Die Parkinson-Krankheit ist eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin produzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist. Dies führt zu den bekannten motorischen Symptomen wie Hypokinesie, Rigidität, Tremor und Gleichgewichtsstörungen. Neben diesen motorischen Symptomen leiden viele Patienten auch unter einer Vielzahl von nicht-motorischen Symptomen. Die Parkinson-Therapie hat sich in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt, und es gibt heute ein breites Spektrum an medikamentösen und chirurgischen Therapiemöglichkeiten. Diese Therapien haben es ermöglicht, dass Parkinson-Patienten eine normale Lebenserwartung mit oft guter Lebensqualität erreichen. Dennoch stellt die Behandlung von motorischen Spätkomplikationen ein Problem in der Therapie dar.
In den letzten Jahren hat sich Low Dose Naltrexon (LDN) als vielversprechendes Präparat in der Behandlung verschiedener Erkrankungen, einschließlich neurodegenerativer Erkrankungen wie Parkinson, herauskristallisiert. Obwohl Naltrexon ursprünglich zur Behandlung von Alkohol- und Opioidabhängigkeit entwickelt wurde, zeigen Studien, dass niedrige Dosierungen (0,5 mg bis 4,5 mg pro Tag) auch positive Effekte bei der Behandlung anderer Erkrankungen haben können. Dieser Artikel beleuchtet die potenziellen Wirkmechanismen von LDN, seine Anwendung bei Parkinson und die aktuelle Forschungslage.
Wirkmechanismus von LDN
Der Kern des Wirkungsmechanismus von LDN liegt in seiner Fähigkeit, die Opioidrezeptoren, insbesondere den μ-Opioidrezeptor (MOR), kurzzeitig zu blockieren. Diese Blockade setzt eine Kettenreaktion im Körper in Gang, indem sie eine vorübergehende Ungleichgewichtssituation schafft, die den Körper dazu anregt, seine Produktion von Endorphinen zu steigern. Diese als „Glückshormone“ bekannten Peptide spielen eine entscheidende Rolle nicht nur bei der Schmerzlinderung und im Wohlbefinden, sondern auch bei der Regulierung des Immunsystems.
Immunmodulation durch Endorphine
Durch die Erhöhung der Endorphinproduktion unterstützt LDN eine robustere Immunantwort. Endorphine wirken als Immunmodulatoren, die die Aktivität der Immunzellen beeinflussen, wodurch Entzündungsreaktionen reduziert und die Fähigkeit des Körpers verbessert wird, mit Autoimmunerkrankungen und anderen pathologischen Zuständen umzugehen. Die Regulation durch Endorphine erstreckt sich auch auf Zellwachstumsfaktoren, die eine entscheidende Rolle bei der Kontrolle abnormer Zellprozesse spielen, wie sie bei einigen Krebsarten auftreten können.
Interaktion mit Mikrogliazellen
Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Wirkmechanismus von LDN ist seine Interaktion mit den Toll-like Rezeptoren (TLR) auf den Mikrogliazellen, den spezialisierten Immunzellen des Gehirns. Durch die Modulation dieser überaktiven Mikrogliazellen kann LDN die Produktion von proinflammatorischen Zytokinen dämpfen, die für die Entstehung von Schmerz und Entzündung im Körper verantwortlich sind. Diese Verringerung der proinflammatorischen Zytokine macht LDN zu einem wertvollen Werkzeug bei der Behandlung chronischer Schmerzen und entzündlicher Erkrankungen.
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Darüber hinaus bietet die Modulation der Mikrogliaaktivität durch LDN potenzielle neuroprotektive Vorteile. Indem es neuroinflammatorische Prozesse dämpft, könnte LDN einen Schutz gegen die Schäden bieten, die zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Alzheimer und Parkinson beitragen. Diese Eigenschaften unterstreichen das Potenzial von LDN als vielversprechende Behandlungsoption in der Forschung zu diesen Erkrankungen.
Weitere Wirkungsweisen
Die Wirkungsweise von LDN ist vielseitig. Es stimuliert die Produktion von Endorphinen, die das Immunsystem stärken, Schmerzen lindern und das Wachstum von Krebszellen regulieren können. Zudem blockiert LDN den sogenannten „Opioid-Wachstumsfaktor“, der bei vielen Krebsarten eine Rolle spielt. Diese Wirkungen haben sich in der Forschung als bedeutend erwiesen. LDN bindet zudem an das TL4R-Protein, was entzündungshemmend wirkt und das Tumorwachstum hemmen kann.
LDN bei Parkinson: Aktuelle Forschung und Erkenntnisse
LDN wird nicht nur bei Krebs, sondern auch bei chronischen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, Multipler Sklerose, Parkinson und Reizdarmsyndrom eingesetzt. Seine entzündungshemmenden und immunmodulierenden Eigenschaften machen es vielseitig einsetzbar.
Serotonerge Veränderungen bei Parkinson
Veränderungen im Serotonintransport können auf Parkinson hinweisen, lange bevor die Erkrankung durch Dopamin-Mangel und Bewegungsstörungen sichtbar wird. Dieser Nachweis gelang Neurologen vom King‘s College in London mit Hilfe von Hirnscans bei Parkinsonpatienten und bei erblich vorbelasteten, jedoch noch symptomfreien Erwachsenen mittleren Alters.
Um den tatsächlichen Verlauf des Abbaus von Nervenzellen nachvollziehen zu können, gewannen die Wissenschaftler 14 erblich vorbelastete Träger mit der Mutation A53T-SNCA aus Kliniken für Bewegungsstörungen in Griechenland und Italien für Untersuchungen. Die Hälfte dieser im Schnitt 44 Jahre alten Patienten wiesen schon motorische Störungen auf, während die andere Hälfte, die im Schnitt zwei Jahre jünger war, noch frei davon war. Der Serotonin- und Dopamin-Stoffwechsel all dieser Testpersonen wurde über einen Zeitraum von drei Wochen erfasst. Die dopaminergen Signale fielen dabei bei den symptomfreien Trägern von Risikogenen ähnlich stark aus wie bei den Gesunden, ihre serotonergen Signale jedoch um bis zu einem Drittel schwächer. Bei den Parkinson-Patienten wurden im Vergleich zu den Gesunden um die Hälfe reduzierte serotonerge Signale gemessen. Zudem hatten sie zwei Drittel der Dopamin-Transporter verloren. Die Serotonin-Funktion sei damit ein exzellenter Marker dafür, wie weit eine Parkinson-Krankheit fortgeschritten ist.
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Beeinflussung der Darmflora
Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erhält von der US-amerikanischen Initiative „Aligning Science Across Parkinson’s“ (ASAP) drei Millionen US-Dollar an Forschungsförderung. Die dortigen Wissenschaftler wollen untersuchen, in welcher Weise die Darmflora genetische Risikofaktoren für Parkinson beeinflusst und mit der Erkrankung einhergehende Protein-Ablagerungen fördert. Das Vorhaben ist Teil eines Verbundprojekts mit Partnern aus Großbritannien, Frankreich und Italien. Die Forschungsergebnisse sollen dazu beitragen, Mechanismen der Parkinson-Erkrankung aufzuklären, Kriterien für eine individualisierte Medizin bestimmen und neue Ansatzpunkte für die Therapie liefern.
Immer mehr Befunde deuten auf die Möglichkeit hin, dass das Krankheitsgeschehen rund um das Protein Alpha-Synuclein den Darm betrifft und dass sich diese Pathologie vom Darm zum Gehirn - und umgekehrt - über eine „Darm-Hirn-Achse“ ausbreiten könnte. Die Gemeinschaft der Mikroorganismen, die den Darm besiedeln - „Darmmikrobiom“ oder auch „Darmflora“ genannt - könnte Vermutungen zufolge für die Entwicklung der Alpha-Synuclein-Pathologie im Darm und für deren Ausbreitung ins Gehirn eine wichtige Rolle spielen.
Diabetes-Medikamente bei Parkinson
Ein Wirkstoff zur Diabetes-Behandlung könnte möglicherweise auch bei Parkinson helfen - so das Ergebnis einer im April 2024 veröffentlichten klinischen Studie. Die Substanz Lixisenatid verlangsamt das Fortschreiten der Symptome in einem geringen, aber statistisch signifikanten Umfang. Untersucht wurden 156 Personen mit leichten bis mittelschweren Parkinson-Symptomen, die alle bereits das Standard-Parkinson-Medikament Levodopa oder andere Arzneimittel einnahmen. Die eine Hälfte von ihnen erhielt ein Jahr lang den Wirkstoff Lixisenatid, die andere ein Placebo. Nach zwölf Monaten zeigten die Teilnehmenden der Placebo-Kontrollgruppe wie erwartet eine Verschlechterung ihrer Symptome. Auf einer Skala zur Bewertung des Schweregrads der Parkinson-Krankheit, mit der gemessen wird, wie gut die Betroffenen Aufgaben wie Sprechen, Essen und Gehen ausführen können, war ihr Wert um drei Punkte gestiegen.
Noch ist unklar, wie sich der positive Effekt des Diabetes-Medikaments bei Parkinson erklären lässt. Der zur Behandlung von Typ-2-Diabetiker:innen zugelassene Wirkstoff Lixisenatid ist ein sogenannter GLP-1-Rezeptoragonist (Glucagon-like Peptid-1). Es ahmt die Wirkung des natürlich vorkommenden Peptids nach und aktiviert eine intrazelluläre Signalkaskade, welche eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung physiologischer Blutzuckerwerte spielt.
Schon seit Längerem deuten verschiedene Studien an, dass Diabetes Typ 2 und manche neurodegenerative Krankheiten ähnliche Signalwege aufweisen. Offenbar können nicht nur Leber- und Muskelzellen, sondern auch Neurone schlecht auf Insulin reagieren, welches z. B. an Gedächtnisprozessen beteiligt ist. Dies könnte erklären, warum Menschen mit Diabetes Typ 2 z. B. ein höheres Risiko für Alzheimer haben.
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Infusionstherapien als Alternative
Die Infusionstherapien mit Apomorphin s.c. und Levodopa/Carbidopa (Duodopa) intraduodenal haben sich in den letzten 15 Jahren als eine sehr wertvolle Therapiealternative bei Parkinson-Patienten mit Wirkungsfluktuationen entwickelt. Nach Umstellung von einer peroralen Therapie auf eine Pumpentherapie verringert sich die „Off“-Zeit, also die Perioden mit Parkinson-Symptomatik, um 60 bis 80% und die bestehen bleibende „Off“-Symptomatik wird signifikant verbessert. Darüber hinaus ist ein antidyskinetischer Effekt zu beobachten, so dass im Verlauf der Infusionstherapien Zeiten mit Dyskinesien abnehmen und die Intensität der Dyskinesien nachlässt. Auch hinsichtlich des Risikos für dopaminerg-psychotische Nebenwirkungen gibt es einen Anhalt dafür, dass die kontinuierliche Infusion Vorteile gegenüber der peroralen Therapie besitzt.
Anwendung von LDN
Naltrexon, in niedriger Dosierung (Low Dose Naltrexone, LDN), hat sich als vielversprechendes Präparat zur Immunstimulation, Schmerzlinderung und zur Unterstützung bei der Krebsbehandlung erwiesen. Es wird häufig in Kombination mit Alpha-Liponsäure und Vitamin D eingesetzt. Die Einnahme beginnt in der Regel mit 0,5 mg und wird schrittweise auf 4,5 mg gesteigert. LDN wird abends vor dem Schlafengehen eingenommen, während Alpha-Liponsäure und pulsierende CBD- oder Hanföl-Behandlungen ergänzt werden.
In Deutschland gibt es keine Fertigarzneimittel mit solch niedrigen Dosierungen von Naltrexon (LDN), weshalb individuelle Rezepturen angefertigt werden müssen. Die gängigsten Darreichungsformen sind Kapseln und Lösungen. Flüssige Zubereitungen von Naltrexon bieten den Vorteil einer einfachen Dosierungsanpassung, was besonders bei der einschleichenden Therapie von Vorteil ist. Die hergestellten Kapseln und Lösungen sollten idealerweise im Kühlschrank gelagert werden. Dies kann ihre Stabilität deutlich erhöhen. Kapseln sind in der Regel bis zu drei Monate haltbar, während Lösungen, abhängig von der Lagerung, bis zu drei Monate im Kühlschrank und lediglich zwei Monate bei Raumtemperatur haltbar sind.