Liebeskummer: Eine wissenschaftliche Betrachtung von Schmerz und Bewältigung

Liebeskummer, ein Begriff, der oft mit Teenagerromanzen assoziiert wird, kann Menschen jeden Alters tiefgreifend beeinflussen. Er ist mehr als nur eine emotionale Unannehmlichkeit; er ist ein universeller Bruch in der eigenen Biografie, der Zeit zur Aufarbeitung benötigt. In vielen Sprachen ähneln sich die Ausdrücke, um sowohl das Gefühl der sozialen Ablehnung als auch körperliche Beschwerden zu beschreiben.

Die Neurobiologie des Liebeskummers

Ethan Kross von der University of Michigan und sein Team haben herausgefunden, dass soziale Ablehnung und körperlicher Schmerz ähnliche Areale im Gehirn aktivieren. In einer Studie mit 40 Personen, die innerhalb des letzten halben Jahres von ihren Partnern verlassen worden waren, wurde die Hirndurchblutung mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) gemessen. Die Teilnehmer betrachteten Fotos ihrer Ex-Partner und erinnerten sich an ihre Gefühle während der Trennung. Zusätzlich wurde eine gerade noch erträgliche Hitze am Unterarm appliziert.

Die Ergebnisse zeigten, dass sowohl beim Betrachten der Fotos als auch bei der Hitzeeinwirkung der sekundäre somatosensorische Kortex und die dorsale Inselrinde aktiviert wurden. Der sekundäre somatosensorische Kortex empfängt und übermittelt Signale von Berührungs-, Wärme- und Schmerzrezeptoren, während die dorsale Inselrinde am physischen Schmerzempfinden beteiligt ist. Eine Analyse von über 500 früheren fMRT-Studien bestätigte, dass diese Hirnregionen typischerweise bei Schmerz, aber selten bei anderen negativen Emotionen oder beim Lernen und Erinnern aktiv sind. Dies deutet darauf hin, dass Ablehnung für den Menschen besonders schmerzlich ist.

Eine weitere Studie der US-Forscherin Helen Fisher zeigte mittels MRT-Aufnahmen, dass Liebeskummer ähnliche Gehirnregionen aktiviert wie ein Drogenentzug. Dies erklärt, warum Liebeskummer zu Symptomen wie Appetit- und Schlaflosigkeit, emotionalen Essattacken und Panikattacken führen kann. Aus medizinischer Sicht wird Liebeskummer als sozialer Schmerz betrachtet, der in den gleichen Zentren des Gehirns verarbeitet wird wie körperliche Leiden. Eine Studie von C. Nathan DeWall von der University of Kentucky deutet sogar darauf hin, dass das Schmerzmittel Paracetamol die Symptome von Liebeskummer reduzieren kann, obwohl aufgrund möglicher Nebenwirkungen von einer Selbstmedikation abzuraten ist.

Hormonelle Auswirkungen auf den Körper

Liebeskummer bringt das hormonelle Gleichgewicht des Körpers durcheinander. Das Niveau des Glückshormons Dopamin, das in der Beziehung für emotionale Hochs gesorgt hat, sinkt. Stattdessen steigen Adrenalin- und Cortisolspiegel, was zu Stress führt. In extremen Fällen kann es sogar zum Broken-Heart-Syndrom kommen, einer Funktionsstörung des Herzmuskels.

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Forscher bezeichnen diesen Zustand, wenn er extrem wird, auch als „Broken Heart Syndrome“. Eine Studie belegt, dass soziale Zurückweisung durchaus mit körperlichem Schmerz verglichen werden kann. Das Problem ist aber, dass gegen Liebeskummer keine Schmerztabletten helfen…

Doch warum tut Liebeskummer so verdammt weh? Um seine psychischen Folgen zu verstehen, hilft das Modell des Psychologen Klaus Grawe. Demnach gibt es nicht nur körperliche Grundbedürfnisse wie Schlaf, Essen oder Wasser, sondern auch psychische. Da ist das Bedürfnis nach Bindung. Dieses Grundvertrauen in andere Menschen und Beziehungen wird in den ersten Lebensjahren geprägt. Dazu kämen der Wunsch nach Autonomie und Kontrolle, das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und der Wille, Unlust zu vermeiden.

Phasen des Liebeskummers

Obwohl die Dauer von Liebeskummer individuell variiert, lassen sich typische Phasen unterscheiden:

  1. Dunkle Vorahnung: Eine Phase des unbewussten Spürens, dass die Beziehung dem Ende zugeht.
  2. Schock und Lähmung: Der Schmerz wird als Herausreißen des Herzens empfunden, begleitet von Hilflosigkeit, Angst und Fassungslosigkeit.
  3. Rettungsversuche: Der Versuch, den Ex-Partner zurückzugewinnen, oft durch unrealistische Kompromisse und Selbstaufgabe.
  4. Trauer und Wut: Die Schuld wird dem Ex-Partner zugeschrieben, begleitet von Wutausbrüchen und dem Bedürfnis, die eigenen Gefühle auszuleben.
  5. Akzeptanz des Alleinseins: Die Auseinandersetzung mit dem Ende der Beziehung und die langsame Entwicklung eines neuen Ich-Gefühls.

Die Mannheimer Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf schätzt, dass Menschen durchschnittlich zwei bis vier Jahre benötigen, um ein neues Lebenskonzept zu entwickeln. Es ist wichtig zu beachten, dass jeder Mensch sein eigenes Tempo hat, sich auf eine neue Situation einzustellen und sich weiterzuentwickeln.

Bewältigungsstrategien

Es gibt verschiedene Strategien, um Liebeskummer zu bewältigen:

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  • Trauer zulassen: Den Schmerz nicht herunterspielen, sondern ihn annehmen und sich der Familie und Freunden anvertrauen.
  • Kontaktabbruch: Den Kontakt zum Ex-Partner vermeiden und Erinnerungsstücke aus dem Sichtfeld verbannen.
  • Ablenkung: Neue Hobbys ausprobieren oder sich anderen Aktivitäten widmen, für die bisher keine Zeit oder Motivation vorhanden war.
  • Gespräche: Mit Freunden oder einem Therapeuten über die Gefühle sprechen.
  • Grey-Rock-Methode: Wenn Kontakt unvermeidlich ist (z.B. bei Kinderübergabe), kalt und sachlich bleiben.
  • Feste Zeiten für Trauer: Bestimmte Zeiten reservieren, um traurig zu sein und Liebeskummer-Musik zu hören.
  • Sport und Bewegung: Sport hilft gegen psychischen Stress, erhöht den Serotoninspiegel und normalisiert den Hormonhaushalt.
  • Neuanfang: Aufräumen, Ausmisten, Erinnerungsstücke aussortieren und das Äußere verändern.

Studien zeigen zudem, dass es wichtig ist, alle Phasen von Liebeskummer zu durchlaufen, um ihn zu bewältigen. Eine Abkürzung zu nehmen, geht meist schief, ergab eine Studie der Binghamton University. Sie untersuchte das Verhalten nach einer Trennung. Das Ergebnis: Frauen leiden intensiver, aber kürzer als Männer. Männer neigen dazu, eine Abkürzung nehmen zu wollen, mit Verdrängung und Kompensation. Na, Männer, klingelt da was? Neues Auto und viel Alkohol - bringt nichts! Wer Liebeskummer betäubt und verdrängt, wird ihn nicht los. Das hindert uns nur langfristig daran, gute Beziehungen zu führen. Frauen verdrängen und kompensieren übrigens auch, jedoch seltener und anders - gerne mit Shopping.

Wann wird Liebeskummer gefährlich?

Liebeskummer kann gefährlich werden, wenn er so stark ist, dass man über Tage nichts isst, nichts trinkt und auch nicht mehr aufsteht. Dies kann zu einem Kreislaufkollaps und anderen medizinischen Notfällen führen. In seltenen Fällen kann Liebeskummer auch zu Angstzuständen, sozialem Rückzug, Teilnahmslosigkeit, Gedächtnislücken und depressiven Phasen führen.

Die Rolle des sozialen Schmerzes

Sozialer Schmerz ist nicht nur Liebeskummer, sondern auch die Erfahrung gesellschaftlicher Zurückweisung oder der Verlust eines nahestehenden Menschen. Er aktiviert ähnliche Hirnareale wie physischer Schmerz und kann zu einer niedrigeren Schmerzschwelle führen. Studien haben gezeigt, dass die Einnahme von Acetaminophen (Paracetamol) die Aktivität in den für sozialen Schmerz verantwortlichen Hirnarealen reduzieren kann.

Positive Aspekte von Liebeskummer

Trotz des Schmerzes kann Liebeskummer auch positive Seiten haben. Er kann eine Gelegenheit sein, am Schmerz zu wachsen und aus der Erfahrung zu lernen. Eine Studie des US-Psychologen Gary W. Lewandowski Jr. zeigt, dass es vielen Menschen nach einer überwundenen Trennung besser geht als vorher.

Die Arbeit der Liebeskümmerer

Elena-Katharina Sohn, Gründerin der Beratungsagentur "Die Liebeskümmerer", begleitet Menschen, die durch eine Trennung gehen. Sie beobachtet, dass es ähnliche Phasen gibt, durch die ihre Klienten gehen, und dass viele Menschen mit besonders starkem Liebeskummer ihr Lebensglück stark von einer Partnerschaft abhängig machen. In ihrer Arbeit geht es darum, andere "Glücksquellen" im Leben zu entdecken.

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