Nervenbahnen Reiben: Ursachen, Symptome und Behandlungen

Polyneuropathie, eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, betrifft Millionen Menschen und kann eine Vielzahl von Ursachen haben. Die Erkrankung manifestiert sich durch unterschiedliche Symptome wie Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühle und Schmerzen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome, Diagnosemethoden und Behandlungsansätze von Polyneuropathie, um ein umfassendes Verständnis dieser komplexen Erkrankung zu ermöglichen.

Einführung in die Polyneuropathie

Polyneuropathie (PNP) ist eine Erkrankung, bei der mehrere Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks geschädigt sind. Betroffen sind oft lange, sensible Nervenfasern, die bis in die Füße reichen. Sind diese Nerven geschädigt, werden Signale nicht mehr richtig weitergeleitet, was zu Taubheitsgefühlen, Kribbeln oder Schmerzen führen kann. Schäden an motorischen Nerven können auch Muskelschwäche oder Lähmungen verursachen. Schätzungen zufolge erkranken etwa drei bis acht Prozent der deutschen Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an einer PNP.

Dr. Katrin Hahn, eine neurologische Oberärztin an der Berliner Charité, erklärt, dass fast jeder Mensch schon einmal ähnliche Empfindungen erlebt hat, wenn auch in milder Form. Sie vergleicht das Gefühl mit dem, was passiert, wenn man längere Zeit auf einem Nerv liegt, beispielsweise am "Musikantenknochen", was zu Taubheit im kleinen Finger führt.

Symptome der Polyneuropathie

Die Symptome einer Polyneuropathie sind vielfältig und hängen davon ab, welche Nerven betroffen sind. Mediziner unterscheiden sensible, motorische und autonome Polyneuropathien. Einige Menschen leiden auch unter mehreren Formen gleichzeitig.

Sensible Beschwerden

Sensible Nerven leiten Informationen aus dem Körper zum Gehirn. Schäden an diesen Nerven können zu Fehlempfindungen führen, wie zum Beispiel:

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  • Taubheitsgefühl
  • Kribbeln
  • Brennen
  • Juckreiz
  • Stechen

Viele Patienten berichten auch von schmerzlosen Wunden oder dem Gefühl, auf Watte zu gehen. Temperaturen werden oft verfälscht wahrgenommen, und leichte Berührungen können extreme Schmerzen verursachen.

Motorische Beschwerden

Motorische Nerven leiten Befehle vom Gehirn an die Muskeln weiter. Schäden an diesen Nerven können folgende Symptome verursachen:

  • Muskelzuckungen
  • Muskelkrämpfe
  • Schmerzen
  • Ermüdung der Muskulatur
  • Abnahme der körperlichen Ausdauer

Autonome Beschwerden

Das autonome Nervensystem steuert unbewusst die Organe. Sind diese Nerven betroffen, kann es zu folgenden Symptomen kommen:

  • Übermäßiges oder vermindertes Schwitzen
  • Ohnmachts- und Schwindelanfälle
  • Herzrasen oder langsamer Herzschlag
  • Schluckbeschwerden
  • Völlegefühl, Verstopfung oder Durchfall
  • Erschwertes Wasserlassen
  • Wassereinlagerungen und Hautveränderungen an den Füßen
  • Erektionsstörungen
  • Fehlende Pupillenbewegungen

Ursachen von Nervenreizungen und Polyneuropathie

Die Ursachen für Nervenreizungen und Polyneuropathie sind vielfältig. Zu den häufigsten gehören:

Diabetes Mellitus

Ein dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel kann Nerven schädigen. Rund die Hälfte aller Diabetes-Patienten entwickelt eine Polyneuropathie. Eine gute Einstellung des Blutzuckerspiegels ist daher entscheidend.

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Alkoholmissbrauch

Übermäßiger Alkoholkonsum ist eine weitere häufige Ursache. Der Verzicht auf Alkohol ist in diesen Fällen ein wichtiger Schritt zur Behandlung.

Entzündliche Erkrankungen

Entzündliche Krankheiten wie rheumatoide Arthritis, Grippe oder HIV-Infektionen können eine Polyneuropathie auslösen. In diesen Fällen richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper. Ein Beispiel hierfür ist das Guillain-Barré-Syndrom, bei dem nach einer Infektion aufsteigende Lähmungen auftreten können.

Medikamente und Toxine

Bestimmte Medikamente, insbesondere Chemotherapeutika, können Nerven schädigen. Auch Umweltgifte wie Schwermetalle können eine Polyneuropathie verursachen.

Genetische Veranlagung

In seltenen Fällen ist die Polyneuropathie erblich bedingt, wie bei der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung.

Weitere Ursachen

Weitere mögliche Ursachen sind:

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  • Erkrankungen der Leber
  • Mangelernährung
  • Vitaminmangel (z.B. Vitamin B12)
  • Autoimmunerkrankungen
  • Infektionen (z.B. Borreliose)
  • Krebserkrankungen
  • Hormonelles Ungleichgewicht (z.B. Schilddrüsenunterfunktion)

Diagnose von Polyneuropathie

Die Diagnose einer Polyneuropathie umfasst mehrere Schritte:

Anamnese und körperliche Untersuchung

Ein Neurologe erfragt die individuellen Beschwerden, Vorerkrankungen und die familiäre Krankengeschichte. Anschließend erfolgt eine körperliche Untersuchung, bei der die Funktion der Nerven geprüft wird.

Neurologische Untersuchung

Der Neurologe prüft, inwiefern die Funktion der Nerven eingeschränkt ist. Er ermittelt, ob Empfindungsstörungen auf beiden Körperseiten symmetrisch vorliegen oder ob das Schmerz- und Temperaturempfinden beeinträchtigt ist. Auch das Lageempfinden und die Vibrationsempfindung werden getestet.

Blutuntersuchung

Eine Blutprobe kann Aufschluss über den Langzeit-Blutzuckerspiegel sowie die Vitamin-B12- und Folsäurewerte geben.

Elektroneurographie (ENG)

Bei dieser Untersuchung wird ein Nerv gezielt über eine Elektrode gereizt, und die Geschwindigkeit der Reizweiterleitung wird gemessen.

Elektromyographie (EMG)

Hierbei wird die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen, um festzustellen, ob die Muskeln ausreichend starke Signale von den Nerven erhalten.

Weitere Untersuchungen

Bei Bedarf können weitere Untersuchungen wie Nerven-Muskel-Biopsie, molekulargenetische Tests, Hirnwasseruntersuchung, MRT oder Ultraschall sinnvoll sein.

Behandlung von Polyneuropathie

Die Behandlung einer Polyneuropathie zielt darauf ab, die Ursache zu behandeln und die Symptome zu lindern.

Ursachenorientierte Therapie

Die Behandlung der Grunderkrankung steht im Vordergrund. Bei Diabetes ist eine optimale Blutzuckereinstellung wichtig, bei Alkoholmissbrauch ein Alkoholentzug. Entzündliche Erkrankungen werden entsprechend behandelt, und bei Medikamenten als Ursache kann die Therapie umgestellt werden.

Medikamentöse Schmerztherapie

Verschiedene Medikamente können die Schmerzen einer PNP lindern:

  • Antikonvulsiva
  • Antidepressiva
  • Opioide (bei starken Schmerzen)
  • Lidocain-Pflaster (bei lokalisierten Schmerzen)

Nicht-medikamentöse Therapien

  • Physiotherapie: Zur Stärkung geschwächter Muskelgruppen.
  • Ergotherapie: Zur Verbesserung alltäglicher Handgriffe.
  • Medizinische Fußpflege: Wichtig, da PNP-Patienten kleine Wunden an den Füßen oft nicht bemerken.
  • Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Stimuliert gesunde Nervenfasern und blockiert die Weiterleitung von Schmerzsignalen.
  • Naturheilkunde: Elektrotherapie (Stangerbäder), Hydrotherapie (Wechselgüsse), Akupunktur und Capsaicin-Creme können zur Linderung der Symptome beitragen.

Rehabilitation

An die Behandlung schließt sich oft eine Reha mit Physiotherapie an.

Alternative und ergänzende Behandlungen

Professor Andreas Michalsen von der Charité empfiehlt zusätzlich naturheilkundliche Verfahren zur Linderung der Symptome. Dazu gehören Elektrotherapie (Stangerbäder), Hydrotherapie (Kneipp-Anwendungen), Akupunktur und Capsaicin-Creme.

Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die Ansprechbarkeit auf diese Therapien von der Stärke der Nervenschädigung abhängt. Bei entzündlichen immunologischen Erkrankungen sind die Effekte oft geringer.

Alltagstipps für Betroffene

Abhängig von den individuellen Symptomen können folgende Tipps im Alltag helfen:

  • Kleine, häufigere Mahlzeiten gegen Völlegefühl.
  • Viel Flüssigkeit und ballaststoffreiche Ernährung gegen Verstopfung.
  • Schlafposition mit erhöhtem Oberkörper und Stützstrümpfe gegen Schwindel.
  • Warme, kalte oder Wechselbäder zur Linderung von Schmerzen und Fehlempfindungen.
  • Regelmäßiger Gang zur Toilette alle drei Stunden.
  • Ärztliche Beratung bei Erektionsstörungen oder trockener Vaginalhaut.
  • Beseitigung von Stolperfallen zur Sturzprophylaxe.

Gefühlsstörungen als Begleitsymptom anderer Erkrankungen

Gefühlsstörungen können auch in Verbindung mit anderen Erkrankungen auftreten:

  • Multiple Sklerose (MS): Kribbeln, Taubheit oder neuropathische Schmerzen.
  • Parkinson: Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Missempfindungen.
  • Migräne: Kribbeln oder Taubheitsgefühle als Aura-Symptome.
  • Bandscheibenvorfall: Taubheit, Kribbeln oder Muskelschwäche.
  • Psychische Störungen: Angstzustände, Panikattacken oder chronischer Stress.

Prävention und Früherkennung

Eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung sind entscheidend, da die Schädigung des Nervensystems im Verlauf der Erkrankung zunimmt. Regelmäßige Kontrollen des Blutzuckerspiegels bei Diabetes und ein maßvoller Alkoholkonsum können dazu beitragen, einer Polyneuropathie vorzubeugen. Der Gesundheits-Check-up beim Hausarzt kann Risikofaktoren und frühe Symptome aufdecken.

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