Neurologie in Innsbruck: Fortschritte in der Schlaganfallbehandlung und MS-Forschung

Die Neurologische Universitätsklinik in Innsbruck unter der Leitung von Direktor Stefan Kiechl ist ein international anerkanntes Zentrum für Schlaganfallforschung und -behandlung sowie für die Erforschung und Therapie von Multipler Sklerose (MS). Die Klinik zeichnet sich durch ihre translationale Forschung aus, die darauf abzielt, neue Erkenntnisse schnell in die klinische Praxis umzusetzen und so die Versorgung von Patienten mit neurologischen Erkrankungen zu verbessern.

Schlaganfall: Aktuelle Herausforderungen und innovative Therapieansätze

Der Schlaganfall stellt eine der häufigsten Ursachen für Behinderungen im Erwachsenenalter dar. Die steigende Lebenserwartung führt zu einer Zunahme altersbedingter Gefäßveränderungen, die das Schlaganfallrisiko erhöhen. Die Neurologie in Innsbruck widmet sich intensiv der Erforschung der Gefäßalterung und der Entwicklung verbesserter Strategien zur Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation von Schlaganfallpatienten.

Thrombolyse bei Patienten unter NOAK-Antikoagulation

Ein wichtiges Thema in der Akutbehandlung des ischämischen Schlaganfalls ist die Thrombolyse bei Patienten, die mit nicht Vitamin-K-abhängigen oralen Antikoagulantien (NOAK) vorbehandelt sind. Bisher galt eine NOAK-Einnahme innerhalb der letzten 48 Stunden vor Symptombeginn als Kontraindikation für die Thrombolyse, da die Befürchtung bestand, dass sich das Blutungsrisiko dadurch deutlich erhöhen könnte.

Eine aktuelle internationale Studie, an der auch die Universitätsklinik Innsbruck beteiligt war, konnte jedoch Entwarnung geben. Die Auswertung der Daten von über 33.000 Patienten zeigte, dass bei Patienten unter NOAK das Blutungsrisiko im Vergleich zu nicht antikoagulierten Patienten sogar geringer war. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass die Lysetherapie bei ischämischem Schlaganfall dieser Patientengruppe nicht vorenthalten werden sollte.

Stefan Kiechl betont in diesem Zusammenhang, dass Patienten unter Vitamin-K-Antagonisten und einem INR < 1,7 ein deutlich erhöhtes Blutungsrisiko haben und diese Medikamente daher nur noch in Ausnahmesituationen verwendet werden sollten. Er fordert zudem, dass die Erkenntnisse der aktuellen Studie, die zeigen, dass nach Antagonisierung (mit Idarucizumab bei Dabigatran-Therapie) ein sehr geringes Blutungsrisiko besteht und die Lysetherapie zu einem guten Outcome führt, in den einschlägigen Leitlinien erwähnt werden sollten.

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Mechanische Thrombektomie: Eine bahnbrechende Therapie

Die mechanische Thrombektomie (MTE) ist eine weitere wichtige Fortschritt in der akuten Schlaganfalltherapie. Bei diesem Verfahren wird die verstopfte Hirnarterie mittels eines Mikrokatheters von dem Blutgerinnsel befreit, wodurch die Hirndurchblutung rasch wiederhergestellt und schwere Behinderungen oft vermieden werden können. Die MTE kommt bei Schlaganfällen zur Anwendung, bei denen große Hirngefäße durch entsprechend große Gerinnsel verschlossen sind und die bisherigen Behandlungsmethoden oft nicht ausreichend angesprochen haben.

Österreich hat in den letzten Jahren große Fortschritte bei der flächendeckenden Versorgung mit der MTE erzielt. Im Jahr 2016 wurden bereits rund 650 Schlaganfallpatienten mit einer mechanischen Thrombektomie behandelt, doppelt so viele wie noch im Jahr 2014. Österreich gehört damit zu den ersten Ländern in Europa, das eine flächendeckende Versorgung von zumindest 95 % des Bundesgebietes bereits umgesetzt hat.

Schlaganfall-Nachsorge: Das "Stroke-Card"-Konzept

Neben der Akutbehandlung ist auch die Nachsorge nach einem Schlaganfall von großer Bedeutung. Die Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie hat in Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Wien das "Stroke-Card"-Konzept entwickelt, das eine standardisierte und umfassende Nachsorge für Schlaganfallpatienten vorsieht.

Das "Stroke-Card"-Konzept beinhaltet, dass das multidisziplinäre Stroke-Team des Akutkrankenhauses für die Patienten auch nach stationärer Entlassung für weitere drei Monate neben dem Hausarzt Ansprechpartner bleibt. Die Patienten können mit einer personalisierten App ihre Risikofaktoren überwachen und werden nach drei Monaten erneut für eine umfassende, ambulante Nachsorgeuntersuchung durch das Stroke-Team ins Krankenhaus eingeladen.

Eine Studie mit über 2.000 Patienten hat gezeigt, dass Schlaganfall-Patienten, die nach dem "Stroke-Card"-Konzept behandelt wurden, eine höhere Lebensqualität, weniger kardiovaskuläre Folgeerkrankungen und einen besseren Outcome haben. Das "Stroke-Card"-Konzept schließt somit eine wichtige Lücke in der Therapie und trägt dazu bei, die langfristige Versorgung von Schlaganfallpatienten zu verbessern.

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VASCage: Ein neues Forschungszentrum für Gefäßalterung und Schlaganfall

Um die Erforschung der Gefäßalterung und des Schlaganfalls weiter voranzutreiben, wurde in Innsbruck das neue Forschungszentrum VASCage gegründet. VASCage ist ein weltweit einzigartiges Kompetenzzentrum, das Gefäßalterung und Schlaganfall gemeinsam unter die Lupe nimmt und verbesserte Strategien zur Vorbeugung, Diagnose, Therapie und Rehabilitation entwickelt.

VASCage betreibt angewandte Forschung und hat von Anfang an die praktische Umsetzung als Ziel, damit die entwickelten Innovationen möglichst schnell den Betroffenen zu Gute kommen. Derzeit sind rund 45 Partner (Unternehmen und wissenschaftliche Partner) aus Europa und den USA an Bord. VASCage ist als COMET-Zentrum der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG zunächst auf acht Jahre angelegt.

Multiple Sklerose: Frühe Prognose durch Biomarker

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt der Neurologischen Universitätsklinik in Innsbruck ist die Multiple Sklerose (MS). Die MS ist eine chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, deren Verlauf sehr unterschiedlich sein kann. Für die Wahl der individuell passenden Therapie ist vor allem die treffsichere Vorhersage des weiteren Krankheitsverlaufs essentiell.

κ-freie Leichtketten (κ-FLC) als prognostischer Biomarker

Ein Team um Harald Hegen von der Innsbrucker Univ.-Klinik für Neurologie hat im Rahmen einer Beobachtungsstudie ein im Liquor cerebrospinalis (Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) nachweisbares Protein, die sog. κ-freien Leichtketten (κ-FLC), als unabhängigen Biomarker für die frühe Prognose der MS identifiziert.

Die Studie zeigte, dass PatientInnen mit einem hohen κ-FLC Index (über 100) ein vierfach erhöhtes Risiko für einen schwereren Krankheitsverlauf hatten. Die Zeit bis zum zweiten Schub betrug im Schnitt lediglich 11 Monate, während bei PatientInnen mit einem niedrigen κ-FLC Index (100 oder weniger) durchschnittlich erst nach 36 Monaten ein zweiter Schub auftrat.

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Der κ-FLC Index erlaubt somit erstmals eine weitere Stratifizierung von MS-Patienten und kann dazu beitragen, die Therapieentscheidung zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Künstliche Intelligenz in der Neurologie

Stefan Kiechl sieht die Zukunft seines Faches auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Durch KI seien künftig etwa maßgebliche "Prognoseverbesserungen" erzielbar, was den Krankheits- bzw. Heilungsverlauf betrifft.

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