Kinderneurologie: Epileptische Anfälle in Norddeutschland – Ein umfassender Überblick

Epilepsie im Kindes- und Jugendalter ist ein komplexes und vielschichtiges Gebiet der Kinderneurologie. In Norddeutschland, wie auch anderswo, stellt sie eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen dar, die eine spezialisierte Diagnostik und Therapie erfordert. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über epileptische Anfälle bei Kindern und Jugendlichen, wobei insbesondere auf die Aspekte Diagnostik, Behandlungsmöglichkeiten und Versorgungsstrukturen in Norddeutschland eingegangen wird.

Was ist Epilepsie?

Der Begriff Epilepsie stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „Ergriffenwerden“ oder „Befallensein“. Eine Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung, sondern ein „Regenschirmbegriff“, unter dem sich eine Vielzahl unterschiedlicher Ursachen und Erscheinungsformen verbergen. Charakteristisch für Epilepsien sind epileptische Anfälle, die durch eine synchrone Massenentladung von Nervenzellen im Gehirn verursacht werden. Die Art, Ausprägung und Dauer eines solchen Anfalls können sehr unterschiedlich sein.

Häufigkeit von Epilepsien im Kindesalter

Epilepsien treten im Kindesalter relativ selten auf. Etwa 7 von 1000 Kindern erkranken bis zum 10. Lebensjahr an einer Epilepsie. Die lebenslange Auftretenswahrscheinlichkeit (Prävalenz) einer Epilepsie liegt bei etwa 3-4%. Am häufigsten beginnt eine Epilepsie in den ersten Lebensmonaten oder im höheren Erwachsenenalter.

Ursachen von Epilepsien

Die Ursachen für Epilepsien sind vielfältig. Im Kindesalter spielen insbesondere folgende Faktoren eine Rolle:

  • Genetische Ursachen: Häufig ist die Epilepsie bei Kindern vererbt. In diesem Fall spricht man von einer idiopathischen primär generalisierten Epilepsie.
  • Hirnschäden: Diese können durch Sauerstoffmangel, Infektionen, Infarkte, Blutungen oder Traumata entstehen.
  • Hirntumore: Auch Hirntumore können epileptische Anfälle auslösen.
  • Fieberkrämpfe: Insbesondere komplizierte Fieberkrämpfe können in seltenen Fällen ein erstes Anzeichen für eine Epilepsie sein.

In den letzten Jahren hat sich das Verständnis über die Ursachen kindlicher Epilepsien durch moderne genetische Untersuchungsmöglichkeiten deutlich erweitert.

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Erscheinungsformen epileptischer Anfälle

Epileptische Anfälle können sich sehr unterschiedlich äußern. Einige der häufigsten Anfallsformen sind:

  • Absencen: Das Kind unterbricht plötzlich seine Tätigkeit und scheint zu „träumen“.
  • Grand-Mal-Anfälle: Das Kind verliert plötzlich das Bewusstsein, stürzt hin, ist am ganzen Körper steif und zuckt. Nach dem Anfall schläft das Kind oft tief und fest und klagt nach dem Aufwachen über Kopf- und Muskelschmerzen.
  • Fokale Anfälle: Diese Anfälle äußern sich durch Zuckungen eines Körperteils oder andere lokale Symptome.

Es ist wichtig zu beachten, dass der sogenannte Grand-Mal-Anfall, der oft mit einem Schrei, Bewusstseinsverlust, Zungenbiss, Umfallen, Versteifung und Zuckungen einhergeht, nur eine von vielen möglichen Anfallsformen ist. Viele Anfälle sind weniger auffällig, wie beispielsweise eine kurze Unaufmerksamkeit oder ein Zucken eines Arms.

Diagnose von Epilepsien

Die Diagnose Epilepsie wird gestellt, wenn mindestens ein epileptischer Anfall aufgetreten ist und die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Anfall als hoch eingeschätzt wird. Die Anamnese ist bei der Diagnose entscheidend. Oft folgen epileptische Anfälle demselben Muster, und Beschreibungen von Bezugspersonen und Videoaufzeichnungen sind bei der Einordnung hilfreich.

Apparative Diagnostik

Als Eckpfeiler der apparativen Diagnostik stehen folgende Verfahren zur Verfügung:

  • Elektroenzephalographie (EEG): Hierbei werden die Hirnströme gemessen, um Funktionsstörungen und Anfallsherde zu erkennen. Meist werden in der Routine-EEG-Untersuchung bereits typische Befunde sichtbar. Ergänzend können Schlaf-EEG-Ableitungen, Video-EEG-Oberflächenmonitoring und/oder invasives Video-EEG-Monitoring notwendig sein.
  • Radiologische Untersuchungstechniken: Insbesondere die hochauflösende Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes ist wichtig, um strukturelle Veränderungen des Gehirns als Ursache für die Epilepsie auszuschließen oder zu identifizieren.
  • Laboruntersuchungen: Je nach individueller Konstellation sollten Laborwerte aus Blut, Urin und Nervenwasser bestimmt und die Diagnostik auf andere Organsysteme ausgeweitet werden.

Behandlung von Epilepsien

Ziel der Behandlung von Epilepsien ist es, Anfallsfreiheit zu erreichen, die kindliche Entwicklung positiv zu beeinflussen und die maximale Lebensqualität von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zu gewährleisten.

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Medikamentöse Therapie

Meist wird mit einer ambulant eingeleiteten, medikamentösen Therapie mit sogenannten Antikonvulsiva (Synonym Antiepileptika) begonnen, die das Auftreten von Anfällen unterdrücken soll. Art und Dosierung eines Antikonvulsivums werden vom behandelnden Arzt so gewählt, dass das Medikament möglichst gut vor Anfällen schützt und keine oder nur geringe Nebenwirkungen verursacht. Bei circa zwei Drittel der Betroffenen ist eine medikamentöse Therapie mit einem oder zwei Präparaten erfolgreich.

Therapieresistente Epilepsien

Wenn zwei Antikonvulsiva nicht zur Anfallsfreiheit geführt haben, spricht man von einer therapieschweren oder therapieresistenten Epilepsie. Dann liegt die Chance auf Anfallsfreiheit durch die Gabe eines weiteren Antikonvulsivums unter 5%.

Ergänzende Therapieverfahren

Ergänzend zur medikamentösen Therapie können spezielle Ernährungsformen wie die ketogene Diät, die modifizierte Atkins Diät oder die Low-Glycemic-Index-Diät eingeleitet werden. Diese Diäten zielen auf eine Umstellung des Energiestoffwechsels und keineswegs auf eine Gewichtsreduktion.

Epilepsiechirurgie

Alle Kinder und Jugendlichen mit therapieschweren Epilepsien sollten hinsichtlich der Möglichkeit einer epilepsiechirurgischen Operation evaluiert werden. Eine solche Operation ist die einzige Möglichkeit, eine Epilepsie zu heilen und hat eine durchschnittliche Chance auf Anfallsfreiheit von ca. 70%. Leider gelingt die genaue Lokalisation anfallsauslösenden Areale im Gehirn nur bei ca. 10% der Patienten mit therapieschweren Epilepsien. Nur für diese Patienten ist die kurative Epilepsiechirurgie eine Chance auf Anfallsfreiheit. Bei weiteren Patienten kann bei einer sehr belastenden Anfallssituation eine palliative Operation erwogen werden, bei der das Ziel eine Reduktion von Anfällen darstellt.

Kinderneurologische Versorgung in Norddeutschland

In Norddeutschland gibt es eine Reihe von spezialisierten Zentren und Praxen, die sich auf die Diagnostik und Therapie von Epilepsien im Kindes- und Jugendalter spezialisiert haben. Dazu gehören:

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  • DRK-Norddeutsches Epilepsiezentrum für Kinder und Jugendliche in Schwentinental-Raisdorf: Dieses Zentrum ist eine spezialisierte Klinik für die Diagnostik und Therapie von Epilepsien im Kindes- und Jugendalter. Es bietet stationäre und ambulante Versorgung und betreut Patient*innen in einem multidisziplinären Team nach einem ganzheitlichen Ansatz.
  • Kinder- und Jugendkrankenhaus AUF DER BULT in Hannover: Dieses Krankenhaus ist das einzige zertifizierte Epilepsiezentrum für Kinder und Jugendliche in Niedersachsen.
  • Kinderepilepsie-Zentrum Hamburg: Dieses Zentrum bietet hochspezialisierte Epilepsie-Diagnostik und Behandlung mit insgesamt vier Behandlungsplätzen für Epilepsie-Intensiv-Monitoring an Kindern in Alsterdorf.
  • Niedergelassene Kinderneurologen: In vielen Städten und Regionen Norddeutschlands gibt es niedergelassene Kinderneurologen, die eine umfassende ambulante Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsien anbieten.

Diese Einrichtungen bieten modernste Diagnostikmöglichkeiten und eine umfassende und persönlich angepasste Behandlung von medikamentöser Therapie über Ernährungsformen bis zur Epilepsiechirurgie. Damit verfolgen sie das Ziel der Anfallsfreiheit, der positiven kindlichen Entwicklung und der maximalen Lebensqualität von Kindern, Jugendlichen und deren Familien.

An wen kann man sich wenden?

Bei Verdacht auf eine Epilepsie oder bei bereits diagnostizierter Epilepsie können sich Eltern und Betroffene an folgende Ansprechpartner wenden:

  • Kinderarzt: Der Kinderarzt ist in der Regel die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen von Kindern und Jugendlichen. Er kann eine erste Einschätzung geben und bei Bedarf an einen Kinderneurologen überweisen.
  • Kinderneurologe (Neuropädiater): Der Kinderneurologe ist ein Spezialist für Erkrankungen des Nervensystems im Kindes- und Jugendalter. Er kann die Diagnose Epilepsie stellen, die Ursache der Epilepsie abklären und eine geeignete Therapie einleiten.
  • Epilepsiezentrum: In einem Epilepsiezentrum arbeiten Spezialisten verschiedener Fachrichtungen zusammen, um eine umfassende Diagnostik und Therapie von Epilepsien zu gewährleisten.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz der Fortschritte in der Diagnostik und Therapie von Epilepsien gibt es weiterhin Herausforderungen. Dazu gehören insbesondere:

  • Therapieresistente Epilepsien: Bei einem Teil der Patienten gelingt es nicht, Anfallsfreiheit zu erreichen. Hier sind innovative Therapieansätze gefragt.
  • Nebenwirkungen der Medikamente: Antikonvulsiva können Nebenwirkungen verursachen, die die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigen.
  • Psychosoziale Belastungen: Epilepsie kann zu psychosozialen Belastungen bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien führen. Eine umfassende Betreuung und Unterstützung ist daher wichtig.

Die Forschung im Bereich der Epilepsie schreitet stetig voran. Neue Medikamente, innovative Therapieverfahren und ein besseres Verständnis der Ursachen von Epilepsien eröffnen Perspektiven für eine verbesserte Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsien in Norddeutschland und weltweit.

Fieberkrämpfe: Eine wichtige Abgrenzung

Fieberkrämpfe sind ein häufiges Phänomen im Säuglings- und Kleinkindalter. Sie ähneln in ihren Symptomen einem epileptischen Anfall, stehen aber in direktem Zusammenhang mit einer Erhöhung der Körpertemperatur. Ein Fieberkrampf äußert sich durch unkontrollierte Zuckungen des Körpers und Bewusstseinsverlust.

Unkomplizierte vs. Komplizierte Fieberkrämpfe

Es ist wichtig, zwischen unkomplizierten und komplizierten Fieberkrämpfen zu unterscheiden:

  • Unkomplizierte Fieberkrämpfe: Treten typischerweise zwischen dem 6. Lebensmonat und dem 5. Lebensjahr auf, dauern weniger als 15 Minuten und wiederholen sich nicht innerhalb von 24 Stunden. Diese sind in der Regel harmlos.
  • Komplizierte Fieberkrämpfe: Treten vor dem 6. Lebensmonat oder nach dem 5. Geburtstag auf, dauern länger als 15 Minuten und können sich an einem Tag mehrfach wiederholen. Diese sollten ärztlich abgeklärt werden, da sie in seltenen Fällen ein erstes Anzeichen für eine Epilepsie sein können.

Diagnostik und Behandlung von Fieberkrämpfen

Nach einem Fieberkrampf ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll, um die Ursache des Krampfes zu ermitteln und eine beginnende Epilepsie auszuschließen. Die Diagnostik umfasst in der Regel ein ausführliches Gespräch über den Ablauf des Krampfes, eine körperliche Untersuchung und ein EEG.

In den meisten Fällen ist eine dauerhafte medikamentöse Behandlung nicht erforderlich. Eltern erhalten jedoch ein krampflösendes Notfall-Medikament, das sie ihrem Kind beim erneuten Auftreten eines Fieberkrampfes geben können.

Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen

Kopfschmerzen sind ein häufigesProblem bei Kindern und Jugendlichen und können den Alltag erheblich beeinträchtigen. Es gibt verschiedene Formen von Kopfschmerzen, wobei Spannungskopfschmerzen und Migräne am häufigsten auftreten.

Spannungskopfschmerzen

Die genaue Ursache von Spannungskopfschmerzen ist nicht bekannt. Vermutlich spielen Verspannungen in der Nacken-, Hals- und Schultermuskulatur, Stress, Infekte und Fehlbelastungen eine Rolle. Die Schmerzen werden in der Regel beidseitig als drückend und beengend empfunden.

Migräne

Migräne-Kopfschmerzen treten anfallsartig immer wieder auf. Die meist einseitigen Schmerzen fühlen sich pulsierend, hämmernd oder bohrend an und werden oft von Übelkeit, Erbrechen oder Sehstörungen begleitet.

Diagnostik und Behandlung von Kopfschmerzen

Bei anhaltenden oder immer wieder auftretenden Kopfschmerzen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Die Diagnostik umfasst ein ausführliches Gespräch über die Art und den Verlauf der Kopfschmerzen sowie gegebenenfalls ein EEG und eine Magnetresonanztomographie des Kopfes.

Die Behandlung von Kopfschmerzen kann medikamentös und nicht-medikamentös erfolgen. Medikamente können bei akuten Kopfschmerzen helfen. Ergänzend können Entspannungsübungen oder Akupunktur eingesetzt werden. In einigen Fällen ist eine Zusammenarbeit mit Psychologen oder Schmerztherapeuten sinnvoll.

Entwicklungsstörungen und Entwicklungsverzögerungen

Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Es kann jedoch vorkommen, dass die Entwicklung im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern langsamer verläuft oder sich Schwächen in einzelnen Bereichen zeigen. In diesem Fall spricht man von einer Entwicklungsstörung oder Entwicklungsverzögerung.

Ursachen von Entwicklungsstörungen

Die Ursachen für Entwicklungsstörungen sind vielfältig. Sie können genetisch bedingt sein, durch Schädigungen des Gehirns entstehen oder durch andere Erkrankungen verursacht werden. Auch Seh- oder Hörstörungen können zu Entwicklungsverzögerungen führen.

Diagnostik und Behandlung von Entwicklungsstörungen

Bei einer Entwicklungsverzögerung ist eine ärztliche Abklärung zu empfehlen. Die Diagnostik umfasst ein ausführliches Gespräch mit den Eltern und dem Kind, eine körperliche Untersuchung sowie gegebenenfalls weitere Untersuchungen wie ein EEG oder eine Ultraschalluntersuchung des Schädels.

Die Behandlung von Entwicklungsstörungen richtet sich nach der Ursache der Störung. Sie kann beispielsweise Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie oder eine psychologische Betreuung umfassen.

Multiple Sklerose und andere entzündliche Erkrankungen des Gehirns

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der das Immunsystem die Isolierschicht der Nervenzellen angreift. Dies kann zu vielfältigen neurologischen Symptomen führen, wie Sehstörungen, Müdigkeit, unsichere Bewegungen, Schwäche, Lähmungen und Missempfindungen.

Diagnostik und Behandlung von MS

Bei Verdacht auf MS ist eine umfassende neurologische Untersuchung erforderlich. Die Diagnostik umfasst in der Regel ein ausführliches Gespräch, eine neurologische Untersuchung, eine Blutentnahme und eine Magnetresonanztomographie des Gehirns und des Rückenmarks.

Die Behandlung von MS zielt darauf ab, die Entzündung zu reduzieren, die Symptome zu lindern und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Es gibt verschiedene Medikamente, die bei MS eingesetzt werden können.

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