Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der in Deutschland etwa 28 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer betroffen sind. Sie zeichnet sich durch heftige, oft einseitige Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen sowie Geräusch- und Lichtempfindlichkeit aus. Obwohl die genauen Ursachen und Mechanismen der Migräne noch nicht vollständig geklärt sind, steht fest, dass eine familiäre Veranlagung eine bedeutende Rolle spielt.
Symptome und Verlauf einer Migräneattacke
Ein Migräneanfall lässt sich in vier Phasen unterteilen:
- Vorbotenphase: Hier können bereits Tage vor dem eigentlichen Anfall Symptome wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen oder Appetitlosigkeit auftreten.
- Migräneaura: Bei etwa 20 % der Betroffenen treten vor oder während des Kopfschmerzes neurologische Symptome auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese können sich in Form von Sehstörungen (z.B. Flimmersehen), Sensibilitätsstörungen oder Sprachstörungen äußern.
- Kopfschmerzphase: In dieser Phase treten die typischen, meist einseitigen Kopfschmerzen auf, die von mittlerer bis hoher Intensität sein können. Der Schmerz wird oft als stechend oder pochend beschrieben und verstärkt sich bei körperlicher Anstrengung.
- Rückbildungs- und Erholungsphase: Nach dem Höhepunkt des Anfalls klingt der Schmerz allmählich ab. Viele Betroffene fühlen sich jedoch noch lange Zeit erschöpft und kraftlos.
Im Gegensatz zu Spannungskopfschmerzen, die beidseitig auftreten und sich durch körperliche Aktivität oft bessern, verschlimmern sich Migränekopfschmerzen in der Regel bei Bewegung.
Genetische Veranlagung bei Migräne
Bereits im 19. Jahrhundert vermuteten Ärzte, dass Migräne vererbbar ist. Heutzutage bestätigen zahlreiche Studien diese Annahme. Das Risiko, an Migräne zu erkranken, ist bei Personen mit mehreren Betroffenen in der Familie deutlich höher als bei Personen ohne familiäre Belastung.
Familiäre Hemiplegische Migräne (FHM)
Eine seltene Form der Migräne, die familiäre hemiplegische Migräne (FHM), ist durch Mutationen in spezifischen Genen gekennzeichnet, insbesondere dem CACNA1A-Gen. Diese Mutationen werden an die nächste Generation vererbt und erklären, warum Migräne in bestimmten Familien gehäuft auftritt.
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Weitere genetische Faktoren
Neben den spezifischen Genen, die mit FHM in Verbindung stehen, gibt es Hinweise darauf, dass auch andere genetische Variationen das Risiko für die Entwicklung von Migräne beeinflussen können. Forscher haben beispielsweise eine Erbvariante des Gens TRPM8 identifiziert, die in der nördlichen Hemisphäre häufiger vorkommt. Diese Variante ermöglichte den Trägern eine höhere Kältetoleranz und sicherte somit ihr Überleben in kälteren Klimazonen.
Neurobiologische Grundlagen der Migräne
Die Migräne ist eine neurobiologisch bedingte Funktionsstörung des Gehirns, der Hirnhaut und der Blutgefäße. Während einer Migräneattacke kommt es zu einer vorübergehenden Fehlfunktion schmerzregulierender Systeme.
Rolle des Hirnstamms und des Trigeminusnervs
Aktuelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine Störung des Gleichgewichtszustandes von Schmerzzentren im Hirnstamm eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Migräne spielt. Mithilfe spezieller bildgebender Verfahren konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn ein Bereich - das sogenannte Migräne-Zentrum im Hirnstamm (periaquäduktales Grau) - aktiviert und verstärkt durchblutet wird.
Zwischen den Blutgefäßen des Gehirns und den Nervenzellen des Gesichtsnervs (Nervus trigeminus) besteht eine wichtige Verflechtung. Die Überaktivität der Nervenzellen im Hirnstamm führt dazu, dass die (C-)Fasern des Trigeminusnervs Schmerzsignale an das Gehirn senden. Dies hat auch eine vermehrte Ausschüttung von Botenstoffen (vasoaktive Neuropeptide) zur Folge, die eine Dehnung der Blutgefäße bewirken und die Gefäßwände für Blutflüssigkeit durchgängig machen. Es kommt zu einer Aufschwemmung und einer Art Entzündung des Hirngewebes und der Hirnhäute, die als neurogene Entzündung bezeichnet wird und den Migränekopfschmerz verursacht.
Bedeutung von Neurotransmittern
Die Botenstoffe des Gehirns (Neurotransmitter) spielen eine wichtige Rolle bei der Weiterleitung von Nervensignalen, der Steuerung der Blutgefäßausdehnung und -verengung sowie der Auslösung von Schmerzsignalen. Von allen Botenstoffen spielt Serotonin bei der Entstehung der Migräne eine besondere Rolle. Die Konzentration von Serotonin im Blut schwankt mit dem weiblichen Zyklus, was unter anderem das Auftreten von Migräneattacken während des Zyklus erklären kann.
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Triggerfaktoren und Auslöser von Migräneattacken
Bestimmte innere und äußere Faktoren, sogenannte Trigger, können bei entsprechender Veranlagung eine Migräne begünstigen. Jeder Migränepatient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln. Zu den häufigsten Triggerfaktoren gehören:
- Wechselnder Schlaf-Wach-Rhythmus (z.B. zu viel oder zu wenig Schlaf)
- Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf
- Unterzuckerung/Hungerzustand (z.B. aufgrund des Auslassens von Mahlzeiten)
- Hormonveränderungen, z.B. während des Zyklus oder aufgrund der Einnahme von Hormonpräparaten
- Stress in Form körperlicher oder seelischer Belastungen
- Verqualmte Räume
- Bestimmte Nahrungsmittel (z.B. Schokolade, Käse, Zitrusfrüchte, Alkohol, insbesondere Rotwein)
- Äußere Reize wie (Flacker)Licht, Lärm oder Gerüche
- Wetter- und Höhenveränderungen (Föhn, Kälte etc.)
- Starke Emotionen (z.B. ausgeprägte Freude, tiefe Trauer, heftige Schreckreaktion, Angst)
- Medikamente
Diagnose und Behandlung von Migräne
Die Diagnose von Migräne wird in der Regel anhand der typischen Beschwerdeschilderung und eines normalen körperlichen Untersuchungsbefunds gestellt. Ein Kopfschmerz-Tagebuch kann helfen, die individuellen Triggerfaktoren zu identifizieren und den Verlauf der Erkrankung zu dokumentieren.
Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Symptome während einer akuten Attacke zu lindern und die Häufigkeit und Intensität zukünftiger Attacken zu reduzieren.
Akuttherapie
Zur Behandlung einer akuten Migräneattacke werden in der Regel Schmerzmittel eingesetzt, vorzugsweise in Kombination mit einer Substanz gegen Übelkeit und Erbrechen. Es ist wichtig, die Medikamente frühzeitig bei den ersten Anzeichen einer Attacke einzunehmen, aber nicht zu häufig, um eine Überbeanspruchung zu vermeiden.
Prophylaxe
Wenn Attacken häufiger als dreimal pro Monat auftreten, kann eine vorbeugende Behandlung mit Medikamenten in Betracht gezogen werden. Häufig eingesetzte Substanzen zur Migräneprophylaxe sind Betarezeptorenblocker und eine Reihe von Substanzen, die auch zur Behandlung von Epilepsie oder Depressionen eingesetzt werden. Neu entwickelte Migräne-spezifische Prophylaktika richten sich gegen die Effekte des Botenstoffs CGRP, der bei der Ausbildung der neurovaskulären Entzündung eine bedeutende Rolle spielt.
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Nicht-medikamentöse Maßnahmen
Neben der medikamentösen Behandlung können auch nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Linderung von Migräne beitragen. Dazu gehören:
- Regelmäßiger Sport
- Entspannungsübungen (z.B. Muskelrelaxation nach Jacobson, Yoga)
- Vermeidung von Triggerfaktoren
- Ausgewogene Ernährung
- Regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
Migräne bei Kindern
Auch Kinder können bereits an Migräne erkranken. Bei der kindlichen Migräne können neben Kopfschmerzen auch andere Symptome auftreten, wie z.B. Bauchschmerzen. Die Behandlung von Migräne bei Kindern erfolgt in der Regel durch den Kinderarzt oder Jugendarzt. Neben Ruhe und Schlaf können auch regelmäßiger Sport und Entspannungsübungen Linderung bringen.
Leben mit Migräne
Leider gibt es bislang keine Möglichkeit, Migräne zu heilen. Jeder Betroffene muss lernen, mit dieser Erkrankung zu leben. Dazu gehört, modifizierbare Auslöser für Attacken nach Möglichkeit zu reduzieren und sich auf der anderen Seite einzugestehen, dass schwere Attacken zu einer reellen Minderung der Leistungsfähigkeit führen.