Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Demyelinisierung gekennzeichnet ist. Diese Erkrankung kann erhebliche individuelle und sozioökonomische Belastungen verursachen. In Schweden beispielsweise machen die indirekten Kosten durch MS-bedingten Arbeitsausfall und Frührente etwa 75 % der Krankheitskosten für die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus.
Ein charakteristisches Merkmal der Multiplen Sklerose (MS) ist, dass sie in den meisten Fällen in Schüben verläuft oder chronisch fortschreitet. Die Patienten erleben zum Beispiel motorische Störungen, Lähmungen, Sehstörungen oder die Fatigue.
Was ist Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise Strukturen des zentralen Nervensystems angreift. Dies führt zu Entzündungen und Schädigungen der Myelinscheiden, die die Nervenfasern umhüllen. Die Folge sind vielfältige neurologische Symptome.
Die Vielfalt der MS-Verläufe
Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist sehr unterschiedlich und zu Beginn der Krankheit nicht vorhersagbar. Neben sehr gutartig verlaufenden Erkrankungen, die zu keinen oder nur sehr gering bleibenden Beschwerden führen, gibt es auch sehr rasch verlaufende Fälle mit erheblichen Behinderungen innerhalb weniger Jahre. Es ist wichtig zu betonen, dass eine eindeutige Aussage über Verlauf und Schweregrad der Krankheit für den Einzelnen leider kaum zu treffen ist.
Es gibt verschiedene Formen von Multipler Sklerose, die anhand des Krankheitsverlaufs unterschieden werden:
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- Schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RRMS)
- Sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS)
- Primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS)
Zusätzlich wird unterschieden, ob die MS-Erkrankung gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) ist.
Definition und Merkmale der benignen Multiplen Sklerose (BMS)
Die benigne Multiple Sklerose (BMS) ist definiert als eine Verlaufsform, bei der ≥ 15 Jahre nach Krankheitsbeginn ein Expanded-Disability-Status-Scale-(EDSS-)Wert von 3,0 oder weniger vorliegt. Dies bedeutet, dass die Betroffenen auch nach langer Krankheitsdauer nur geringe oder keine bleibenden Behinderungen aufweisen.
Einige Experten bezweifeln die Existenz einer wirklich gutartigen MS-Form, da die Krankheit bei den meisten Betroffenen früher oder später fortschreitet. Langzeituntersuchungen zeigen jedoch, dass ein Teil der MS-Patienten über Jahrzehnte hinweg nur minimale neurologische Beeinträchtigungen entwickelt.
Forschungsergebnisse zur benignen MS
Schwedische Forscher haben versucht, klinische und demografische Faktoren zu evaluieren, die mit der benignen Multiplen Sklerose (BMS) assoziiert sind. Eine Studie des Institute of Neurology am University College London (Großbritannien) begleitete eine Gruppe von MS-Patienten über 30 Jahre. Die Ergebnisse zeigten, dass es tatsächlich einen gutartigen MS-Verlauf gibt, bei dem die Nervenerkrankung über Jahrzehnte mild und stabil bleibt.
Eine Auswertung der Londoner CIS-Kohorte ergab, dass von 80 Patienten, die im Laufe der Zeit eine MS entwickelten, 32 auch nach 30 Jahren einen EDSS-Wert von weniger als 3,5 Punkten hatten. Praktisch alle arbeiteten noch ganz- oder halbtags, sofern sie nicht schon das Rentenalter erreicht hatten.
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Faktoren, die mit einem benignen Verlauf assoziiert sein könnten
Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Faktoren mit einem günstigeren MS-Verlauf assoziiert sein könnten:
- Jüngeres Alter bei Krankheitsbeginn: Patienten mit benigner MS waren im schwedischen Register zum Krankheitsbeginn deutlich jünger als solche mit nichtbenigner MS (28 versus 34 Jahre).
- Weibliches Geschlecht: Häufiger weiblich (75 versus 69%).
- Seltenere Schübe: Patienten mit benigner MS hatten seltener Schübe.
- Sensorische Probleme im Vordergrund: Vor allem standen beim ersten Schub zumeist sensorische Probleme im Vordergrund.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass diese Merkmale nicht immer aussagekräftig sind und sich im Voraus nicht sagen lässt, welche Patienten einen benignen Verlauf entwickeln werden.
Die Bedeutung der Diagnose und Verlaufskontrolle
Die Diagnose der Multiplen Sklerose beruht neben der Krankheitsvorgeschichte und der neurologischen Untersuchung vorwiegend auf der Kernspintomographie und der Untersuchung des Nervenwassers. Durch die Kernspintomographie können Entmarkungsherde - d.h. Schädigungen der Markscheiden - im Nervensystem sichtbar gemacht werden, durch die Nervenwasseruntersuchung lässt sich feststellen, ob es sich hierbei um entzündliche Veränderungen handelt.
Regelmäßige Arzttermine mit MRT-Verlaufskontrollen sind wichtig, um den Krankheitsverlauf zu beurteilen und die Therapie gegebenenfalls anzupassen.
Therapieoptionen bei Multipler Sklerose
Obwohl die Ursache der Multiplen Sklerose trotz intensiver Forschung bis heute nicht vollständig geklärt ist und eine Heilung bisher nicht möglich ist, gibt es verschiedene Therapieoptionen, die den Krankheitsverlauf beeinflussen und die Symptome lindern können.
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Ein wichtiges Therapieziel bei der Multiplen Sklerose ist die Beeinflussung des Krankheitsverlaufes, d.h. bei schubförmig verlaufender Erkrankung die Verminderung oder völlige Vermeidung weiterer Schübe, bei der chronisch progredienten Form die Verlangsamung der Beschwerdezunahme. Eine derartige Behandlung nennt man IMMUNMODULATORISCHE THERAPIE.
Derzeit stehen zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose Azathioprin, Glatirameracetat sowie drei verschiedene beta-Interferonpräparate, Natalizumab und Fingolimod, Mitoxantron zur Verfügung. Zur Behandlung der sekundär chronisch progredienten Verlaufsform sind 2 beta-Interferone und Mitoxantron zugelassen. Da es sich um langdauernde Behandlungen handelt, die teilweise auch zu unerwünschten Nebeneffekten führen können, ist eine genaue Kenntnis des bisherigen Krankheitsverlaufes und eingehende Aufklärung des Patienten für eine erfolgreiche Therapie unerlässlich. Besonders zu Beginn einer derartigen Therapie ist zudem eine engmaschige ärztliche Kontrolle sinnvoll.
Beim Auftreten eines Krankheitsschubes sollte möglichst rasch eine Therapie erfolgen, um die eingetretene Verschlechterung wieder rückgängig zu machen. Diese SCHUBBEHANDLUNG wird mit Kortison durchgeführt, da dieses Medikament eine gute entzündungshemmende Wirkung hat.
Es hat sich eine Behandlung mit hohen Kortisondosen für drei bis fünf Tage bewährt, danach kann die Therapie entweder sofort oder ausschleichend beendet werden. Häufig lässt sich dadurch jedoch keine vollständige Rückbildung der Verschlechterung erreichen, so dass zusätzlich eine symptomatische Therapie sinnvoll ist.
Zahlreiche Symptome der Multiplen Sklerose können medikamentös oder physiotherapeutisch beeinflusst werden. Diese SYMPTOMATISCHE THERAPIE kann z.B. durch Medikamente eine vermehrte Muskelspannung (Spastik) lockern oder Störungen der Blasenfunktion bessern. Durch eine geeignete Physiotherapie wird ein gestörter Bewegungsablauf wieder ermöglicht und Gelenkversteifungen vorgebeugt. Schmerzen als Symptom der Multiplen Sklerose oder durch Fehlbelastungen können durch eine spezielle Schmerztherapie gelindert werden. Da seelische Faktoren bei der Multiplen Sklerose eine wichtige Rolle spielen, sind eine psychologische Betreuung sowie das Erlernen von Entspannungsverfahren häufig wichtig zur Verbesserung des Zustandes.
Leben mit Multipler Sklerose
Die Multiple Sklerose ist zwar eine schwere Krankheit, deren Verlauf sich jedoch mit Hilfe von modernen Therapiemöglichkeiten und nicht zuletzt der Unterstützung durch das soziale Umfeld des Patienten lange hinauszögern und verbessern lässt. Die konsequente Behandlung psychiatrischer Begleiterkrankungen wie Depressionen oder chronische Erschöpfungszustände verbessern die Lebensqualität entscheidend.
Es ist wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Multiple Sklerose individuell oft sehr unterschiedlich verläuft und dass es auch Patienten gibt, die trotz der Erkrankung keine schweren Beeinträchtigungen entwickeln.
Aktuelle Forschung
Die Forschung ist permanent auf der Suche nach Medikamenten und neuen Behandlungsmöglichkeiten bei MS, welche die Erkrankung noch verträglicher und sicherer machen sollen. Vor allem steht im Fokus, die Krankheit sowie die Behandlung alltagstauglicher zu machen, sodass die Patient:innen so wenig wie möglich eingeschränkt werden. Neue Forschung zu Multipler Sklerose befasst sich aus diesem Grund mit innovativen neuroimmunologischen Ansätzen.
Eine neue Studie der US-amerikanischen Firma Atara Biotherapeutics hat Erkenntnisse zur Ursachenbekämpfung bei Multipler Sklerose geliefert. Die Forschung zielt auf das Epstein-Barr-Virus ab, das schon seit längerem als mögliche Ursache für MS betrachtet wird. Nach einer überstandenen Infektion mit dem Virus, verbleiben die Erreger ein Leben lang im Körper. In der Studie wurden bestimmte Zellen des Immunssystems transplantiert, um diese Viren zu vernichten. Bei 20 von 24 Testpersonen, die an MS erkrankt waren, haben sich die Symptome infolge der Injektion mit den Immunzellen stabilisiert. Die beschädigte Hülle der betroffenen Nervenbahnen ist zudem nachgewachsen. Ob sich die Ergebnisse auch in größeren Patient:innengruppen reproduzieren lassen, muss nun weiter erforscht werden.
Weitere Neuigkeiten zu Multipler Sklerose kommen aus dem kanadischen Vancouver. Forscher:innen der University of British Columbia haben Grund zur Annahme, dass ein Zusatzstoff in Lebensmitteln Entzündungen hemmen und den Ausbruch von MS verhindern kann. In einem Experiment mit Mäusen konnte das aus Guarbohnen gewonnene Guarkernmehl vielversprechende Ergebnisse erzielen. Hintergrund der Tests ist die Beobachtung, dass die Lebensmittelgewohnheiten in den westlichen Ländern eine wichtige Rolle für die Entstehung von Multiple Sklerose spielen, so die Wissenschaftler:innen. An Menschen wurde die Guarkernmehl-Diät noch nicht getestet. Die Erkenntnisse aus den Mäuse-Experimenten geben jedoch Hoffnung auf die Entwicklung von neuen Therapien gegen MS.