Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, heftige Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken können bis zu 72 Stunden andauern und werden oft von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet. Obwohl Medikamente eine gängige Behandlungsoption sind, suchen viele Betroffene nach alternativen oder ergänzenden Therapieansätzen. In diesem Zusammenhang gewinnt die Logopädie zunehmend an Bedeutung, insbesondere in Kombination mit anderen Therapieformen wie Physiotherapie und manueller Therapie.
Migräne: Eine Volkskrankheit mit vielfältigen Ursachen
Migräne betrifft fast ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Die Erkrankung tritt oft im Alter von 20 bis 30 Jahren zum ersten Mal auf und kann den Alltag der Betroffenen erheblich einschränken. Typische Symptome sind mäßige bis starke, einseitig pulsierende Kopfschmerzen, die sich bei körperlicher Aktivität verstärken.
Die genauen Ursachen von Migräne sind komplex und nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass sowohl genetische Veranlagung als auch Umwelteinflüsse wie Stress, Ernährung und Wetter eine Rolle spielen. Eine Übererregung der Nervenzellen, gefolgt von einer Dämpfung und Freisetzung von Entzündungsstoffen, kann ebenfalls zu Migräneanfällen führen.
Die Rolle der Logopädie bei Migräne
Obwohl die Logopädie traditionell mit Sprach- und Schluckstörungen in Verbindung gebracht wird, kann sie auch bei der Behandlung von Migräne eine wertvolle Rolle spielen. Dies liegt daran, dass Migräne häufig mit Verspannungen im Hals- und Wirbelsäulenbereich einhergeht. Logopädische Techniken können dazu beitragen, diese Verspannungen zu lösen und die Muskulatur zu entspannen.
Sanjo-Körpertherapie: Eine sanfte Unterstützung
Eine spezielle Methode, die in der Logopädie zur Behandlung von Migräne eingesetzt wird, ist die Sanjo-Körpertherapie. Sanjo ist eine sanfte Methode zur Lösung muskulärer Verspannungen und unterstützt damit die logopädische Therapie. Es löst Muskelschmerzen, Überlastungen der Muskulatur, Migräne und vieles mehr. Der Grundgedanke hinter diesem Vorgehen ist ganz einfach: Kein Muskel bewegt sich ohne Anweisung. Um Muskelanspannungen dauerhaft zu mindern, muss der Muskel vom Gehirn aus die entsprechende Anweisung bekommen. Die Zusammenführung des Muskels (Konduktion) seitens des Therapeuten, erzeugt leichte, kontinuierliche Impulse. Sanjo unterstützt die logopädische Therapie beispielsweise bei Stimmstörungen, Myofunktionellen Störungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Zudem kann diese Methode auch bei Muskelschmerzen. Überlastungen der Muskulatur und Migräne angewendet werden. Durchblutungsstörungen, Taubheitsgefühle und Missempfindungen lassen sich mit Sanjo deutlich verbessern. Besonders hilfreich ist die Methode auch bei nach traumatischen Erlebnissen. Der Körper geht oft in eine Abwehrhaltung und versucht die traumatisierten Muskeln zu schützen, indem er die Muskeln zu sehr anspannt.
Lesen Sie auch: Logopädische Tätigkeiten im neurologischen Bereich
Weitere logopädische Ansätze
Neben der Sanjo-Therapie können auch andere logopädische Techniken bei Migräne eingesetzt werden, wie zum Beispiel:
- Manuelle Therapie: Diese Technik wird auch in der Physiotherapie angewendet und kann zur Mobilisierung der Halswirbelsäule, zur Förderung der Durchblutung und zur Reduzierung von Lymphstauungen eingesetzt werden.
- Myofunktionelle Therapie: Diese Therapie zielt darauf ab, die Muskulatur im Mund- und Gesichtsbereich zu stärken und zu entspannen. Dies kann dazu beitragen, Verspannungen im Kopf- und Nackenbereich zu reduzieren.
- Atemtherapie: Durch gezielte Atemübungen können Patienten lernen, Stress abzubauen und die Entspannung zu fördern.
Ganzheitliche Therapieansätze bei Migräne
Die Logopädie ist oft Teil eines umfassenderen Therapieansatzes bei Migräne, der auch andere Behandlungen wie Physiotherapie, manuelle Therapie und Verhaltenstherapie umfasst.
Physiotherapie und Manuelle Therapie
Physiotherapeuten können Betroffenen helfen, Triggerfaktoren zu identifizieren und zu vermeiden. Zu diesen vermeidbaren Auslösern zählen beispielsweise Schlafmangel, grelles Licht und Stress, doch auch wer im Alltag zu wenig Flüssigkeit zu sich nimmt und sich generell zu wenig bewegt, riskiert eine Verschlechterung der Migräne. Zu den nicht beeinflussbaren Faktoren zählen etwa Wetterumschwünge und hormonelle Schwankungen. Physiotherapeuten analysieren und behandeln die Migräne ganzheitlich. Das bedeutet, dass neben einer Beratung zur Vermeidung von Auslösern auch verschiedene Übungen zur Linderung von Verspannungen sowie Methoden zur Schmerzreduktion angeboten werden. Die Manuelle Therapie kann auch am Nacken angewendet werden und dort wirksam Schmerzen lindern. Zusätzlich hat sich Krafttraining, das wir ebenfalls in unserer Physiotherapiepraxis anbieten, sehr hilfreich bei der Verbesserung von Schmerzen und somit auch von Migräne erwiesen.
Verhaltenstherapie und Biofeedback
Die Verhaltenstherapie kann Patienten helfen, Stress abzubauen und gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Eine spezielle Form der Verhaltenstherapie ist das Biofeedback, bei dem Patienten lernen, unbewusst ablaufende Körpervorgänge aktiv zu beeinflussen. So lernen sie beispielsweise, mittels bestimmter Entspannungs-Übungen, ihre Hände zu erwärmen oder Blutgefäße in bestimmten Körperregionen zu verengen. Über elektronische Messgeräte erhalten sie eine hör-, sicht- oder fühlbare Rückmeldung (englisch: Feedback), wie gut dies gelingt.
Migräne-Therapie nach Kern
Die Migränetherapie nach Kern ist gewissermaßen eine manuelle Informationstherapie. Der Ansatz ist unser Körper. Er wird durch die „Be-hand-lung“ im wahrsten Sinne des Wortes über einen besseren Zustand informiert.Diese Therapie besteht aus drei Elementen: Behandlung, Bewegung und Wahrnehmung. Sie stellt eine Korrektur von Verhaltens- und Denkweisen dar. Durch Massagen wird die Halswirbelsäule mobilisiert, die Durchblutung gefördert und der Lymphstau reduziert. Die Migräne -und Kopfschmerztherapie nach Kern, ist eine physiotherapeutische Behandlung, die diese vielfältigen Ursachen in das Therapiekonzept einbezieht und folgende Schmerztypen erfolgreich behandeln kann: Migräne mit und ohne Aura, Migräne mit Übelkeit, Spannungskopfschmerzen, Clusterkopfschmerz, Posttraumatischer Kopfschmerz, Kopfschmerz nach Schleudertrauma.
Lesen Sie auch: Karriere als Fachtherapeut Neurologie Logopädie
Der Ansatz der Therapie ist: Aus Schmerzgedächtnis ein Wohlfühlgedächtnis machen, Die Wahrnehmung positiv auf den Körper zu lenken.
Medikamentöse Behandlung von Migräne
Neben den genannten nicht-medikamentösen Therapien gibt es auch verschiedene Medikamente zur Behandlung von Migräne. Dazu gehören Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen oder Paracetamol, die jedoch bei einer echten Migräne häufig wirkungslos sind. Spezifischere Migränemittel sind die sogenannten "Triptane", die jedoch nicht ohne ärztlichen Rat eingenommen werden sollten.
Zur Prophylaxe der chronischen Migräne ist seit dem Jahr 2011 Botox® zugelassen. Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt, diese sind gut verträglich und die Patient:innen injizieren sich das Medikament einmal im Monat selbst.
Migräne mit Aura
Bei der Migräne handelt es sich um mittelstarke bis starke, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen, die sich auf einer oder beiden Kopfhälften lokalisieren lassen. Zur Migräne können sich zusätzlich Übelkeit und Erbrechen gesellen sowie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Gerüchen. Eine Migräne mit Aura kündigt sich zusätzlich durch Vorboten in Form von Wahrnehmungsstörungen an. Das Wort „Aura“ lässt sich bei dieser Migräneattacke auf die römische Göttin der Morgenröte, Aurora, zurückführen. Denn wie die Morgenröte den Tag ankündigt, so kündigen die Wahrnehmungsstörungen bei einer Migräne mit Aura die anschließende Kopfschmerzphase an. Zwischen 15 und 20 Prozent der Migränepatienten und -patientinnen erleben ihre Migräne mit einer Aura. Die Aura äußert sich durch neurologische Störungen, die zwischen 5 und 60 Minuten andauern können. Hierbei handelt es sich in den meisten Fällen um Sehstörungen, etwa Flimmern oder Lichtblitzen. Nach der Aura treten bei den meisten Menschen die migränetypischen Kopfschmerzen ein.
Phasen einer Migräne mit Aura
Eine Migräne verläuft in bis zu fünf Phasen, die nicht alle Patientinnen und Patienten bei einer Attacke durchlaufen muss:
Lesen Sie auch: Kommunikation verbessern bei Myasthenia Gravis
- Prodromalphase: Noch vor der Migräne mit Aura kündigt sich diese bei etwa 30 Prozent der Migränepatienten durch weitere Vorboten an. Hierzu gehören beispielsweise Heißhunger oder ein Appetitverlust, Übelkeit, Nackenschmerzen oder Stimmungsschwankungen. Dieses Prodrom dauert zwischen 4 Stunden und mehreren Tagen.
- Auraphase: 15 bis 20 Prozent der Patientinnen und Patienten sind von einer Aura vor den eigentlichen migränetypischen Kopfschmerzen betroffen. Die Auraphase dauert, je nach Auratyp, zwischen 5 Minuten und 72 Stunden an. Die meisten Betroffenen erleben während dieser Zeit visuelle, neurologische oder motorische Störungen, die nach der Auraphase wieder verschwinden, bspw. Störungen im Gesichtsfeld.
- Migränephase: In der Migränephase erleiden die Patientinnen und Patienten die für eine Migräne typischen einseitigen oder beidseitigen Kopfschmerzen, die mittelstark oder stark pochen und pulsieren. Zusätzlich können Übelkeit und Erbrechen sowie eine Überempfindlichkeit auftreten. Manche Menschen erleben nur eine Auraphase ohne Kopfschmerzen, andere nur leichte Kopfschmerzen. Doch in den meisten Fällen fallen diese derart stark aus, dass diese den Alltag der Betroffenen stark einschränkt oder diese ihrem Alltag gar nicht mehr nachgehen können.
- Auflösungsphase: In dieser Phase lassen die Symptome zunehmend nach.
- Erholungsphase: Die letzte Phase ähnelt der Prodromalphase. Die Betroffenen fühlen sich angeschlagen und benötigen Zeit, um sich vollständig von ihrer Migräne mit Aura zu erholen.
Behandlung einer Migräne mit Aura
Eine Migräne mit Aura kann zwar nicht geheilt, aber mit einigen Maßnahmen gut behandelt werden:
- Stress reduzieren: Entspannungstechniken wie Yoga, Qi Gong oder Meditationen können Stress reduzieren und das Risiko auf eine durch Stress ausgelöste Migräneepisode reduzieren.
- Tagebuch führen: In einem Tagebuch können die Patientinnen und Patienten die Häufigkeit, Dauer, den Zeitpunkt und weitere Faktoren wie mögliche Auslöser und Behandlungsergebnisse protokollieren. Dies kann sie dabei unterstützen, ihre Migräneattacken langfristig besser zu kontrollieren und beispielsweise Auslöser für die Migräne zu vermeiden.
- Technische Geräte: Inzwischen können auch Geräte, die am Handgelenk, der Stirn oder am Hinterkopf bestimmte Nerven stimulieren, Migräneanfälle lindern oder verhindern.
- Medikamente: Verschiedene Medikamente können eine einsetzende Migräne unterdrücken (beispielsweise Triptane, Ditane und Geptane) oder das Verschlimmern bestehender Symptome aufhalten (unter anderem Dihydroergotamin und Antiemetika). Leiden die Betroffenen unter Übelkeit, Schwindel und starken Schmerzen, können diese ebenfalls medikamentös behandelt werden, etwa mit Schmerzmitteln oder Medikamenten gegen die Übelkeit und den Schwindel. Um einer Migräne mit Aura vorzubeugen, können ebenfalls Medikamente verschrieben werden, darunter Antiepileptika, Betablocker und trizyklische Antidepressiva.