Viele Eltern kennen das Gefühl, am Ende ihrer Kräfte zu sein. Die Kinder scheinen keine Grenzen zu kennen, und die Eltern wissen nicht mehr, wie sie den Nachwuchs bändigen sollen. Familienberatungsstellen sind überlastet, und der Markt für Erziehungsratgeber boomt. Doch woran liegt es, dass so viele Eltern an der Erziehung ihrer Kinder verzweifeln? Und was können sie dagegen tun?
Ursachenforschung: Warum "Tyrannenkinder" entstehen
Ein Hauptgrund für die Zunahme von "Tyrannenkinder" liegt im Versagen der Eltern, die sich vor Führung und Verantwortung drücken. Statt Leitwölfe zu sein, wollen sie Kumpel sein, was jedoch nicht den Bedürfnissen der Kinder entspricht. Kinder brauchen klare Ansagen und Grenzen, um sich sicher und geborgen zu fühlen.
Die Wiener Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger sieht eine dramatische Zunahme von Verhaltensstörungen, Lustlosigkeit und Leistungsverweigerung. Sie warnt vor einer Generation von Narzissten, die ohne Zucht und Ordnung aufwachsen und nicht in der Lage sein werden, die Probleme der Zukunft zu lösen.
Eltern geben oft jedem Konsumwunsch nach und überschütten ihre Kinder mit teurem Spielzeug, wodurch sie zu Materialisten erzogen werden. Gleichzeitig setzen sie zu wenig Grenzen, sodass die Kinder nicht lernen, sich zu beschränken und sich an die Bedürfnisse anderer anzupassen. Die moderne Familie kreist oft um das Kind, das sich ungehemmt entfalten soll.
Der veränderte Erziehungsvertrag
Der Erziehungsvertrag hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Eltern wollen es anders machen als frühere Generationen und setzen auf Verständnis und Demokratie. Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gelten als wichtige Erziehungsziele, während die Fähigkeit, sich in eine bestimmte Ordnung einzufügen, in den Hintergrund tritt.
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Diese Entwicklung hat jedoch eine Kehrseite: Kinder werden selbstbewusster, Lehrer und Erzieher stoßen auf starke Persönlichkeiten, und Eltern haben es schwerer, sich durchzusetzen. Die Angst, durch Grenzensetzen zu schaden, führt dazu, dass viele Eltern es gar nicht erst versuchen.
Überbehütung und späte Elternschaft
Manchmal ist es auch übertriebene Sorge, die die Erziehung erschwert, insbesondere bei Eltern, die erst spät ein Kind bekommen haben. Die Furcht, dass etwas schiefgehen könnte, ist größer als die Freude, was zu einem krampfhaften Umgang mit dem Kind führt. Eltern räumen jedem Hindernis aus dem Weg und geraten in Panik, wenn das Kind Risiken eingehen möchte.
Was bei "Tyrannenkindern" schiefläuft
"Tyrannenkinder" werden oft verwöhnt und bekommen alles, was sie wollen. Sie lernen, dass sie ihre Eltern nur lange genug terrorisieren müssen, bis sie ihren Willen durchsetzen. Dieses Verhalten ist oft eine Antwort auf die Vorstellung der Eltern von einer schönen Kindheit und ihre falsch verstandene Liebe.
Lösungsansätze: Wege aus der Krise
Um aus dieser Entwicklung herauszufinden, müssen Eltern wieder mehr Verantwortung übernehmen und ihren Kindern klare Grenzen setzen. Neinsagen ist ein Liebesdienst, der den Kindern die Möglichkeit gibt, Empathie zu entwickeln und die Grenzen des Gegenübers zu akzeptieren.
Konsequenz und Berechenbarkeit
Eltern sollten berechenbar sein und Ja sagen, wenn sie Ja meinen, und Nein, wenn sie Nein meinen. Dies ist wichtiger, als es dem Kind immer recht zu machen. Kinder brauchen Strukturen und Regeln, um sich sicher zu fühlen. Je klarer die Strukturen am Morgen sind, desto geringer ist die Gefahr von Konflikten.
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Authentizität und Selbstfürsorge
Eltern sollten authentisch sein und auf sich selbst achten. Nur dann haben sie die Kraft für eine besonnene Erziehung. Es ist wichtig, über Probleme zu reden, ohne zu manipulieren, und klar zu sagen, was man will und warum.
Die Rolle der Wut verstehen
Wenn Kinder wütend sind, sollten Eltern versuchen, die Funktion der Wut zu verstehen. Manchmal steckt Frustration dahinter, weil das Kind sich übergangen fühlt. Eltern sollten bewusster mit ihren Kindern reden und ihnen zeigen, dass sie ernst genommen werden.
Leitwölfe statt Kumpel
Eltern müssen Leitwölfe sein und Entscheidungen für ihre Kinder treffen, die noch nicht den Überblick besitzen. Sie müssen ihren Kindern Kompetenzen vorleben und ihnen helfen, sich in der Welt zurechtzufinden.
Frühzeitige Hilfe suchen
Wenn Eltern das Gefühl haben, überfordert zu sein, sollten sie sich nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Familienberatungsstellen und Kinderpsychologen können wertvolle Unterstützung bieten.
Hochsensibilität bei Kindern
Ein weiterer Aspekt, der bei der Erziehung berücksichtigt werden sollte, ist die Hochsensibilität mancher Kinder. Hochsensible Kinder nehmen ihre Umwelt intensiver wahr und reagieren stärker auf Reize. Sie sind oft schnell überfordert und brauchen mehr Ruhepausen.
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Umgang mit hochsensiblen Kindern
Eltern von hochsensiblen Kindern sollten auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen und ihm Strategien entwickeln, die sein Leben erleichtern. Rituale und Regeln im Alltag sind eine wertvolle Stütze, da sie den Kindern Sicherheit geben und ihnen helfen, eine für sie oft chaotische Welt zu ordnen.
Stärken stärken, Schwächen akzeptieren
Es ist wichtig, den positiven Blick auf das Kind zu behalten und seine Stärken zu loben, anstatt ständig über Probleme zu sprechen. So wird dem Kind gezeigt, dass es wertgeschätzt und akzeptiert wird.
Entwicklungstrauma: Ursachen und Folgen
Ein Entwicklungstrauma entsteht durch negative Erfahrungen in der frühen Kindheit, die das Selbstwertgefühl und die Einstellung zum Leben beeinträchtigen können. Auch kleine Vorkommnisse im zwischenmenschlichen Bereich können ein Entwicklungstrauma auslösen.
Mögliche Gründe für ein Entwicklungstrauma
- Komplizierte Schwangerschaft der Mutter
- Schwierige Geburtsverläufe
- Frühe Trennungserfahrungen von den Eltern
- Emotionale Vernachlässigung
- Dysfunktionale Familienverhältnisse
- Psychisch kranke Eltern
- Geburt von Geschwistern in der frühen Entwicklungsphase
Symptome und Anzeichen
Die Anzeichen eines Entwicklungstraumas sind vielfältig und können sich in einem geringen Selbstwertgefühl, Schuld- und Schamgefühlen, Depressionen und Ängsten äußern.
Therapie
Entwicklungstraumata benötigen spezielle Traumatherapien, wie z.B. traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie, EMDR-Therapie oder Schematherapie.
Wenn die Nerven blank liegen: Praktische Tipps für den Alltag
Auch wenn die Ursachenforschung wichtig ist, brauchen Eltern im Alltag oft schnelle Hilfe, wenn die Nerven blank liegen.
Sofortmaßnahmen
- Tief durchatmen: Vier Mal tief ein- und ausatmen beruhigt das Nervensystem.
- Situation neu bewerten: Ist die Situation wirklich lebensgefährlich oder nur unangenehm?
- Code-Wort nutzen: Ein persönliches Code-Wort, das mit positiven Erinnerungen verbunden ist, kann helfen, sich zu beruhigen.
Langfristige Strategien
- Energiehaushalt im Blick behalten: Stress reduzieren und für ausreichend Entspannung sorgen.
- Eigene Bedürfnisse ernst nehmen: Zeit für sich selbst einplanen und Hobbys pflegen.
- Unterstützung suchen: Hilfe von Familie, Freunden oder professionellen Beratern annehmen.
Fazit: Ein liebevoller Weg mit klaren Grenzen
Die Erziehung von Kindern ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viele Eltern an ihre Grenzen bringt. Es ist wichtig, die Ursachen für schwieriges Verhalten zu verstehen und gleichzeitig praktische Lösungsansätze zu entwickeln, die im Alltag umsetzbar sind.
Eltern sollten ihren Kindern mit Liebe und Respekt begegnen, aber auch klare Grenzen setzen und Verantwortung übernehmen. Nur so können Kinder zu selbstbewussten und sozial kompetenten Menschen heranwachsen. Und nur so können Eltern ihre Nerven behalten und die Freude am Familienleben genießen.
Gastbeitrag: Dein Kind nervt dich regelmäßig? Das hat mehr mit deinem Nervensystem zu tun als du vermutest.
Oft geben Eltern ihren Kindern die Schuld, wenn sie nerven. Doch das Problem liegt oft tiefer: im Nervensystem der Eltern.
Das Nervensystem als Schaltzentrale
Unser Gehirn und Nervensystem sind wie eine Schaltzentrale, die unseren Energiehaushalt reguliert. Sind wir gestresst, ist unser Nervensystem in Alarmbereitschaft.
Kommunizierende Nervensysteme
Das Nervensystem von Eltern und Kind kommuniziert miteinander. Wenn Eltern gestresst sind, spüren das die Kinder und spiegeln den Stress möglicherweise wider.
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