Ubrogepant: Ein Hoffnungsschimmer für Migränepatienten – Linderung schon in der Prodromalphase?

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die von quälenden Kopfschmerzen und einer Vielzahl von Begleitsymptomen gekennzeichnet ist. Viele Betroffene erleben bereits Stunden oder Tage vor dem eigentlichen Kopfschmerzattacke sogenannte Prodromalsymptome, die ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Bislang zielten verfügbare Migränemittel primär darauf ab, die Kopfschmerzen in der Akutphase zu bekämpfen. Doch nun gibt es neue Hoffnung für Migränepatienten: Der in den USA bereits zugelassene Wirkstoff Ubrogepant könnte auch in der Prodromalphase, also vor dem eigentlichen Kopfschmerz, wirksam sein und somit einen Paradigmenwechsel in der Migränebehandlung einleiten.

Die Prodromalphase der Migräne: Mehr als nur Kopfschmerzen

Die Prodromalphase ist die früheste Phase eines Migräneanfalls und zeichnet sich durch Symptome aus, die dem Auftreten der Kopfschmerzen vorausgehen. Typische Symptome der Prodromalphase sind Reizbarkeit, gedrückte Stimmung oder Stimmungsschwankungen, Gähnen, Müdigkeit, Schlafstörungen, erhöhter Harndrang, Verlangen nach Essen, Übelkeit, Empfindlichkeit gegenüber Licht oder Geräuschen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schwierigkeiten beim Sprechen oder Lesen, Nackenschmerzen oder Muskelsteifheit und Hyperaktivität. Diese Vorboten-Symptome können die Betroffenen stark einschränken und ihre Energie und Lebensqualität erheblich mindern.

Ubrogepant: Ein Wirkstoff mit Potenzial zur frühen Intervention

Ubrogepant ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der sogenannten Gepante, genauer gesagt ein Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP)-Rezeptorantagonist. Er blockiert den CGRP-Rezeptor im Gehirn, wodurch die Erweiterung der Blutgefäße durch CGRP verhindert wird. CGRP ist ein Entzündungsbotenstoff, der eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Migräne spielt. Seit 2019 ist Ubrogepant in den USA zur Akutbehandlung von Migräne-Kopfschmerzen zugelassen.

Neue Studienergebnisse deuten auf Wirksamkeit in der Prodromalphase hin

Eine Nachauswertung von Daten aus einer 2023 veröffentlichten Studie hat nun ergeben, dass Ubrogepant möglicherweise auch die Prodromalsymptome der Migräne lindern kann. In der ursprünglichen Studie, der PRODROME-Studie, wurde untersucht, ob Ubrogepant Migräneattacken verhindern kann, wenn es im Prodromalstadium eingenommen wird. Die Teilnehmer der Studie waren Erwachsene im Alter von 18 bis 75 Jahren, die seit mindestens einem Jahr an Migräne mit oder ohne Aura litten und bei denen in der Vergangenheit zwei bis acht Migräneattacken pro Monat mit mäßigen bis starken Kopfschmerzen auftraten. Die Studienteilnehmer erhielten nach dem Zufallsprinzip entweder Placebo oder Ubrogepant 100 mg zur Behandlung des ersten Prodromalereignisses und - nach einer mindestens siebentägigen Auswaschphase - Ubrogepant oder Placebo zur Behandlung des zweiten Prodromalereignisses (Cross-over-Design). Sie wurden angewiesen, zu Beginn der jeweiligen Prodromalphase zwei Tabletten des Studienmedikaments einzunehmen und während der folgenden 48 Stunden auftretende Kopfschmerzen in einem elektronischen Tagebuch zu dokumentieren.

Die Ergebnisse der PRODROME-Studie zeigten, dass Ubrogepant bei der Verhinderung eines Teils von Migräneanfällen wirksam und gut verträglich war, wenn es während der Prodromalphase einer Migräneattacke gegeben wurde. Konkret wurde bei 46 % der Patienten, die Ubrogepant einnahmen, innerhalb von 24 Stunden nach der Einnahme keine mittelschweren und schweren Kopfschmerzen festgestellt, verglichen mit 29 % in der Placebo-Gruppe.

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Nachanalyse der PRODROME-Studie: Fokus auf Prodromalsymptome

Ein Team um William Karlsson vom Danish Headache Center hat die Daten der PRODROME-Studie nun nachträglich ausgewertet, um zu untersuchen, ob Ubrogepant auch die Prodromalsymptome beeinflusst. Dabei zeigte sich, dass sich bei Personen, die das Gepant erhalten hatten, Lichtempfindlichkeit und Nackenschmerzen stärker verringerten als bei den Placebo-Nutzern. So fühlten sich beispielsweise 19,5 Prozent der Betroffenen zwei Stunden nach der Einnahme von Ubrogepant weniger lichtempfindlich, in der Placebogruppe waren es nur 12,5 Prozent. Auch Müdigkeit und Geräuschempfindlichkeit nahmen unter Ubrogepant stärker ab als unter Placebo.

Expertenmeinungen und Ausblick

Die Ergebnisse der Nachanalyse werden von Fachleuten unterschiedlich bewertet. Einige weisen auf die limitierte Aussagekraft der nachträglichen Analyse hin und betonen, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, um diese möglichen Effekte zu bestätigen. Dennoch sehen viele Experten die Daten als Hinweis auf das Potenzial von Ubrogepant, beginnende Attacken bereits in frühen Phasen der Migräne zu unterbrechen.

Prof. Dr. Dagny Holle-Lee, Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerzzentrums am Universitätsklinikum Essen, die nicht an der Studie beteiligt war, weist darauf hin, dass die Ergebnisse dieser explorativen Analyse weniger aussagekräftig sind, als wenn eine kontrollierte Studie gezielt die Prodromal-Symptome als zentrale Fragestellung untersucht hätte. „Dennoch liefern die vorliegenden Daten erste Hinweise darauf, dass Ubrogepant in der Vorphase der Migräne wirksam sein könnte“, sagt sie.

Christian Maihöfner, Chefarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Fürth, der ebenfalls nicht an der Arbeit beteiligt war, betont, dass es sich um eine gut durchdachte und sehr gründliche Untersuchung handelt und um eine der ersten guten Studien, die eine Besserung der Prodromal-Symptome zeigt.

Hartmut Göbel, Chefarzt der Schmerzklinik Kiel, sieht in den Ergebnissen einen „Paradigmenwechsel“: „Weg von der ausschließlichen Akutbehandlung in der Schmerzphase und hin zur gezielten Intervention im Frühstadium der Migräne.“

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Ubrogepant in Europa: Zulassung und Alternativen

Ubrogepant ist in Europa bislang nicht zugelassen. Es gibt jedoch andere Wirkstoffe aus der Klasse der Gepante, die in der EU zugelassen sind, darunter Atogepant und Rimegepant. Beide wirken nach dem gleichen Mechanismus wie Ubrogepant. Atogepant wird in Deutschland vor allem zur Prophylaxe von Migräne eingesetzt.

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