Die Komplexität des menschlichen Gehirns birgt viele Geheimnisse, und die Forschung deckt ständig neue Verbindungen zwischen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen auf. Eine dieser Verbindungen betrifft den Zusammenhang zwischen Hirnhautentzündung (Meningitis), Gehirnentzündung (Enzephalitis) und Schizophrenie, insbesondere im Kontext von Autoimmunerkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Hirnhautentzündungen und Enzephalitiden, geht auf die Verbindung zu schizophrenieähnlichen Symptomen ein und diskutiert die Bedeutung frühzeitiger Diagnose und Behandlung.
Gehirnentzündung (Enzephalitis): Eine Übersicht
Die Gehirnentzündung, auch Enzephalitis genannt, ist eine schwere Erkrankung, die durch eine Entzündung des Gehirns gekennzeichnet ist. Diese Entzündung kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden, wobei Infektionen durch Viren, Bakterien oder in seltenen Fällen Pilze die häufigsten Auslöser sind. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) betont, dass Gehirnentzündungen ohne die richtige Therapie tödlich verlaufen können. Aber auch bei frühzeitiger Behandlung leiden viele Patienten dauerhaft an den Folgen.
Ursachen von Gehirnentzündungen
Die Ursachen für eine Enzephalitis sind vielfältig:
- Virale Infektionen: Das Herpes-simplex-Virus ist eine der häufigsten Ursachen, aber auch Arboviren (z.B. FSME), Masern- oder Rötelnviren, HIV und in sehr seltenen Fällen Tollwutviren können eine Enzephalitis auslösen.
- Bakterielle Infektionen: Borreliose, Typhus oder Syphilis können ebenfalls Enzephalitiden verursachen, wenngleich dies seltener vorkommt.
- Autoimmunreaktionen: In einigen Fällen wird die Gehirnentzündung durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems ausgelöst, bei der der Körper fälschlicherweise eigene Gehirnzellen angreift.
- Coronavirus: Im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 wurden ebenfalls Hirnentzündungen beobachtet. Es ist aber noch nicht abschließend geklärt, ob das Virus direkt die Entzündung verursacht oder ob diese durch eine Autoimmunreaktion ausgelöst wird.
In Deutschland treten schätzungsweise 1,5 bis 7 Fälle viraler Enzephalitiden pro 100.000 Einwohner auf, was etwa 1200 bis 5600 Fällen pro Jahr entspricht.
Symptome einer Gehirnentzündung
Die Symptome einer Gehirnentzündung können vielfältig sein und hängen von der Ursache und dem Schweregrad der Entzündung ab. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit
- Bewusstseinsstörungen und Verwirrtheit
- Wahrnehmungsstörungen, einschließlich Halluzinationen
- Epileptische Anfälle
- Fokale neurologische Ausfälle wie Lähmungen oder Sprachstörungen
Besonders tückisch ist, dass die Anzeichen am Anfang der Erkrankung leicht und grippeähnlich sein können. Nach einigen Tagen können sich dann schwere psychiatrische Symptome einstellen, die einer Schizophrenie ähneln:
- Psychosen
- Verwirrtheit
- Halluzinationen
- Wahnzustände
Nach einigen Wochen können neurologische Symptome hinzukommen:
- Unwillkürliche Bewegungen (Hyperkinesen)
- Stummheit (Mutismus)
- Schluckstörungen
- Epileptische Anfälle
Diagnose und Behandlung
Die Diagnose einer Gehirnentzündung erfordert eine umfassende neurologische Untersuchung, einschließlich einer Lumbalpunktion zur Analyse des Nervenwassers, bildgebender Verfahren wie MRT und EEG sowie Blutuntersuchungen.
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache der Entzündung. Bei viralen Infektionen werden antivirale Medikamente eingesetzt, während bakterielle Infektionen mit Antibiotika behandelt werden. Autoimmunenzephalitiden erfordern eine Immuntherapie mit Kortison oder anderen Immunsuppressiva.
Autoimmunenzephalitiden und ihre Verbindung zu schizophrenieähnlichen Symptomen
Autoimmunenzephalitiden stellen eine besondere Form der Gehirnentzündung dar, bei der das Immunsystem fälschlicherweise eigene Gehirnzellen angreift. Diese Erkrankungen betreffen häufig jüngere Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Die Inzidenz wird auf 8-15 Patienten/1.000.000/Jahr geschätzt, was in Deutschland etwa 640-1.200 Menschen jährlich betrifft.
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Eine besonders relevante Form der Autoimmunenzephalitis ist die NMDA-Rezeptor-Enzephalitis.
NMDA-Rezeptor-Enzephalitis
Die NMDA-Rezeptor-Enzephalitis wurde erstmals 2007 beschrieben und ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper IgG-Antikörper gegen eine Untereinheit der sogenannten NMDA-Rezeptoren bildet. Diese Rezeptoren spielen eine wichtige Rolle im zentralen Nervensystem, insbesondere bei Lern- und Gedächtnisprozessen.
Die Symptome der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis sind vielfältig und können sich im Laufe der Erkrankung verändern. Am Anfang stehen oft grippeähnliche Symptome, gefolgt von schweren psychiatrischen Symptomen, die einer Schizophrenie ähneln:
- Psychosen
- Verwirrtheit
- Halluzinationen
- Wahnzustände
Nach einigen Wochen treten dann neurologische Symptome auf:
- Hyperkinesen (unwillkürliche Bewegungen)
- Mutismus (Stummheit)
- Schluckstörungen
- Epileptische Anfälle
Die NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ist aufgrund ihrer Seltenheit und der anfänglichen psychiatrischen Symptome oft schwer zu diagnostizieren. Viele Patienten werden zunächst als primär psychiatrisch erkrankt eingestuft und erhalten nicht die notwendige Immuntherapie. Prof. Dr. Harald Prüß von der Charité betont, dass es traumatisch für Patienten und Angehörige sein kann, wenn nicht gleich eine Diagnose und Therapie erfolgen, sondern die Betroffenen als primär psychiatrisch erkrankt eingestuft werden.
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Fallbeispiel: Saskia R.
Das Fallbeispiel von Saskia R., das am Universitätsklinikum Freiburg behandelt wurde, verdeutlicht die Herausforderungen bei der Diagnose und Behandlung der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis. Saskia R. wurde zunächst mehrfach mit Schizophrenie diagnostiziert und mit antipsychotischen Medikamenten behandelt, die jedoch nicht wirkten. Erst umfangreiche Laboruntersuchungen am Universitätsklinikum Freiburg ergaben, dass Saskia R. an einer NMDA-Rezeptor-Enzephalitis litt.
Die Freiburger Ärzte stellten fest, dass Saskia R. eine Störung der Blut-Hirn-Schranke hatte, wodurch Stoffe unkontrolliert ins Gehirn gelangen konnten. Außerdem fanden sie im Blut spezielle Immun-Antikörper, die im Gehirn eine Andockstelle des Botenstoffs NMDA blockierten. Eine aufwändige bildgebende Stoffwechseluntersuchung des Gehirns brachte schließlich den Nachweis: Teile des Gehirns waren entzündet.
Nach der Diagnose wurde Saskia R. mit einer hochdosierten Kortisontherapie und weiteren Immuntherapien behandelt, was zu einer schnellen und deutlichen Besserung führte. Schließlich konnte sie ihr normales Leben wieder aufnehmen.
Dieses Fallbeispiel zeigt, wie wichtig es ist, bei schizophrenieähnlichen Symptomen auch an eine mögliche Gehirnentzündung zu denken und entsprechende Untersuchungen durchzuführen.
Die Rolle der Forschung
Die Forschung spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung der Zusammenhänge zwischen Gehirnentzündungen und psychiatrischen Erkrankungen. Prof. Carsten Finke von der Charité - Universitätsmedizin Berlin befasst sich mit den Krankheitsfolgen der NMDAR-Enzephalitis und hat in einer Pilotstudie gezeigt, dass die Mehrzahl der Patienten auch Jahre nach der Erkrankung noch unter kognitiven Defiziten leiden.
Prof. Tebartz van Elst von der Freiburger Forschungsgruppe „Immunologische Enzephalopathien“ vertritt die Meinung, dass Schizophrenie ein Sammelbegriff für viele verschiedene Krankheiten ist und dass Gehirnentzündungen eine mögliche Ursache für schizophrenieähnliche Symptome sein können.
Differenzialdiagnose bei Bewusstseinsstörungen unklarer Ätiologie
Klaus-Peter Wandinger, Frank Leypoldt und Ralf Junker betonen in ihrem Artikel im Deutschen Ärzteblatt die Bedeutung der Differenzialdiagnose bei Bewusstseinsstörungen unklarer Ätiologie. Sie weisen darauf hin, dass Autoantikörper-vermittelte Enzephalitiden eine wichtige Differenzialdiagnose darstellen und dass eine frühzeitige Diagnose und Therapie entscheidend für den Behandlungserfolg sind.
Weitere Entzündliche ZNS-Erkrankungen
Neben der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis gibt es noch weitere entzündliche Erkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS), die mit psychiatrischen Symptomen einhergehen können. Dazu gehören:
- Hashimoto-Enzephalopathie (SREAT): Diese seltene Erkrankung ist mit der Hashimoto-Thyreoiditis assoziiert, einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Symptome können epileptische Anfälle, Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen, Sprachstörungen, Verfolgungswahn und schizophreniforme Störungen sein.
- Neurolupus: Diese Form des systemischen Lupus erythematodes (SLE) betrifft das Nervensystem und kann Psychosen, kognitive Defizite, affektive Störungen, Kopfschmerzen und Anfälle verursachen.
- Multiple Sklerose (MS): Obwohl die MS primär als demyelinisierende Erkrankung bekannt ist, können entzündliche Prozesse im Gehirn auch psychiatrische Symptome wie Depressionen, Angststörungen und kognitive Beeinträchtigungen verursachen.
- Myelitis: Eine Entzündung des Rückenmarks kann ebenfalls zu psychiatrischen Symptomen wie Depressionen und Erschöpfung führen.
- Guillian-Barré-Syndrom (GBS): Dieses Syndrom, das durch eine Entzündung der peripheren Nerven gekennzeichnet ist, kann in seltenen Fällen auch das zentrale Nervensystem betreffen und zu psychiatrischen Symptomen führen.
Prävention und Schutzmaßnahmen
Obwohl eine Enzephalitis-Prävention nur bedingt möglich ist, gibt es einige Maßnahmen, die das Risiko einer Infektion verringern können:
- Impfungen: Gegen einige Erreger, die eine Enzephalitis auslösen können, gibt es Impfungen, z.B. gegen Typhus, Tollwut, Masern, Röteln und FSME.
- Safer Sex: Safer Sex kann vor HIV und Syphilis schützen, die ebenfalls eine Enzephalitis verursachen können.
- Zeckenschutz: In FSME-Risikogebieten sollte man sich vor Zeckenstichen schützen, z.B. durch das Tragen von langer Kleidung und die Verwendung von Insektenschutzmitteln.
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