Karl Popper: Kritik an "Das Ich und sein Gehirn" und die Suche nach dem Bewusstsein

Die Frage nach dem Bewusstsein, seiner Natur und seinem Ursprung, beschäftigt die Menschheit seit jeher. In der modernen Wissenschaft, insbesondere in der Hirnforschung, wird zunehmend versucht, dieses Phänomen auf neuronaler Ebene zu verstehen. Das Buch "Das Ich und sein Gehirn" von Karl Popper und John Eccles, veröffentlicht im Jahr 1977, stellt einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte dar, der jedoch auch Kritik hervorgerufen hat.

Neuronale Korrelate des Bewusstseins

Hirnforscher suchen nach neuronalen Korrelaten des Bewusstseins (NCC), also nach spezifischen neuronalen Aktivitäten, die mit bewussten Erfahrungen einhergehen. Francis Crick und Christof Koch prägten diesen Begriff und betonten, dass Bewusstsein auf biologischer Basis stattfindet. Gerald Edelman und Giulio Tononi verfolgen einen systemischen Ansatz, der Information in Neuronenverbänden zirkulieren lässt. Stanislas Dehaene entwickelte das Konzept eines globalen Arbeitsraums, das er in einem Computermodell umsetzte.

Die Erforschung des Bewusstseins ist komplex und viele Fragen sind noch offen. Die Reduktion des Geistigen auf das Biologische und Materielle wird von einigen kritisiert, da sie dem Menschen das Besondere nehme. Einige Forscher halten sogar das Ich für eine Fiktion.

Die Rolle der Umwelt

Thomas Fuchs argumentiert, dass das Gehirn ohne seine Beziehung zur Umwelt, insbesondere zu Mitmenschen, kein Bewusstsein bilden kann. Das Gehirn sei demnach ein Beziehungsorgan. Diese Ansicht wird durch Fälle wie Kaspar Hauser gestützt, die zeigen, dass menschliche Entwicklung qualitativ hochwertige Interaktion erfordert.

Die Biologie allein erklärt nicht alles, aber ohne Biologie gäbe es nichts zu erklären.

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Zeitliche Verzögerung und neuronale Flexibilität

Benjamin Libet entdeckte, dass das Bewusstsein sensorische Informationen stets mit einer Verzögerung von etwa 0,5 Sekunden wahrnimmt. Das Gehirn datiert diese Sinneserfahrungen zurück, sodass wir subjektiv den Eindruck haben, Reize gleichzeitig mit ihrer Auslösung wahrzunehmen.

Dualismus vs. Monismus

Lange Zeit wurde Geist und Materie als zwei unterschiedliche Entitäten betrachtet, wie René Descartes' Dualismus von res extensa (Körper) und res cogitans (Geist) verdeutlicht. Heute gehen die meisten Forscher jedoch von einer biologischen Basis des Bewusstseins aus. Fallen bestimmte Gehirnbereiche aus, verliert der Mensch sein Bewusstsein.

Trotzdem bleibt die Frage, wie das Gehirn komplexe Phänomene wie Bewusstsein hervorbringt, weiterhin ein Rätsel.

Popper und Eccles: Ein dualistischer Ansatz

John C. Eccles, Nobelpreisträger für seine Forschung zur Erregungsleitung an der Synapse, vertrat gemeinsam mit dem Philosophen Karl Popper eine dualistische Position. In ihrem Buch "Das Ich und sein Gehirn" (1977) postulierten sie, dass es in der linken Hirnhälfte eine Region gibt, die eine Interaktion zwischen der materiellen Welt ("Welt 1") und der geistigen Welt ("Welt 2") ermöglicht.

Popper entwickelte eine 3-Welten-Theorie, die neben der physischen Welt (Welt 1) auch psychische Prozesse (Welt 2) und gedankliche Inhalte (Welt 3) als eigene Bereiche der Realität anerkennt.

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Kritik am Dualismus

Poppers und Eccles' dualistische Position stieß auf Kritik. Viele Hirnforscher lehnen die Vorstellung ab, dass das "Selbst" aktiv in die Funktionsweise des Gehirns eingreift. Die Natur dieser Wechselwirkung blieb rätselhaft, was das Konzept einer naturwissenschaftlich begründbaren dualistischen Weltanschauung in Frage stellt.

Gerhard Roth argumentiert, dass das Gehirn die Wirklichkeit konstruiert, zu der auch das Gehirn selbst gehört. Er betont, dass die bewusste Welt des Geistes kein bloßer Effekt der Hirntätigkeit ist.

Das schwierige Problem des Bewusstseins

David Chalmers unterscheidet zwischen einfachen und schwierigen Problemen des Bewusstseins. Zu den einfachen Problemen gehören Denken, Lernen und Erinnern, die physiologisch teilweise verstanden sind. Das schwierige Problem betrifft die subjektive Erfahrung, wie sich beispielsweise das Rot einer Rose anfühlt.

Ein weiteres Problem ist die Frage, wie die verschiedenen Verarbeitungsschritte im Gehirn wieder zusammenfinden, um eine einheitliche Wahrnehmung zu erzeugen. Wolf Singer vermutet, dass die synchrone Entladung von Nervenzellen im 40-Hertz-Bereich diese Bindung ermöglicht.

Systemische Theorien und neuronale Korrelate

Gerald Edelman und Giulio Tononi entwickelten eine systemische Theorie, die besagt, dass sich Bewusstsein durch die Integration von Information in neuronalen Clustern entwickelt. Francis Crick und Christof Koch suchten nach den neuronalen Korrelaten des Bewusstseins (NCC). Crick vermutete das Claustrum als Sitz des Bewusstseins, eine flache Neuronenschicht zwischen den Basalganglien und dem Cortex.

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Der globale Arbeitsraum

Bernhard Baars entwickelte das Konzept des "global workspace", einem Arbeitsplatz für das Bewusstsein, in dem aktuelle Informationen aktiv sind und subjektiv erlebt werden. Stanislas Dehaene, Jean-Pierre Changeux und Kollegen entwickelten ein Computermodell des global workspace, das die Aktivität einzelner Neurone, Verbindungen zwischen Thalamus und Cortex sowie ein Netzwerk weit entfernter Strukturen abbildet.

Neuro-Bashing und die Grenzen der Hirnforschung

Die neurowissenschaftliche Forschung zum Bewusstsein ist Ziel von Kritik, dem sogenannten Neuro-Bashing. Kritiker bemängeln die Beschränktheit der Methoden und konzeptionellen Ansätze. Bislang sind die Neurowissenschaftler bei der Suche nach dem Bewusstsein im Gehirn nicht wirklich weit gekommen.

Es ist jedoch zu vermuten, dass die Hirnforschung in Zukunft weitere Fortschritte erzielen wird.

Poppers Erkenntnistheorie und der kritische Rationalismus

Karl Popper war ein einflussreicher Philosoph, der den kritischen Rationalismus begründete. Dieser betont die zentrale Rolle der Kritik für den wissenschaftlichen und sozialen Fortschritt. Poppers Wissenschaftstheorie basiert auf dem Prinzip der Falsifikation, das besagt, dass wissenschaftliche Theorien widerlegbar sein müssen.

Popper verteidigte die Demokratie und kritisierte den Historizismus, Utopismus und Holismus. Er setzte sich für eine rationale Diskussion metaphysischer Fragen ein und entwickelte eine 3-Welten-Theorie.

Anwendung des kritischen Rationalismus

Poppers kritischer Rationalismus kann auf verschiedene Bereiche angewendet werden, darunter das Management. Er betont die Bedeutung von Versuch und Irrtum, die Notwendigkeit, Theorien kritisch zu prüfen, und die Ablehnung von Dogmatismus und Relativismus. Popper plädiert für eine Fehlerkultur, die Lernen, Anpassen und Innovieren ermöglicht.

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