Logopädie: Überblick über neurologische Störungsbilder

Neurologische Erkrankungen, Tumore oder Unfälle können zu Hirnschädigungen führen, die Sprache und Sprechen stark beeinträchtigen oder sogar vollständig verlieren lassen. Die Logopädie bietet gezielte und interdisziplinäre Behandlungen, um Betroffenen zu helfen, sich wieder besser zu verständigen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über verschiedene neurologische Störungsbilder, die in der logopädischen Therapie behandelt werden.

Aphasie: Zentrale Sprachstörung

Eine Aphasie ist eine erworbene zentrale Sprachstörung, die nach abgeschlossenem Spracherwerb durch hirnorganische Schäden entsteht, beispielsweise durch einen Schlaganfall. Da sich die Sprachzentren bei den meisten Menschen in der linken Hirnhälfte befinden, kommt es häufig nach einer linksseitigen Läsion zu einer Aphasie. Hierbei können alle Sprachmodalitäten betroffen sein: Sprachproduktion, Sprachverständnis, Schreiben und Lesen. Es handelt sich jedoch nicht um eine Denk- oder Hörstörung.

Die Ausprägung einer Aphasie kann von minimalen Defiziten bis zu schwersten Störungen reichen. Es gibt verschiedene Formen der Aphasie, die sich in ihren Leitsymptomen unterscheiden:

  • Globale Aphasie: Deutliche Beeinträchtigungen in allen Sprachmodalitäten. Das Leitsymptom sind Sprachautomatismen, wie eine Aneinanderreihung von Silben ("dododo"), Wörtern ("Auto Auto") oder Phrasen ("passt schon").
  • Wernicke-Aphasie: Das Leitsymptom ist der Paragrammatismus, bei dem komplexe Sätze mit Satzteilverschränkungen, -dopplungen und -vertauschungen sowie falschen Flexionsformen gebildet werden (z.B. "Mein Freund will mir morgen besuchen."). Es kommt auch zu semantischen (z.B. "Tisch" statt "Stuhl") und phonematischen (z.B. "Tinsch" statt "Tisch") Verwechslungen sowie Wortneuschöpfungen (Neologismus) z.B. „Eiergarten“ oder „Uksenstein“.
  • Broca-Aphasie: Das Leitsymptom ist der Agrammatismus. Hier produzieren die Patienten meist Ein- bis Zweiwort-Sätze z.B. „Ich Auto“ oder „Krankenhaus fahren“. Dabei fehlen Funktionswörter (z.B. Präpositionen) und Flexionsformen. Eine Störung, die nach einer neurologischen Erkrankung im Zuge einer Aphasie auftreten kann. Dabei kommt es meist zu Ein- bis Zweiwort-Sätzen, welche häufig lediglich Inhaltswörter ohne syntaktische Verknüpfung beinhaltet z.B. “Wochenende Hause„. Des Weiteren werden Artikel, Pronomen oder Präpositionen ausgelassen und es fehlen Flexionsformen bei Nomen oder Adjektiven.
  • Amnestische Aphasie: Das Leitsymptom sind Wortfindungsstörungen. Der Patient kommt beim Sprechen ins Stocken und es zeigen sich Wiederholungen, Satzabbrüche oder Redefloskeln.

Die Therapie einer Aphasie sollte so früh wie möglich nach der Erkrankung beginnen. Sie zielt darauf ab, die Alltagskommunikation zu verbessern, indem alle Kanäle der verbalen Kommunikation (Lesen, Schreiben, Hören und Verstehen) auf angemessenem Grad der Schwierigkeit trainiert werden.

Tipps in der Kommunikation mit Aphasie-Patienten:

  • Wenn der Patient spricht: Ausreden lassen, Zeit geben, Hilfestellungen anbieten, Fehler nicht ständig verbessern, Geduld haben, Nichtverstehen signalisieren.
  • Wenn Sie sprechen: Blickkontakt halten, Gestik und Mimik unterstützend einsetzen, mit normaler Lautstärke sprechen, ruhig und deutlich sprechen, klare Fragen stellen, die der Patient mit "Ja" oder "Nein" beantworten kann, in kurzen, einfachen Sätzen sprechen, aber keine Kindersprache oder Telegrammstil verwenden.

Dysarthrophonie: Störung von Sprechen, Stimme und Atmung

Eine Dysarthrophonie ist eine erworbene Störung des Sprechens, bei der die Bereiche Atmung (Respiration), Stimmgebung (Phonation) und Lautbildung (Artikulation) infolge einer Schädigung von Hirnregionen, der Hirnnerven oder des neuromuskulären Übergangs beeinträchtigt sein können. Es können Störungen der Stimmgebung, der Aussprache, der Betonung (Prosodie) und der Atmung auftreten. Diese treten durch Lähmungen, Schwächungen, Verkrampfungen und/ oder Koordinationsstörung der am Sprechen beteiligten Muskeln auf. Oft liegt eine neurologische Erkrankung oder einer Schädigung des Nervensystems zugrunde. Dadurch kommt es zu einer verringerten Verständlichkeit des Patienten. Bei der schwersten Form, der Anarthrie, versagt die Sprechmotorik soweit, dass der Patient überhaupt nicht mehr sprechen kann beispielsweise nach einem Schlaganfall. Bei etwa 42 Prozent der Schlaganfall-Patienten in Europa kommt es im Anschluss zu einer Dysarthrie. Die meisten Muskeln, die an der Lautbildung beteiligt sind, werden von beiden Hirnhälften versorgt. Durch eine Dysarthrie ist die Sprachmuskulatur geschwächt, verlangsamt, verkrampft oder arbeitet unkoordiniert.

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Sprechapraxie: Störung der Sprechbewegungsplanung

Die Sprechapraxie ist eine erworbene neurogene Sprechstörung, die durch eine zentrale Schädigung des Nervensystems verursacht wird. Beeinträchtigt ist die Planung und Programmierung von Sprechbewegungen. Der Betroffene weiß, was er sagen möchte, ist aber nicht in der Lage, die Ziellaute und Zielwörter auszusprechen. Es können Störungen der Aussprache, der Betonung, des Sprechtempos und des Redeflusses auftreten. Auch Suchbewegungen und hohe Sprechanstrengungen sind häufig zu beobachten. Die Ausprägung der Schwierigkeiten treten oft nicht kontinuierlich und nicht immer in gleicher Form auf.

Dysphagie: Schluckstörung

Bei der Dysphagie handelt es sich um eine Störung des Schluckens. Ein ganz automatisierter und hoch komplexer Vorgang kann aufgrund eines Schlaganfalls, eins Schädelhirntraumas oder im Rahmen fortschreitender Erkrankungen sowie tumorbedingt, plötzlich beeinträchtigt sein: Das Schlucken! Beeinträchtigt können die Wahrnehmung (die Sensorik) und/oder die Bewegungsabläufe in der Koordination und durch Kraftminderung (die Motorik) sein. Es kommt zu einer Störung des Schluckvorgangs.

Je nach Lage und Ausmaß des neurologischen Defektes zeigen sich hier unterschiedliche Schweregrade und Ausformungen. Bei einer Schluckstörung besteht die Gefahr, dass Speichel, Nahrung oder Flüssigkeiten in die Atemwege gelangen. Man spricht hier von einer Aspiration. Kommt eine Aspiration gehäuft vor und wird eventuell nicht bemerkt (stille Aspiration), kann es zu einer Lungenentzündung, einer sogenannten Aspirationspneumonie, kommen.

Neben der Beratung steht die Wiederherstellung der Wahrnehmung und Koordination des Schluckablaufs sowie der Kraftaufbau der beteiligten Muskeln eine wesentliche Rolle. Durch spezielle Techniken werden je nach Allgemeinzustand des/der Patienten/in die Kau- und Schluckmuskeln stimuliert und mobilisiert oder durch gezielte Übungen trainiert. Ein weiterer Teil der Therapie stellt die Anpassung der Nahrung dar. Hier soll die Aspirationsgefahr verringert und vorrübergehend dem Patienten/der Patientin eine Möglichkeit der Ernährung geschaffen werden.

Tipps bei einer Schluckstörung:

  • Essen Sie nur in Ruhe und nicht „nebenbei"!
  • Nehmen Sie sich Zeit zum Essen!
  • Achten Sie auf eine aufrechte Sitzhaltung!
  • Vermeiden Sie Ablenkung!
  • Sprechen Sie während des Essens nicht!
  • Kauen Sie gründlich!
  • Nehmen Sie nur kleine Bisse/Schlucke in den Mund!
  • Essen Sie nicht hastig!
  • Schlucken Sie kräftig!
  • Machen Sie nach jedem Schluck eine kurze Pause!
  • Schließen Sie, wenn möglich, den Mund beim Kauen/Schlucken!
  • Essen und trinken Sie nicht gleichzeitig!
  • Husten Sie nach dem Essen mehrmals und schlucken Sie mehrmals leer nach.

Stimmstörungen (Dysphonien)

Als Stimmstörung bezeichnet man eine Beeinträchtigung der Stimmgebung und/ oder der Atemfunktionen. Eine Stimmstörung kann sich in einer anhaltenden Veränderung des Klangs oder der Höhe der Stimme, der stimmlichen Belastbarkeit und der Atmung ausdrücken. Die Ursachen können hierbei sehr verschieden sein. Stimmstörungen treten zum Beispiel durch organische Veränderung an den Stimmlippen und/oder Fehl- und Überbelastungen des Kehlkopfes auf. Auch einseitige Lähmungen einer Stimmlippe (z.B. durch eine Recurrensparese) führen zu Stimmstörungen.

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Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) sind Störungen zentraler Prozesse des Hörens, die u. a. die vorbewusste und bewusste Analyse, Differenzierung und Identifikation von Zeit-, Frequenz- und Intensitätsveränderungen akustischer oder auditiv-sprachlicher Signale sowie Prozesse der beidohrigen Interaktion (z. B. zur Geräuschlokalisation) und Verarbeitung ermöglichen. 18 Die auditiven Teilfunktionen können in unterschiedlicher Art und Ausprägung betroffen sein. Bei einer zentral-auditiven Verarbeitungsstörung liegt eine Störung der Wahrnehmung und Verarbeitung des Gehörten “zentral” im Gehirn vor. Das Gehörte wird nicht ausreichend wahrgenommen, weitergeleitet und verarbeitet. Auch die Fähigkeit sich etwas zu merken und sich zu konzentrieren können eingeschränkt sein. Das eigentliche Hören, ist hierbei nicht betroffen, sodass ein normaler Hörtest oft unauffällig ist. Die Störung der auditiven Wahrnehmung tritt häufig im Rahmen einer allgemeinen Sprachentwicklungsstörung auf. Eine funktionierende Informations- und Reizverarbeitung von Sprache ist eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung der phonologischen Bewusstheit (der Vorläuferfunktion des Lese- und Schreiberwerbs) und den darauf aufbauenden Lese- und Schreiberwerb.

Spezifische Störungsbilder und ihre Auswirkungen

Neben den oben genannten Hauptkategorien gibt es eine Vielzahl weiterer neurologischer Störungsbilder, die sich auf die sprachliche und kommunikative Kompetenz auswirken können. Einige Beispiele sind:

  • Alexie: Unfähigkeit zu Lesen bei intaktem Sehen. Oft mit Agrafie (Unfähigkeit des Schreibens) bei Aphasie auftretend.
  • Agrafie: Unfähigkeit bzw. Einschränkungen beim Aufschreiben von Wörtern und Sätzen.
  • Agrammatismus: Eine Störung der Grammatik im Rahmen einer Sprachentwicklungsstörung. Es können Schwierigkeiten in der Satzbildung (Syntax), sowie im korrekten Gebrauch grammatischer Strukturen z.B.
  • Dysgraphie: Eine erworbene Störung des Schreibens. Zum einen gibt es die Tiefendysgraphie, bei dem Nomen und Verben geschrieben werden können. Jedoch kommt es zu Auslassung, Ersetzungen oder Hinzufügungen von Buchstaben.
  • Dyskalkulie: Eine Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten, welche nicht auf eine verminderte Intelligenz oder unangemessene Beschulung zurückzuführen ist.
  • Neglect: Patienten, die nach einem Schlaganfall einen Neglect aufweisen, verhalten sich so, als würde eine Seite des Außenraumes für sie nicht mehr existieren. Gegenstände, die sich auf dieser Seite befinden werden nicht beachtet. Die Vernachlässigung kann nicht durch Lähmungen, Gefühls- oder Gesichtsfeldstörungen erklärt werden.
  • Sensibilitätsstörungen: Reiz- und Schmerzempfindlichkeit des Organismus und bestimmter Teile des Nervensystems. Neurologisches Symptom in Form einer veränderten Wahrnehmung von Sinnesreizen, z.B.
  • Sensomotorische Störungen: bezeichnet die durch sensorische Eindrücke beherrschte, beeinflusste oder bedingte Bewegung und Bewegungsabläufe. Störungen der Sensomotorik zeigen sich z. B.
  • Spastik: (Auch Spastizität) krampfartig erhöhter Muskeltonus (= Spannungszustand der Muskeln), der im Gegensatz zum Rigor (= Steifigkeit der Muskulatur infolge der Erhöhung des Muskeltonus, die bei passiver Bewegung im Gegensatz zur Spastik während des gesamten Bewegungsablaufs bestehen bleibt) proportional zur Geschwindigkeit einer passiven Dehnung des Muskels zunimmt oder bei fortgesetzter Dehnung plötzlich nachlassen kann (sog.
  • Sprachentwicklungsstörung: Eine Sprachentwicklungsstörung ist eine zeitliche (mehr als 6 Monate) und/oder inhaltliche Abweichung von der normalen Sprachentwicklung im Kindesalter.
  • Stottern: Stottern ist eine Störung im zeitlichen Ablauf des Sprechens. Es führt meist zu Störungen des Sprechablaufs, des Sprechrhythmus, der Sprechbewegungen, der Sprechatmung, der Aussprache und der Stimme.

Logopädische Therapie: Ziele und Methoden

Die logopädische Therapie neurologischer Störungsbilder zielt darauf ab, die Kommunikationsfähigkeit der Betroffenen zu verbessern und ihre Lebensqualität zu erhöhen. Die Therapieansätze sind vielfältig und werden individuell auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Patienten abgestimmt. Einige gängige Methoden sind:

  • Sprachtherapie: Verbesserung des Sprachverständnisses, der Sprachproduktion, des Lesens und Schreibens.
  • Sprechtherapie: Verbesserung der Artikulation, der Sprechflüssigkeit und der Stimmgebung.
  • Schlucktherapie: Wiederherstellung der Schluckfunktion und Vermeidung von Aspiration.
  • Kommunikationstraining: Erlernen von kompensatorischen Strategien und Nutzung von Kommunikationshilfen.
  • Beratung und Angehörigenarbeit: Unterstützung der Patienten und ihrer Familien im Umgang mit den Folgen der neurologischen Erkrankung.

Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit

Die Behandlung neurologischer Störungsbilder erfordert häufig eine interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte, wie z.B. Ärzte, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Psychologen. Durch die enge Zusammenarbeit können die Therapieziele optimal aufeinander abgestimmt und die bestmögliche Versorgung der Patienten gewährleistet werden.

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