Die Liquorpunktion, auch Lumbalpunktion genannt, ist ein häufig angewandter medizinischer Eingriff bei Kindern. Sie dient der Entnahme von Nervenwasser (Liquor cerebrospinalis) aus dem Rückenmarkskanal. Die gewonnene Flüssigkeit wird anschließend im Labor untersucht, um verschiedene Erkrankungen des zentralen Nervensystems zu diagnostizieren oder auszuschließen. Darüber hinaus kann die Liquorpunktion auch therapeutisch genutzt werden, beispielsweise zur Verabreichung von Medikamenten oder zur Druckentlastung bei bestimmten Erkrankungen.
Dieser Artikel bietet umfassende Informationen zur Liquorpunktion bei Kindern, einschließlich der Vorbereitung, des Ablaufs, der Anwendungsgebiete, der möglichen Risiken und der Nachsorge.
Was ist Liquor und wozu dient er?
Gehirn und Rückenmark sind von einer speziellen Flüssigkeit umgeben und geschützt, dem sogenannten Liquor oder Nervenwasser. Diese Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit umspült die empfindlichen Gewebe, versorgt sie mit Nährstoffen und schützt sie vor Stößen und Druck. Veränderungen in der Zusammensetzung des Liquors können auf verschiedene Erkrankungen hinweisen.
Wann ist eine Liquorpunktion bei Kindern notwendig?
Eine Liquoruntersuchung kann bei Verdacht auf verschiedene Erkrankungen des Gehirns, der Hirnhäute oder des Rückenmarks erforderlich sein. Zu den häufigsten Anwendungsgebieten gehören:
- Entzündungen des Gehirns und der Hirnhäute (Enzephalitis und Meningitis): Hier kann die Liquoruntersuchung helfen, die verantwortlichen Erreger (Bakterien, Viren, Pilze) nachzuweisen.
- Multiple Sklerose: Bei dieser chronisch-entzündlichen Erkrankung des zentralen Nervensystems finden sich im Liquor häufig bestimmte Eiweiße (Proteine) und Entzündungszellen.
- Krebsbefall der Hirnhaut: Die Liquoruntersuchung kann Tumorzellen im Nervenwasser nachweisen. Bei den Erstuntersuchungen zur Ausbreitung des hochmalignen Glioms wird generell auch eine Untersuchung des Nervenwassers empfohlen.
- Blutungen im Bereich des Nervenwassers: Insbesondere Subarachnoidalblutungen lassen sich durch die Liquoruntersuchung präzise feststellen.
- Verdacht auf einen Normaldruckhydrozephalus: Hier kann die Messung des Liquordrucks und die Entnahme von Liquor zur Entlastung beitragen.
- Andere neurologische Erkrankungen: Auch bei degenerativen Erkrankungen des Gehirns oder zur Abklärung unklarer neurologischer Symptome kann eine Liquoruntersuchung hilfreich sein.
Neben der diagnostischen Anwendung kann die Liquorpunktion auch zur Behandlung eingesetzt werden:
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- Medikamentengabe: Über die Lumbalpunktion können Medikamente, wie z.B. Chemotherapeutika zur Behandlung von Tumoren, direkt in den Liquorraum verabreicht werden. Dies ist besonders dann von Vorteil, wenn die Medikamente die Blut-Hirn-Schranke nur schwer überwinden können.
- Schmerzstillung: Im Rahmen einer Lumbalanästhesie (Spinalanästhesie) kann die Liquorpunktion zur Schmerzstillung bei chirurgischen Eingriffen, wie z.B. einem Kaiserschnitt oder einer Hüftoperation, eingesetzt werden.
- Therapie bei Kopfschmerzen: Bei einem spontanen Liquorunterdrucksyndrom kann die Injektion von Eigenblut in den Liquorraum eine Linderung der Kopfschmerzen bewirken.
Vorbereitung auf die Liquorpunktion
Vor der Liquorpunktion wird der Arzt das Kind und die Eltern ausführlich über den Eingriff, die möglichen Risiken und den Ablauf informieren. Es ist wichtig, alle Fragen zu stellen, die Sie haben.
Der Arzt wird prüfen, ob es Gegenanzeigen für die Punktion gibt. Dazu gehören:
- Erhöhte Blutungsneigung: Wenn eine stark erhöhte Blutungsneigung besteht oder blutgerinnungshemmende Medikamente eingenommen werden, ist das Risiko von Blutungen durch die Punktion erhöht. Gegebenenfalls müssen blutverdünnende Medikamente abgesetzt werden.
- Entzündung im Bereich der Punktionsstelle: Bei einer Entzündung der Haut oder des umliegenden Gewebes sollte keine Punktion durchgeführt werden.
- Erhöhter Druck im Gehirn: In diesem Fall kann die Entnahme von Nervenwasser zu einer Einklemmung des verlängerten Rückenmarks führen. Ob ein erhöhter Hirndruck vorliegt, kann durch eine Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes geklärt werden.
Ablauf der Liquorpunktion
Die Liquorpunktion wird in der Regel von einem erfahrenen Arzt unter sterilen Bedingungen durchgeführt. Das bedeutet, dass die Haut gründlich desinfiziert und mit einem sterilen Tuch abgedeckt wird.
Lagerung des Kindes
Das Kind kann während der Punktion entweder sitzen oder liegen. Wichtig ist, dass der Rücken möglichst rund ist, um die Wirbelzwischenräume zu öffnen.
- Sitzende Position: Das Kind sitzt vornübergebeugt auf der Untersuchungsliege, ähnlich einem "Katzenbuckel".
- Seitenlage: Das Kind liegt in Seitenlage in Embryonalstellung, wobei Ellenbogen und Knie sich berühren.
Die Eltern können während des Eingriffs anwesend sein, um dem Kind Trost und Ruhe zu vermitteln und bei der richtigen Lagerung zu helfen.
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Durchführung der Punktion
Nach der Desinfektion der Haut erfolgt eine örtliche Betäubung der Punktionsstelle. Anschließend führt der Arzt eine feine Hohlnadel zwischen zwei Lendenwirbeln in den Nervenwasserkanal ein. In der Regel wird der Raum zwischen dem dritten und fünften Lendenwirbel gewählt, da sich in dieser Höhe kein Rückenmark mehr befindet und somit keine Verletzungsgefahr besteht.
Sobald der Wirbelkanal erreicht ist, tropft das Nervenwasser aus der Nadel. Mit einem Steigrohr kann der Nervenwasserdruck gemessen werden. Die Entnahme des Nervenwassers dauert nur wenige Minuten. Es wird nur ein Bruchteil der gesamten Liquormenge entnommen, die sich ständig neu bildet.
Nach der Entnahme wird die Nadel entfernt und die Einstichstelle mit einem Wundpflaster versorgt.
Ventrikelpunktion
In bestimmten Fällen, insbesondere wenn eine Medikamentengabe direkt in die Hirnkammern (Ventrikel) erforderlich ist, kann eine Ventrikelpunktion durchgeführt werden. Dabei wird der Liquor über ein Rickham-Reservoir oder Ommaya-Reservoir entnommen oder das Medikament verabreicht. Dieses Reservoir wird zuvor durch einen neurochirurgischen Eingriff implantiert.
Risiken und Komplikationen
Die Liquorpunktion ist ein risikoarmer Eingriff, jedoch können in seltenen Fällen Komplikationen auftreten.
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Häufige Nebenwirkungen
- Kopfschmerzen: Die häufigste Nebenwirkung sind Kopfschmerzen, die typischerweise in aufrechter Körperhaltung auftreten und sich im Liegen bessern. Diese Kopfschmerzen werden als postpunktionelle Kopfschmerzen bezeichnet und entstehen durch ein Liquorleck an der Punktionsstelle. Sie können einige Tage bis Wochen andauern.
- Schmerzen im Bereich der Einstichstelle: Vorübergehende Schmerzen rund um die Punktionsstelle mit Ausstrahlung in die Hüftregion sind ebenfalls möglich.
Seltene Komplikationen
- Blutungen und Blutergüsse: In seltenen Fällen kann es zu Blutungen oder Blutergüssen an der Punktionsstelle kommen.
- Infektionen: Infektionen sind sehr selten, können aber schwerwiegende Folgen haben.
- Nervenverletzungen: Sehr selten kann es zu vorübergehenden Nervenausfällen mit Taubheitsgefühlen oder Lähmungen kommen.
- Einklemmung des Rückenmarks: Bei erhöhtem Hirndruck kann die Liquorpunktion zu einer Einklemmung des Rückenmarks führen.
Postpunktionelles Syndrom
Das postpunktionelle Syndrom umfasst neben Kopfschmerzen auch weitere Beschwerden wie Schwindel, Übelkeit, Nackensteifigkeit, Lichtscheu und Ohrgeräusche.
Risikofaktoren für postpunktionelle Kopfschmerzen
Einige Faktoren können das Risiko für postpunktionelle Kopfschmerzen erhöhen:
- Junges Alter
- Weibliches Geschlecht
- Häufige Kopfschmerzen im Alltag
Was ist nach der Liquorpunktion zu beachten?
Nach der Liquorpunktion sollte das Kind für einige Zeit (ca. 1-2 Stunden) in Kopftieflage liegen, um das Risiko von Kopfschmerzen zu verringern. Es ist wichtig, ausreichend zu trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.
Bei Auftreten von Kopfschmerzen können Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen eingenommen werden. Auch Koffein kann helfen, die Beschwerden zu lindern.
Sollten die Kopfschmerzen länger anhalten oder sich verschlimmern, oder weitere Beschwerden wie Nackensteifigkeit, Übelkeit oder Erbrechen auftreten, sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden.
In seltenen Fällen kann ein sogenannter Blutpatch erforderlich sein, bei dem Eigenblut in den Bereich der Punktionsstelle injiziert wird, um das Liquorleck zu verschließen.