Friedrich Nietzsche und die Demenz: Eine komplexe Krankengeschichte

Friedrich Nietzsche, einer der einflussreichsten Philosophen des 19. Jahrhunderts, ist nicht nur für seine bahnbrechenden Ideen, sondern auch für seine tragische Krankheitsgeschichte bekannt. Seine letzten Lebensjahre waren von einem geistigen Verfall gezeichnet, der bis heute Anlass zu Spekulationen und Kontroversen gibt. War es Syphilis, ein Hirntumor oder eine andere Erkrankung, die zu seinem Zusammenbruch führte? Dieser Artikel beleuchtet Nietzsches Leben, seine Symptome und die verschiedenen Diagnosen, die im Laufe der Zeit gestellt wurden.

Kindheit, Jugend und akademische Laufbahn

Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1844 in Röcken als Sohn des lutherischen Pfarrers Carl Ludwig Nietzsche und seiner Frau Franziska, geborene Oehler, geboren. Seine frühe Kindheit war von Verlust geprägt: Als er fünf Jahre alt war, starben sein Vater und sein jüngerer Bruder. Er wuchs daraufhin zusammen mit seiner Mutter, Schwester, Großmutter, zwei unverheirateten Tanten und einem Dienstmädchen auf.

Nietzsches außergewöhnliche musische und sprachliche Begabung fiel schon früh auf. Im Jahr 1858 wurde er als Stipendiat in die Landesschule Pforta aufgenommen. Nach dem Abitur begann er 1864 ein Studium der klassischen Philologie und evangelischen Theologie in Bonn. Zum Leidwesen seiner Mutter brach er das Theologiestudium jedoch nach dem ersten Semester ab und wechselte zum Weiterstudieren nach Leipzig. Dort wurde er zum Musterschüler seines Professors Friedrich Ritschl und entdeckte die Schriften Arthur Schopenhauers.

Seine akademische Karriere verlief rasant: Bereits mit 24 Jahren erhielt er eine Professur für klassische Philologie an der Universität Basel - ohne vorher promoviert zu haben. Nietzsche gab seine preußische Staatsbürgerschaft auf und blieb bis zu seinem Lebensende staatenlos. Am Deutsch-Französischen Krieg nahm er als Sanitäter teil, wobei er sich eine schwere Erkrankung zuzog, die ihn lange belastete.

Gesundheitliche Probleme und der Rückzug aus der Professur

Bereits in jungen Jahren litt Nietzsche unter gesundheitlichen Problemen. Migräneanfälle, Schlaflosigkeit und Sehstörungen plagten ihn seit seiner Kindheit. Mit 35 Jahren musste er seine Professur aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Heftiger Rheumatismus, stechende Kopfschmerzen, Erbrechen und Sehstörungen bis zur Blindheit machten ihm häufig zu schaffen. Längere Texte zu schreiben war ihm aufgrund seiner Beschwerden oft nicht möglich, weshalb er Aphorismen benutzte.

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Getrieben von seinen Krankheiten und auf der Suche nach erträglichen Klimabedingungen reiste Nietzsche viel und lebte bis 1889 als freier Autor an verschiedenen Orten. Im Sommer wohnte er meist in Sils-Maria in der Schweiz, im Winter in Italien (Genua, Rapallo, Turin) sowie in Nizza.

Der Zusammenbruch in Turin und die Diagnose

Im Herbst 1888 begann Nietzsche, kryptische Kurzmitteilungen, sogenannte „Wahnsinnszettel“, zu versenden. Anfang Januar 1889 erlitt er in Turin einen endgültigen geistigen Zusammenbruch. Der deutsche Arzt Dr. Baumann stellte die vernichtende Diagnose „Hirnschwäche“ fest. Sein Freund Franz Overbeck brachte ihn in die psychiatrische Klinik „Kantonale Irrenanstalt Basel Stadt“. Dort wurde eine progressive Paralyse als Ursache für den Zusammenbruch vermutet.

Im Oktober 1889 kam es zu einer deutlichen Remission der Erkrankung, woraufhin seine Mutter ihn im März 1890 nach Hause nach Naumburg nahm und ihn dort bis zu ihrem Tod im April 1897 pflegte. Mit Nietzsche ging es unaufhaltsam bergab. Nach mehreren Schlaganfällen war er teilweise gelähmt und konnte weder stehen noch sprechen.

Die Syphilis-Hypothese und ihre Kritik

Vielfach wird als Ursache für den Zusammenbruch eine progressive Paralyse, womöglich als Folge von Syphilis, vermutet. Diese Diagnose ist allerdings zweifelhaft und umstritten, hält sich aber dennoch hartnäckig.

Einige Ärzte, die Nietzsche untersuchten, zweifelten an der Syphilis-Diagnose. So fehlte beispielsweise das für die Erkrankung typische Zittern der Zunge. Auch zeigte der Patient zunächst keine Hinweise auf eine schleppende Sprache oder ein ausdrucksloses Gesicht. Zudem lebte Nietzsche nach seinem geistigen Zusammenbruch noch elf Jahre - weitaus länger, als es früher für einen Syphilis-Patienten möglich gewesen wäre.

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Alternative Erklärungen für Nietzsches Demenz

Angesichts der Zweifel an der Syphilis-Hypothese wurden im Laufe der Zeit verschiedene alternative Erklärungen für Nietzsches Demenz vorgeschlagen.

Eine Theorie besagt, dass Nietzsche an einem Hirntumor in der Nähe des rechten Sehnervs litt. Dies könnte seine Kopfschmerzen, Sehstörungen und spätere Demenz erklären. Auch manisches Verhalten und Paranoia könnten durch einen solchen Tumor verursacht werden.

Eine weitere Hypothese ist, dass Nietzsche an CADASIL litt, einer genetischen Erkrankung, die im Alter vermehrt zu Schlaganfällen führen kann. Auch das Gastaut-Geschwind-Syndrom, das bei Menschen mit Epilepsie auftreten kann, wurde als mögliche Erklärung in Betracht gezogen.

Nietzsches Schwester und die Instrumentalisierung seines Leidens

Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche übernahm nach dem Tod der Mutter die Betreuung des Philosophen. Sie verwaltete den philosophischen Nachlass ihres Bruders und verfälschte ihn, um ihn mit nationalistischen und rassistischen Ideologien zu verbinden. Die Villa Silberblick wurde zu einem Zentrum des Weimarer Kulturlebens, wo Nietzsche der Öffentlichkeit als Schaustellungsstück präsentiert wurde. Seine geistige Abwesenheit wurde als Zustand mystischer Überhöhung verklärt, und er wurde quasi zum Guru einer besseren Welt erhoben.

Tod und das ungelöste Rätsel seiner Krankheit

Friedrich Nietzsche starb am 25. August 1900 an den Folgen einer Lungenentzündung und eines weiteren Schlaganfalls. Eine Autopsie fand nicht statt, wodurch eine große Chance vertan wurde, Klarheit über seine Krankheit zu gewinnen.

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Bis heute rätseln Forschende über die Ursachen für Nietzsches Zusammenbruch und seinen geistigen Verfall. Die diagnostischen Debatten um Nietzsches Krankheit sind exemplarisch für die methodischen Schwierigkeiten der traditionellen Pathographik und retrospektiven Diagnostik.

Knietzsche und die Demenz: Ein Erklärfilm für Kinder

Um Kindern die Erkrankung Demenz auf einfache und verständliche Weise zu erklären, gibt es den Animationsfilm "Knietzsche und die Demenz". Der Film erzählt die Geschichte, wie der kleine Philosoph Knietzsche seine "Raketenoma" aufgrund ihrer Demenzerkrankung auf neue Weise kennenlernt. Der Film steht kostenfrei über den Knietzsche-Youtube-Kanal zur Verfügung.

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