Epilepsie ist eine relativ häufige neurologische Erkrankung, von der bis zu 1 % der Bevölkerung betroffen ist. In etwa zwei Drittel der Fälle manifestiert sich die Erkrankung bereits im Kindesalter. Die Behandlung von Epilepsie bei Kindern erfordert einen sorgfältigen Ansatz, der darauf abzielt, Anfälle zu kontrollieren und gleichzeitig eine normale Entwicklung des kindlichen Gehirns zu fördern. Levetiracetam (Keppra®) hat sich als eine wichtige Option in der Behandlung von Epilepsie bei Kindern etabliert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Anwendung von Levetiracetam bei Kindern mit Epilepsie.
Was ist Levetiracetam?
Levetiracetam ist ein Antiepileptikum, das zur Behandlung verschiedener Formen von Krampfanfällen eingesetzt wird. Es gehört zu den wichtigsten Mitteln gegen Krampfleiden, da es die Gefahr eines epileptischen Anfalls senkt. Es ist ein Pyrrolidin-Derivat und wurde ursprünglich aus dem älteren Wirkstoff Piracetam entwickelt, der zur Behandlung von Demenz eingesetzt wird. Durch geringfügige Änderungen der chemischen Struktur wurde entdeckt, dass Levetiracetam eine antiepileptische Wirkung besitzt. Im Jahr 2000 wurde es in der EU zur Behandlung von Anfallsleiden zugelassen.
Wie wirkt Levetiracetam?
Der Wirkmechanismus von Levetiracetam ist noch nicht vollständig geklärt, unterscheidet sich aber von dem anderer Antiepileptika. Es wird angenommen, dass es hauptsächlich durch die Verringerung der Menge bestimmter Botenstoffe des Nervensystems (Neurotransmitter) wirkt.
Levetiracetam bindet an ein Membranprotein synaptischer Vesikel, das SV2A-Protein (synaptic vesicle protein SV2A). SV2A spielt eine Rolle bei der Freisetzung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt, insbesondere bei der Fusion der Vesikel- mit der präsynaptischen Membran. Darüber hinaus beeinflusst Levetiracetam den Calciumspiegel in den Nervenzellen verschiedener Hirnareale, wodurch die neuronale Erregung gesenkt wird.
Anwendungsgebiete von Levetiracetam bei Kindern
Levetiracetam wird bei Kindern zur Behandlung verschiedener Formen von Krampfanfällen eingesetzt, darunter:
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- Fokale Anfälle: Diese Anfälle sind auf eine bestimmte Region des Gehirns begrenzt und können mit oder ohne sekundäre Generalisierung auftreten (Ausbreitung auf beide Gehirnhälften). Levetiracetam kann hier entweder allein (als Monotherapie) oder als Zusatztherapie zu anderen Medikamenten eingesetzt werden.
- Myoklonische Anfälle: Dies sind Anfälle mit plötzlichen, einschießenden Zuckungen der Muskulatur. Levetiracetam wird hier als Zusatztherapie eingesetzt.
- Tonisch-klonische Anfälle: Diese Anfälle beginnen mit einer plötzlichen Steifheit des Körpers, gefolgt von krampfartigen Zuckungen. Auch hier dient Levetiracetam als Zusatztherapie.
Im August 2005 wurde die europäische Zulassung erweitert, sodass Levetiracetam nun auch für Kinder ab 4 Jahren mit partiellen Anfällen als Zusatztherapie zur Verfügung steht.
Wie wird Levetiracetam angewendet?
Levetiracetam ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, darunter:
- Filmtabletten (250, 500, 750, 1000 mg)
- Lösung zum Einnehmen (100 mg/mL)
- Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung (100 mg/mL)
Die Filmtabletten sollten mit ausreichend Flüssigkeit eingenommen und als Ganzes geschluckt werden. Die Einnahme kann unabhängig von den Mahlzeiten erfolgen. Für Patienten, die die Tabletten nicht als Ganzes schlucken können oder für die die passende Dosis nicht mit ganzen Tabletten zusammengestellt werden kann, ist die Lösung zum Einnehmen geeignet. Nach der oralen Einnahme kann ein bitterer Geschmack wahrnehmbar sein.
Die Dosierung von Levetiracetam wird individuell vom Arzt festgelegt und hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Alter, dem Gewicht, der Nierenfunktion und der Art der Anfälle. Bei Kindern im Alter von 4 Jahren und älter wird die Dosis in der Regel zwischen 0,1 ml (10 mg) und 0,3 ml (30 mg) pro kg Körpergewicht des Kindes zweimal täglich aufgeteilt.
Levetiracetam-ratiopharm® muss zweimal täglich eingenommen werden, einmal morgens und einmal abends, jeden Tag ungefähr zur gleichen Uhrzeit.
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Anwendung der Lösung zum Einnehmen
- Messen Sie die entsprechende Dosierung mit der 10 ml-Spritze ab, die der Packung beiliegt.
- Die Lösung kann in einem Glas Wasser verdünnt oder direkt aus der Applikationsspritze eingenommen werden.
- Levetiracetam-ratiopharm® kann unabhängig von einer Mahlzeit eingenommen werden.
- Nach der oralen Einnahme kann Levetiracetam einen bitteren Geschmack hinterlassen.
Öffnen der Flasche und Vorbereitung der Spritze
- Drücken Sie auf den Schraubverschluss und drehen Sie ihn gegen den Uhrzeigersinn.
- Halten Sie die Flasche aufrecht auf einem Tisch.
- Drücken Sie den Plastikadapter so weit Sie können fest in die Öffnung der Flasche.
- Nehmen Sie die Applikationsspritze und stecken Sie sie in die Öffnung des Adapters. Dazu muss der Spritzenkolben vollständig in die Applikationsspritze gedrückt sein.
- Halten Sie die Flasche und die Applikationsspritze zum Einnehmen sicher fest. Dann drehen Sie die Flasche und Spritze auf den Kopf.
- Füllen Sie die Applikationsspritze mit dem Arzneimittel, indem Sie den Spritzenkolben bis zu der Markierung ziehen, die der vom Arzt verordneten Dosis in Millilitern (ml) entspricht. Sie können die entsprechenden Milliliter am Beginn des dickeren Teils des Spritzenkolbens ablesen.
- Sollten sich Luftblasen in der Applikationsspritze befinden, drücken Sie den Spritzenkolben wieder in die Applikationsspritze und füllen die Applikationsspritze nochmals etwas langsamer.
- Drehen Sie die Flasche und die gefüllte Applikationsspritze zurück in die Ausgangsposition.
- Ziehen Sie die gefüllte Applikationsspritze aus der Flasche.
Einnahme der Lösung
- Die Arzneimitteldosis kann direkt aus der Applikationsspritze eingenommen werden. Der Patient sollte dabei aufrecht sitzen und der Spritzenkolben sollte so langsam in die Applikationsspritze gedrückt werden, dass der Patient dabei gut schlucken kann.
- Oder Sie entleeren den Inhalt der Applikationsspritze in ein Glas Wasser, indem Sie den Spritzenkolben in die Applikationsspritze drücken.
- Trinken Sie das Glas vollständig aus.
- Verschließen Sie die Flasche mit dem Plastikschraubverschluss nach jedem Gebrauch.
- Spülen Sie die Dosierpipette mit klarem Wasser, indem sie die Applikationsspritze wiederholt füllen.
Wichtige Hinweise zur Anwendung
- Levetiracetam ist zur Langzeitbehandlung vorgesehen. Die Einnahme sollte so lange erfolgen, wie der Arzt es verordnet hat.
- Bei einer zu hohen Dosis können Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Ruhelosigkeit, Aggression, Verringerung der Aufmerksamkeit, Hemmung der Atmung und Koma auftreten. In diesem Fall sollte umgehend ein Arzt benachrichtigt werden.
- Wenn eine oder mehrere Einnahmen vergessen wurden, sollte keine doppelte Dosis eingenommen werden, um eine vergessene Dosis nachzuholen.
- Bei Beendigung der Behandlung sollte Levetiracetam schrittweise abgesetzt werden, um eine Erhöhung der Anfallshäufigkeit zu vermeiden.
Nebenwirkungen von Levetiracetam
Levetiracetam gilt allgemein als gut verträglich, aber wie alle Medikamente kann es Nebenwirkungen verursachen.
Sehr häufige Nebenwirkungen (bei mehr als 10 % der Behandelten):
- Nasopharyngitis
- Kopfschmerzen
- Schläfrigkeit (Somnolenz)
Häufige Nebenwirkungen (bei 1 bis 10 % der Behandelten):
- Anorexie (Risiko einer Anorexie höher, wenn Levetiracetam zusammen mit Topiramat verabreicht wird)
- Depression
- Feindseligkeit/Aggression
- Angst
- Schlaflosigkeit (Insomnie)
- Nervosität/Reizbarkeit
- Krampfanfälle (Konvulsion)
- Schwindel
- Gleichgewichtsstörungen
- Lethargie
- Tremor
- Drehschwindel
- Husten
- Abdominalschmerzen
- Diarrhö
- Dyspepsie
- Nausea
- Erbrechen
- Hautausschlag (Rash)
- Asthenie/Müdigkeit
Gelegentliche Nebenwirkungen (bei 0,1 bis 1 % der Behandelten):
- Thrombozytopenie
- Leukopenie
- Gewichtsverlust
- Gewichtszunahme
- Suizidversuch
- Suizidale Gedanken
- Psychotische Störungen
- Abnormales Verhalten
- Halluzinationen
- Wut
- Konfusion
- Panikattacke
- Emotionale Labilität/Stimmungsschwankungen
- Agitiertheit
- Amnesie
- Beeinträchtigung des Gedächtnisses
- Koordinationsstörungen/Ataxie
- Parästhesie
- Aufmerksamkeitsstörungen
- Doppeltsehen (Diplopie)
- Verschwommenes Sehen
- Anormaler Leberfunktionstest
- Haarausfall (Alopezie)
- Ekzem
- Juckreiz
- Muskelschwäche
- Muskelschmerzen (Myalgie)
- Verletzung
Seltene Nebenwirkungen (bei weniger als 0,1 % der Behandelten):
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- Infektion
- Panzytopenie
- Neutropenie
- Agranulozytose
- Multiorgan-Überempfindlichkeitsreaktionen (DRESS)
- Überempfindlichkeit (einschl. Angioödem und Anaphylaxie)
- Hyponatriämie
- Suizid
- Persönlichkeitsstörungen
- Abnormales Denken
- Delirium
- Choreoathetose
- Dyskinesie
- Hyperkinesie
- Gangstörungen
- Enzephalopathie
- Verschlechterung von Anfällen
- Malignes neuroleptisches Syndrom
- Verlängertes QT-Intervall im Elektrokardiogramm
- Pankreatitis
- Leberversagen
- Hepatitis
- Akute Nierenschädigung
- TEN
- SJS
- Erythema multiforme
- Rhabdomyolyse
- Erhöhte Kreatinphosphokinase im Blut
Wichtige Hinweise zur Einnahme von Levetiracetam
Gegenanzeigen
Levetiracetam darf nicht bei bekannter Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff angewendet werden.
Wechselwirkungen
Bei gleichzeitiger Anwendung von Levetiracetam und Methotrexat kann sich die Methotrexat-Clearance verringern, was zu erhöhten Methotrexatkonzentrationen im Blut führen kann.
Verkehrstüchtigkeit und Bedienen von Maschinen
Levetiracetam kann das Reaktionsvermögen beeinträchtigen, insbesondere zu Beginn der Behandlung. Daher sollte auf die individuelle Verträglichkeit geachtet werden. Gemeinsam mit dem Arzt sollte entschieden werden, ob die Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen schwerer Maschinen gefahrlos möglich ist.
Altersbeschränkungen
Levetiracetam kann als Monotherapie bei Jugendlichen ab 16 Jahren angewendet werden. In Form einer Kombinationstherapie darf es bereits ab einem Alter von 12 Jahren (tonisch-klonische und myoklonische Anfälle) oder schon ab dem ersten Lebensmonat (fokale Anfälle) eingesetzt werden. Bei Säuglingen und Kleinkindern wird die Dosierung in Anpassung an das Körpergewicht und die Nierenfunktion reduziert.
Schwangerschaft und Stillzeit
Levetiracetam kann auch in der Schwangerschaft eingesetzt werden und gilt neben Lamotrigin als Antiepileptikum der Wahl. Bisher wurde keine fruchtschädigende Wirkung festgestellt. Auch in der Stillzeit kann Levetiracetam eingesetzt werden, obwohl vom Stillen während der Anwendung abgeraten wird, da es in die Muttermilch übertritt.
Levetiracetam im Vergleich zu anderen Medikamenten
In einer Studie wurde Levetiracetam mit Phenobarbital verglichen, einem der am häufigsten verschriebenen Medikamente für Säuglinge mit nichtsyndromaler Epilepsie. Die Ergebnisse zeigten, dass Levetiracetam wirksamer war.