Psychologie kleiner Männer: Mythos und Realität des Napoleon-Komplexes

Die Körpergröße eines Mannes wird oft mit Eigenschaften wie Stärke, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen in Verbindung gebracht. Doch was passiert, wenn ein Mann nicht den gesellschaftlichen Idealvorstellungen entspricht? Der sogenannte Napoleon-Komplex beschreibt das vermeintliche Kompensationsverhalten kleiner Männer, die ihre geringe Körpergröße durch andere Attribute ausgleichen wollen. Dieser Artikel beleuchtet die psychologischen Aspekte, wissenschaftlichen Erkenntnisse und gesellschaftlichen Vorurteile rund um dieses Phänomen.

Die Definition des Napoleon-Komplexes

Der Napoleon-Komplex besagt, dass kleinere Männer ihre geringe Körpergröße kompensieren müssen, etwa durch Statussymbole oder ein besonderes Machtstreben. Kleineren Männern wird aufgrund ihres physischen Mangels ein besonders ausgeprägtes Ellbogenverhalten, Egoismus, Machtwillen und Profilierungswillen zugeschrieben. Als Beispiele werden oft Despoten wie Hitler und Kim Jong-il oder Hollywood-Stars wie Tom Cruise sowie Pop-Größen wie Prince genannt.

In der Psychoanalyse wird der Napoleon-Komplex oft mit Alfred Adler verbunden. "Er war ein kleiner Mann, der die Individualpsychologie begründete und sich besonders mit dem Thema der Minderwertigkeit beschäftigte", sagt die Pulheimer Psychoatherapeutin Dunja Voos. Verrückt nur, dass Adler ausgerechnet Napoleon zum Namensgeber des Komplexes machte. Dessen militärische wie auch amouröse Eroberungen ließen sich demnach auch auf seine geringe Körpergröße zurückführen. Doch hatte er mit einer Größe von 1,68 Meter für heutige Verhältnisse zwar kein besonders stattliches Maß, jedoch war im Vergleich zum Durchschnittsfranzosen seiner Zeit eher etwas größer.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Kontroversen

In der Forschung ist der Napoleon-Komplex umstritten. Forscher wollen jetzt allerdings herausgefunden haben, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der empfundenen Körpergröße und psychopathischen Verhaltensweisen gibt. Das geht aus einer Studie hervor, die in der Fachzeitschrift "Personality and Individual Differences" erschienen ist.

Demnach seien auffällige Verhaltensstörungen wie Narzissmus oder Psychopathie bei kleineren Männern häufiger. Der Zusammenhang sei allerdings nur sehr schwach. Vielmehr komme es darauf an, ob sich eine Person selbst als zu klein empfindet. Für ihre Studie interviewten die Forscher aus Polen und Australien mehr als 360 Erwachsene in den USA. Dabei machte es keinen Unterschied, ob die Person männlich oder weiblich war. Die Forscher gehen davon aus, dass der Napoleon-Komplex evolutionäre Gründe hat. Kleinere Menschen hätten auf andere Weise versucht, sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten - etwa durch psychologische Tricksereien.

Lesen Sie auch: Was tun bei einer Hirnblutung nach einem Sturz?

Eine weitere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass unterdurchschnittlich große Menschen (Männer unter 1,77 und Frauen unter 1,63 Metern) einen überdurchschnittlich ausgeprägten Hang zur dunklen Triade zeigen. „Kleinere Menschen, insbesondere diejenigen, die gerne größer wären, zeichnen sich eher durch Eigenschaften aus, die sie angeberisch, konfrontativ und machthungrig machen“, resümiert Jonason in der Fachzeitschrift „Personality and Individual Differences“. Das gelte nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen.

Der Einfluss von Körpergröße auf Wahrnehmung und Erfolg

Einen magischen Messpunkt für Männer haben offensichtlich die Medien geschaffen. Er liegt bei einem Meter und dreiundsiebzig Zentimetern. Ist man größer, ist die Welt in Ordnung. Liegt man drunter, gilt man als Zwerg.

Es war der Oldenburger Bibliothekar Günther Willen der bei der täglichen Zeitungslektüre die seltsame Entdeckung machte, dass kleine Männer dort meist mit der Angabe ihrer Körpergröße versehen werden, große Männer hingegen nicht. Das Ergebnis: Große Männer werden bei Jobs bevorzugt. Sie gelten als entscheidungsfreudiger, risikobereiter und beruflich erfolgreicher. Die australischen Forscher Andrew Leigh und Michael Kortt konnten in einer Studie gar belegen, dass große Männer mehr verdienen. Hier liegt die Messlatte bei 1,72 Metern. Der Wirtschaftshistoriker Guido Heineck hat den Zusammenhang zwischen Körpergröße und Gehaltshöhe auch für deutsche Männer statistisch bewiesen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass trotz gleicher beruflicher Qualifikation jeder Zentimeter jenseits des Durchschnitts von 1,79 ein Gehaltsplus von 0,6 Prozent bedeutet.

Es gibt "in der psychologischen Forschung Hinweise darauf, dass Körpergröße von Dritten unbewusst mit Stärke, Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen gleichgesetzt wird", sagt Guido Heineck. Dies könne sich zum Beispiel bei Vorstellungsgesprächen oder Beförderungen zum Nachteil von kleineren Menschen auswirken.

Selbst bei der Partnerwahl scheinen kleine Männer im Nachteil. Eine Umfrage des Partnerportals ElitePartner ergab, dass sich 78 Prozent von 4000 befragten Singlefrauen einen größeren Partner wünschen. Zu ähnlichem Ergebnis kam auch eine Metaanalyse, die der Wirtschaftspsychologe Charles A. Pierce anstellte. Auch er ermittelte eine höhere Anziehungskraft größerer Männer auf Frauen. "Der große Mann bedeutet Schutz. Auch die Evolutionsbiologie spielt bei der Entscheidung für mehr Körperlänge eine gewisse Rolle. Das zeigt sich bei Frauen, die ihren Eisprung haben. Auf der Suche nach einem gesunden Erzeuger ihres Nachwuchses tendieren sie unbewusst zu größeren Männern. Psychologisch betrachtet könnte auch die unbewusste Phantasie des "Überwältigt-Seins" durch einen größeren Partner eine Rolle spielen, sagt Voos. Neben solch psychologischen Effekten steht hinter der Wahl des größeren Partners offenbar jedoch auch eine Art soziale Norm, laut der der Mann größer sein sollte als seine Partnerin.

Lesen Sie auch: Detaillierte Informationen über kleine epileptische Anfälle

Kompensation und Überkompensation: Strategien kleiner Männer

Kleine Menschen bemerken angeblich bereits früh im Leben, dass sie mehr leisten müssen als große. Allerdings auch mit wenig erfreulichen Nebenwirkungen, die sich ebenfalls im Verhalten zeigen. Das Gefühl klein zu sein, fanden Forscher der Universität Oxford heraus, macht Menschen eher paranoid, misstrauisch und ängstlich. Demnach glaubten kleine Personen eher, dass Leute sie anstarren oder über sie reden.

Allerdings gibt es auch positive Aspekte: Psychologen ordnen kleineren Männern Tugenden wie Ausdauer, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Optimismus zu. Männer, die unter ihrer kleineren Körpergröße leiden und dies als Manko wahrnehmen, haben die Chance, das Defizit durch besondere Anstrengung in anderen Bereichen auszugleichen. Es ist gut, wenn sie nicht auf die ideologisch verbreitete Schönmacherei hereinfallen, dass alle die gleichen Chancen haben. Dies ist nämlich eine gefährliche Lüge. Schon der Psychoanalytiker Alfred Adler, einer der wichtigsten Schüler Sigmund Freuds, wusste, dass aus einem Minderwertigkeitskomplex eine große Energie zum Wettmachen dieses Nachteils erwachsen kann. Denn sich nur benachteiligt fühlen und nichts daran zu ändern versuchen, führt ausschließlich in eine chronische Opferhaltung.

Männer, die versuchen, ihren offensichtlichen Nachteil aktiv zu bewältigen, neigen meist zu Überkompensation und übertreffen damit die notwendigen Anforderungen bei weitem. Sie bringen es dann in ihrem Metier zu ganz besonderen Leistungen. Ihr unbe… Der kleine Mann, wer will es bezweifeln, ist ehrgeizig. Er will hoch hinaus. Doch wird er naturgemäß gerne übersehen. Das hindert und ärgert ihn.

Die Partnerwahl: Größe als Kriterium?

"Dein Freund ist kleiner als du? Ich weiß ja nicht, ob ich das könnte …" Diese Aussage stammt nicht aus den frühen 50er Jahren, sondern vom letzten Wochenende. So reagierte eine Freundin von mir auf die Beziehungsnews einer Bekannten. In meinem ganzen Bekanntenkreis gibt es ein einziges Paar, bei dem die Frau größer ist als der Mann - und bei den beiden ist der Unterschied wirklich minimal.

“Dass der Mann größer sein soll als die Frau, hat keinen wirklichen Vorteil”, so Gert Stulp, Soziologe an der Universität Groningen, zu VICE. Er beschäftigt sich in seiner Forschung mit der Frage, inwiefern die Attraktivität mit der Größe eines Menschen zusammenhängt. Stulp befragte 650 Studentinnen und Studenten aus Deutschland und den Niederlanden und fand heraus, dass sich beide Geschlechter einig waren: Der Mann sollte größer sein. Die männlichen Befragten fühlten sich in perfekt harmonischer Partnerschaft, wenn sie die Frau um acht Zentimeter überragten, die Frauen standen sogar auf einen 21 Zentimeter größeren Freund. “Ich denke, es ist ein Ausdruck kultureller Prägungen”, sagt Stulp. “Die Körpergröße steht für Männlichkeit, genauso wie Brüste und Hüften für das Weibliche stehen. Das ist ein altes Phänomen.

Lesen Sie auch: Was sind transitorische ischämische Attacken (TIA)?

Bereits im Jahr 1954 fand der Psychotherapeut und Sexologe Hugo Beigel in einer Studie heraus, dass Männer, die ausschließlich kleinere Frauen daten, oft unter Minderwertigkeitskomplexen leiden. Und oft hat ein kleinerer Mann viel mehr Größe, weil es mehr Mut erfordert, eine hochgewachsenere Frau anzusprechen, schreibt die 1,84 Meter große Fredi Ferkova bei VICE. Dabei sollten gerade Frauen, die etwas Langfristiges suchen, über eine Partnerschaft mit einem kleinen Mann nachdenken. Kleine Männer heiraten laut den Soziologen Abigail Weitzman und Dalton Conley zwar seltener und auch später, lassen sich aber auch nicht so oft scheiden. Möglicherweise liegt das daran, dass die kleineren Männer treffsicherer wählen, vermuten die Wissenschaftler. Außerdem vögeln sie weniger herum: Männer unter 1,64 Metern haben im Schnitt neun Sexpartnerinnen, größere dagegen um die zwölf, so eine Onlinestudie, die zwei US-Psychologen mit über 60.000 Teilnehmern durchgeführt haben.

Es könnte zwar passieren, dass kleine Männer einen Komplex wegen ihrer Größe haben. “Viele kleine Männer sind machtorientiert und sexistisch, um ihren ‘Makel’ zu kompensieren”, sagt Rolf Pohl, Sozialpsychologe an der Leibniz Universität Hannover, zu VICE. “Man denke nur an Berlusconi, Putin oder den frühen Sarkozy.” Aber dieses Risiko muss man bei jeder Körpergröße in Kauf nehmen. Und im Übrigen war Napoleon, der dem Komplex des kleinen Mannes den Namen gab, gar nicht so klein, sondern zwischen 1,68 und 1,70 groß - und damit höher als der Durchschnittsfranzose zu seiner Zeit.

Diskriminierung und Schönheitsideale

9.4% der erwachsenen Männer in Deutschland sind kleiner als 170 cm, 28.4% kleiner als 175 cm und 53.4% kleiner als 180 cm (vgl. www.grandiosgross.de), was von Frauen auf Datingportalen oft als die gewünschte Mindestgröße angegeben wird. Frauen wollen heutzutage mit Männern auf Augenhöhe sein, aber bei der Paarbildung dürfen es dann meistens doch 10 bis 15 cm mehr Höhe beim Mann sein. Nach Befragungen führender Online-Portale wünschen sich 70% bis 80% der suchenden Frauen einen größeren Mann als Partner.

Männer leiden ganz besonders an ihrer zu geringer Körpergröße, also an etwas, das sie nicht wirklich ändern können. Betroffene Männer leiden oft sehr unter ihrer geringen Körpergröße, reden aber mit niemandem über ihr diesbezügliches Scham- und Minderwertigkeitsgefühl. Das muss sich ändern! Eine geringe Körpergröße wird auch am häufigsten auf Datingplattformen von Männern „gefaked“. Durchschnittlich geben Männer eine um 5 cm übertriebene Körpergröße bei Tinder und Co. an. Dass dieser Schwindel beim ersten realen Date auffliegt, vergrößert das Schamgefühl am Ende noch mehr.

Die Wahrheiten des Alltags werden durch Konzepte wie Body-Positivity immer weiter tabuisiert, da in der bunten woken Medienwelt solche Diskriminierungen gar nicht auftauchen dürfen. Mit ihren Erlebnissen von Zurückweisungen und Kränkungen beim Dating bleiben kleine Männer alleine und unverstanden. Die in vielen Medien negativ als Frauenhasser beschriebenen INCELs („Involuntary Celibates“ - unfreiwillig ohne Sex lebende Männer; vgl. INCELs - Von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu Hilfen und Selbstmitgefühl (Männerrat #14)) sind Männer, die auch wegen ihrer Körpergröße Zurückweisung erfahren. In einer psychologischen Studie aus dem Jahr 2023 ergab sich, dass INCELs durchschnittlich 2.4 cm kleiner waren als ihre sexuell erfolgreichen Altersgenossen. Viel zu selten finden sie den Weg zu psychologischen Hilfen, wo ihr Selbstwertgefühl endlich wachsen könnte.

Körpergröße und Gesundheit

Wer kleiner ist als 1,70 Meter, wird mit einem signifikant hohen Risiko für hohen Blutdruck leben müssen. Männer unter 1,65 Metern haben häufiger Probleme mit dem Herzen oder dem Kreislauf. Mit langen Beinen zirkuliert das Blut schlicht besser durch den Rest des Körpers - mit wachsender Größe sinkt der Blutdruck. Hoher Druck in den Adern wiederum begünstigt Krankheiten wie wenige Umstände sonst. Er führt zu Schlaganfällen, schädigt auf Dauer auch Herz und Nieren. Je höher der Blutdruck, desto niedriger die Chance auf ein langes Leben.

Tatsächlich gehen zunehmende Größe und zunehmendes Krebsrisiko nebeneinander her. So leben Männer über 1,95 Meter statistisch mit einer mehr als dreifach erhöhen Gefahr, an Hodenkrebs zu erkranken. Ist ein Mann dagegen kleiner als 1,70 Meter, verringert sie sich um fast 50 Prozent.

tags: #kleine #manner #nerven