Die "Germanische Neue Medizin" (GNM) ist eine pseudomedizinische Bewegung, die in den 1980er-Jahren von Ryke Geerd Hamer gegründet wurde und sich seitdem, besonders über soziale Medien und Chatgruppen, immer weiter verbreitet. Anhänger dieser Bewegung lehnen Wissenschaft und Schulmedizin ab. Hamer selbst bezeichnete seine Methode als "die größte Entdeckung der Menschheitsgeschichte". Seriöse Medizinerinnen und Mediziner hingegen warnen eindringlich vor der GNM als alternativer Behandlungsmethode und bezeichnen sie als menschenverachtende Scharlatanerie und lebensgefährlich für ernsthaft erkrankte Menschen.
Die Ursprünge der Germanischen Neuen Medizin
Ryke Geerd Hamer war ein Arzt, dem jedoch seine Approbation entzogen wurde. Er entwickelte die GNM nach dem Tod seines Sohnes Dirk im Jahr 1978. Hamer behauptete, dass der Tod seines Sohnes ein "hochdramatisches Schockerlebnis" gewesen sei, das bei ihm selbst Hodenkrebs ausgelöst habe. Inspiriert von Träumen über seinen Sohn entwickelte er daraufhin die Theorie, dass alle Krankheiten, insbesondere Krebs, durch solche seelischen Konflikte verursacht würden. Dieses Schockerlebnis hinterlasse, so Hamers Theorie, Spuren im Gehirn. Jeder könne sich selbst heilen, indem er diesen seelischen Konflikt aus der Welt schaffe. Wem dies jedoch nicht gelinge, der müsse mit einer „Dauerstressphase mit Verbrauch seiner Lebensenergien“ bis hin zum Tod rechnen.
Die Grundprinzipien der GNM
Laut Hamer ist jede Krankheit auf einen spezifischen seelischen Konflikt zurückzuführen. Um gesund zu werden, müsse man diesen Konflikt lösen, ohne medizinische Behandlung. Hamer formulierte eigene "fünf biologische Naturgesetze" und verbreitete seine Ideologie auch in Kinderbüchern und durch ein Lied, dessen Frequenz angeblich eine beruhigende Wirkung auf Patienten haben sollte. Zunächst nannte er das Ganze die Neue Medizin. Weil er sich diesen Begriff nicht patentieren lassen konnte, taufte Hamer seine Lehre 2003 in Germanische Neue Medizin um.
Kritik und Warnungen vor der GNM
Die GNM wird von der wissenschaftlichen Gemeinschaft und von seriösen Medizinern aufs Schärfste kritisiert. Die Deutsche Krebsgesellschaft veröffentlichte bereits 2024 ein Statement, in dem sie feststellt, dass es sich bei der GNM um eine Theorie ohne wissenschaftliche oder empirische Begründung handelt. Die zugrundeliegende Grundhypothese sei widerlegt.
Expertinnen und Experten warnen davor, dass die GNM für erkrankte Menschen lebensgefährlich sein kann, da sie dazu verleitet, notwendige medizinische Behandlungen abzulehnen. Wer sich als erkrankter Mensch auf die Germanische Neue Medizin einlässt und eine medizinische Behandlung ablehnt, begibt sich schlimmstenfalls in Lebensgefahr. „Insbesondere riskiert jeder Krebspatient, der auf diese angeblich wissenschaftliche Methode vertraut, dass seine Erkrankung so fortschreitet, dass sie nicht mehr heilbar ist und er unter schlimmen Qualen sterben muss, weil nicht nur von allen wirksamen Therapien abgeraten wird, sondern auch die Einnahme von lindernden Medikamenten den Betroffenen verboten wird“, warnt Onkologin Hübner.
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Der Fall Olivia Pilhar
Ein besonders bekanntes Beispiel für die Gefahren der GNM ist der Fall von Olivia Pilhar aus Österreich. Im Jahr 1995 brachen die Eltern der damals sechsjährigen Olivia die Krebsbehandlung ihrer Tochter ab, um sie nach den Methoden der GNM behandeln zu lassen. Die österreichischen Behörden entzogen den Eltern das Sorgerecht, woraufhin diese das Kind entführten und von Hamer in Spanien behandeln ließen. Erst als sich Olivias Zustand verschlechterte, kehrten die Eltern nach Österreich zurück, wo Olivia eine Chemotherapie erhielt und ihr Nierentumor erfolgreich behandelt werden konnte.
Antisemitische Verschwörungstheorien als Grundlage der GNM
Ein weiteres Problem der GNM ist ihr antisemitisches Weltbild. Hamer selbst war überzeugter Antisemit und verbreitete Verschwörungstheorien über Juden, die angeblich die Welt beherrschen und wichtige Entdeckungen vor dem Rest der Bevölkerung geheim halten würden. Hamers Germanische Neue Medizin sollte laut seiner Aussage das Gegenstück zur „dummen alten jüdischen Schulmedizin“ sein. Mit dieser Formulierung greift er die Propagandasprache der Nationalsozialisten auf, die den Begriff der „jüdischen Schulmedizin“ als abwertende Bezeichnung nutzten, um die wissenschaftliche Medizin schlecht zu machen. Hamer verbreitete zudem die Verschwörungstheorie, dass Nichtjuden gezwungen würden, weiterhin „die jüdische Schulmedizin zu praktizieren“, die von Juden selbst nicht mehr ausgeübt werde. An anderer Stelle behauptete Hamer, dass Juden sich nach der Germanischen Neuen Medizin behandeln ließen und deshalb Krebs zu 98 Prozent überlebten, während 95 Prozent der medizinisch Betreuten daran stürben.
Die Verbreitung der GNM in sozialen Medien
Die Anhänger der GNM organisieren sich in diversen Gruppen über Messenger-Dienste wie Telegram und planen dort Seminare und Schulungen. Sogar Online-Lerndienste bieten Kurse dazu an. „Manche Anbieter bewerben neuerdings ihre Seminare mit dem Kürzel 5BN - was für die fünf biologischen Naturgesetze steht - und treten nach außen sehr seriös und wissenschaftlich auf“, so Sekten-Experte Pöhlmann. „Das macht die Gruppen so gefährlich, genauso wie ihre scheinbar einfachen Antworten und Lösungen.“
Wie man auf die GNM reagieren sollte
Es ist wichtig, Menschen im eigenen Umfeld, die plötzlich die Ansichten der GNM verbreiten, genau zuzuhören und zu erfragen, warum sie an die GNM glauben und welche Hoffnungen sie damit verbinden. Anschließend sollte man erklären, welche Risiken die GNM birgt und zu einer fachärztlichen Beratung raten.
Fallbeispiele und persönliche Erfahrungen
Caro wuchs in einer Familie auf, die glühende Anhänger von Hamer waren. Als sie als Kind Zahnschmerzen hatte, gingen ihre Eltern nicht mit ihr zum Arzt, sondern legten eine CD mit dem Lied "Das Studentenmädchen" von Hamer ein, das gegen die Schmerzen helfen sollte. Caro erinnert sich, dass sie als Schülerin nicht an einer Exkursion in eine KZ-Gedenkstätte teilnehmen wollte, weil sie dachte, dass alles nur Kulisse sei. Diese Haltung stammte von Hamer selbst, der ein überzeugter Antisemit war. Als Caros Mutter Brustkrebs bekam, ließ sie sich aufgrund ihres Glaubens an die GNM nicht mit einer Chemotherapie behandeln. Sie starb nach langer und schwerer Krankheit.
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Eine 25jährige Frau aus dem Schwäbischen berichtet, wie »der fanatische Hamer« ihrer 47jährigen Mutter mit verlockenden wie verlogenen Verheißungen zugesetzt habe: Er könne sie heilen, verspricht er der Krebskranken, doch dürfe sie nicht weiter zu Hause wohnen. Als es der Frau dort zunehmend schlechter geht, rät ihr Hamer bereits nach vier Tagen zu einem erneuten Ortswechsel. Sie reist nach Mallorca, wo sie der praktische Arzt Johannes B. »behandelt«, ein Anhänger von Hamers »Neuer Medizin«. Gegen die »wahnsinnigen Schmerzen« gibt er ihr gemäß der Hamer-Doktrin nichts. Er legt ihr nur die Hände auf und versichert: »Das heilt.« Der Tochter sagt er am Telefon: »Das sind positive Krebsgeschwüre, Ihre Mutter ist nur nicht stark genug.« An einem Sonntag morgen im April 1995 ruft B. Später schickt B. der Tochter eine Rechnung, in der er penibel sogar zwei Decken für den Transport abrechnet. In Malaga und Mallorca, erzählt sie, da sei »schwarz« bezahlt worden. Es seien »große Geldbeträge geflossen«.
Die Rolle des "Dirk Hamer Syndroms"
Auslöser für Erkrankungen wie Krebs sind laut Germanischer Neuer Medizin immer Schockerlebnisse (= „biologische Konflikte“), die „Dirk Hamer Syndrom“ genannt werden. Die »Eiserne Regel des Krebses«, laut Hamer »die Zentralentdeckung für die gesamte Medizin«, hängt eng mit einer biographischen Zäsur in seinem Leben zusammen, dem Tod seines Sohnes Dirk. Der 19jährige war im Sommer 1978 aus bis heute nicht geklärtem Grund von dem italienischen Prinzen Vittorio Emanuele von Savoyen angeschossen worden und erlag, in den Armen seines Vaters, im Dezember desselben Jahres seinen Verletzungen. Zwei Wochen danach erkrankte Hamer an Hodenkrebs - Initialzündung für seine Theorien über den Zusammenhang zwischen Konflikt und Krebs, die er vom Sohn aus dem Jenseits empfangen haben will.
Die Ablehnung von Krebsvorsorge und schulmedizinischer Behandlung
Der Heilpraktiker Ludwig Häutle aus Peißenberg, erster Vorsitzender der Psychosomatischen Krebsgesellschaft, vertritt die Ansicht, dass man mittels einer Computertomographie (schichtweises Röntgen) genau feststellen könne, ob und wo ein Schock-Einschlag im Gehirn erfolgte und welches Organ davon betroffen sei. Eine Heilung sei nur möglich, wenn die Konfliktsituation erkannt und dann auch gelöst werde. Häutle lehnt jegliche Krebsvorsorgemaßnahmen (wie Mammographie) oder auch Reha-Maßnahmen ab. „Dann lieber gleich nach Mallorca fahren und das Leben genießen“, so eine seiner Aussagen. Ungläubig reagierten die Zuhörer auch auf Häutles Behauptung, bei der Chemotherapie werde Senfgas eingesetzt.
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