Die Behandlung von Spastik bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Multipler Sklerose (MS) oder Zerebralparese ist ein komplexes Feld, in dem verschiedene therapeutische Ansätze zum Einsatz kommen. Neben traditionellen Methoden rücken zunehmend technische Hilfsmittel in den Fokus, die speziell auf die Bedürfnisse von Neurologie-Patienten zugeschnitten sind. Ein solcher Ansatz ist die Verwendung von Luftpolsterschienen, auch bekannt als Johnstone Splints. Dieser Artikel beleuchtet die Anwendung von Luftpolsterschienen in der Spastiktherapie, ihre Wirkungsweise, Vor- und Nachteile sowie alternative Behandlungsmethoden.
Einführung in die Spastik und ihre Behandlung
Spastik ist eine häufige Folge neurologischer Erkrankungen und Verletzungen, die durch eine erhöhte Muskelspannung und unkontrollierte Muskelkontraktionen gekennzeichnet ist. Dies kann zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität führen. Die Behandlung von Spastik zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern und die Funktionalität im Alltag zu erhöhen.
Verschiedene Therapieansätze stehen zur Verfügung, darunter:
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit.
- Ergotherapie: Anpassung der Umgebung und des Alltags, um die Selbstständigkeit zu fördern.
- Medikamentöse Behandlung: Einsatz von Muskelrelaxantien wie Baclofen oder Tizanidin zur Reduzierung der Muskelspannung.
- Botulinumtoxin-Injektionen: Gezielte Injektionen in spastische Muskeln, um die Muskelkontraktion zu reduzieren.
- Orthopädische Hilfsmittel: Einsatz von Orthesen und Schienen zur Unterstützung, Stabilisierung und Korrektur von Gliedmaßen.
Luftpolsterschienen (Johnstone Splints): Ein Überblick
Luftpolsterschienen, auch Johnstone Splints genannt, sind ein Hilfsmittel, das in der neurologischen Rehabilitation eingesetzt wird. Sie wurden in den 1960er-Jahren von den schottischen Physiotherapeutinnen Margaret Johnstone und Ann Thorp entwickelt, die den Bedarf an Behandlungen erkannten, die sich ohne ständige Unterstützung durch Therapeuten durchführen lassen.
Aufbau und Funktionsweise
Luftpolsterschienen bestehen aus flexiblem PVC und werden mit dem Mund auf einen maximalen Druck von 40 mm Hg aufgepumpt. Ein persönliches, abnehmbares Mundstück zum Aufblasen wird empfohlen. Die Schienen sind in verschiedenen Formen und Größen erhältlich, die sich am jeweiligen Körperteil orientieren, wie Arm, Hand, Ellbogen, Beine, Knie oder Knöchel.
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Die Wirkungsweise von Luftpolsterschienen beruht auf der Stimulation der Tiefensensibilität durch Druck auf die Extremität. Dies kann dazu beitragen, den Muskeltonus zu regulieren und die Haltungs- und Bewegungskontrolle zu verbessern.
Anwendung und therapeutische Ziele
Luftpolsterschienen werden in der Ergotherapie unter anderem bei Patienten eingesetzt, die einen Schlaganfall erlitten haben, sowie bei MS-Betroffenen und Kindern mit Zerebralparese. Sie eignen sich sowohl für den Einsatz in der Hands-on- als auch in der Hand-off-Therapie und ermöglichen ein eigenständiges Training in den eigenen vier Wänden.
Mit Luftpolsterschienen lassen sich unterschiedliche therapeutische Ziele erreichen:
- Regulation des Muskeltonus: Reduzierung von Spastik und Verbesserung der Muskelentspannung.
- Verbesserung der Haltungs- und Bewegungskontrolle: Unterstützung bei der Ausführung von Bewegungen und Verbesserung der Stabilität.
- Förderung der Autonomie: Ermöglichung eines eigenständigen Trainings und Erhöhung der Selbstständigkeit im Alltag.
Anwendungshinweise und Kontraindikationen
Beim Anlegen der Luftpolsterschienen ist darauf zu achten, dass der Druck beim Aufblasen nicht über 40 Millimeter Hg liegt. In den meisten Fällen sollte die Anwendung nicht länger als 20 Minuten dauern, wobei bei Erwachsenen je nach Zweck und Art der Schiene eine Tragedauer von bis zu einer Stunde möglich ist.
Unter Umständen sollte von der Verwendung von Johnstone Splints abgesehen werden bei:
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- Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose in der zu behandelnden Extremität
- Rechtsseitige Herzinsuffizienz
- Offene Wunden oder Hautläsionen
- Hypersensibilität oder somatosensiblen Dysbalancen
Zudem sollte eine Doppelkammerluftpolsterschiene nicht zum Gehen verwendet werden und direkte Sonneneinstrahlung vermieden werden, da sich die Luft in den Polstern ansonsten unverhältnismäßig stark erhitzen kann.
Es ist wichtig, Anwendungs- und Behandlungsdetails mit dem behandelnden Arzt abzuklären.
Pflege und Lagerung
Neue Luftschienen sollten mit geöffnetem Reißverschluss aufgeblasen werden, um sicherzustellen, dass sich die beiden Kunststoffschichten voneinander lösen. Nach dem vollständigen Aufblasen sollte das Ventil geöffnet und die Luft herausgedrückt werden.
Wenn die Schiene nicht benutzt wird, sollte sie flach gelagert oder aufgehängt werden, um Spannungen an der Verbindungsstelle zwischen Aufblasschlauch und Luftschlauch zu vermeiden. Die Reinigung erfolgt mit einem milden Desinfektionsmittel.
Alternativen zu Luftpolsterschienen
Neben Luftpolsterschienen gibt es weitere orthopädische Hilfsmittel, die in der Spastiktherapie eingesetzt werden können:
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- Gipsschienen: Werden zur Korrektur von Kontrakturen und zur Ruhigstellung von Gliedmaßen eingesetzt. Allerdings sind sie oft weniger komfortabel und müssen jedes Mal neu angefertigt werden.
- Quengelschienen: Ermöglichen eine stufenweise Anpassung über einen längeren Zeitraum und können optimal mit Botoxbehandlungen kombiniert werden.
- Redressionsorthesen: Dienen dazu, Fehlstellungen oder Deformitäten von Gliedmaßen oder Gelenken zu korrigieren oder zu verhindern.
- Neuro-Orthesen: Bieten innovative Lösungen zur Unterstützung und Verbesserung motorischer Funktionen bei neurologischen Erkrankungen. Sie können passive Unterstützung bieten, indem sie Gelenke stabilisieren und Fehlstellungen korrigieren, oder aktive Unterstützung durch Elektrostimulation oder motorisierte Komponenten.
Neuro-Orthetik: Moderne Hilfsmittel für neurologische Erkrankungen
Der Begriff „Neuro-Orthetik“ bezieht sich auf die Verwendung von orthopädischen Hilfsmitteln (Orthesen) zur Unterstützung und Verbesserung der Funktionalität bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen. Orthesen können Muskelschwäche kompensieren, Gelenke stabilisieren, das Gleichgewicht verbessern und die Beweglichkeit fördern.
Arten von Neuro-Orthesen
Es gibt verschiedene Arten von Orthesen, darunter:
- Fußorthesen (AFO): Werden bei Fußheberschwäche eingesetzt, um das Heben des Fußes während des Gehens zu unterstützen und so das Stolpern zu verhindern.
- Knieorthesen: Dienen zur Stabilisierung des Kniegelenks und zur Reduktion von Hyperextension.
- Rückenorthesen: Werden zur Stabilisierung der Wirbelsäule und zur Schmerzlinderung eingesetzt.
- Schulterorthesen: Können zur Reduktion von Subluxationen und zur Unterstützung des Schultergelenks eingesetzt werden.
- Handgelenksorthesen: Dienen zur Stabilisierung des Handgelenks und zur Unterstützung der Handfunktion.
Funktionsweise von Neuro-Orthesen
Neuro-Orthesen können auf verschiedene Arten funktionieren:
- Passive Unterstützung: Stabilisierung des betroffenen Gelenks oder der betroffenen Gliedmaße und Verhinderung unerwünschter Bewegungen.
- Aktive Unterstützung: Elektrostimulation zur Förderung der Muskelkontraktion oder motorisierte Komponenten zur Unterstützung von Bewegungen.
- Sensoren und Feedback-Systeme: Überwachung von Bewegungen und Muskelaktivitäten zur Anpassung der Unterstützung in Echtzeit.
Einsatzgebiete von Neuro-Orthesen
Neuro-Orthesen werden bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen eingesetzt, darunter:
- Schlaganfall
- Multiple Sklerose
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
- Rückenmarksverletzungen
- Zerebralparese
Moderne Technologien in der Neuro-Orthetik
Die Technik schreitet auch im OT-Bereich mit großen Schritten voran. Moderne Orthesen sind oft mit Sensoren, Elektrostimulation und motorisierten Komponenten ausgestattet, die eine individuelle Anpassung an die Bedürfnisse des Patienten ermöglichen.
Beispiele für moderne Neuro-Orthesen sind:
- Exopulse Mollii-System: Ein Anzug zur Behandlung von Spastiken und zur Aktivierung schwacher Muskeln.
- C-Brace: Eine Orthese mit Hydraulikwiderständen zur Unterstützung der Beugung und Streckung des Knies.
- KEEOGO: Eine mit KI betriebene Knieorthese, die Menschen mit neurologischen Erkrankungen ermöglicht, im Alltag frei und sicher zu gehen.
Neurologische Erkrankungen: Ein Überblick
Neurologische Erkrankungen sind Störungen des Nervensystems, das Gehirn, Rückenmark und Nerven umfasst. Sie können eine Vielzahl von Symptomen verursachen, darunter Bewegungsstörungen, Muskelkraftverlust, Gleichgewichtsstörungen und mehr.
Diagnose neurologischer Erkrankungen
Die Diagnose neurologischer Erkrankungen erfordert eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung und oft verschiedene diagnostische Tests.
Zu den diagnostischen Methoden gehören:
- Anamnese: Erhebung der Krankheitsgeschichte und der Symptome.
- Körperliche Untersuchung: Bewertung der geistigen Funktionen, der Motorik, des Gleichgewichts, der Reflexe, der Sensorik und der Hirnnervenfunktionen.
- Bildgebende Verfahren: MRT, CT und PET zur Darstellung des Gehirns und Rückenmarks.
- Elektrophysiologische Untersuchungen: EEG und ENMG zur Messung der elektrischen Aktivität von Gehirn, Muskeln und Nerven.
- Laboruntersuchungen: Bluttests und Liquoruntersuchung zur Diagnose von Infektionen, Entzündungen und anderen Erkrankungen.
- Neuropsychologische Tests: Bewertung kognitiver Funktionen zur Diagnose von Demenzen und anderen kognitiven Störungen.
Häufige neurologische Erkrankungen
Zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen gehören:
- Schlaganfall: Eine Unterbrechung der Blutversorgung des Gehirns, die zu Schädigungen und Funktionsausfällen führen kann.
- Multiple Sklerose (MS): Eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden der Nerven angreift.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine fortschreitende neurodegenerative Erkrankung, die motorische Nervenzellen betrifft.
- Rückenmarksverletzungen: Können zu teilweiser oder vollständiger Lähmung unterhalb der Verletzungsstelle führen.
- Bandscheibenvorfall: Tritt auf, wenn der weiche Kern einer Bandscheibe auf Nerven drückt.
- Parkinson: Eine neurodegenerative Erkrankung, die hauptsächlich Bewegungsstörungen verursacht.
Behandlung neurologischer Erkrankungen
Abhängig von der spezifischen Erkrankung können verschiedene medizinische Hilfsmittel und Therapien eingesetzt werden, darunter:
- Physiotherapie
- Ergotherapie
- Sprachtherapie
- Medikamentöse Behandlung
- Orthopädische Hilfsmittel
- Atemhilfen
- Kommunikationshilfen
- Rehabilitationstechnologien
Temperaturdysregulation bei Querschnittlähmung
Ein wichtiger Aspekt bei der Behandlung von Patienten mit Querschnittlähmung ist die Regulation der Körpertemperatur. Menschen mit Querschnittlähmung haben oft eine eingeschränkte Fähigkeit, ihre Körpertemperatur zu regulieren, was zu Überhitzung oder Unterkühlung führen kann.
Mechanismen der Temperaturregulation
Die Körpertemperatur wird autonom reguliert, wobei verschiedene Mechanismen aktiv sind:
- Durchblutung: Weitung oder Verengung der Blutgefäße, um Wärme abzugeben oder zu speichern.
- Schweißproduktion: Verdunstung von Schweiß auf der Haut, was einen kühlenden Effekt hat.
- Zittern: Muskelkontraktionen, die Wärme erzeugen.
- Aufstellen der Haare: Bildung eines zusätzlichen Luftpolsters zur Isolation.
Auswirkungen der Querschnittlähmung auf die Temperaturregulation
Bei Querschnittlähmung können Betroffene unterhalb der Lähmungshöhe keine Temperatur mehr wahrnehmen und die oben beschriebenen Automatismen sind z. T. stark eingeschränkt. Zittern und Schwitzen können in den von der Lähmung betroffenen Körperregionen nicht mehr regulativ eingesetzt werden.
Schutz vor extremen Temperaturschwankungen
Aufgrund der beschriebenen Problematik der Temperaturdysregulation ist es wichtig, Menschen mit Querschnittlähmung sorgfältig vor extremen Temperaturschwankungen zu schützen.
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