oder infektiöse Ursachen hinweisen. Umgekehrt deuten sich verschlimmernde neurologische Symptome oft auf neoplastische oder degenerative Prozesse hin. Die Kommunikation mit dem Tierhalter, der das Verhalten seiner Tiere in der Regel gut kennt, ist daher von großer Wichtigkeit.

Klinische Untersuchung

Die Basis für die Lokalisation einer Läsion im Zentralnervensystem (ZNS) ist eine allgemeine klinische Untersuchung, gefolgt von einem neurologischen Untersuchungsgang. Dieser wird in derselben Art und Weise wie bei anderen Tierarten durchgeführt. Zu berücksichtigen sind ein normales Abwehrverhalten bei Berührung, ein stoischer Charakter oder sehr gestresste, nervöse Tiere.

Beurteilt werden Verhalten, Bewusstsein, Körperhaltung, Gangbild und Muskeltonus. Häufige Veränderungen sind Kopf-Schiefhaltung, „Head Pressing“, Tremor, Krämpfe (tonisch/klonisch), Lähmungen (Parese, Paralyse), Ataxie, im Kreis gehen, Schwanken und Hypermetrie.

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Neurologische Untersuchung

Zusätzlich zur klinischen Untersuchung werden Haltungs- und Stellreaktionen, Hirnnerven (Kopfnerven) und die spinalen Reflexe überprüft. Schädel und Wirbelsäule werden palpiert sowie das Fress- bzw. Trinkverhalten, der Kot- und Harnabsatz beurteilt. Eine Zusammenfassung der erhobenen Befunde soll die Lokalisierung der Läsion im ZNS ermöglichen.

Hinsichtlich der Haltungs- und Stellreaktionen eignen sich besonders das „Kreuzen“ der Vorder- bzw. Hinterextremitäten oder das gezielte Überköten einer einzelnen Extremität, was eine bewusste Korrekturreaktion hervorrufen sollte.

Bei der Überprüfung der Spinalreflexe werden besonders an der Vorderextremität der Extensor-carpi-radialis-Reflex und der Trizepsreflex, an der Hinterextremität der Patellarsehnenreflex und der Achillessehnenreflex sowie der Perinealreflex als geeignet hinsichtlich Aussagekraft gesehen.

Die Überprüfung der Schmerzempfindung ist bei Neuweltkamelen aufgrund ihres besonderen Charakters als eher unzuverlässig einzustufen.

Weiterführende Diagnostik

In vielen Fällen sind weiterführende diagnostische Methoden notwendig, um zu einer ätiologischen Abklärung der Krankheitsursache zu kommen. Ziel ist es, zeitnah, praktikabel und risikoarm das passende Verfahren auszuwählen.

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Liquorgewinnung

Die Gewinnung von Liquor stellt eine wichtige Untersuchungsmethode dar, um vor allem entzündliche von nicht entzündlichen Erkrankungszuständen zu unterscheiden. Neben der makroskopischen Untersuchung des Liquors kann unterstützend dazu die Protein-, Glukose- und Natriumkonzentration bestimmt werden. Auch serologische Untersuchungen können durchgeführt werden.

Die Liquorgewinnung kann am stehenden Tier oder am in Brust-Bauchlage befindlichen Tier vorgenommen werden. Nach Rasur, Reinigung und Desinfektion erfolgt die Punktion mittels einer Spinalkanüle (etwa 18 - 20 G) im Foramen lumbosacrale.

Bildgebende Verfahren

Der Einsatz von Röntgenuntersuchung, Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) ermöglicht es, die Strukturen des ZNS näher zu untersuchen, wobei für die jeweilige Indikation das geeignete Verfahren auszuwählen ist. Für die CT- und MRT-Untersuchung muss das Tier in Narkose gelegt werden, eine Röntgenuntersuchung kann in Abhängigkeit der zu untersuchenden Strukturen in einigen Fällen auch ohne Sedierung bzw. Narkose des Tieres vorgenommen werden.

Blutuntersuchung

Die Bestimmung eines Blutbildes (weißes/rotes Blutbild), die Untersuchung des Säure-Basen-Haushaltes und die Bestimmung der Konzentration verschiedener Blutparameter dienen der ätiologischen Abklärung neurologischer Erkrankungen. Auch serologische Untersuchungen zur Abklärung infektiöser Ursachen können bei entsprechender Fragestellung aus dem Blut durchgeführt werden.

Verschiedene neurologische Erkrankungen

Bei der Abklärung zahlreicher Differenzialdiagnosen gilt es zu berücksichtigen, dass das ZNS das ursächlich betroffene Organ sein kann oder sich die neurologische Symptomatik erst in Folge einer anderen Primärerkrankung, wie z. B. bei vielen metabolischen Erkrankungen, entwickelt hat. Auch Erkrankungen des muskuloskelettalen Systems müssen als Krankheitsursache ausgeschlossen werden.

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Nicht infektiöse primäre Ursachen

Zu den nicht infektiösen primären Ursachen von ZNS-Erkrankungen zählen Traumata, degenerative Erkrankungen des ZNS, Neoplasien (z. B. Lymphom) sowie Missbildungen bzw. angeborene Erkrankungen (z. B. Hydrozephalus).

Traumatisch bedingte Luxationen und Subluxationen sind bei Crias im Alter von 2 - 6 Lebensmonaten als besonders häufig vorkommend beschrieben. Dabei ist oftmals die Halswirbelsäule betroffen und die klinische Symptomatik variiert in Abhängigkeit der betroffenen Lokalisation. So sind Ataxien, Festliegen, abnorme Kopf-Halshaltung, Paresen bzw. Paralysen der Hinter- und/oder Vorderextremitäten zu beobachten.

Metabolische Störungen

Metabolische Störungen können zur Ausbildung neurologischer Symptome führen. Zu diesen metabolischen Erkrankungen zählen die Hypo- und Hyperglykämie, die hepatische und urämische Enzephalopathie, die Hypomagnesiämie, Hypokalzämie und Hypernatriämie, die metabolische Azidose sowie der Vitamin-B1-Mangel und der Kupfermangel.

Hyperglykämie und hyperosmolare Dehydratation

Neugeborene bzw. Fohlen mit Trinkschwäche bzw. generell Tiere mit einer massiven Hyperglykämie, sind dem Risiko ausgesetzt, eine hyperosmolare Dehydratation zu entwickeln, auch bekannt als das „hyperosmolare Syndrom“. Die Tiere zeigen klinisch im fortgeschrittenen Stadium Ataxie, Schwäche, Opisthotonus, Tremor und Krämpfe bis hin zum Festliegen.

Vitaminmangel und Polioenzephalomalazie

Eine Polioenzephalomalazie entsteht bei Neuweltkamelen aus unterschiedlichen Ursachen, dazu zählt der von Wiederkäuern bekannte Vitamin-B1-Mangel, der bei Neuweltkamelen beispielsweise bei nicht fachgerechtem Futterwechsel beobachtet wird oder auch in Kombination mit einer C1-Azidose auftreten kann. Als klinische Leitsymptome sind zentrale Blindheit, Opisthotonus und Festliegen zu beobachten. Als weitere Ursache für die Entstehung einer Polioenzephalomalazie ist die Empfindlichkeit dieser Tiere gegenüber Hyperinfusionen bei gleichzeitigem Vorliegen einer Hypoproteinämie sowie Hyperglykämie zu nennen.

Infektiöse Ursachen

Infektiöse Ursachen spielen eine bedeutende Rolle bei neurologischen Erkrankungen. Dabei spielen vorrangig Bakterien eine bedeutende Rolle, aber auch virale, parasitäre sowie pilzbedingte Ursachen sind für das Entstehen einer Meningoenzephalitis bzw. Enzephalomyelitis verantwortlich.

Bakterien

Eine bakteriell bedingte Meningitis/Meningoenzephalitis entwickelt sich häufig in Zusammenhang mit einer Neugeborenensepsis. Klinische Symptome, die dabei auftreten können, sind Schwäche, Trinkunlust, Festliegen, Tremor und Krämpfe.

Auch bei adulten Tieren mit Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes kann es aufgrund bestehender Schleimhautschäden zu einer Bakteriämie und in Folge zu entzündlichen Veränderungen des ZNS kommen, wobei hier Endoparasitosen und Magenulzera im Vordergrund stehen. Bakteriell bedingte Erkrankungen des ZNS zeigen im Liquor meist eine neutrophile Pleiozytose sowie einen erhöhten Proteingehalt.

Das Vorkommen einer Listerieninfektion (Listeria monocytogenes) wird bei Neuweltkameliden als selten eingestuft und löst bei dieser Tierart Aborte, Septikämien und Meningoenzephalitiden aus. Die Listerieninfektion und eine sich daraus entwickelnde Meningoenzephalitis ist bei Jungtieren bzw. Crias mit mangelnder Kolostrumaufnahme bzw. in Zusammenhang mit einer Nabelinfektion oder auch Otitis media/interna beschrieben, sie tritt aber auch bei adulten Tieren auf. Als klinische Symptome treten vor allem Festliegen, Krämpfe sowie im Kreis gehen in den Vordergrund. Im Liquor ist vor allem zusätzlich zu einem erhöhten Proteingehalt der Gehalt an mononukleären Zellen erhöht.

Otitis

Eine Otitis media oder interna äußert sich bei Neuweltkameliden meist auch mit neurologischen Symptomen. Oftmals ist dabei der Vestibularapparat betroffen, was klinisch zu einer Fazialislähmung oder Kopf-Schiefhaltung führen kann. Ursachen für eine Otitis media/interna sind häufig bakterieller Natur, wobei eine Infektion über den äußeren Gehörgang oder aber über die Eustachische Röhre erfolgen kann. Eine gute diagnostische Abklärung bietet hier der Einsatz eines CT, wodurch die Innenohrstrukturen (v. a. Bulla tympanica) optimal dargestellt werden können.

Viren

Unter den viral bedingten Enzephalopathien kommt derzeit unter den Neuweltkamelen dem Borna Disease Virus 1 (BoDV-1) die größte Bedeutung zu. Das BoDV-1 ist gegenwärtig endemisch in bestimmten Regionen der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein und Österreich. Der letzte größere Ausbruch betraf mehrere Alpakas in einer Region Ostdeutschlands, die klinisch eine Verhaltensänderung, Ataxien, Kreisbewegungen Opisthotonus, Krämpfe oder Tremor zeigten. Eine in Österreich durchgeführte Seroprävalenzstudie verdeutlichte den stattfindenden Kontakt der Neuweltkameliden mit dem BoDV-1.

Die Bedeutung des Wohlbefindens für die Gesundheit

Das Wohlbefinden von Alpakas hängt von verschiedenen Faktoren ab, die in den "5 Freiheiten" definiert werden:

  1. Freiheit von Hunger und Durst
  2. Freiheit von Unbehagen
  3. Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit
  4. Freiheit von Angst und Stress
  5. Freiheit, natürliches Verhalten auszuleben

Einschränkungen dieser Freiheiten, wie Futterentzug oder Krankheit, beeinträchtigen das Wohlbefinden der Tiere erheblich. Die Kenntnis über die Verhaltensweisen der Tiere ist eine weitere wichtige Komponente für das Wohlbefinden von Alpakas und eine stressarme Haltung. Halter sollten sich umfassend zu agonistischen und affiliativen Verhaltensweisen informieren und eine positive Mensch-Tier-Beziehung durch sanften Umgang oder spezielle Trainings fördern.

Therapie und Management

Die Therapie neurologischer Erkrankungen bei Kameliden richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bakterielle Infektionen erfordern eine antibiotische Behandlung, während metabolische Störungen eine Korrektur der entsprechenden Parameter erfordern. In einigen Fällen kann eine symptomatische Behandlung zur Linderung der Beschwerden erforderlich sein.

Das Management spielt eine entscheidende Rolle bei der Prävention neurologischer Erkrankungen. Dazu gehören eine artgerechte Haltung mit ausreichend Platz und Sozialkontakt, eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige tierärztliche Kontrollen. Stressfaktoren sollten minimiert werden, und eine gute Mensch-Tier-Beziehung ist von Vorteil.

Fazit

Neurologische Erkrankungen bei Kameliden können vielfältige Ursachen haben und stellen eine diagnostische Herausforderung dar. Eine umfassende Anamnese, klinische und neurologische Untersuchung sowie weiterführende Diagnostik sind entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung. Die Prävention durch artgerechte Haltung und ein gutes Management spielt eine wichtige Rolle für die Gesundheit und das Wohlbefinden dieser Tiere.

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