Jeder Mensch kennt akute Schmerzen, sei es durch Verletzungen oder im Rahmen einer Erkrankung wie einer Mittelohrentzündung. Doch was passiert, wenn Schmerzen sich verselbstständigen und das Leben der Betroffenen bestimmen? Wenn Schmerzen über Monate hinweg dauerhaft oder wiederkehrend auftreten, spricht man von chronischen Schmerzen. Besonders bei Kindern und Jugendlichen ist eine spezialisierte Behandlung notwendig, um die Kontrolle über den Schmerz und das eigene Leben zurückzugewinnen. Kinderärzte mit Weiterbildung in der Migränebehandlung spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Chronische Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen: Ein vielschichtiges Problem
Chronische Schmerzen haben immer mehrere Ursachen und entstehen aus einem Zusammenspiel von psychologischen, sozialen und biologischen Faktoren. Körperliche Beschwerden und seelischer Stress können gemeinsam zur Ausbildung eines Schmerzgedächtnisses führen. Am Deutschen Kinderschmerzzentrum wird Betroffenen geholfen, wieder die Kontrolle zu übernehmen. Die gute Nachricht ist: Dein Gehirn hat den Schmerz gelernt, aber es kann ihn auch wieder verlernen!
Das Deutsche Kinderschmerzzentrum
Das Deutsche Kinderschmerzzentrum unterstützt Kinder und Jugendliche dabei, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und zu nutzen, um den Schmerz in den Griff zu bekommen und sich ihr Leben zurückzuerobern. Dazu gehört, dass ausgeschlossen werden muss, dass der chronische Schmerz durch eine andere Erkrankung wie eine Entzündung ausgelöst wird, oder wenn doch, dass diese andere Erkrankung gut behandelt wird. Gemeinsam werden Strategien erarbeitet, um mit dem Schmerz umzugehen, Probleme zu bewältigen und Stress abzubauen. Zur Behandlung gehören Entspannungstrainings und Sport, Gespräche und Verhaltensübungen und vieles mehr. Über die Jahre wurden gezielte Programme entwickelt für Kinder und Jugendlichen, die unter chronischen Schmerzen leiden.
Migräne im Kindes- und Jugendalter
Migräne ist eine häufige neurologische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter, deren Komplexität und Alltagsrelevanz oft unterschätzt wird. Studien zeigen, dass 11 % der Kinder und Jugendlichen unter Migräne leiden. Meistens beginnt die Migräne bereits im Grundschulalter und tritt in der Pubertät - vor allem bei Mädchen - deutlich häufiger auf. Im Jahr 2024 hat das AKK rund 500 Patientinnen und Patienten im Kindes- und Jugendalter mit Migräne und/oder starken Kopfschmerzen sowohl ambulant als auch stationär behandelt.
Symptome und Diagnose
Migräne ist eine angeborene Erkrankung, die durch einen sehr starken, oft pulsierenden oder pochenden Kopfschmerz charakterisiert ist. Ein Schmerz, der bei Bewegung schlimmer und meist von Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet wird. Am leichtesten erkennt man es aber am Verhalten des Kindes. Bei einer Migräne hören Kinder meistens auf zu spielen, werden blass, möchten sich freiwillig hinlegen und zurückziehen. Bei Spannungskopfschmerzen hingegen ist der Schmerz beidseitig beengend-drückend, von leichter bis mittlerer Intensität und wird bei körperlichen Routineaktivitäten nicht stärker. Mädchen und Jungen sind im Kindesalter gleichermaßen von Migräne betroffen. Im Jugendalter jedoch tritt die Erkrankung bei Mädchen vermehrt auf. Es bildet sich der hormonelle Zyklus aus - ein Zusammenhang, der im Erwachsenenalter als Auslöser zyklusabhängiger Migräneattacken gut belegt ist.
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Ursachen und Auslöser
Es ist wichtig, zwischen den Ursachen der Migräne und den Auslösern einzelner Migräneattacken zu unterscheiden. Die Ursache liegt stets in der genetischen Veranlagung. Kommen dann noch bestimmte Auslöser, sogenannte ‚Trigger‘ hinzu, kann dies zu einer Migräneattacke führen. Als mögliche Auslöser gelten unter anderem eine Verschiebung des Tag-Nacht-Rhythmus, starke Blutzuckerschwankungen (etwa durch das Auslassen einer Mahlzeit) oder belastende Ereignisse wie Schulstress oder Klassenarbeiten. Aber auch positiver Stress, etwa bei Kindergeburtstagen, kann zu einer Migräneattacke führen.
Bedeutung einer frühen Diagnose
Eine frühe und korrekte Diagnose ist entscheidend, um eine rasche und adäquate Behandlung zu initiieren, einen bestmöglichen Verlauf über die kindliche Entwicklung zu unterstützen sowie der Gefahr für somatische Belastungsstörungen und Chronifizierung vorzubeugen. Dabei kommen (1) bio-psycho-sozialem Krankheitsverständnis, (2) Assoziation von nuchalen Muskelverspannungen und Migräne (über den sog. trigemino-zervikalen Komplex) sowie (3) strukturierter, interdisziplinärer, multiprofessioneller und multimodaler Therapie besondere Bedeutung zu. Typisch für das junge Alter ist der Mischtyp mit Überlappung von Migräne und Spannungskopfschmerzen.
Therapieansätze bei Migräne im Kindes- und Jugendalter
Migräne bei Kindern ist nicht heilbar, lässt sich jedoch meist sehr gut behandeln. Je effektiver die Behandlung der einzelnen Kopfschmerzepisoden, desto niedriger ist das Risiko, dass die Kopfschmerzen chronisch werden. Die Behandlung von bereits bestehenden akuten Schmerzen nennt man Akutbehandlung.
Akutbehandlung
Viele Eltern zögern, ihrem Kind Schmerzmittel zu geben oder warten bis die Schmerzen schon stark sind. Bei leichten Spannungskopfschmerzen ist diese Zurückhaltung durchaus richtig. Handelt es sich jedoch um eine Migräneattacke, ist es wichtig, die Migräne so früh wie möglich mit geeigneten Schmerzmitteln in der richtigen Dosierung (Ibuprofen 10-15 mg/kg) zu unterbrechen, denn meist wirken die Schmerzmittel unter anderem aufgrund der begleitenden Übelkeit nur bei frühzeitiger Einnahme.
Präventive Maßnahmen
Im Rahmen der Behandlung legen wir neben der Akutbehandlung der Schmerzen großen Wert auf die Beratung zur Therapie, mit dem Ziel, die Migränehäufigkeit zu minimieren. Mit vorbeugenden Behandlungsmaßnahmen kann man die Kopfschmerzhäufigkeit um ungefähr 50 % reduzieren. Die Prophylaxe-Maßnahmen basieren auf mehreren Säulen: Diese sind im Kindesalter erstmal ohne Medikamente - Entspannungstechniken, ausreichender Ausdauersport, genügend Freiräume im Alltag und in manchen Fällen auch eine physiotherapeutische oder psychologische Therapie. Gelegentlich kann eine Nahrungsergänzung mit B-Vitaminen und Magnesium sinnvoll sein. Das alles erfordert auch viel Disziplin, deshalb ist es sehr wichtig, das Kind bei der Therapie mit ins Boot zu holen und zu erklären, warum diese Maßnahmen so sinnvoll sind. Zusätzlicher Druck auf das Kind sollte vermieden werden. In sehr seltenen Fällen mit schweren und häufigen Migräneattacken wird auch über einen begrenzten Zeitraum eine medikamentöse Dauertherapie zur Prophylaxe verordnet.
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Kopfschmerztagebücher und Apps
Kopfschmerztagebücher, auch in Form von Apps, leisten bei der Diagnose und - im Verlauf - zur Beurteilung der Schmerztherapie eine große Hilfe. Jugendliche und ältere Kinder können unter anderem die Häufigkeit der Attacken, mögliche Schmerzen als auch die Einnahme der Medikamente protokollieren. Weitere präventive Maßnahmen sind ausreichend Trinken (ein Liter pro Tag), regelmäßige Mahlzeiten (immer ein Frühstück), genügend Schlaf, Ausdauersport sowie begrenzter Medienkonsum.
*Information zur Kopfschmerz-App: Laden Sie Ihrem Kind die Migräne-App der Schmerzklinik Kiel herunter und wenden Sie täglich die PMR nach Jacobson für Kinder/Erwachsene an. Dokumentieren Sie hier sowohl die Kopfschmerzen Ihres Kindes als auch die Einnahme der Medikamente.
Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzkliniken
Einige Kliniken haben sich auf die spezielle Therapie von Migräne und anderen Kopfschmerzen spezialisiert. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel bietet beispielsweise eine solche spezialisierte Therapie an.
Therapieangebote der Schmerzklinik Kiel
Die Klinik bietet spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
Aufnahmeformalitäten
Für die Planung eines Aufnahmetermins sind folgende Schritte erforderlich:
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- Der behandelnde Arzt stellt eine Verordnung von Krankenhausbehandlung aus.
- Der Arzt füllt die Aufnahme-Checkliste aus.
- Der Patient füllt den Schmerzkalender und den Schmerzfragebogen aus.
- Alle Unterlagen und zusätzlich Kopien aller relevanter Arztbriefe, Röntgenbilder etc. werden an die auf der Aufnahme-Checkliste angegebene Anschrift gesendet.
Kostenübernahme
Zahlreiche Krankenkassen haben eine integrierte Versorgung ihrer Versicherten mit dem Behandlungsnetz der Klinik vertraglich geregelt. Für Versicherte bestimmter Krankenkassen erfolgt die Kostenübernahme bei Vorliegen der Aufnahmebedingungen.
Schmerzkonferenzen
Im Zusammenhang mit der Einweisung, sowie der prä- oder poststationären Behandlung, können sich individuelle Fragen ergeben. Diese werden in Schmerzkonferenzen beantwortet, die zu bestimmten Zeiten im Konferenzraum der Schmerzklinik Kiel stattfinden.
Multimodale Schmerztherapie in Tageskliniken
In Tageskliniken werden Kinder und Jugendliche mit chronischen Schmerzen behandelt. Diese Patient:innen leiden oft schon über längere Zeit an Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder speziellen Schmerzsyndromen. Die Schmerzen können so beeinträchtigend sein, dass eine Teilnahme am Schulunterricht oder Sportverein, das Zusammensein mit Freund:innen oder das Ausüben von Hobbies nicht mehr so möglich ist, wie die Jugendlichen eigentlich möchten.
Ziele der Therapie
Das Ziel ist, die Patient:innen dabei zu unterstützen, Strategien zu finden, um mit den Schmerzen besser umzugehen und wieder kraftvoll am Leben teilhaben zu können. Dazu sind Informationen und Aufklärung wichtig. In der Tagesklinik lernen die Patient:innen, wie Schmerzen entstehen und was im Körper passiert, wenn sie Schmerzen empfinden.
Ganzheitlicher Ansatz
Chronische Schmerzen haben meistens nicht nur eine Ursache. Deshalb bieten Tageskliniken eine ganzheitliche multimodale Behandlung an, die neben biologisch-körperlichen auch die psychischen und sozialen Einflussfaktoren berücksichtigt. Multimodal heißt ganzheitlich zu behandeln. Eine multimodale Therapie fasst verschiedene Verfahren zur Behandlung zusammen. Dabei kommt das Fachwissen verschiedener Berufsgruppen z.B. Ärzt:innen, Physiotherapeut:innen, Kinderpsychotherapeut:innen etc. zusammen, um mit den Patient:innen und den Familien gemeinsam Lösungsstrategien zu erarbeiten. Das Behandlungsprogramm wird individuell nach den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausgerichtet.
Was bedeutet Tagesklinik?
Die Therapie in der Tagesklinik findet montags bis freitags von 08.00 bis 15.00 Uhr statt (dienstags bis 13.00 Uhr). Das Therapieprogramm umfasst in der Regel 5 Wochen, eine Unterbrechung ist nur in Krankheitsfällen möglich. Die Patient:innen kommen morgens und fahren am Nachmittag wieder nach Hause. Das bietet den großen Vorteil, dass erlernte Strategien gleich im Alltag ausprobiert werden können. Auch ein Schulbesuch im Rahmen einer Belastungserprobung ist gut in den Therapieplan integrierbar. Durch die Wohnortnähe ist es einfacher, auch die Familie in den Therapieprozess miteinzubeziehen.
Inhalte und Angebote der Tagesklinik
Der Aufenthalt beinhaltet und bietet:
- Schmerzmedizinische Differentialdiagnostik und Behandlung
- Gruppentermine zum Umgang mit Schmerzen mit Ärzt:in und Psycholog:in (In den Schmerzedukationsgruppen werde verschiedene Themen wie die physiologischen Grundlagen der Schmerzentstehung, die Bedeutung von Bewegung, Schlafhygiene, Ernährung und Umgang mit Stress besprochen.)
- Einzeltermine psychotherapeutisch und ärztlich
- Manualmedizinische Differentialdiagnostik und Behandlung
- Gespräche unter Einbeziehung der Eltern
- Intensive Einzel- und Gruppentherapie mit den Therapeut:innen aus den Bereichen Sport- , Physio- und Musiktherapie
- Spezielle schmerztherapeutische Methoden, z.B. Entspannungsverfahren, PMR, Yoga, TENS, Neurofeedback, Hundetherapie
- Kinderpsychiatrische Visite
- Möglichkeit der Unterstützung durch den Sozialdienst
- Begleitung des Aufenthaltes durch den PED (Pflege- und Erziehungsdienst), medizinische Versorgung, Gestaltung der Eigenübungszeit
Das multiprofessionelle Team
Zum multiprofessionellen Team gehören:
- Der Pflege- und Erziehungsdienst (PED), also Pflegekräfte mit einer speziellen Weiterbildung in Schmerztherapie und Pädagog:innen.
- Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendmedizin
- Fachärzt:innen für Spezielle Schmerztherapie
- Fachärzt:innen für Manuelle Medizin
- Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut:innen
- Fachärzt:innen für Kinderpsychiatrie
- Physiotherapeut:innen
- Sporttherapeut:innen
- Musiktherapeut:innen
- Mitarbeiter:innen des Bereiches Soziale Arbeit
Aufgaben der verschiedenen Berufsgruppen
- Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut:innen: Sie sind Expert:innen für emotionale und seelische Gesundheit und helfen den Patient:innen, ihre Gefühle und Gedanken zu verstehen und Strategien zu erlernen, um gelassener mit den Schmerzen umzugehen.
- Kinder- und Jugendärzt:innen: Sie besprechen die Ziele der Behandlung, führen Aufnahmeuntersuchungen durch, werten Befunde aus und leiten zu Eigenübungen an.
- Kinder- und Jugendpsychiater:innen: Sie helfen den Patient:innen und ihren Familien bei der Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen.
- Ärzt:innen für Manuelle Medizin: Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit Menschen, die Schmerzen im Bewegungssystem haben und setzen ihre Hände zur Behandlung ein.
- Sozialdienst: Er unterstützt die Patient:innen und ihre Familien bei vielen Fragen und Problemen, z.B. beim Thema Hilfen und Nachteilsausgleich in der Schule, Kontakte zu Jugendhilfeeinrichtungen, Berufsorientierung, Rehabilitationsmaßnahmen und Ähnliches.
- Musiktherapeut:innen: Sie helfen den Patient:innen, Stress zu reduzieren, entspannter zu werden und sich achtsamer zu erleben.
- Physiotherapeut:innen: Sie arbeiten am und mit dem Körper, um Schmerzen, Einschränkungen und andere Beschwerden wie z.B. ein muskuläres Ungleichgewicht positiv zu beeinflussen.
Spezialisierte Kinderärzte und Neuropädiater
Neuropädiater sind Kinder- und Jugendärzte, die sich auf die Kinder-Neurologie spezialisiert haben. Sie sind Experten für die Diagnostik und Therapie von Bewegungsstörungen, Anfallserkrankungen (Epilepsien) und Entwicklungsstörungen. Einige Praxen sind als Schwerpunktpraxen Epileptologie im Kindes- und Jugendalter zertifiziert.
Aufgaben der Neuropädiater
Die Neuropädiatrie beinhaltet ein weites Spektrum von Aufgaben, das von der sehr häufig benötigten Beurteilung der Entwicklung bis zur Behandlung sehr spezieller und seltener Erkrankungen reicht. Neuropädiater behandeln Patient*innen vom Säuglings- bis zum beginnenden Erwachsenenalter mit neurologischen und muskulären Erkrankungen sowie Entwicklungsstörungen.
Schmerzambulanzen
In Schmerzambulanzen wird nach der Schmerzursache gesucht, um die bestmögliche Therapie einzuleiten. Im Ambulanzgespräch wird vermittelt, wie chronische Schmerzen entstehen und wie sie behandelt werden können. Ziel ist, dass die Patient:innen und ihre Kinder lernen, die Schmerzen selbst einzuordnen, sich vom Schmerz abzulenken und einen normalen Alltag trotz Schmerz zu führen.
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