Kongenitale Myasthenie: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Kongenitale myasthene Syndrome (CMS) bilden eine seltene und heterogene Gruppe von Erkrankungen, die durch angeborene Störungen der Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel gekennzeichnet sind. Diese genetisch bedingten Erkrankungen manifestieren sich klinisch vielfältig und erfordern eine umfassende Diagnostik, um eine gezielte Therapie einzuleiten.

Was sind kongenitale myasthene Syndrome (CMS)?

Kongenitale myasthene Syndrome (CMS) sind genetisch bedingte Störungen der neuromuskulären Signalübertragung. Im Gegensatz zur autoimmunen Myasthenia gravis, bei der Antikörper die Signalübertragung stören, liegen bei CMS Defekte in Genen vor, die für die Funktion der neuromuskulären Endplatte verantwortlich sind. Die Erkrankungen manifestieren sich meist in den ersten Lebensjahren, können aber auch erst im späteren Kindes- oder Erwachsenenalter auftreten.

Ursachen kongenitaler myasthener Syndrome

CMS sind genetisch bedingt. Derzeit sind etwa 35 ursächliche Gene bekannt, deren Mutationen die spezifischen Subtypen der CMS definieren. Abhängig von der Lokalisation des Defekts kann die Störung der Signalübertragung präsynaptisch (am Nervenende), synaptisch (im Bereich der Acetylcholinesterase) oder postsynaptisch (an der Muskelmembran) lokalisiert sein.

Mutationen in verschiedenen Genen können unterschiedliche Auswirkungen auf die neuromuskuläre Übertragung haben:

  • Präsynaptische Störungen: Mutationen der Cholinacetyltransferase (CHAT) können zu episodischen Apnoen führen.
  • Synaptische Störungen: Mutationen des Proteins Col-Q (COLQ) verursachen eine Endplatten-Acetylcholinesterase-Defizienz.
  • Postsynaptische Störungen: Mutationen in Genen, die Acetylcholinrezeptor-Untereinheiten (AChR) kodieren (CHRNA1, CHRNB1, CHRND, CHRNE), können zu verschiedenen Formen von CMS führen, darunter Slow-Channel- und Fast-Channel-Syndrome. Mutationen in Rapsyn (RAPSN) und Dok-7 (DOK7) sind ebenfalls häufige Ursachen.

Symptome kongenitaler myasthener Syndrome

Die Symptome von CMS können sehr unterschiedlich sein und hängen von der Art des genetischen Defekts ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

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  • Muskelschwäche: Vorzeitige Ermüdbarkeit der Skelettmuskulatur, Augenmuskulatur (Schielen, Doppelbilder) oder mimischen Muskulatur (ausdrucksloses Gesicht).
  • Schluckstörungen: Speicheln, Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken.
  • Atemlähmungen: In schweren Fällen kann es zu lebensbedrohlichen Atemlähmungen kommen.
  • Kraftloses Schreien und Trinkschwäche: Bei Säuglingen können diese Symptome auffallen.
  • Verzögerung der motorischen Entwicklung: Kleinkinder können eine verzögerte motorische Entwicklung zeigen (z. B. Floppy-Infant-Syndrom).

Die Schwäche nimmt im Tagesverlauf und nach Belastung zu.

Diagnose kongenitaler myasthener Syndrome

Die Diagnose von CMS basiert auf einer Kombination aus:

  1. Anamnese und klinischer Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und Beurteilung der Symptome.
  2. Elektrophysiologischer Diagnostik: Repetitive Nervenstimulation (RNS) zur Messung der neuromuskulären Übertragung. Ein pathologisches Dekrement (Abfall der Amplitude der Muskelantwort bei wiederholter Stimulation) ist ein Hinweis auf eine Störung der neuromuskulären Übertragung.
  3. Molekulargenetischer Diagnostik: Nachweis des genetischen Defekts durch Genanalyse. Dies ist die endgültige Bestätigung der Diagnose.

Eine gezielte molekulargenetische Diagnostik ist erst nach Zuordnung des zugrundeliegenden Defektes durch die klinische Untersuchung und elektrophysiologische Diagnostik möglich.

Differentialdiagnose

Es ist wichtig, CMS von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen, insbesondere von der autoimmunen Myasthenia gravis. Im Gegensatz zur Myasthenia gravis lassen sich bei CMS keine Serumantikörper gegen AChR oder MuSK nachweisen, und die Patienten sprechen nicht auf eine immunsuppressive Therapie an.

Weitere Differentialdiagnosen umfassen:

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  • Kongenitale Myopathien und Muskeldystrophien
  • Mitochondriale Myopathien
  • Guillain-Barré-Syndrom

Behandlung kongenitaler myasthener Syndrome

Die Behandlung von CMS ist symptomatisch und zielt darauf ab, die neuromuskuläre Übertragung zu verbessern und die Symptome zu lindern. Die Therapie richtet sich nach dem zugrunde liegenden genetischen Defekt.

Zu den häufig verwendeten Medikamenten gehören:

  • Cholinesterasehemmer: Diese Medikamente erhöhen die Konzentration von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte und verbessern so die Signalübertragung.
  • 3,4-Diaminopyridin (3,4-DAP): Dieses Medikament verbessert die Freisetzung von Acetylcholin aus den Nervenendigungen.
  • Ephedrin und Albuterol: Diese Medikamente können bei bestimmten Formen von CMS hilfreich sein, insbesondere bei DOK7-Mutationen.
  • Chinidinsulfat und Fluoxetin: Diese Medikamente können bei Slow-Channel-Syndromen eingesetzt werden, um die verlängerte Kanalöffnungszeit zu verkürzen.

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie können unterstützende Maßnahmen wie Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie erforderlich sein, um die motorischen Fähigkeiten und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. In einigen Fällen kann eine Atemunterstützung oder eine Ernährungssonde (PEG) erforderlich sein.

Prognose kongenitaler myasthener Syndrome

Verlauf und Schweregrad der Erkrankung sind sehr unterschiedlich und hängen von der zugrunde liegenden genetischen Ursache ab. Mit einer frühzeitigen Diagnose und einer angemessenen Behandlung können viele Patienten ein weitgehend normales Leben führen.

Myasthenia gravis als Differentialdiagnose

Es ist wichtig, die kongenitalen myasthenen Syndrome von der Myasthenia gravis abzugrenzen, da die Behandlungsansätze unterschiedlich sind.

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Was ist Myasthenia gravis?

Myasthenia gravis (MG) ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Antikörper gegen Acetylcholinrezeptoren (AChR) oder andere Proteine an der neuromuskulären Endplatte bildet. Diese Antikörper stören die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln, was zu Muskelschwäche und Ermüdbarkeit führt.

Ursachen der Myasthenia gravis

Die genauen Ursachen der Myasthenia gravis sind nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Eine Fehlfunktion des Thymus, einer Drüse des Immunsystems, wird ebenfalls als möglicher Faktor diskutiert.

Symptome der Myasthenia gravis

Die Symptome der Myasthenia gravis können sehr unterschiedlich sein. Häufige Symptome sind:

  • Muskelschwäche: Die Muskelschwäche nimmt typischerweise im Laufe des Tages und nach Belastung zu.
  • Doppelbilder und hängende Augenlider (Ptosis): Diese Symptome sind oft die ersten Anzeichen der Erkrankung.
  • Schluck- und Sprechstörungen: Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken und Sprechen können auftreten.
  • Atembeschwerden: In schweren Fällen kann die Atemmuskulatur betroffen sein, was zu Atemnot führen kann.

Diagnose der Myasthenia gravis

Die Diagnose der Myasthenia gravis basiert auf:

  • Klinischer Untersuchung: Beurteilung der Symptome und der neurologischen Funktion.
  • Pharmakologische Tests: Injektion von Edrophoniumchlorid (Tensilon-Test) oder Pyridostigmin zur vorübergehenden Verbesserung der Muskelschwäche.
  • Elektrophysiologische Tests: Repetitive Nervenstimulation (RNS) und Einzelfaser-Elektromyographie (SFEMG) zur Messung der neuromuskulären Übertragung.
  • Blutuntersuchungen: Nachweis von Antikörpern gegen Acetylcholinrezeptoren (AChR-AK) oder andere Proteine an der neuromuskulären Endplatte.

Behandlung der Myasthenia gravis

Die Behandlung der Myasthenia gravis zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Zu den wichtigsten Behandlungsoptionen gehören:

  • Cholinesterasehemmer: Diese Medikamente erhöhen die Konzentration von Acetylcholin an der neuromuskulären Endplatte.
  • Immunsuppressiva: Medikamente wie Kortikosteroide, Azathioprin, Mycophenolat-Mofetil, Ciclosporin A, Tacrolimus oder Methotrexat unterdrücken das Immunsystem und reduzieren die Bildung von Antikörpern.
  • Thymektomie: Die Entfernung des Thymus kann bei einigen Patienten mit Myasthenia gravis zu einer Verbesserung der Symptome führen.
  • Plasmapherese und Immunadsorption: Diese Verfahren werden eingesetzt, um Antikörper aus dem Blut zu entfernen, insbesondere in akuten Krisensituationen.
  • Monoklonale Antikörper: Rituximab, Eculizumab und andere monoklonale Antikörper können bei bestimmten Patienten eingesetzt werden, um das Immunsystem gezielt zu beeinflussen.

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