Kieferschmerzen sind ein weit verbreitetes Problem, das viele Menschen betrifft. Die Ursachen können vielfältig sein und reichen von muskulären Verspannungen bis hin zu neurologischen Erkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen neurologischen Ursachen von Kieferschmerzen und bietet einen umfassenden Überblick über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten. Dabei wird der Fokus auf eine ganzheitliche Betrachtung des Kiefers als Teil eines komplexen Systems gelegt.
Die komplexe Funktion des Kiefers
Der Kiefer erfüllt primär die Aufgabe, Nahrung zu zerkleinern und zu mahlen. Dieser Vorgang basiert auf einem Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und verschiedenen Strukturen im Mundraum. Lippen, Mundboden, Gaumen, Zunge und Wangen positionieren die Speisebestandteile, bevor Ober- und Unterkiefer mitsamt den Zähnen, den Kiefergelenken und der Kaumuskulatur die eigentliche Bearbeitung übernehmen. Der Kauvorgang ist ein willkürlicher Akt, der jedoch einem komplizierten, rhythmischen Ablauf folgt. Die Zähne des Unterkiefers bewegen sich schwingend und gleichmäßig gegen die des Oberkiefers. Die Struktur der Speisen, die Anzahl, Form und Festigkeit der Zähne sowie die Führung des Unterkiefers im Kiefergelenk und die eingesetzte Muskelkraft spielen dabei eine wichtige Rolle. Beim Kauen wird eine Kraft von bis zu 30 Newton freigesetzt, wobei spezielle Sensoren in der Kaumuskulatur, dem Unterkiefer, dem Kiefergelenk und den Zähnen ein zu festes Zubeißen verhindern.
Auswirkungen von Kieferproblemen auf den Körper
Das Kiefersystem ist eine sensible Einheit, und bereits kleine Veränderungen können den Kaumechanismus stören. Das Kiefergelenk kann an einer Vielzahl von Symptomen beteiligt sein, die auf den ersten Blick nicht mit dieser Körperregion in Verbindung stehen. Dazu gehören:
- Kieferschmerzen
- Kauschmerzen
- Zahnschmerzen
- Kopfschmerzen
- Schwindel
- Taubheitsgefühl und Kribbeln im Gesicht
- Sehstörungen
- Ohrgeräusche (Tinnitus)
- Schluckbeschwerden
- Nackenverspannungen
- Schulterschmerzen
Die zentrale Lage des Kiefergelenks am Schädel, in der Nähe empfindlicher Areale, erklärt diese vielfältigen Auswirkungen. Viele dieser Areale stehen über Muskeln und Nerven direkt mit dem Kiefergelenk in Verbindung, beispielsweise die Ohren, Augen, der vordere Hals, die Schultern und der Bereich rund um die Halswirbelsäule.
Neurologische Ursachen von Kieferschmerzen
Neurologische Faktoren können eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Kieferschmerzen spielen. Einige der wichtigsten neurologischen Ursachen sind:
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Trigeminusneuralgie
Die Trigeminusneuralgie ist eine der bekanntesten neurologischen Ursachen von Kieferschmerzen. Sie äußert sich durch plötzlich einschießende, elektrisierende Schmerzen im Gesicht, die durch Reizung oder Schädigung des Trigeminusnervs verursacht werden. Die Schmerzen treten in einem oder mehreren Ästen des Nervs auf und können durch Kauen, Sprechen oder Zähneputzen ausgelöst werden. In manchen Fällen reicht bereits kalter Wind aus, um eine Attacke auszulösen.
Die Ursache der Trigeminusneuralgie ist oft unklar, kann aber in einer neurovaskulären Kompression liegen, bei der ein Blutgefäß den Nerv beim Austritt aus dem Hirnstamm reizt. Auch Entzündungen oder Multiple Sklerose können ursächlich sein. Die Behandlung erfolgt in erster Linie medikamentös mit Antikonvulsiva, die die Nervenaktivität reduzieren. In schweren Fällen können operative Verfahren wie die Operation nach Jannetta oder die Thermokoagulation in Betracht gezogen werden.
Atypischer Gesichtsschmerz
Der atypische Gesichtsschmerz, auch idiopathischer anhaltender Gesichtsschmerz genannt, ist ein chronischer Schmerz, der nicht den typischen Merkmalen einer Neuralgie entspricht. Die Schmerzen werden als dumpf, drückend und tief im Gesicht lokalisiert beschrieben, oft im Bereich des Oberkiefers oder unterhalb des Auges. Die Ursache ist unbekannt, und die Diagnose wird oft erst nach Ausschluss anderer Erkrankungen gestellt.
Die Behandlung des atypischen Gesichtsschmerzes ist schwierig und erfordert oft einen multidisziplinären Ansatz. Medikamente wie trizyklische Antidepressiva können zur Schmerzlinderung eingesetzt werden. Psychotherapeutische Maßnahmen, Entspannungsverfahren und Physiotherapie können ebenfalls hilfreich sein. Es ist wichtig, unnötige operative Eingriffe zu vermeiden, da diese die Chronifizierung des Schmerzes fördern können.
Bruxismus und seine neurologischen Verbindungen
Bruxismus, das unbewusste Zähneknirschen oder -pressen, ist eine häufige Ursache von Kieferschmerzen. Es kann sowohl im Schlaf (Schlafbruxismus) als auch im Wachzustand (Wachbruxismus) auftreten. Bruxismus führt zu einer Überlastung der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke, was zu Schmerzen, Verspannungen und Schäden an den Zähnen führen kann.
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Neurologische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Bruxismus. Stress, Angstzustände und Depressionen können Bruxismus auslösen oder verstärken. Insbesondere für Wachbruxismus werden Zusammenhänge mit neurodegenerativen Erkrankungen beschrieben. Auch zerebrale Durchblutungsstörungen oder Blutungen können ursächlich sein.
Die Behandlung von Bruxismus umfasst in der Regel das Tragen einer Aufbissschiene, um die Zähne zu schützen und die Kaumuskulatur zu entlasten. Entspannungsverfahren, Physiotherapie und psychologische Beratung können ebenfalls hilfreich sein, um Stress abzubauen und das Knirschen zu reduzieren.
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)
Die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist ein komplexes Krankheitsbild, das Funktionsstörungen der Kiefergelenke, der Kaumuskulatur und der beteiligten Nerven umfasst. Die Symptome sind vielfältig und können Kieferschmerzen, Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Ohrgeräusche und Schwindel umfassen.
Neurologische Faktoren können zur Entstehung von CMD beitragen. Fehlstellungen des Kiefers, Stress, Zähneknirschen und Fehlhaltungen können die Funktion des Kiefergelenks beeinträchtigen und neurologische Schmerzen verursachen.
Die Diagnose von CMD erfordert eine sorgfältige Untersuchung durch einen Zahnarzt oder Kieferorthopäden. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Therapieansätzen, wie z.B. Schienentherapie, Physiotherapie, manuelle Therapie und Entspannungsverfahren.
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Diagnostik von Kieferschmerzen
Eine umfassende Diagnostik ist entscheidend, um die Ursachen von Kieferschmerzen zu identifizieren und eine geeignete Behandlung einzuleiten. Die Diagnostik umfasst in der Regel:
- Anamnese: Erhebung der Krankengeschichte und der aktuellen Beschwerden durch den Arzt.
- Klinische Untersuchung: Untersuchung des Kiefers, der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke durch den Arzt.
- Funktionsanalyse: Untersuchung der Kieferbewegung und der Funktion der Kiefergelenke.
- Bildgebende Verfahren: Röntgenaufnahmen, Magnetresonanztomographie (MRT) oder Computertomographie (CT) zur Darstellung der Kieferstrukturen und zur Identifizierung von Entzündungen, Fehlstellungen oder anderen Auffälligkeiten.
Behandlungsmöglichkeiten bei Kieferschmerzen
Die Behandlung von Kieferschmerzen richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Zu den häufigsten Behandlungsmethoden gehören:
- Schienentherapie: Das Tragen einer Aufbissschiene, um die Zähne zu schützen, die Kaumuskulatur zu entlasten und die Kiefergelenke zu stabilisieren.
- Medikamente: Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Muskelrelaxantien oder Antidepressiva zur Linderung von Schmerzen und Entzündungen.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Entspannung der Kaumuskulatur, zur Verbesserung der Kieferbewegung und zur Korrektur von Fehlhaltungen.
- Manuelle Therapie: Behandlung von Muskelverspannungen und Gelenkblockaden durch einen Physiotherapeuten oder Osteopathen.
- Entspannungsverfahren: Stressmanagement-Techniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga, um Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.
- Psychotherapie: Behandlung von psychischen Faktoren wie Stress, Angstzuständen oder Depressionen, die Kieferschmerzen verursachen oder verstärken können.
- Operative Eingriffe: In seltenen Fällen, wenn konservative Behandlungsmethoden nicht ausreichend helfen, können operative Eingriffe zur Korrektur von Kieferfehlstellungen oder zur Behandlung von Kiefergelenkserkrankungen erforderlich sein.
Hausmittel und Selbsthilfe bei Kieferschmerzen
Zusätzlich zu den professionellen Behandlungen können Betroffene auch selbst etwas zur Linderung ihrer Kieferschmerzen beitragen:
- Wärme: Auflegen von warmen Kompressen oder Wärmekissen auf den Kiefer, um die Muskulatur zu entspannen.
- Kälte: Auflegen von Kühlpacks auf den Kiefer, um Entzündungen zu reduzieren und Schmerzen zu lindern.
- Weiche Kost: Vermeiden von harten oder zähen Lebensmitteln, um den Kiefer nicht zusätzlich zu belasten.
- Kiefermassage: Sanftes Massieren der Kaumuskulatur mit kreisenden Bewegungen.
- Dehnübungen: Langsames Öffnen und Schließen des Mundes, um die Kiefermuskulatur zu dehnen.
- Stressabbau: Entspannungsübungen, Spaziergänge in der Natur oder andere Aktivitäten, die helfen, Stress abzubauen.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Es ist ratsam, einen Arzt aufzusuchen, wenn Kieferschmerzen:
- Anhaltend oder wiederkehrend sind.
- Stark sind und die Lebensqualität beeinträchtigen.
- Mit anderen Symptomen wie Kopfschmerzen, Nackenverspannungen, Ohrgeräuschen oder Schwindel einhergehen.
- Nach einem Unfall oder einer Verletzung auftreten.
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