Der neurologische Zusammenhang des Magen-Darm-Trakts: Eine Reise ins Bauchhirn

Der menschliche Körper ist ein komplexes Netzwerk, in dem alle Systeme miteinander kommunizieren. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Magen-Darm-Trakt und seiner Verbindung zum Gehirn. Diese Verbindung, oft als "Darm-Hirn-Achse" bezeichnet, ist eine bidirektionale Kommunikationsstrecke zwischen dem Magen-Darm-Trakt und dem zentralen Nervensystem, also Gehirn und Rückenmark. Diese Kommunikation ist nicht nur rein nervlicher Natur, sondern beinhaltet auch hormonelle und immunologische Signale.

Das Bauchhirn: Mehr als nur Verdauung

Lange Zeit wurde der Darm lediglich als Organ für die Verdauung betrachtet. Doch neueste Forschungen zeigen, dass psychische Prozesse und das Verdauungssystem weitaus inniger gekoppelt sein könnten, als man bisher gedacht habe. Der Darm ist von mehr als 100 Millionen Nervenzellen umhüllt, mehr Neuronen als im gesamten Rückenmark zu finden sind. Dieses "zweite Gehirn", auch enterisches Nervensystem (ENS) genannt, ist ein komplexes Netzwerk von Neuronen, das in seiner Komplexität mit dem Gehirn selbst vergleichbar ist.

Das ENS steuert die Verdauung und kann viele Prozesse sogar unabhängig vom Gehirn regeln. Es analysiert Nährstoffzusammensetzung, Salzgehalt und Wasseranteil und koordiniert Absorptions- und Ausscheidungsmechanismen. Im Laufe eines 75-jährigen Lebens wandern mehr als 30 Tonnen Nahrung und 50.000 Liter Flüssigkeit durch das Gedärm. "Das Herz ist dagegen eine primitive Pumpe", erklärt Gershon.

Neben dem ENS spielt das Darmmikrobiom, die Gemeinschaft der im Darm lebenden Mikroorganismen, eine Schlüsselrolle in der Darm-Hirn-Achse. Bakterien, Viren und Pilze, die im Darm wohnen, sind für weitaus mehr zuständig als nur die Verdauung von Nahrung. Sie produzieren Vitamine, unterstützen das Immunsystem und bilden Botenstoffe, die direkt oder indirekt das Gehirn erreichen können. Wenn es dem Mikrobiom gut geht, profitiert in der Regel der gesamte Organismus.

Die Darm-Hirn-Achse: Ein bidirektionaler Informationsfluss

Die Darm-Hirn-Achse ist keine Einbahnstraße. Es handelt sich um einen bidirektionalen Informationsfluss, bei dem der Darm dem Gehirn Informationen sendet und umgekehrt.

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Was der Bauch dem Kopf erzählt

Erst vor kurzem stellten Forscher fest, dass weitaus mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn führen als umgekehrt: 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Der Darm speist das Gehirn mit einer Flut von Informationen. Die meisten Botschaften vom Darm sind allgegenwärtig, wir nehmen sie nur nicht bewusst wahr, außer den Alarmzeichen wie Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen.

Der Vagusnerv ist der wichtigste Nerv, der den Darm direkt mit dem Gehirn verbindet. Er übermittelt Signale über Darmbewegungen, Füllstände oder auch Schmerzempfindungen an das Gehirn. Umgekehrt sendet das Gehirn Signale an den Darm, um Verdauungsprozesse zu steuern.

Was der Kopf dem Bauch erzählt

Was dem Hirn geschieht, bleibt dem Bauch nicht verborgen. Bei Alzheimer- und Parkinson-Patienten findet sich häufig der gleiche Typ von Gewebeschäden im Kopf- wie im peripheren Hirn. Auch bei BSE, dem "Rinderwahn", ist der Darm extrem befallen. Der identische Zell- und Molekülaufbau erklärt ebenfalls, warum psychiatrische Medikamente für den Kopf auch auf den Darm wirken, und umgekehrt körpereigene Stoffe als Pharmaka im Gespräch sind.

Wenn die Zentrale im Kopf bewusst oder unbewusst die Last von Anspannung und Furcht wahrnimmt, dann ruft sie den Satelliten im Bauch über spezialisierte Immunzellen im Darm. Die schütten Entzündungsstoffe wie Histamin aus, die Nervenzellen im Verdauungsrohr sensibilisieren und aktivieren. Diese schließlich veranlassen Muskelzellen, sich zu kontrahieren. Die allgemeine Alarmstimmung im Darmhirn wiederum wird dem Kopfhirn mitgeteilt, und das funkt zurück nach unten …und so weiter - einer von Tausenden Zirkeln, die vor allem bei Dauerangst und "high level stress" chronisch werden können: Der Kreislauf verselbstständigt sich.

Die Macht der Darmbakterien: Neurotransmitter und mehr

Das Darmmikrobiom spielt eine entscheidende Rolle bei der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Darmbakterien können Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin oder GABA herstellen.

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  • Serotonin: Etwa 90 Prozent des Serotonins im Körper werden im Darm gebildet. Ein Mangel an Serotonin kann zu depressiver Verstimmung, Schlafproblemen und einem generellen Ungleichgewicht führen.
  • Dopamin: Bestimmte Darmbakterien können auch an der Dopaminproduktion beteiligt sein, dem Neurotransmitter, der für Antrieb, Motivation und Belohnungsempfinden zuständig ist.
  • GABA (Gamma-Aminobuttersäure): Einige Studien deuten darauf hin, dass bestimmte probiotische Stämme die GABA-Konzentration beeinflussen können, einem hemmenden Neurotransmitter, der hilft, Stress und innere Unruhe zu dämpfen.

Störungen der Darm-Hirn-Achse: Wenn die Kommunikation leidet

Manchmal läuft die feine Kommunikation zwischen Darm und Gehirn nicht reibungslos. Eine gestörte Darm-Hirn-Achse kann sich auf vielfältige Art äußern. Manche Menschen bemerken mehr Verdauungsprobleme wie Blähungen, Völlegefühl oder Durchfall, andere klagen über Gereiztheit, Unruhe und Stimmungsschwankungen. Auch Symptome wie Abgeschlagenheit oder Konzentrationsstörungen werden häufig berichtet.

Eine gestörte Darm-Hirn-Achse kann bei der Entstehung oder dem Verlauf verschiedener Krankheiten eine Rolle spielen:

  • Reizdarmsyndrom (IBS): Veränderungen im Mikrobiom und eine gestörte Darm-Hirn-Kommunikation spielen eine große Rolle.
  • Depression: Das Darmmikrobiom und Entzündungsprozesse können erheblich zur Entwicklung dieser Krankheit beitragen.
  • Neurodegenerative Erkrankungen (Parkinson, Alzheimer): Das Darmmikrobiom kann bei der Entstehung solcher Erkrankungen eine Rolle spielen, etwa durch chronische systemische Entzündungen oder durch die Bildung bestimmter proteinartiger Ablagerungen, die vom Darm ins Gehirn gelangen können.

Was Sie selbst tun können: Den Darm stärken, das Gehirn unterstützen

Glücklicherweise haben Sie es zu einem großen Teil selbst in der Hand, ob Ihr Darm und Ihr Gehirn harmonisch miteinander kooperieren.

  • Ernährung: Regelmäßiger Verzehr von probiotischen und präbiotischen Lebensmitteln unterstützt die Darmflora. Probiotika sind in fermentierten Produkten wie Joghurt, Kefir, Sauerkraut oder Kombucha enthalten. Präbiotika finden sich unter anderem in Haferflocken, Leinsamen, Zwiebeln, Lauch, Knoblauch oder Chicorée.
  • Stressmanagement: Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga, autogenes Training oder Spaziergänge in der Natur können helfen, den Stresslevel zu senken und damit auch den Darm zu entlasten. Der Vagusnerv lässt sich durch Atemübungen und Achtsamkeitspraktiken aktivieren.
  • Schlaf: Ausreichend Schlaf (sieben bis acht Stunden pro Nacht) ist wichtig für Reparatur- und Regenerationsprozesse im Körper, die auch dem Verdauungstrakt nutzen.
  • Bewegung: Bereits 30 Minuten moderate Aktivität am Tag können die Darmaktivität und damit die Mikrobiom-Gesundheit fördern.
  • Vermeidung von Schadstoffen: Nikotin und andere Schadstoffe können den Darm reizen und das Milieu negativ beeinflussen.

Die Intuition des Bauches: Mehr als nur ein Gefühl

Die enge Verbindung zwischen Darm und Gehirn erklärt, warum wir "Schmetterlinge im Bauch" fühlen oder Entscheidungen "aus dem Bauch heraus" treffen. Forscher postulieren eine "Emotions-Gedächtnis-Bank" im Kopfhirn, die alle hoch gesendeten Reaktionen und Daten des Bauches sammelt. Jedes Mal, wenn der Mensch eine Entscheidung in einer ähnlichen Situation fällen muss, basiert diese nicht nur auf intellektuellen Kalkulationen, sondern wird massiv von jenen unbewussten Informationen aus dem gigantischen Katalog von gespeicherten Emotionen und Körperreaktionen mitgeprägt, eben den "gut feelings".

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