Schwindel ist ein weit verbreitetes Symptom, das viele Menschen im Laufe ihres Lebens erfahren. Es ist wichtig zu verstehen, dass Schwindel selbst keine Krankheit ist, sondern ein Anzeichen für eine zugrunde liegende Ursache. In der Neurologie spielen Körperphänomene wie Schwindel eine wichtige Rolle bei der Diagnose und Behandlung verschiedener Erkrankungen.
Was ist Schwindel?
Wenn Sie ständig Schwindel empfinden, ist das keine Krankheit, sondern lediglich ein Symptom. Denn Schwindelanfälle können verschiedene Ursachen haben. Es ist ratsam, mit einem Arzt abzuklären, ob Ihr Schwindel organisch bedingt ist. Patienten beschreiben ihre Schwindelgefühle sehr unterschiedlich, daher muss der Krankheitsverlauf sorgfältig erhoben werden. Wichtig in diesem Zusammenhang sind auch Befunde aus der Neurologie und Untersuchungen der Augen und Ohren.
Drehschwindel
Bei dem sogenannten Drehschwindel erleben die Betroffenen das Gefühl, dass sich alles um sie herum dreht, ähnlich wie bei einem Karussell. Das Gefühl wird auch oft mit dem Schwindel nach übermäßigem Alkoholkonsum verglichen. Zusätzlich zu dem Gefühl, dass sich alles dreht, wird der Schwindel auch von Übelkeit, Erbrechen und Geräuschen im Ohr begleitet.
Bei Drehschwindel-Attacken wollen die Informationen, die Ihnen z.B. Ihr Sehapparat und das im Ohr sitzende Gleichgewichtsorgan an Ihr Gehirn sendet, nicht mit den dort gespeicherten Informationen zusammenpassen. Ihr Gehirn hat Schwierigkeiten, diese Impulse zu verarbeiten, mit der Folge, dass die Welt um Sie herum wankt und sich dreht - Ihnen ist schwindelig. Diese Beschwerden bestehen dabei auch im Liegen oder in Ruhe und die Attacken können über mehrere Stunden oder Tage anhalten.
Statistiken und Häufigkeit
Statistisch gesehen entwickelt jeder vierte Mensch im Laufe seines Lebens mindestens einmal krankhaften Schwindel. Rund 25 % der Patienten, die in der Neurologie im Krankenhaus oder bei niedergelassenen Ärzten behandelt werden, klagen über Schwindelgefühle. Schwindelbeschwerden zeigen sich ganz unterschiedlich. Schwindelanfälle können aus heiterem Himmel auftreten und unterschiedlich lange andauern - von ein paar Sekunden bis hin zu Stunden ist alles möglich. Bei bestimmten Bewegungen, körperlichen Belastungen oder in Stresssituationen kann Schwindel ebenfalls ausgelöst oder verstärkt werden. In den meisten Fällen stellt sich der Schwindel von selbst wieder ein, doch manche Menschen leiden tage- und monatelang unter den Beschwerden. Mediziner sprechen dann von einem Dauerschwindel. Hört das Drehen und Wanken gar nicht mehr auf, ist der Schwindel chronisch geworden.
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Ursachen von Schwindel
Schwindel entsteht durch eine Funktionsstörung im Bereich des Gleichgewichtsorgans im Innenohr, dem Gleichgewichtsnerven (Nervus vestibularis), den das Gleichgewichtsgefühl “bearbeitenden“ Hirnarealen, z.B. im Hirnstamm und Kleinhirn sowie den Nervenbahnen für die Körperwahrnehmung und der Augen. Ursachen für Schwindel können somit vielfältig sein:
- Herz-Kreislaufprobleme: Durchblutungsstörungen
- Neurologische Erkrankungen: Hirninfarkte (Schlaganfall), Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose (MS), Tumore
- Infektionen und Entzündungen
- Substanzmissbrauch: Nebenwirkungen von Alkohol, Medikamenten (Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antiepileptika, Antidepressiva, Antibiotika oder Diuretika) oder Drogen
- Trauma: In Folge von einem Schädel-Hirn-Trauma kann Schwindel auftreten.
- Migräne: Es gibt auch Migräneformen, die mit einem starken Schwindel einhergehen.
- Psychische Ursachen: Neben einer Funktionsstörung in diesen Systemen verursacht die Psyche Schwindel („psychogener Schwindel“). In der Medizin wird dann von einem funktionellen Schwindel gesprochen. Schwindelattacken können körperliche Symptome bei ausgeprägten Ängsten und Panikattacken („bei diesem Gedanken wird mir ganz schwindelig“) sein - häufig werden Schwindelanfälle im Zusammenhang mit Höhenangst („schwindelerregende Höhe“) oder Phobien vor Brücken, Plätzen, Menschenmassen oder leeren Räumen beobachtet. Auch zunächst organische Schwindelerkrankungen können im Verlauf in eine funktionelle (ältere Bezeichnungen: somatoforme, psychogene) Form des Schwindels übergehen.
Spezifische Schwindelformen
Anfallsartiger Drehschwindel
Jedem ist einmal schwindelig und in der Regel sind die Beschwerden schnell vergessen. Dieser anfallsartige Drehschwindel besteht aus einer akuten Attacke von etwa 20 Minuten bis zu 12 Stunden Dauer, begleitet von Ohrsymptomen wie Tinnitus, Hörminderung und/oder Druck im betroffenen Ohr. Es entsteht ein heftiges Drehgefühl, das von Fallneigung und Übelkeit begleitet wird. Männer zwischen 50 und 60 Jahren sind häufig betroffen. Ursache ist am ehesten eine Produktionsstörung der Innenohr-Flüssigkeit, wodurch ein Überdruck entsteht. Es kommt zu Verschiebungen der Flüssigkeit, was zu fehlgeleiteten Informationen im Gleichgewichtssinn führt.
Die prophylaktische Therapie erfolgt nach aktuellen Empfehlungen zunächst medikamentös konservativ (z.B. Betahistin), dann „nichtdestruktiv“ (z.B. Injektion von Medikamenten ins Gleichgewichtsorgan im Innenohr) und zuletzt „destruktiv“ durch Operation. In der Akutphase kann eine Medikamentengabe erfolgen. Sie ist die häufigste Ursache für sich wiederholende Schwindelattacken.
Vestibuläre Migräne
Schwindelanfälle bei vestibulärer Migräne kommen als heftige Attacken in Verbindung mit Übelkeit und Erbrechen vor und dauern von einigen Minuten bis zu 72 Stunden. Diese Attacken können, müssen aber nicht, von starken Kopfschmerzen sowie Lärm- und Lichtempfindlichkeit begleitet sein. Die Symptomatik insgesamt ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Typisch ist jedoch ein starker Drehschwindel. Vestibuläre Migräne wird wie andere Migräneformen behandelt.
Akute Vestibulopathie
Besonders häufig von einem meist tagelang anhaltenden Dauerdrehschwindel betroffen sind Erwachsene zwischen 50 und 60 Jahren. Es stellt sich ein schweres Krankheitsgefühl ein, das von Fallneigung, Übelkeit, Erbrechen und Oszillopsien (Scheinbewegungen der Umwelt) begleitet wird. Rasche Bewegungen und Lagerungsveränderungen verstärken das Schwindelgefühl. Als Ursache wird eine reaktivierte Virusinfektion mit Herpes simplex vermutet. Da auch akute Hirnerkrankungen heftigen Dreh- und Schwankschwindel verursachen können, muss der Arzt zunächst andere Erkrankungen wie einen ischämischen Schlaganfall oder eine Hirnblutung, beziehungsweise Entzündung im Gehirn ausschließen. Die Erkrankung lässt sich durch eine Kombination aus anfänglicher symptomatischer Therapie, Gleichgewichtstraining und passenden Medikamenten therapieren.
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Zentraler Schwindel
Dieser akute Schwindel (Dreh- oder Schwankschwindel), welcher neben Übelkeit und Erbrechen auch mit „zentralen“ Symptomen (z.B. Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörungen, Doppelbildern, Sehstörungen, Schluckstörungen, Sprechstörungen usw…) einhergeht, ist meist auf akute Hirnerkrankungen, wie z.B. Durchblutungsstörungen im Bereich des Hirnstamms oder Kleinhirns, zurückzuführen. Meist liegen vaskuläre Risikofaktoren (z.B. Diabetes mellitus, arterielle Hypertonie) vor, die Patienten sind eher älter (>60 Jahre).
Psychogener Schwindel
Angst- und Panikstörungen können Schwindelattacken verursachen. Die Sinnesreize oder Situationen, die eine Schwindelattacke auslösen, können sich schnell verselbständigen und sich auf weitere Lebensbereiche ausdehnen. Typisch für Angsterkrankungen entwickelt sich ein Teufelskreis mit einer vorherrschenden „Angst vor der Angst“: obwohl Angst eigentlich die Schwindelanfälle auslöst, beschreiben Betroffene häufig das Schwindelgefühl als Ursache der Panik. Es kommt nach und nach zu einem Vermeidungsverhalten von allen Situationen, die zu einem Schwindelgefühl führen könnten. Das Haus wird nicht mehr verlassen, soziale Kontakte eingeschränkt und bestimmte Orte und Aktivitäten werden von vorneherein vermieden. Typisch ist die extrem ausgeprägte Angst vor Stürzen, woraus sich eine übersteigerte Wahrnehmung von Körperschwankungen und eine vermehrte Haltungskontrolle entwickelt. Dabei sollten Sie sich vor Augen halten, dass alle Menschen in ihren Bewegungen leicht schwanken. Wenn eine Angststörung vorliegt, werden jedoch peinlich genau alle Körperphänomene beobachtet und bewertet. Kommt es zur kleinsten Schwankung, wird es Patienten schwindelig. Diese Spirale der Selbstbeobachtung verstärkt das Schwindelgefühl. Besonders stark betroffenen scheinen Menschen zu sein, die sehr pflichtbewusst sind und peinlich genau darauf bedacht sind, alle Situationen im Griff zu haben (Perfektionismus).
Diagnose und Abklärung
Wenn Ihnen ständig schwindelig ist, sollte zunächst der Gang zum Hausarzt erfolgen, der Sie an spezialisierte Kollegen überweisen wird. Um die Schwindelbeschwerden abzuklären, erfolgt eine Untersuchung beim HNO-Arzt, beim Internisten oder beim Neurologen. Diese beinhalten Überprüfungen des Gleichgewichtsorgans, der Augenbewegungen, Bewegungsapparat, Nerven- und Hirnfunktionen und des Herz-Kreislauf-Systems.
Die Koexistenz von psychischen Erkrankungen und Schwindelbeschwerden ist in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus der ärztlichen Aufmerksamkeit gerückt, was sich im therapeutischen Alltag zeigt. Wenn Ihnen ständig schwindelig ist und Sie eine jahrelange Odyssee im Wartezimmer von Ärzten hinter sich haben, geht es zunächst darum, Ihnen zu vermitteln, dass Ihre Beschwerden keine schweren organischen Ursachen haben.
Therapieansätze
Es gibt dabei verschiedene Ansätze, um dem Schwindelphänomen auf den Grund zu gehen. Die Beschwerden des Patienten werden dabei in Zusammenhang mit ungelösten zwischenmenschlichen Konflikten gebracht, die sich auf körperlicher Ebene manifestieren oder auf einen ungünstigen Umgang mit körperlichen Wahrnehmungen. Interessant in diesem Kontext ist das Alexithymie-Konzept, das davon ausgeht, dass Gefühle entweder nicht oder zu wenig wahrgenommen, beziehungsweise kommuniziert werden. Diese Problematik ist charakteristisch für viele Betroffene. Entscheidend ist letztendlich, dass ein Mensch nach einer erfolgreichen Therapie seine wiedergewonnene psychische Stabilität auch langfristig aufrechterhalten kann.
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Neben der gründlichen Aufklärung darüber, warum es dem Betroffenen ständig schwindelig ist, kommt es bei der Therapie vor allem darauf an, die aktive Haltung des Patienten zu fördern. Die angemessene und entspannte Körperwahrnehmung kann durch Physiotherapie, Entspannungs- und Achtsamkeitsverfahren und Schulung der körperlichen Kompensationsmechanismen bei einem „sekundär gestörten“ Gleichgewichtssystem trainiert werden. Grundsätzlich geht es in der Therapie darum, Ihre eigenen psychosozialen Ressourcen zu entdecken und zu nutzen. Das Wissen darum hilft Ihnen dabei, sich selbst zu motivieren und Ihr Verhalten zu ändern.
Zum Einsatz kommen dabei Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie:
- Sie werden sich bewusst, welchen Einfluss Stress darauf hat, dass Ihnen schwindelig ist.
- Sie lernen, welche Situationen den Schwindel auslösen und aufrechterhalten.
- Sie kommen negativen „Glaubensmustern“ auf die Spur, die mit dazu beitragen können, dass es Ihnen schwindelig wird - zum Beispiel den Anspruch, immer alles unter Kontrolle zu haben. In der kognitiven Umstrukturierung erlernen Sie, Gedankenmuster umzubewerten und Gegenannahmen zu bilden.
- Sie lernen, sich gelassener, aber effektiv selbst zu beobachten. Das betrifft nicht nur die Körperwahrnehmung, sondern auch Gefühle, Gedanken und Verhalten.
- Neue Erfahrungen auf der emotionalen Ebene werden gemacht.
- Entspannungstechniken und deren gezielter Einsatz werden erlernt.
- Es werden Angsthierarchien aufgebaut, indem Alltagssituationen gesammelt werden, die bei Ihnen das Gefühl "Mir ist schwindelig" auslösen und entsprechend der Stärke des Reizes skaliert.
- Unter therapeutischer Anleitung erfolgt eine Exposition in der Realität.
Bei akuten, organisch bedingten Schwindelanfällen hat sich je nach Ursache die Gabe von Medikamenten bewährt. Körperübungen helfen dabei, besser mit den Schwindelattacken umzugehen und Funktionsstörungen zu kompensieren. Ist Ihnen schwindelig, weil eine psychische Erkrankung dahinter steckt, können ebenfalls begleitend Medikamente wie Antidepressiva eingesetzt werden. Eine weitaus größere Rolle fällt jedoch der psychoedukativen Aufklärung und der Psychotherapie zu. Bei den meisten Patienten hat es bereits einen starken therapeutischen Effekt, wenn Sie sich endlich der Ursachen Ihrer Schwindelsymptome bewusst werden. Um den Teufelskreis der Selbstbeobachtung zu durchbrechen, ist eine multimodale Therapie anderen Verfahren aktuell deutlich überlegen.
Mind-Body-Medizin
Die Mind-Body-Medizin ist ein integrativer Ansatz, der die Wechselwirkungen zwischen Geist, Körper und Verhalten berücksichtigt. Sie beinhaltet mentale bzw. verhaltensmedizinische Ansätze und zielt darauf ab, psychophysiologische Veränderungen und gesundheitsförderliche Potenziale zu aktivieren.
Historische Wurzeln
Schon in der Antike wurde die Bedeutung von Lebensstil und Selbstfürsorge für die Gesundheit betont. Hippokrates von Kos sah die Lebensführung als essenziellen Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Im Laufe der Jahrhunderte tauchte immer wieder die Betonung der Selbstfürsorge im medizinisch-therapeutischen Kontext auf, oft im Sinne einer „inneren Kraft zur Heilung“.
Moderne Entwicklung
Die moderne Mind-Body-Medizin hat ihre Wurzeln in der Meditationsforschung der 1970er-Jahre. Herbert Benson beobachtete, dass Selbstheilung auch „Kopfsache“ ist und entwickelte das Konzept der Entspannungsantwort als physiologischen Gegenspieler der biologischen Stressantwort.
Anwendungsbereiche
Die Mind-Body-Medizin wird heute klinisch-praktisch vor allem im Kontext von primärer Prävention und Gesundheitsförderung sowie in der Behandlung von chronischen Erkrankungen eingesetzt, beispielsweise bei:
- Bluthochdruck
- Muskuloskelettalen Beschwerden
- Fettstoffwechselstörungen
- Endokrinologischen und metabolischen Erkrankungen
- Depressiven Störungen
- Magen-Darm-Funktionsstörungen
Zusätzlich wird die Mind-Body-Medizin unterstützend in der Behandlung bei Krebs sowie in der begleitenden Suchtbehandlung eingesetzt.
Techniken der Mind-Body-Medizin
- Meditation
- Entspannungsübungen (z.B. autogenes Training)
- Biofeedback
- Hypnose
- Achtsamkeitstraining
- Yoga
- Kognitive Verhaltenstherapie
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