Die linke Gehirnhälfte: Sprache, Funktionen und Mythen

Immer wieder hört man, dass die linke Gehirnhälfte für analytisches und sprachliches Denken zuständig ist, während die rechte eher für ganzheitliches Erfassen und Intuition zuständig ist. Doch wie viel Wahrheit steckt in dieser populären Vorstellung? Dieser Artikel beleuchtet die tatsächlichen Funktionen der linken Gehirnhälfte, insbesondere im Hinblick auf Sprache, und räumt mit einigen weit verbreiteten Mythen auf.

Asymmetrien im Gehirn: Ein wahrer Kern mit viel Mythos

Es stimmt, dass es Asymmetrien in der Aufgabenverteilung der beiden Hirnhälften gibt. Nicht beide Hemisphären sind für alles gleichermaßen zuständig. Die linke Hemisphäre ist auf viele - aber nicht alle - Sprachprozesse spezialisiert.

Sprachliche Funktionen der linken Gehirnhälfte

Die linke Gehirnhälfte steuert die motorische Sprachumsetzung, für die tausende kleinster Muskelpartien angesprochen werden müssen. Auch für abstrakte Begriffe wie Freiheit oder Liebe ist überwiegend die linke Hirnhälfte zuständig. Unser Lexikon für konkrete Begriffe wie Laptop oder Kaffeetasse ist dagegen in beiden Gehirnhälften in etwa gleich gut repräsentiert. Es gibt auch einige rechtshemisphärische Komponenten von Sprache, etwa die Sprachmelodie oder das Lesen zwischen den Zeilen.

Weitere Funktionen der linken Gehirnhälfte

Auch außerhalb der Sprache gibt es Asymmetrien in der Aufgabenverteilung: Die Messung kleiner Zeitabstände und die Wahrnehmung kleiner Details sind eher links angesiedelt. Räumliches Denken, Zahlenverständnis oder Gesichtserkennung sind eher rechts angesiedelt.

Mythen und Falschdarstellungen

Es gibt viele Falschdarstellungen über die Funktionen der Gehirnhälften. Zum Beispiel wird oft behauptet, die linke Hemisphäre sei fürs analytische, die rechte fürs ganzheitliche Denken da. Das ist aber eine neurowissenschaftlich schlicht falsche Verallgemeinerung. Nur weil die rechte Hirnhälfte zwischen den Zeilen lesen kann, ist sie noch lange nicht für alles zuständig, was man unter den Begriff „ganzheitlich“ fassen kann!

Lesen Sie auch: Gehirn-Zusammenarbeit

Pädagogische Fehlschlüsse

Gerade in der pädagogischen Literatur wird in dieser Hinsicht wild extrapoliert. Etwa wird die Fähigkeit zur Empathie in diesen Korb hineingeworfen. Und dann wird zuweilen sogar an Universitäten gelehrt, um sich gut in Schüler hineinzuversetzen, müsse man die rechte Hemisphäre aktivieren, etwa indem man mit der linken Hand die ganze Zeit einen Gummiball quetsche. Dafür gibt es aber aus wissenschaftlicher Sicht keinerlei belastbare Belege - weder dafür, dass die Empathie insgesamt rechts sitzt, noch dafür, dass sich eine Aktivierung motorischer Areale auf andere Bereiche derselben Hemisphäre übertragen würde.

Kulturelle Stereotypen

Ebenso ist die Unterscheidung links- und rechtshemisphärisch geprägter Kulturen reiner Mythos. Das kam in den 1960ern in den USA auf, wo es hieß, die moderne, von Logik dominierte US-​Gesellschaft sei linkshemisphärisch (und schlecht), die ur-​indianische, schamanische Kultur rechtshemisphärisch (und gut). Da wird dann Logik gleich Sprache gleich links gesetzt - auch das ist eine ärgerliche Überinterpretation.

Zusammenarbeit der Gehirnhälften

Auch tatsächlich nachweisbare Asymmetrien sind nur eine relative Angelegenheit: Wenn Hirnscans bei bestimmten Prozessen eine einseitige Aktivierung zeigen, bedeutet das ja nicht, dass der Rest des Gehirns völlig inaktiv wäre. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass letztlich immer beide Seiten zusammenarbeiten - bei Frauen übrigens je nach Zyklusphase mal mehr, mal weniger. Rechte und linke Hemisphäre tauschen sich aus. Sie sind nicht nur mit den gegenüberliegenden Körperseiten, sondern auch über den so genannten "Balken" (corpus callosum) miteinander verbunden.

Sprache und Aufmerksamkeit: Eine unerwartete Verbindung

Die „Sprachzentren“ in der linken Gehirnhälfte des Menschen sprechen und verstehen nicht nur Sprache, sondern sie sind auch für die Orientierung unserer Aufmerksamkeit im Raum zuständig. Das zeigen Wissenschaftler der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen und des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) in einer aktuellen Studie, die in der Zeitschrift Brain erschienen ist.

Sprach- und Aufmerksamkeitszentren

Unsere sogenannten "Sprachzentren" sind also vielmehr "Sprach-„ und gleichzeitig „Aufmerksamkeitszentren". Aufmerksamkeit ist bei Säugetieren, zum Beispiel auch beim Affen in beiden Gehirnhälften repräsentiert. Anders als bei den Affen bildete sich beim Menschen eine Sprachfunktion. Mit ihrer Arbeit konnten Julia Suchan und Prof. Dr. Dr. Hans-Otto Karnath von der Neurologischen Universitätsklinik und dem Hertie-Institut für klinische Hirnforschung zeigen, dass dies keineswegs so ist. Zwar hat die linke Gehirnhälfte in der Entwicklung vom Affen zum Menschen eine neue Funktion - die Sprache - erhalten, sie hat aber ihre alte Funktion - die Aufmerksamkeit - keineswegs ganz verloren. Offensichtlich ist unser Gehirn in der Lage, beide Funktionen in derselben Gehirnhälfte, ja sogar in denselben Regionen parallel zu verarbeiten.

Lesen Sie auch: Was Sie über Kribbeln und Taubheit wissen müssen

Auswirkungen von Schlaganfällen

Die Tübinger Wissenschaftler untersuchten rund 400 Menschen, die einen Schlaganfall der linken Gehirnhälfte erlitten hatten, um herauszufinden, ob diese neben den für diese Gehirnhälfte bekannten Sprachstörungen auch an Störungen der Raumorientierung litten. Dabei fanden sie heraus, dass einige Menschen tatsächlich an einer deutlichen Störung der räumlichen Orientierung nach Schädigung der linken Hemisphäre litten. Alle diese Patienten mit Störungen der Raumorientierung litten gleichzeitig auch unter Sprachstörungen. „Wäre dies nicht der Fall, könnte man annehmen, dass die Funktionen beider Gehirnhälften bei diesen Personen einfach vertauscht sind,“ so Suchan und Karnath, „also die Raumorientierung links und die Sprache rechts sitzt. Das ist aber definitiv nicht der Fall.

Zusammenarbeit der Hirnhälften beim Lernen von Tönen

Unser Gehirn besteht aus einer rechten und einer linken Hälfte. Beide Hemisphären haben unterschiedliche Aufgaben und Funktionen beim Wahrnehmen und Lernen. Forschende am Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN) Magdeburg, dem Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen und der Otto-von-Guericke-Universität (OVGU) Magdeburg haben in einer aktuellen Studie mit Mongolischen Wüstenrennmäusen gezeigt, wie beide Gehirnhälften beim Erlernen akustischer Reize zusammenarbeiten. Die Erkenntnisse, die im Journal of Neuroscience veröffentlicht wurden, könnten zu neuen Therapiemöglichkeiten bei Menschen mit Störungen in der interhemisphärischen Kommunikation führen.

Spezialisierung der Hörrinde

Für die Ton-Verarbeitung ist die sogenannte Hörrrinde zuständig, die in beiden Hirnhemisphären liegt und Arbeitsteilung betreibt: So wird Sprache hauptsächlich in der linken Großhirnhälfte und Musik in der rechten Hälfte verarbeitet. Diese Spezialisierung basiert unter anderem auf bestimmten akustisch-physikalischen Parametern von Sprache und Musik: schnelle zeitliche Veränderungen bei Wort- und Satzanfängen oder kontinuierliche Veränderungen der Tonhöhe bei Musikmelodien.

Bedeutung des Zusammenspiels

Das Team um Prof. Dr. Eike Budinger vom LIN konnte in einer umfassenden Studie zeigen, dass nicht nur die beiden Gehirnhälften selbst, sondern auch ihr Zusammenspiel wesentlich am Erlernen akustischer Parameter, die der spezialisierten Verarbeitung von Sprache und Musik zugrunde liegen, beteiligt sind.

Experimente mit Wüstenrennmäusen

Erstautorin Dr. Katja Saldeitis vom DPZ hat Mongolische Wüstenrennmäuse, deren Hörvermögen dem des Menschen relativ ähnlich ist, darauf trainiert, Schallreize mit absteigender oder aufsteigender Tonhöhe zu unterscheiden. „Mäuse mit intakten Verbindungen zwischen den Hörrinden beider Hemisphären erlernten diese Aufgabe innerhalb weniger Tage. Mäuse mit gestörten interhemisphärischen Verbindungen benötigten dafür wesentlich länger und waren am Ende auch nicht so erfolgreich wie gesunde Mäuse“, beschreibt Saldeitis.

Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei Taubheitsgefühl

Wurden die interhemisphärischen Verbindungen bei den gesunden Tieren jedoch nach dem Erlernen gezielt unterbrochen, war die Leistungsfähigkeit der Mäuse bei dieser Aufgabe trotzdem nicht eingeschränkt. Gleichzeitig wurde auch das Erkennen und Unterscheiden kurzer zeitlicher Änderungen in den Schallreizen, wie zum Beispiel Pausen, nicht durch gestörte interhemisphärische Verbindungen beeinträchtigt.

Schlussfolgerungen

Budinger erklärt: „Wir schlussfolgern aus den Ergebnissen unter anderem, dass die rechte Hemisphäre melodische Tonhöhenveränderungen zwar bevorzugt verarbeitet, für deren Erlernen aber Informationen aus der linken Hemisphäre benötigt. Umgekehrt benötigt die linke Hemisphäre, die bevorzugt zeitliche Veränderungen verarbeitet, aber keine zusätzlichen Informationen aus der rechten Hemisphäre.“

Perspektiven für die Therapie

Perspektivisch gibt die vorliegende Studie wichtige Hinweise für die Behandlung von Störungen der akustischen interhemisphärischen Kommunikation, wie sie beispielsweise bei Schizophrenie, Dyslexie und Tinnitus auftreten.

Geschlechterunterschiede und Lateralisierung

Männer denken angeblich logisch, linear, zeitlich und analytisch, also mit der linken Gehirnhälfte - Frauen dagegen denken emotional, musisch, künstlerisch, räumlich und natürlich mit der rechten Gehirnhälfte. Warum können dann Frauen angeblich schlechter einparken, was dem räumlichen Denken mit der rechten Hemisphäre widerspricht, und sind verbal gewandter, was eigentlich der linken ("männlichen") Seite zugesprochen wird?

Asymmetrische Organisation des Gehirns

"Das menschliche Gehirn, das äußerlich aus zwei fast spiegelgleichen Hälften besteht, ist asymmetrisch organisiert. Diese Spezialisierung des Gehirns mit einer bevorzugten Hand konnte ansatzweise auch bei Primaten festgestellt werden. Unsere Nervenbahnen (mehr als 95%) kreuzen beim Eintritt ins Gehirn: Die rechte Körperseite wird von der linken Gehirnhälfte gefühlt und gesteuert, und die rechte Hemisphäre ist mit der linken Körperseite verbunden.

Sprachzentrum und Händigkeit

"Bei 95% der Rechtshänder befindet sich das Sprachzentrum in der linken Gehirnhälfte. Bei Linkshändern ist es aber nicht genau umgekehrt - rund 70% haben das Sprachzentrum auf der linken Seite, die restlichen 30% haben ihr Sprachzentrum auf beiden Seiten. Bei Linkshändern scheinen die Funktionen nicht so eindeutig auf eine Gehirnhälfte beschränkt zu sein. Vermutlich beeinflussen die Hormone kognitive Unterschiede zwischen Frauen und Männern, indem sie geschlechtsspezifische Hirnmechanismen nach sich ziehen. Diese Theorie konnte bei Personen, welche sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, und bei Tests mit Frauen am 2. (Tiefpunkt der Sexualhormone) und am 22.

Lateralisierung und Geschlecht

Francks’ Untersuchungen haben gezeigt, dass das Planum temporale - eine Hirnregion, die mit der Verarbeitung von Sprache und Musik in Verbindung gebracht wird - im weiblichen Gehirn weniger stark lateralisiert ist als bei Männern. Nun darf man aus diesem Ergebnis nicht schließen, Frauen seinen deswegen die schwächeren Leserinnen. „Dem ist nicht so“, betont Francks. Die Forscher fanden im Zusammenhang mit der Ausprägung der Linksasymmetrie im Planum temporale besonders viele SNPs in Genen, die am Steroidhormon-Stoffwechsel beteiligt sind, also unter anderem bei der Synthese männlicher und weiblicher Geschlechtshormone. Und tatsächlich scheint sich die Funktion der Steroidhormone sowohl bei Männern als auch bei Frauen auf die Lateralisierung des Planum temporale auszuwirken. Welche Rolle Steroidhormone letztlich für die Lese- und Sprachfähigkeit spielen, ist aber noch ungeklärt.

Übungen zur Förderung der Zusammenarbeit der Gehirnhälften

Für das Lesen und Schreiben macht es deshalb Sinn, nicht eine Seite zu überlasten, sondern Übungen einzubauen, welche einmal die rechte und dann wieder die linke Hemisphäre fordern: Kinder suchen aus vorgegebenen Wörtern alle heraus, welche denselben Buchstaben wie z.B. "a" oder "e" enthalten (Linkshirnaktivität). Anschließend schreiben sie die Wörter ab und wählen für das "A" eine rote und für das "E" eine grüne Schreibfarbe, während die anderen Buchstaben einheitlich blau oder schwarz geschrieben werden. Eine gute räumliche Übung ist es, die Wörter danach zu sortieren, ob die besonderen Buchstaben eher in der vorderen bzw. hinteren Hälfte des Wortes zu finden sind. Ergänzen von gleichseitigen Bildern (z.B.

Diese Angebote beziehen sich nicht nur auf das Malen oder auf Arbeitsblätter, sie lassen sich auch mit anderen, auch großräumigen Materialien durchführen, z.B. Sonnenstrahlen mit Meterstäben um einen Kreis legen, Dachziegel mit Seilen und Klammern an eine Wäscheleine hängen oder auf kleinerem Raum mit Magneten und Büroklammern u.ä. Großen Spaß haben die Kinder, wenn sie Spiegel zur Lösung der Aufgaben verwenden dürfen. Und noch mehr Freude haben sie, wenn ihnen zum freien Ausprobieren Spiegel (-folien) zur Verfügung stehen. Zerrspiegel, Wölb- und Hohlspiegel (konvex und konkav), aber auch einfache Löffel, bei denen das Bild auf der Innenseite Kopf steht, regen zu umfangreicheren Wahrnehmungen und verknüpftem Denken an. In der Therapie mit Schlaganfallpatienten wird ein "Spiegeltraining" eingesetzt, um beispielsweise mit dem gesunden Arm die Bewegung des kranken Armes vorzutäuschen und die Bewegung indirekt zu aktivieren. Patienten mit amputierten Gliedern konnten die Phantomschmerzen reduzieren, wenn sie im Spiegel "vollständige" Glieder bewegten. Durch die Bewegung der bevorzugten Hand wird die schwächere mit trainiert, und umgekehrt stärkt das Training der schwächeren Hand auch die dominante (eine Übung, welche z.B. Tennisspieler für sich nutzen). Kinder mit umfangreichen "Spiegelerfahrungen" entwickeln ein besseres Körperschema, sie kennen ihren Körper genau und erleben ihn bewusst. Neben der kognitiven Förderung stärken sie ihr Selbstbewusstsein. Im kreativen, phantasievollen und bewegten Spiel werden die Ganzheitlichkeit und die rechte Hemisphäre angesprochen. Mit positiven Gefühlen unterlegtes Lernen im Kindergarten führt nicht zu einer Spaß- und Fungesellschaft mit Null Bock auf die Schule, sondern unterstützt Kinder, selbst aktiv Herausforderungen zu suchen und zu bewältigen. Aktivitäten wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Die Rolle beider Gehirnhälften beim Sprechen

Während des Sprechens bearbeitet das Gehirn viele verschiedene Dinge gleichzeitig. Damit das schnell geht, arbeiten linke und rechte Hirnhälfte zusammen. Aber noch viel besser als Forschende bisher angenommen hatten. Die linke und die rechte Gehirnhälfte sind arbeitsteilig fürs Sprechen zuständig. Die linke Hirnhälfte übernimmt die Aufgabe, Wörter zu erzeugen, zusammenzustellen oder zu analysieren, erklärt der Neurowissenschaftler Henning Beck. Dagegen ist die rechte Gehirnhälfte dafür zuständig, Klangmuster zu interpretieren. "Sprache entsteht durch das Zusammenspiel der rechten und der linken Gehirnhälfte."Henning Beck, Neurowissenschaftler

Detaillierte Aufgabenteilung

Beispielsweise können wir ein und dasselbe Wort unterschiedlich betonen. Die rechte Gehirnhälfte würde feststellen, dass es in der Betonung einen Unterschied gibt, während die linke Gehirnhälfte einfach nur zweimal dasselbe Wort erzeugt hat, erklärt Henning Beck. Forschenden der Uni Frankfurt haben in ihrer Studie festgestellt, dass die beiden Gehirnhälften sich die Arbeit noch viel detaillierter einteilen als bislang angenommen. Also dass in der linken Hälfte ein Sprachareal sei und in der rechten eher ein Sound-Areal.

Analyse- und Soundzentrum

Die Forschenden haben einem Hirnscanner gemessen, was im Gehirn passiert, wenn die Menschen sprechen. Und gemessen, was passiert, wenn sie ihre gesprochene Sprache wieder hören. Einmal wurde die Aufnahmen über das rechte und mal über das linke Ohr eingespielt. Dabei haben die Forschenden festgestellt, dass auch die linke Hälfte an der Sprachanalyse beteiligt ist. Sie analysiere aber vor allem Übergänge zwischen Vokalen und Konsonanten und die rechte den Klang an sich. "Sprache ist das auf eine Hirnhälfte bezogene kognitive Vermögen", sagt Henning Beck. Bei Rechtshändern sei das so, dass die linke Gehirnhälfte sich mehr auf die Übergänge konzentriere. Bei Linkshändern sei es auch so, dass die linke Hälfte die kleinteiligen Übergänge analysiere, aber nicht so stark wie bei Rechtshändern. Und es könne sogar vorkommen, dass sich das Verhältnis zwischen den Gehirnhälften ganz umkehre.

Champions-League des Denkens

"Das Sprechen ist die Champions-League unseres Denkens", sagt Henning Beck. Dabei muss das Gehirn viele unterschiedliche Fähigkeiten zusammenführen wie Erinnerung, Aussprache oder Vorstellungen. Der Neurowissenschaftler vermutet, dass es dadurch einen Vorteil hat, dass es in bestimmten kleinen Arealen mehrere Fähigkeiten zusammenzieht, um schneller zu arbeiten. Das könnte der Grund dafür sein, dass Sprache auf zwei Hälften verteilt sei.

Asymmetrie als Grundprinzip

Unser Körper, unser Verhalten, aber auch unser Gehirn sind alles andere als symmetrisch. Und das scheint wichtig zu sein, damit Denken, Sprechen und Motorik reibungslos funktionieren. Forscher am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen fahnden nach genetischen Spuren für dieses Phänomen.

Funktionelle Zentren und Lateralisierung

Rechte und linke Hemisphäre sind auf unterschiedliche kognitive Funktionen spezialisiert. „Ganz deutlich ist die Lateralisierung bei der Sprache“, sagt Clyde Francks, Arbeitsgruppenleiter in der Abteilung Sprache und Genetik am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen in den Niederlanden. „Lateralisierung - sowohl beim Körperbau als auch im Gehirn und im Verhalten - ist ein biologisches Grundprinzip“, erklärt Francks und betont: „Im Gehirn scheint sie sich jedoch weitgehend unabhängig vom Körper zu entwickeln.“

Genetische Ursachen der Asymmetrie

Die Ursachen und Mechanismen, die zur Asymmetrie im Gehirn und in dessen Funktion führen, sind dagegen noch weitestgehend unklar. Sehr wahrscheinlich spielt hier die Genetik eine tragende Rolle. Dafür spricht, dass sich die Unterschiede zwischen den Gehirnhälften bereits sehr früh in der Entwicklung zeigen. So etwa bei der Händigkeit - ein Effekt, der ebenfalls im Zusammenhang mit der Lateralisierung des Denkorgans steht und zugleich das auffälligste asymmetrische Verhaltensprinzip ist. Bereits bei 10 Wochen alten menschlichen Feten lässt sich im Ultraschall beobachten, dass 85 Prozent der heranwachsenden Babys den rechten Arm häufiger bewegen als den linken.

Sprachzentren im Gehirn

Dass die wichtigen funktionellen Zentren für Sprache und Sprechen asymmetrisch über das Gehirn verteilt sind, hatte bereits der französische Arzt Paul Broca Anfang der 1860er-Jahren entdeckt. Er war auf ein seltsames Phänomen gestoßen: War ein bestimmter Bereich in der linken Gehirnhälfte zerstört, verstanden die Betroffenen zwar noch, was man ihnen sagte. Sie selbst waren aber nicht mehr in der Lage, sich verbal auszudrücken. Der Franzose hatte eines der Hauptzentren für Sprache entdeckt, das nach ihm benannte Broca-Areal, dem heute eine maßgebliche Funktion für die Sprachproduktion zugeschrieben wird, aber auch für die Verarbeitung von Satzstruktur und Grammatik. Ein weiteres wichtiges Sprachzentrum, das Wernicke-Areal entdeckte wenige Jahre später, 1874, der deutsche Neurologe Carl Wernicke (1848-1905). Dieser Hirnregion kommt eine maßgebliche Rolle beim Sprachverstehen zu.

Individuelle Unterschiede in der Lateralisierung

Neuere wissenschaftliche Untersuchungen auf der Basis funktioneller Bildgebung, mit der sich anhand der Durchblutung oder des Zuckerstoffwechsels die aktiven Hirnregionen darstellen lassen, haben ergeben: Die relevanten Areale für Sprache und Sprachverarbeitung sind über das Gehirn verteilt, oftmals sogar in weit voneinander entfernten Regionen. Dazu kommt: Die Lateralisierung ist individuell verschieden ausgeprägt - nicht nur bei den wenigen Menschen, deren Gehirn spiegelverkehrt zu dem der Mehrheit spezialisiert ist. Auch die Denkorgane von Personen, deren Sprachverarbeitung prinzipiell links gelagert ist, unterscheiden sich darin, wie deutlich die Asymmetrie ausgeprägt ist. Das kann sogar nur einzelne Hirnareale betreffen. Doch wie wirkt sich das auf die kognitiven Leistungen des Einzelnen aus?

Die Suche nach Genen für die Lateralisierung

Die Fahndung nach den genetischen Ursachen für die Lateralisierung gleicht der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Es gibt nicht eine einzelne Genvariationen, die über die Händigkeit oder die Asymmetrie des Gehirns entscheidet. Vielmehr scheint eine Vielzahl von Variationen im Genom letztlich zu der anatomischen Ausprägung zu führen, die Forscher in ihren Hirnscans sehen oder schlicht in Form der bevorzugten Hand ihrer Probanden. Das ist ähnlich wie bei der Körpergröße, der Augenfarbe oder dem individuellen Gewicht: Auch hier beeinflussen unzählige SNPs und andere Formen von Veränderungen im Genom den Phänotyp, also das Erscheinungsbild. Dazu kommen sogenannte epigenetische Mechanismen, Modifikationen der DNA, die beeinflussen, ob und wie stark ein bestimmtes Gen oder eine bestimmte Variation überhaupt zum Tragen kommt.

Bedeutung der Forschung

Es geht darum, die grundlegenden genetischen und molekularbiologischen Prinzipien zu verstehen, die zur Lateralisierung des Gehirns führen. Denn auch Krankheiten wie die Schizophrenie scheinen im Zusammenhang mit unzureichender Gehirnlateralisierung zu stehen. Und Abweichungen in der Asymmetrie bestimmter Strukturen tief im Inneren des Großhirns spielen offensichtlich eine Rolle für die Hyperaktivität bei Kindern. „Wenn wir die Mechanismen verstehen, wie die Asymmetrie entsteht, können wir im nächsten Schritt untersuchen, an welcher Stelle etwas schief läuft, wenn die Lateralisierung gestört ist,“ so Francks.

Die Rolle beider Gehirnhälften bei der Sprachkontrolle

Wenn wir sprechen, benötigen wir dazu beide Gehirnhälften. Jede übernimmt einen Teil der komplexen Aufgabe, Laute zu formen, die Stimme zu modulieren und das Gesprochene zu überprüfen. Allerdings ist die Aufgabenteilung anders als bisher gedacht, wie ein interdisziplinäres Team von Neurowissenschaftlern und Phonetikern der Goethe-Universität Frankfurt und des Leibniz-Zentrums für Allgemeine Sprachwissenschaft jetzt herausgefunden hat: Nicht nur die rechte Gehirnhälfte analysiert, wie wir sprechen, sondern auch die linke leistet dazu einen Beitrag.

Zeitliche und spektrale Aspekte der Sprachkontrolle

Während die linke Hirnhälfte bei der Sprachkontrolle zeitliche Aspekte wie Übergänge zwischen Sprachlauten kontrolliert, ist die rechte Gehirnhälfte für das Klangspektrum zuständig. Wenn man zum Beispiel „mother“ sagt, kontrolliert die linke Hirnhälfte bevorzugt die dynamischen Übergänge zum Beispiel zwischen „th“ und den Vokalen, während die rechte Hirnhälfte bevorzugt den Klang der Laute selbst überprüft.

Schnelle und langsame Abläufe

Eine mögliche Erklärung für diese Form der Arbeitsteilung zwischen den beiden Hirnhälften wäre, dass die linke Hirnhälfte generell schnelle Abläufe, wie die Übergänge zwischen Sprachlauten, besser analysiert als die rechte. Die rechte Hirnhälfte könnte besser langsamere Abläufe kontrollieren, die zur Analyse des Klangspektrums benötigt werden.

Entwicklung der Sprachdominanz

Im Gegensatz zu Erwachsenen nutzen Kinder zur Spracherfassung noch eher beide Gehirnhälften, geht aus einer Studie hervor. Die Ergebnisse legen somit eine spezielle Bedeutung der rechten Hemisphäre während der Sprachentwicklung nahe.

Sprachverarbeitung bei Kindern und Erwachsenen

Bisher haben Untersuchungen ergeben, dass bei den meisten Menschen Areale in der linken Hirnhälfte für die Verarbeitung von sprachlichen Höreindrücken zuständig sind. In der Regel zeigt die rechte Hemisphäre hingegen vergleichsweise wenig Aktivität beim Erfassen von Sprache. Kleine Kinder können Sprachfähigkeiten entwickeln beziehungsweise wiedererlangen, auch wenn ihre linke Gehirnhälfte stark geschädigt ist - ihre rechte Hirnhälfte kann die Ausfälle offenbar in Teilen kompensieren. Eine mögliche Erklärung für diese Flexibilität wäre, dass die Sprachverarbeitung früh im Leben noch auf Aktivitäten in beiden Hirnhälften beruht.

Aktivität beider Hemisphären bei Kindern

Aus den Auswertungen der Hirnscans ging hervor, dass zwar prinzipiell auch bei kleinen Kindern die linke Gehirnhälfte bei der Sprachverarbeitung dominiert. Doch im Gegensatz zu Erwachsenen zeigen Hirnregionen der rechten Hemisphäre ebenfalls noch deutliche Aktivität. Es handelt sich dabei um Bereiche, die denen der linken Seite entsprechen. Bei den kleineren Kindern sind hingegen die korrespondierenden Areale in beiden Hemisphären jeweils damit beschäftigt, die Bedeutung von Sätzen zu verstehen und die emotionale Wirkung zu erkennen, sagen die Wissenschaftler. Dieses Verarbeitungsmuster verschiebt sich dann systematisch mit zunehmendem Alter, geht aus den Untersuchungsergebnissen hervor.

Bedeutung für die Hirnentwicklung

Neben der möglichen Bedeutung für die Hirnentwicklung sehen die Forscher in dem Befund nun auch eine mögliche Erklärung dafür, dass sich Kinder viel leichter von linksseitigen Nervenverletzungen erholen als Erwachsene. „Die Verwendung beider Hemisphären bietet offenbar eine Möglichkeit zur Kompensation. Wenn die linke Seite durch einen Schlaganfall geschädigt ist, der direkt nach der Geburt aufgetreten ist, kann das Kind Sprache unter Verwendung der rechten Hemisphäre lernen. Unsere Studie zeigt, wie das möglich sein könnte“, sagt Newport.

tags: #linke #gehirnhalfte #sprache