Alkohol und Krebsrisiko: Ein umfassender Überblick

Viele unterschätzen die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkohol. Alkoholische Getränke können süchtig machen. Etwa zwei Millionen Erwachsene in Deutschland sind alkoholabhängig, viele weitere trinken zu viel. Doch auch ohne extremen Konsum kann Alkohol zahlreiche Krankheiten verursachen. Er ist krebserregend und kann unter anderem Leber oder Herz schädigen. Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Zusammenhänge zwischen Alkoholkonsum und Krebsrisiko, basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Empfehlungen von Experten.

Wie Alkohol die Krebsentstehung fördert

Warum Alkohol die Krebsentstehung fördert, ist noch nicht vollständig geklärt. Wie Alkohol das Krebsrisiko erhöht, ist noch nicht eindeutig geklärt. Zudem unterscheiden sich die Mechanismen je nach Krebsart. Folgende Prozesse spielen aber eine Rolle:

  • Acetaldehyd: Rund 90% des Alkohols werden im Körper über die Leber abgebaut, wobei Acetaldehyd entsteht, eine toxische Verbindung, die DNA-Schäden verursachen kann. Alkohol an sich, also Ethanol, ist vermutlich nicht krebserregend. Er wird im Körper allerdings durch Oxidationsprozesse in Acetaldehyd umgewandelt, was wiederum sehr reaktionsfreudig ist und leicht Bindungen mit anderen Molekülen eingeht, unter anderem auch der DNA. Dadurch kommt es zu Mutationen und somit auch zu Krebs. Normalerweise kann die Leber Acetaldehyd in ein harmloses Essigsäuremolekül umwandeln, doch bei regelmäßigem oder hohem Konsum ist sie überlastet. Das beim Alkoholabbau entstehende Acetaldehyd geht leicht Bindungen mit anderen Molekülen ein, darunter auch mit den Bausteinen der Erbsubstanz - der DNA - und schädigt diese. Beim Versuch, die DNA zu reparieren, kann es zu Mutationen kommen, die das Krebsrisiko erhöhen.
  • Oxidativer Stress: Zudem fördert Alkohol oxidativen Stress - aggressive Sauerstoffmoleküle greifen Zellen und Erbmaterial an, was die Krebsentstehung begünstigt.
  • Entzündungen: Gleichzeitig entstehen beim Abbau des Alkohols entzündungsfördernde Stoffe. Diese können insbesondere in der Leber, Speiseröhre und im Darm chronische Entzündungen verursachen. Entzündungen spielen wiederum eine zentrale Rolle bei der Krebsentstehung, da sie das Zellwachstum und die Zellvermehrung unkontrolliert fördern können. Alkohol schädigt Schleimhäute, Organe, Muskeln und Nervenzellen und bietet dem Krebs so Angriffsmöglichkeiten: Beispielsweise kann sich aus einer Leberzirrhose Leberkrebs entwickeln.
  • Genetische Faktoren: Auch bestimmte genetische Faktoren beeinflussen den Alkoholabbau, wodurch einige Menschen besonders anfällig für seine schädlichen Wirkungen sind. Jeder Mensch hat ein individuelles Risiko - das bedeutet: Manche sind bereits bei kleinsten Mengen Alkohol gefährdet. Bestimmte genetische Faktoren können zum Beispiel dazu führen, dass der Abbau des Acetaldehyds in der Leber nicht gut oder gar nicht funktioniert. Außerdem ist bei einer Vielzahl an Vorerkrankungen oder auch bei Einnahme bestimmter Medikamente Alkohol extrem gefährlich. Für ältere Menschen ist Alkohol gefährlicher, weil der Stoffwechsel und damit der Alkoholabbau, wie alle Funktionen im Körper, im Alter schlechter wird.
  • Hormonelle Einflüsse: Alkohol kann den Östrogenspiegel erhöhen. Dadurch steigt das Brustkrebsrisiko - und das bereits bei geringem Konsum.
  • Veränderung der Darmflora: Alkohol verändert die Zusammensetzung der Bakterien Darm und macht ihn durchlässiger. Dadurch können Entzündungen im Darm entstehen, die das Risiko für Darmkrebs erhöhen.
  • Ko-Karzinogene Effekte: Zudem erleichtert Alkohol vermutlich anderen Substanzen, ihre krebserregende Wirkung zu entfalten. Für den Bereich der Mundhöhle, des Rachens und der Speiseröhre wurden solche ko-krebserregenden Effekte von Alkohol nachgewiesen. Besonders ungünstig wirkt sich das Zusammentreffen von Alkohol und Rauchen aus - vor allem Krebserkrankungen im oberen Verdauungs- und Atemtrakt sind hiervon betroffen. Durch den Alkohol wird die Schleimhaut im Mund durchlässiger und schädliche Substanzen, beispielsweise aus dem Tabakrauch, können vermehrt in den Körper gelangen. Die schädliche Wirkung beider Substanzen verstärkt sich gegenseitig.

Welche Krebsarten werden durch Alkohol begünstigt?

Ja, insbesondere Krebsarten, die die Schleimhäute betreffen, wie Mund-, Rachen- und Speiseröhrenkrebs. Auch Leberkrebs ist häufig, da Alkohol die Leber stark belastet und langfristig zu einer Leberzirrhose führen kann, was wiederum das Krebsrisiko erhöht. Zudem steigt das Risiko für Darmkrebs. Für folgende Krebsarten kann Alkohol ursächlich sein:

  • Speiseröhrenkrebs
  • Krebs des Mundrachenraums
  • Kehlkopfkrebs
  • Leberkrebs
  • Bauchspeicherdrüsenkrebs
  • Darmkrebs
  • Prostatakrebs (nur bei Männern)
  • Brustkrebs (nur bei Frauen)

Vor allem der obere Verdauungstrakt ist gefährdet. Hierzu zählen neben der Mundhöhle auch Rachen, Kehlkopf und Speiseröhre. Dauerhaft hoher Alkoholkonsum ist auch eine der Hauptursachen für Leberkrebs. Ein erhöhtes Risiko für Krebs des Dick- und Enddarms beginnt bei vier Gläsern pro Tag. Das Brustkrebsrisiko bei Frauen steigt bereits ab einem täglichen Glas eines alkoholischen Getränks (z. B. 0,3 Liter Bier).

Das Ausmaß des Problems: Zahlen und Fakten

Weltweit lassen sich etwa vier Prozent aller Krebsfälle auf Alkoholkonsum zurückführen. Dem Journal of Clinical Oncology zufolge sind 5,8 Prozent aller Krebstodesfälle weltweit auf Alkoholkonsum zurückzuführen. Besonders auffällig ist das Risiko bei Brustkrebs: 2020 wurden in der WHO-Region Europa fast 40.000 neue Fälle auf Alkoholkonsum zurückgeführt, in Deutschland waren es 2022 über 6.000. In einer Studie aus dem Jahr 2021 kommen Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass schätzungsweise 22.000 Krebsneuerkrankungen in Deutschland im Jahr 2020 auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen waren. Mehr als 20.000 Krebsneuerkrankungen sind in Deutschland im Jahr 2022 Schätzungen zufolge auf den Konsum von Alkohol zurückzuführen. Der Anteil der mit Alkohol assoziierten Todesfälle für Krebserkrankungen im Bereich der Mundhöhle, des Rachens, des Kehlkopfes und der Speiseröhre liegt bei 23 bis 30 Prozent, der Anteil bei Darm- und Brustkrebs bei zehn Prozent. Wissenschaftler der IARC schätzen, dass 2020 weltweit 740.000 neue Krebsdiagnosen alkoholbedingt sind - bei 98.000 Fällen handelt es sich um Brustkrebserkrankungen.

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Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je mehr, desto riskanter

Das Risiko nimmt für alle Krebsarten mit der Menge an konsumiertem Alkohol zu. Das Risiko, an Krebs zu erkranken, steigt, je mehr und je länger man trinkt. Zunehmend deutlich zeigen neue Studien aber auch, dass bereits der Konsum von ein bis zwei alkoholischen Getränken pro Tag viele Krebserkrankungen auslöst. Wer regelmäßig und über Jahre hinweg große Mengen Alkohol konsumiert, erhöht sein Risiko für Krebserkrankungen erheblich. Exzessiver Konsum von vier bis fünf Drinks pro Tag steigert das Risiko um rund 55 Prozent. Werden pro Woche mehr als 200 Gramm Alkohol aufgenommen, verkürzt sich die Lebenserwartung um ein bis zwei Jahre. Bei über 350 Gramm pro Woche sind es bereits fünf Jahre. Regelmäßiger Alkoholkonsum erhöht das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen, wobei nachweislich eine eindeutige Dosis-Wirkungsbeziehung besteht. Generell lässt sich festhalten: Auch kleine Mengen an Alkohol können das Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen erhöhen.

Mythos "gesundes" Glas Wein: Eine Entkräftung

Dieses Gerücht hält sich hartnäckig. Es gibt zwar Studien, die positive Effekte bestimmter Inhaltsstoffe von Rotwein, wie Resveratrol, untersuchen. Resveratrol ist ein Antioxidans, das Zellen vor Schäden schützen kann. Aber der Schaden durch den Alkoholgehalt im Rotwein überwiegt die potenziellen Effekte bei Weitem.

Alkohol und andere Risikofaktoren

Fachleute gehen davon aus, dass sich die Risiken des Alkoholkonsums und des Rauchens gegenseitig verstärken. Menschen, die viel Alkohol trinken und zusätzlich rauchen, tragen statistisch ein deutlich höheres Risiko, an Krebs zu erkranken, als Menschen, die nur Tabak oder nur Alkohol konsumieren. Wer viel trinkt und gleichzeitig raucht, hat ein deutlich höheres Risiko, an Krebs der Mundhöhle und der Speiseröhre zu erkranken, als jemand, der nur raucht oder nur Alkohol trinkt. Die krebserregenden Substanzen aus Tabakrauch und Alkohol machen die Mundschleimhaut durchlässiger. Der Körper nimmt so mehr Schadstoffe auf. Alkoholkonsum ist oft mit weiteren Risikofaktoren verbunden, etwa Rauchen, unausgewogener Ernährung oder Übergewicht. Alkoholische Getränke sind kalorienreich. Zusammen mit einer unausgewogenen Ernährung und mangelnder Bewegung kann übermäßiger Alkoholkonsum zu Übergewicht beitragen. Am besten für die Gesundheit ist es, keinen Alkohol zu trinken. Weitere gesundheitsschädliche Verhaltensweisen erhöhen das Krebsrisiko zusätzlich. Wenn Sie rauchen oder übergewichtig sind, sollten Sie besonderen Wert auf eine Alkoholreduktion legen.

Empfehlungen für einen bewussten Umgang mit Alkohol

Es gibt keine Menge an Alkohol, die man bedenkenlos trinken kann. Schon kleine Mengen können gesundheitliche Risiken bergen. Grundsätzlich schadet Alkohol der Gesundheit in jeder Menge. Deswegen gilt: Weniger ist immer besser! Zunächst gilt festzuhalten: Alkoholkonsum ist niemals risikofrei! Der vollständige Verzicht auf Alkohol ist am besten für die Verringerung des Krebsrisikos.

  • Geringe Mengen: Sollte man dennoch nicht darauf verzichten können, empfiehlt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) gesunden Frauen nicht mehr als 10 Gramm reinen Alkohol pro Tag zu konsumieren. Das entspricht etwa einem knappen Viertelliter Bier oder einem Achtelliter Wein. Für Männer gilt ein Wert von höchstens 20 Gramm Alkohol pro Tag, was einem knappen halben Liter Bier oder einem Viertelliter Wein entspricht. Getrunken werden sollte zudem immer parallel zum Essen. Die angegebene Obergrenze stellt dabei keinesfalls eine Empfehlung dar, wöchentlich diese Menge an Alkohol zu konsumieren. Weniger ist in diesem Fall immer mehr! Für gesunde Frauen und Männer ist das Krebsrisiko nachweislich erhöht, wenn Frauen täglich mehr als 12 Gramm reinen Alkohol trinken. Das entspricht ungefähr einem Standardgetränk. Wenn Männer täglich mehr als 24 Gramm reinen Alkohol trinken.
  • Alkoholfreie Tage: Außerdem sollte zwei bis drei Tage pro Woche ganz auf Alkohol verzichtet werden. An mindestens zwei Tagen pro Woche sollte gar kein Alkohol konsumiert werden.
  • Bewusster Konsum: Hinterfragen Sie Ihren eigenen Konsum einmal ganz kritisch - das ist bereits der erste Schritt zu einem bewussteren Umgang mit Alkohol. Lagern Sie keine Alkoholreserven zu Hause und packen Sie die vorhandenen Alkoholbestände weit weg. So müssen Sie überlegen, ob der Appetit die Mühe wert ist. Trinken Sie Alkohol nie aus Langeweile, Frust oder Einsamkeit. Wenn Sie etwas trinken möchten, tun Sie dies zu den Mahlzeiten. Führen Sie ein Trinktagebuch, um Ihren Konsum zu beobachten. Dies ist ein einfacher, aber sehr wirksamer Schritt zu einem bewussteren Umgang mit Alkohol. „Nein“ zu sagen, fällt vielen Menschen schwer - nicht nur, wenn es um das Thema Alkohol geht. Häufig ist es das Bedürfnis nach Harmonie oder die Angst, abgelehnt oder ausgeschlossen zu werden, die es uns einfacher macht, „Ja“ zu sagen. Zudem ist der Konsum alkoholischer Getränke häufig mit positiven Emotionen verknüpft. Der Vorsatz, weniger zu trinken, kann schnell in den Hintergrund geraten, wenn man auf einer Feier von einem Freund oder einer Freundin ein Bier angeboten bekommt. Machen Sie sich bewusst, warum Sie weniger trinken möchten - und stehen Sie zu Ihrer Entscheidung. Je selbstbewusster Sie auftreten, desto weniger laufen Sie Gefahr, doch zu einem Drink überredet zu werden. Treten Sie Ihrem Gegenüber dabei freundlich entgegen. Machen Sie sich außerdem klar: Es ist vollkommen in Ordnung, wenig oder gar nichts zu trinken und „Nein“ zu sagen.
  • Alternativen: Doch Verzicht muss nicht Verzicht bedeuten! Es gibt viele leckere Alternativen: Alkoholfreies Bier gibt es mittlerweile in hervorragender Qualität, Mocktails sind fruchtige, alkoholfreie Alternativen zu klassischen Cocktails und hausgemachte Limonaden oder Spritzgetränke mit frischen Kräutern sorgen für erfrischenden Genuss ganz ohne Risiko. Um auf der nächsten Party nicht mit leeren Händen dazustehen, probieren Sie z.B. die exklusiv für die Krebspräventionswoche entworfenen alkoholfreien Mocktails.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit vielen Antioxidantien - zum Beispiel aus Obst, Gemüse und Nüssen - kann helfen, die durch Alkohol entstehenden Zellschäden zu minimieren.

Politische und gesellschaftliche Maßnahmen

Die WHO fordert, dass Alkoholprodukte mit einem Warnhinweis versehen werden, der auf das Krebsrisiko hinweist. Diese Forderung ist aus gesundheitlicher Sicht absolut sinnvoll. Ähnlich wie bei Zigaretten sollten Verbraucher darüber informiert werden, dass Alkohol nicht nur kurzfristige Risiken birgt, sondern auch langfristig schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann - insbesondere in Bezug auf Krebs. Studien zeigen, dass sich viele Menschen der krebserregenden Wirkung von Alkohol nicht bewusst sind. Allerdings ist auch klar, dass eine solche Maßnahme allein nicht ausreicht. Neben Warnhinweisen braucht es verstärkte Aufklärungskampagnen, bessere Präventionsprogramme und eine stärkere Regulierung der Alkoholwerbung, um den Alkoholkonsum in Deutschland effektiv zu reduzieren. Prof. Dr. med. Seitz: Ich denke hier wären drei Dinge wichtig: Erstens sollten wir auf Werbung im öffentlichen Bereich verzichten. Auf Werbung sprechen sehr viele junge Menschen an, die sollten wir schützen. Zweitens, und das haben uns die Skandinavier gezeigt, sollte man die Verfügbarkeit von Alkohol einschränken. Zwischen zehn Uhr abends und sechs Uhr morgens muss man nicht Alkohol an Autobahnen oder Tankstellen kaufen können - Tankstellen und Alkohol passen grundsätzlich nicht gut zusammen. Und das dritte: Man sollte den Alkohol höher besteuern. Wir haben zum Beispiel in Deutschland eine historische Tradition, dass Wein nicht besteuert wird. Wenn wie in Skandinavien ein Wein zehn Euro kostet, überlegt sich mancher dann doch, wie viele Gläser er bestellt.

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