Was man Migränepatienten nicht sagen sollte: Ein Leitfaden für mehr Verständnis

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Für Millionen von Menschen ist es eine neurologische Erkrankung, die ihr Leben stark beeinträchtigt. Seit meinem 12. Lebensjahr leide ich selbst unter Migräne. Migräne ist ein Arschloch. Sie fragt nicht, ob es gerade passt, weil du vielleicht heiratest, ein wichtiges Meeting hast oder im Urlaub bist. Es ist ihr egal, dass du dich gerade erst von der letzten Attacke erholt hast. Oder dass du einfach nicht mehr kannst. Sie kommt trotzdem - denn streng genommen ist sie nie weg. Migräne sorgt dafür, dass du dich vor Schmerzen nicht bewegen kannst. Dass dir von jedem Geruch speiübel wird. Dass Licht und Geräusche dir körperliche Schmerzen bereiten. Dass du das Bett nicht verlassen kannst, obwohl doch ein wunderschöner Sommertag ist. Dass jede kleine Bewegung die Schmerzen im Kopf explodieren lässt. Dass du nicht zur Arbeit gehen kannst, obwohl du doch letzte Woche erst gefehlt hast. Dass deine Freunde mal wieder ohne dich auskommen müssen. Dass über dich geredet wird. Dass du außen vor bleibst. Migräne ist ein Arschloch. Sie isoliert dich. Sie macht dich wütend.

Viele Menschen, die keine Migräne haben, können sich oft nicht vorstellen, wie es ist, mit dieser Krankheit zu leben. Unwissenheit führt oft zu unbedachten Kommentaren, die für Betroffene sehr verletzend sein können.

Dieser Artikel soll dazu beitragen, das Bewusstsein für Migräne zu schärfen und zu verdeutlichen, welche Aussagen Migränepatienten lieber nicht hören möchten.

Häufige Missverständnisse und unangebrachte Kommentare

Im Folgenden werden einige der häufigsten Kommentare aufgeführt, die Migränepatienten oft zu hören bekommen, und erläutert, warum sie problematisch sind.

1. "Vielleicht hast du einfach zu viel Stress."

Es wäre so schön, wenn weniger Stress im Job oder Alltag die Lösung für Migräne-Geplagte wäre. Stress ist zwar ein bekannter Auslöser für Migräneattacken, aber er ist selten die alleinige Ursache. Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, die von vielen Faktoren beeinflusst wird.

Lesen Sie auch: Vergleichende Analyse: Migräne vs. Epilepsie

2. "Stell dich nicht so an, das sind doch nur Kopfschmerzen."

Nein, es sind eben nicht „nur Kopfschmerzen“. Migräne fühlt sich an, als würde einem ein Schraubenzieher ins Hirn gedreht oder wahlweise auch ein Messer ins Auge gerammt. Der Schmerz schwankt zwischen hämmern, pulsieren, und stechen und ist so intensiv, dass er einen regelrecht lähmt. Dazu kommen in vielen Fällen Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Sehstörungen, Sprach- oder Wortfindungsstörungen. Nicht ohne Grund ist chronische Migräne als Behinderung anerkannt. Eine Migräne ist viel mehr als nur ein Kopfschmerz; sie kann das tägliche Leben erheblich beeinträchtigen.

3. "Ich glaube, du bist nicht so belastbar."

Dieser Kommentar, ist nicht nur verletzend, sondern auch schlichtweg falsch. Denn Menschen, die an Migräne erkrankt sind, sind meist aufnahmefähiger und hartnäckiger als gesunde Menschen. Der Grund dafür findet sich in der Ursache der Krankheit: Das Gehirn von Menschen, die an Migräne erkrankt sind, funktioniert anders als das Hirn gesunder Menschen. Während bei gesunden Menschen Informationen gefiltert werden, laufen die Denkprozesse im Hirn von Migräne-Patienten ungebremst ab. Das sorgt zwar letztlich für die Überlastung und die typischen Migräne-Symptome, ist aber auch der Grund, warum gerade Migräne-Geplagte häufig besonders intelligent und kreativ sind. Prominente Beispiele: Charles Darwin, Julius Cäsar, Alfred Nobel, Sigmund Freud, Richard Wagner oder Marie Curie (um nur einige wenige zu nennen). All diese Superbrains litten unter Migräne. Migräne hat nichts mit mangelnder Belastbarkeit zu tun.

4. "Du solltest es mal mit Akupunktur versuchen."

Akupunktur ist nur ein Punkt auf der ellenlangen Liste der gut gemeinten Ratschläge. Ja, Akupunktur kann bei manchen Menschen helfen, die Anzahl der Migräne-Attacken zu reduzieren. Migräne heilen kann die Therapie aber nicht. Solche „Du solltest mal“-Kommentare sind nicht nur nervig, sondern auch echt deprimierend. Viele Patienten werden nämlich alles, was ihnen empfohlen wird, schon lange ausprobiert haben - häufig ohne Erfolg. Gut gemeinte Ratschläge sind oft nicht hilfreich, da Migränepatienten in der Regel schon viele verschiedene Behandlungen ausprobiert haben.

5. "Du siehst aber gut aus - gar nicht krank."

Wer von Migräne heimgesucht wird, muss nicht zwangsläufig immer aussehen, wie ein wandelnder Toter. Denn nur während eines akuten Anfalls, sieht man demjenigen das Leiden auch tatsächlich an. Nicht dauerhaft „krank“ auszusehen, bedeutet aber nicht, dass man auch gesund ist. Nicht vergessen: Migräne ist eine ernsthafte neurologische und unheilbare Erkrankung. Das Aussehen eines Menschen sagt nichts über seine Migräne aus. Migräne ist eine unsichtbare Krankheit, die nicht immer offensichtlich ist.

6. "Du bleibst ganz schön oft zuhause."

Dieser Kommentar ist mehr als eine Feststellung. Hier schwingt immer ein Vorwurf (und vielleicht sogar Neid) mit und das macht ihn so unerträglich. Wer chronische Migräne hat und sich wegen häufiger Anfälle öfters krank melden muss, der macht sich weder einen Lenz, noch ist er zu beneiden. Glaubt mir, ich spreche aus Erfahrung: Ich würde tausendmal lieber das Haus verlassen, als wegen einer Migräne-Attacke ans Bett gefesselt zu sein. Also hört auf so zu tun, als würden wir uns anstellen. Migräne kann dazu führen, dass Betroffene häufiger zuhause bleiben müssen, was für sie selbst sehr frustrierend sein kann.

Lesen Sie auch: Neurologische Expertise bei Migräne

7. "Geh doch mal raus, frische Luft wirkt Wunder!"

Ja, ein Spaziergang an der frischen Luft ist wunderbar und tut in der schmerzfreien Phase sowohl dem Körper als auch der Seele gut. Aber bitte schenkt euch den Kommentar, wenn euer Gegenüber gerade unter einem Migräne-Anfall leidet. Denn dann ist jede noch so kleine Bewegung der blanke Horror. Da fühlt sich ein Schritt oder ein Kopfnicken an wie eine Explosion im Kopf. Während eines Migräneanfalls kann frische Luft kontraproduktiv sein, da Licht und Geräusche die Symptome verschlimmern können.

8. "Du solltest öfter Sport machen."

Ja es stimmt, regelmäßiger ruhiger (!) Ausdauersport kann dazu führen, dass sich die Zahl der Migräne-Attacken reduziert. Die Betonung liegt hier auf „kann.“ Denn nicht immer funktioniert diese Art der Sporttherapie und dann ist der gut gemeinte Ratschlag wie Salz in der Wunde. Wer Migräne hat, würde nämlich alles für ein schmerzfreies Leben geben. Sport kann zwar präventiv wirken, ist aber während eines Anfalls nicht hilfreich und kann die Situation sogar verschlimmern.

9. "Du muss dich ablenken, dann verschwinden die Kopfschmerzen von ganz allein."

Nein. Das tun sie nicht. Ablenkung kann die Symptome nicht einfach verschwinden lassen. Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die eine spezifische Behandlung erfordert.

10. "Du nimmst viel zu oft Medikamente."

Wer schon lange unter Migräne leidet, kennt seinen Körper und die Migräne-Symptome ganz genau und ist (hoffentlich!) aufgeklärt, was Medikamente angeht. Im besten Fall ist er oder sie sogar medikamentös eingestellt. Bedeutet im Klartext: Zur Migräne-Prophylaxe werden JEDEN Tag Medikamente eingenommen. Zusätzlich empfehlen Schmerztherapeuten unverzüglich Schmerzmittel oder sogenannte Triptane einzunehmen, sobald sich ein Anfall ankündigt. Dass Migräne-Patienten also so häufig Pillen schlucken, ist weder verwerflich, noch zu verurteilen. Migränepatienten nehmen Medikamente, um ihre Symptome zu lindern. Die Einnahme von Medikamenten ist oft notwendig, um ein normales Leben führen zu können.

11. "Geh doch mal zum Heilpraktiker."

Auch dieser Ratschlag wird Menschen mit Migräne aus den Ohren raushängen. Genau wie bei den Themen Sport, Stress & Co. gilt: Alternative Therapien können dazu führen, dass Migräne-Attacken seltener ausgelöst werden. Sie lassen die Erkrankung aber nicht ganz verschwinden, denn Migräne ist nicht heilbar. Alternative Therapien können unterstützend wirken, sind aber kein Ersatz für eine schulmedizinische Behandlung.

Lesen Sie auch: Migräne als Risikofaktor für Demenz?

12. "Deine Kopfschmerzen kommen sicher von der Ernährung."

Allergien bzw. Nahrungsmittelunverträglichkeiten können zwar Kopfschmerzen auslösen, nicht aber Migräne. Denn die ist erblich und neurologisch bedingt. Trotzdem wird einigen Nahrungsmittel wie zum Beispiel Rotwein nachgesagt, dass er Migräne-Anfälle auslösen kann. Das kann man jedoch nicht pauschalisieren und muss individuell geklärt werden. Wer Menschen mit Migräne aber kategorisch zu einer Diät rät, ist schlicht und einfach nicht umfassend informiert. Obwohl bestimmte Nahrungsmittel Migräne auslösen können, ist die Ernährung selten die Hauptursache für Migräne.

Was man stattdessen sagen kann

Statt unbedachter Kommentare können Sie Migränepatienten auf verschiedene Weise unterstützen:

  • Zeigen Sie Verständnis: "Das klingt wirklich schlimm. Kann ich irgendetwas für dich tun?"
  • Bieten Sie Hilfe an: "Brauchst du Ruhe? Soll ich dir etwas zu trinken bringen?"
  • Hören Sie zu: Manchmal hilft es einfach, wenn man jemandem zuhört und seine Gefühle ernst nimmt.
  • Informieren Sie sich: Je besser Sie über Migräne informiert sind, desto besser können Sie Betroffene verstehen und unterstützen.

Migräne im Alltag: Herausforderungen und Strategien

Migräne kann den Alltag stark beeinflussen. Lena, eine Migränepatientin, beschreibt ihre Erfahrungen: "Wenn du Migräneattacken hast, kann das deinen Alltag stark beeinflussen. Es ist wichtig, Unterstützung zu suchen und Schritt für Schritt geeignete Strategien zu entwickeln, um mit Migräneattacken umzugehen."

Der lange Weg zur Diagnose

Lena erzählt von ihrem langen Weg zur Diagnose: "Zwischen meinem 18. und 21. Lebensjahr verschärfte sich alles. Die Kopfschmerzen kamen häufiger und sie kamen mit den Symptomen einer Migräne. Die Beschwerden erfassten meinen ganzen Körper. Es war nicht mehr nur ein Schmerz im Kopf, sondern auch Licht- und Lärmempfindlichkeit Übelkeit und Erbrechen Geruchsempfindlichkeit Schwindelgefühle Gereiztheit und starke Konzentrationsprobleme Ich fühlte mich wie fremdgesteuert."

Therapie und Medikamente

Auf der Suche nach Hilfe probierte Lena viele verschiedene Therapien aus: "Ich probierte alles Mögliche aus - Akupunktur, chinesische Kräuter, Schienen gegen Zähneknirschen, neue Brillen, Massagen, Meditation. Sogar meine Haare ließ ich abschneiden - in der Hoffnung, dass die Migräneattacken nachlassen würden, falls das Gewicht der Haare eine Ursache wäre. Doch nichts half dauerhaft. Stattdessen nahm ich immer mehr Medikamente. Ich lebte zwischen Schmerz und Hoffnung und rutschte langsam in den Medikamentenübergebrauch."

Der Wendepunkt: Eine Spezialklinik

Ein Wendepunkt war für Lena der Aufenthalt in einer Spezialklinik: "In der Klinik hatte ich erstmals die Gelegenheit, meine Geschichte ausführlich zu schildern. Die Ärztin hörte aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen, sodass ich offen über meine Kindheit, die Schmerzen, meine Sorgen und die damit verbundene Scham sprechen konnte. Und dann bekam ich die Diagnose: Chronische Migräne mit Aura."

Leben mit Migräne: Akzeptanz und Rückzug

Lena lernte, mit der Migräne zu leben und ihren Alltag entsprechend anzupassen: "Ich lernte, dass Migräneattacken ein Teil meines Lebens sind, aber nicht mein ganzes Leben bestimmen. Ich lernte, bewusste Pausen einzuplanen und „Nein“ zu sagen. Und ich lernte, mir selbst zu erlauben, Schwäche zu zeigen."

Migräne am Arbeitsplatz

Migräne kann auch das Berufsleben stark beeinträchtigen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit der Erkrankung am Arbeitsplatz umzugehen.

Offenheit vs. Geheimhaltung

Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, mit dem Thema Migräne am Arbeitsplatz umzugehen. Die Entscheidung hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Arbeitsumfeld, den Kollegen und der Art der Arbeit.

  • Offenheit: Ehrlichkeit und Transparenz können helfen, Verständnis zu schaffen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Migräne als Schwäche angesehen wird.
  • Teilweise Offenheit: Nur ausgewählten Personen, wie z.B. dem Vorgesetzten oder einem vertrauten Kollegen, von der Migräne erzählen.
  • Geheimhaltung: Die Migräne verbergen, um Stigmatisierung zu vermeiden. Allerdings kann dies zu zusätzlichen Belastungen führen.

Unterstützung durch den Arbeitgeber

Einige Unternehmen bieten spezielle Programme zur Unterstützung von Migränepatienten an. Diese Programme können beispielsweise eine Service-Hotline, eine Angebotsberatung oder ein Online-Trainingsprogramm umfassen.

Vorurteile und Fakten über Migräne

Es gibt viele Vorurteile über Migräne, die oft auf Unwissenheit beruhen. Einige der häufigsten Vorurteile sind:

  • Migräne ist nur ein Kopfschmerz: Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung mit vielen Begleiterscheinungen.
  • Migränepatienten dramatisieren ihre Leiden: Migräne kann sehr schmerzhaft und beeinträchtigend sein.
  • Migräne kommt durch eine ungesunde Lebensweise: Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die nicht durch einen ungesunden Lebensstil verursacht wird.
  • Migräne ist (r)eine Frauensache: Auch Männer können an Migräne leiden.

Migräne verstehen: Ursachen und Behandlung

Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Allerdings gehen Forschende seit längerem davon aus, dass das Neuropeptid CGRP (steht für Calcitonin Gene-Related Peptide) eine Rolle spielt und in der Entstehung der Migräne und der Weiterleitung des Migräneschmerzes involviert ist.

CGRP-Antikörper

Diese Erkenntnisse waren die Grundlage für die Entwicklung von so genannten CGRP-Antikörpern. Das sind Spritzen beziehungsweise Pens, die vorrangig für Personen infrage kommen, die regelmäßig unter Migräne leiden und denen andere Therapien nicht helfen können.

Behandlungsmöglichkeiten

Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für Migräne, darunter:

  • Medikamente: Schmerzmittel, Triptane, CGRP-Antikörper
  • Alternative Therapien: Akupunktur, Entspannungstechniken
  • Verhaltensänderungen: Stressmanagement, regelmäßiger Schlaf, gesunde Ernährung

tags: #was #sie #migrane #kranken #nicht #sagen