Krieg im eigenen Gehirn: Ursachen und neurobiologische Hintergründe

Krieg ist ein allgegenwärtiges Phänomen in der Menschheitsgeschichte, das durch eine Vielzahl von Faktoren ausgelöst werden kann. Neben ökonomischen, geostrategischen und historischen Erklärungsmodellen rücken zunehmend neurobiologische Erkenntnisse in den Fokus, um die Ursachen von Aggression und Gewalt besser zu verstehen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Gehirnaktivität, Hormonen, Sozialisation und genetischer Veranlagung bei der Entstehung von aggressivem Verhalten.

Neurobiologische Grundlagen von Aggression

Die moderne Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Fortschritte bei der Erforschung der neurobiologischen Grundlagen von Aggression gemacht. Mithilfe hochauflösender Bildgebungstechniken wie der Magnetresonanztomographie (MRT) und komplexer genetischer Analysen konnten Forscher anatomische und funktionale Bereiche im Gehirn identifizieren, die an der Entstehung von Aggression beteiligt sind.

Das Belohnungssystem und Aggression

Untersuchungen von Aktivierungsmustern des Gehirns und Hormonkonzentrationen zeigen, dass positive zwischenmenschliche Erfahrungen und Fairness das "Belohnungssystem" des Gehirns aktivieren und "Wohlfühlbotenstoffe" ausgeschüttet werden. Aggressive Handlungen dagegen führen bei durchschnittlich psychisch gesunden Menschen nicht zu einer solchen Belohnung. Es gibt also keinen Aggressionstrieb. Andernfalls würde unprovozierte Aggression ein "gutes Gefühl" im Menschen auslösen. Ein Auslösereiz für das aggressive Verhaltensprogramm ist willkürlich zugefügter Schmerz. Er aktiviert im Gehirn die Angstzentren (Mandelkerne) und das Ekelzentrum (Insula), einbezogen werden der Hypothalamus (Stresszentrum) und der Hirnstamm (vegetative Erregung). Ausgrenzung, Ungerechtigkeit und Demütigung führen zu den gleichen Aktivierungsmustern wie körperlicher Schmerz.

Die Rolle von Stirnhirn und Empathiezentrum

Bevor es zu aggressiven Akten kommt, wird im Normalfall eine neurobiologische Kontrollschleife durchlaufen. Im Stirnhirn (Präfrontaler Cortex) werden die Folgen für die eigene und andere Personen abgeschätzt. Im Cingulären Cortex, zu dem auch ein "Empathiezentrum" gehört, wird der aggressive Impuls mit dem Einfluss der Hirnrinde integriert, meist im Sinne einer Mäßigung. Dies gilt für die Phase vor dem aggressiven Akt; wenn dieser erst in Gang gekommen ist, kann der präfrontale Cortex deutlich weniger ausrichten. Wenn sich die Aggression nicht gegen ihre Ursache richten kann, erfolgt eine Verschiebung auf ein anderes Ziel oder einen anderen Zeitpunkt.

Amygdala und Präfrontaler Cortex (PFC)

Durch MRT-gestützte Untersuchungen, bei denen Versuchspersonen Bilder mit aggressivem Motiv gezeigt wurden, konnten der präfrontale Cortex (PFC) sowie die Amygdala als wichtige Strukturen identifiziert werden.

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Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, ist für die Verknüpfung von Sinneseindrücken mit Gefühlen zuständig. Hier entstehen Emotionen wie Liebe, Glück, Wut, Neid und Ärger. Insbesondere die Angst spielt eine zentrale Rolle, da sie die Beurteilung von Gefahren ermöglicht. Die Amygdala leitet die Gefühle an den PFC weiter und ist mit dem Hypothalamus verbunden, um hormonelle Reaktionen einzuleiten. Zudem speichert sie Gefühle, um gefährliche Situationen schneller zu erkennen. Bei einem Ausfall der Amygdala können Gesichtsausdrücke nur schwer gelesen werden, und es treten Gedächtnisprobleme auf.

Im PFC werden Handlungen geplant, um auf die Emotionen zu reagieren. Er ist zuständig für Impulskontrolle, Entscheidungsfindung und Handlungsplanung, weshalb er oft als "Arbeitsgedächtnis" bezeichnet wird. Der PFC bewertet Dringlichkeit und Konsequenzen und ist reich an dopaminergen Neuronen, die sensibel auf Dopaminmangel reagieren. Eine Unterfunktion dieses Bereichs wird häufig bei schizophrenen Menschen beobachtet. Die Amygdala bewertet die Handlungsideen des PFC emotional.

Hirnstamm und Hypothalamus

Im Hirnstamm und Hypothalamus sitzen motivierende und aktivierende Systeme, die durch Dopamin-, Noradrenalin- und Serotoninausschüttung den PFC stimulieren, sodass es tatsächlich zu Handlungen kommt. Dieser Kreislauf verhindert impulsives, unangemessenes Verhalten.

Fehlfunktionen im System

In diesem System gibt es zwei Stellen, an denen durch Fehlfunktionen Aggression entstehen kann:

  1. Fehleinschätzung durch die Amygdala: Die Amygdala kann einen Reiz oder Sinneseindruck aus der Umwelt falsch oder deutlich stärker einstufen als er eigentlich verdient. Dadurch entsteht ein Gefühl von Angst, das zu aggressivem Verteidigungsverhalten führen kann.
  2. Fehlfunktionen im PFC: Im PFC werden Impulse kontrolliert und Handlungen geplant. Fehlfunktionen sind häufig auf Irregularitäten an den Transmittern zurückzuführen, wie z. B. bei der Herstellung, der Wiederaufnahme oder dem Stoffwechsel der Neurotransmitter. Je nach Neurotransmitter und Stelle im System, an der der Fehler auftritt, kann es zu einem fehlgeleiteten Belohnungssystem kommen, das Aggression belohnt, oder zu einem Verlust der kognitiven Kontrolle, was ebenfalls zu Gewalt führt.

Ursachen für Fehlfunktionen

Verschiedene Ursachen können den beschriebenen Fehlfunktionen zugrunde liegen, insbesondere Umweltfaktoren wie Mangelernährung, Medikamente, Unfälle und genetische Faktoren. Genetische Faktoren können die Neurotransmitter, ihre Rezeptoren und andere Enzyme beeinflussen und die Funktion des Serotonin- oder Dopamin-Systems stören. Auch Drogen wie Alkohol und Nikotin können die Neurotransmitter stören. Unfälle können zur Zerstörung bestimmter Bereiche im Gehirn führen, wie der Fall des Phineas Gage zeigt.

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Der Fall Phineas Gage

Phineas Gage, ein Bauarbeiter, erlitt 1848 einen schweren Unfall, bei dem ihm eine 1 Meter lange Stange von unten nach oben durch den Schädel schoss. Er überlebte die Verletzung, aber sein Verhalten änderte sich drastisch. Er wurde impulsiv, unzuverlässig, sozial ungehemmt und zeigte ein eingeschränktes Verständnis von Empathie. Seine Handlungsentscheidung war eingeschränkt. Nach seinem Tod wurde sein Schädel gescannt, wodurch Neurologen ein Gehirn modellieren konnten, das in seinen Kopf gepasst hätte. Es wurde festgestellt, dass der PFC durch die Verletzung großen Schaden erlitten hatte, was zu der Verhaltensänderung führte. Seitdem wurde ein großer Zusammenhang von Verletzungen am PFC mit Aggression hergestellt.

Genetische Faktoren: Das MAO-A-Gen

Das MAO-A-Gen codiert für ein Enzym, das am Abbau von Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin beteiligt ist. Mutationen an diesem Gen wurden in vielen Studien in Verbindung mit aggressivem Verhalten gebracht. Es gibt Mutationen, bei denen zu viel des Enzyms exprimiert wird (MAOA-H), und Varianten, bei denen weniger exprimiert wird (MAOA-L). MAOA-L wurde hierbei mit gesteigerter Aggressivität in Verbindung gebracht. Da die Gene für das Enzym auf dem X-Chromosom liegen, haben Männer ein höheres Risiko, die MAOA-L-Mutation zu tragen.

Einfluss genetischer Faktoren

Es ist wichtig zu betonen, dass unsere Gene nicht allein für unser Handeln verantwortlich sind. Die Debatte zwischen "Nature vs. Nurture" (Natur vs. Erziehung) ist seit Jahrzehnten präsent. Unsere Gene geben uns nur Prädispositionen in eine Richtung, während Erziehung, Erleben und Erfahrungen eine große Rolle in unserer Entscheidungsfindung spielen. Nicht jeder Mensch mit einer solchen Mutation wird tatsächlich aggressiv, genauso wie nicht jeder Mensch mit einer Prädisposition zu Krebs auch tatsächlich daran erkrankt.

Sozialisation und Gewalt

Während der überwiegenden Zeit ihrer Entwicklung waren Menschen gejagte und gefährdete Wesen und der Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft überlebenswichtig. Dementsprechend wird unser internes Belohnungssystem aktiv, wenn wir uns kooperativ verhalten oder kooperatives Verhalten beobachten. Aber auch Aggression ist zunächst einmal ein sinnvolles Verhaltensprogramm. Wenn auf Schmerz oder Verlassenwerden mit aggressiven Signalen und Gegenwehr reagiert wird, hat das eine kommunikative Funktion. Der menschliche Wunsch nach Zugehörigkeit hat allerdings eine traurige Kehrseite. Er kann dazu führen, dass Menschen sich an Aktivitäten beteiligen, die auf Kosten der "Anderen" oder "Fremden" gehen. Aggression dient dem Erhalt von Bindungen und das Risiko für Aggression steigt, wenn der Zusammenhalt einer Gruppe von innen oder außen bedroht ist.

Es spricht einiges dafür, dass das Zusammenleben der Menschen lange von Gleichheit, dem Teilen aller Ressourcen und gegenseitiger Fürsorge bestimmt war. Vor etwa 12.000 Jahren begann eine Wende. Sesshaftigkeit in größerem Ausmaß, handwerklicher Fortschritt, Bevölkerungswachstum, ökologische Probleme (z.B. Abholzung) zusammen mit Klimaveränderungen führten zu Ressourcenknappheit. Es kam zur Entwicklung von Privateigentum und zur festen Zuordnung in Familien, denn die menschliche Arbeitskraft wurde ebenfalls zur knappen Ressource. Wir können nicht genau wissen, wie dieser Prozess verlief. Unser Hirn ist aber weiterhin stärker von den 200.000 Jahren des Homo sapiens geformt als von den letzten 10.000 Jahren.

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Kriegstrauma und seine Folgen

Krieg und andere traumatische Erfahrungen können tiefgreifende Auswirkungen auf die Psyche und den Körper haben. Wer Explosionen ohne sichtbare Verletzungen überlebt, kann trotzdem an den Folgen sterben, noch Jahre danach. Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Depressionen, Ängste - viele Soldaten kehren mit diesen Symptomen aus einem Krieg zurück oder entwickeln sie Jahre nach ihrem Kampfeinsatz. Posttraumatische Belastungsstörung, abgekürzt PTBS oder in den englischen Variante PTSD, lautet dann die Diagnose.

Hirnschäden durch Explosionen

Seit dem ersten Weltkrieg ist bekannt, dass Detonationen zu schweren psychischen Störungen führen. Shell Shock hieß das Phänomen früher, Kriegsneurose. Doch offensichtlich sind die Schäden nicht allein psychischer Natur. Bei Explosionen entstehen Druckwellen, die sich schneller als der Schall ausbreiten. Der Luftdruck steigt dabei schockartig und presst den Körper zusammen. Neuropathologen haben in den Gehirnen von verstorbenen Soldaten, die Explosionen erlebt hatten, vernarbte Astrogliazellen gefunden. Astroglia oder Astrozyten sind spinnenartig verzweigte Hirnzellen, die Teil der Blut-Hirn-Schranke sind und Neuronen versorgen und ernähren. Vernarbungen führen zu Veränderungen der Psyche.

Therapeutisches Vergessen

Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf molekulare Mechanismen, die verhindern, dass Erinnerungen zu Traumata werden. Zu den neuen Therapieansätzen zählen Medikamente, die bereits unterbinden, dass Erlebnisse überhaupt zu Erinnerungen werden: die so genannten "Vergessenspillen". So kann der Wirkstoff Propanolol bei traumatisierten Menschen dazu beitragen, die emotionale Last bestimmter Erinnerungen zu verkleinern.

Militärische Neuroforschung und ihre ethischen Implikationen

Die militärische Neuroforschung erlebt eine steile Karriere. Die Pläne reichen von neuartigen Aufputschmitteln bis zu Geräten, die mit der Kraft von Gedanken gesteuert werden. Besonderes groß ist allerdings das Interesse an Vergessenspillen. Künftig sollen Sensoren in Echtzeit neurologische Daten vom Gefechtsfeld übermitteln, Kommandeure könnten ferngesteuert die Injektion von Medikamenten auslösen - wenn etwa Wachsoldaten einschlafen, ganze Einheiten in Panik verfallen oder eben traumatische Erlebnisse die psychische Belastbarkeit der Soldaten gefährden.

Ethische Bedenken

Die Fortschritte in der Neuroforschung werfen ethische Fragen auf. Die Möglichkeit, das Gehirn zu manipulieren, birgt Gefahren für die Autonomie und die Menschenwürde. Es ist höchste Zeit, dass sich die Zunft der Neurobiologen der Frage stellt, wo die Grenzen ihrer Forschung an Manipulationstechniken liegen sollten.

Strategien gegen Gewalt

Das Wissen über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns zeigt, dass eine gerechte Güterverteilung und Armutsbekämpfung für das friedliche Zusammenleben unverzichtbar sind. Die schon lange erhobenen Forderungen nach gewaltfreier Erziehung, Förderung der Empathiefähigkeit und Abschaffung des Militärs als Quelle von Demütigung und Verletzung sind wissenschaftlich begründbar. Neurophysiologische Fakten untermauern unsere Überzeugung, dass Gewaltfreiheit und der Verzicht auf Demütigung im Umgang mit dem (politischen) Gegner nachhaltige Konfliktlösungen ermöglichen.

Biofeedback-Training

Wenn Gewaltverbrecher keine Angst empfinden können, dann müssen sie eben wieder lernen, Angst zu empfinden. Ein Trainingsansatz ist Biofeedback. Dabei liegt der Proband in einem Kernspintomografen, wo seine Hirntätigkeit gemessen und ihm gleichzeitig auf einem Bildschirm vorgespielt wird. Der Proband sieht zum Beispiel einen roten Punkt, und dieser Punkt wird immer größer, je aktiver das Hirnareal ist. Durch diese Rückmeldung lernt der Proband, seine Gehirntätigkeit gezielt zu beeinflussen.

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