Die Psychologie des Genervtseins: Warum uns manche Menschen in den Wahnsinn treiben

Es gibt Menschen, die uns regelrecht zur Weißglut treiben können - und das, ohne dass wir so richtig benennen können, was uns denn an ihnen so nervt. Sie müssen gar nicht viel sagen, und trotzdem können manche Menschen uns nahezu aggressiv machen. Warum ist das so? Psycholog:innen sind sich einig, dass die Antwort ganz woanders liegt. Und zwar in uns selbst.

Die Projektion eigener Konflikte

Es soll also tatsächlich unsere eigene Schuld sein, dass bestimmte Menschen uns unsäglich auf die Nerven gehen? Tatsächlich, denn in vielen Fällen projizieren wir unsere eigenen Gefühle, Eigenschaften und inneren Konflikte auf Situationen mit anderen Menschen. Anstatt uns damit auseinanderzusetzen, spiegeln wir unsere Traumata - und laden sie damit auf die Person ab, die uns vermeintlich schon mit ihrer bloßen Existenz furchtbar aufregt.

Jodie Cariss, Therapeutin, erklärt das Phänomen gegenüber der britischen Glamour: "Wenn wir eine sehr starke Reaktion auf eine Person haben, kann das oft eine Projektion sein." Sprich: Auch wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Reaktion auf diesen Menschen zumindest teilweise gerechtfertigt ist, weil er sich einfach anstrengend oder nervig verhält, sind unsere Gefühle dazu vermutlich deutlich größer, als rational in dieser Situation angebracht wäre. Die Expertin sagt weiter: "Hier projizieren wir Schattenelemente unserer selbst auf die Situation." Solche Aspekte unserer Persönlichkeit sind meist gänzlich unbewusst, es handelt sich dabei oft um ungelöste Konflikte, innere Verletzungen oder Eigenschaften, die wir lieber verdrängen möchten.

Es ist nun mal so: Die meisten Menschen beschäftigen sich sehr viel mehr mit sich selbst als mit ihrem Umfeld. Deshalb sagt eine so starke Reaktion auf andere meist mehr über uns aus als über die Person, der sie gilt. Diese Verhaltensweise beruht aber in der Regel nicht auf böser Absicht. Vielmehr ist dieses Spiegeln ein Schutzmechanismus, mit dem wir uns unbewusst vor der Auseinandersetzung mit unliebsamen Persönlichkeitsanteilen bewahren möchten. Denn die könnte schließlich unangenehm oder sogar schmerzhaft werden.

Aber natürlich bringt uns das Verdrängen langfristig nicht weiter. Wenn Sie also das nächste Mal irrational von einer Kollegin oder einem Bekannten genervt sind, dann hören Sie lieber mal tiefer in sich hinein. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass in diesem Fall ausnahmsweise das viel zitierte Klischee zutrifft: Es liegt nicht an dir, es liegt an mir.

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Traumata und der "Bambi-Reflex"

In der Traumafachwelt wird diese Reaktion inzwischen immer mehr als 4. Reflex auf traumatische Ereignisse gesehen. Bisher galten Kampf, Flucht und Erstarrung (Fight - Flight - Freeze) als die bekannten Reaktionen auf eine Gefahr oder ein traumatisches Ereignis. Pete Walker hat diesen Reaktionen eine weitere hinzugefügt. In seinem Buch „The 4Fs: A Trauma Typology in Complex Trauma” prägt er den Begriff Fawn Response als 4. Reaktionsform. “Fawn types seek safety by merging with the wishes, needs and demands of others. Übersetzung (D.C.): “ Bambi-Menschen suchen Sicherheit, indem sie sich an die Wünsche, Bedürfnisse und Anforderungen anderer Menschen anpassen oder mit ihnen verschmelzen.

Der Fawn Response oder, wie ich ihn gerne nenne: der Bambi-Reflex, ist eine Form von chronischer Unterwerfung und Überanpassung. Menschen können den Fawn Response entwickeln, wenn sie in Lebensumständen gefangen sind, denen sie (subjektiv oder objektiv) nicht entkommen können. Insofern ist es möglich, dieses Verhaltensspektrum auch noch als erwachsener Mensch auszubilden, wenn man z.B.

In der Arbeit von Stephen Porges, der die Polyvagaltheorie entwickelt hat, finden wir bereits eine vierte Form der Reaktion auf traumatische und überwältigende Ereignisse. Porges nennt diese den Totstellreflex. Oftmals werden der Erstarrungsreflex und der Totstellreflex synonym verwendet. Doch es sind zwei grundlegend unterschiedliche Reaktionen.

Im Körper werden der Kampfreflex, der Fluchtreflex und der Erstarrungsreflex vom sympathischen Nervensystem gesteuert. Bei Gefahr wird sehr viel Energie vom Körper zur Verfügung gestellt, die für Flucht oder Kampf genutzt werden kann. In dem Moment, in dem dies nicht mehr möglich ist, weil wir überwältigt werden oder eine Reaktion nicht mehr möglich ist, setzt der Erstarrungsreflex ein. Dieser ist oft verbunden mit einem Gefühl der Loslösung vom eigenen Körper, selbst von Gefühlen wie Angst und Schmerz. Je deutlicher diese fast außerkörperliche Erfahrung auftritt, desto wahrscheinlicher werden Traumasymptome in der Folge.

Es gibt jedoch Erfahrungen, die nicht aufhören oder so häufig auftreten, dass das Kind (oder seltener der Erwachsene) in einer chronischen hohen Stresssituation (über-)leben muss. Da das autonome Nervensystem nicht dauerhaft nur sympathikoton aktiv sein kann, tritt ein innerer Kollaps ein, ein tiefes Aufgeben jeglicher Selbstbehauptungsimpulse. Dieses tiefe innere Zusammenbrechen wird durch den Parasympthikus gesteuert (ähnlich wie bei Scham). Es führt in eine Art Totstellreflex, in dem Menschen eher hypoton (spannungslos) werden als hyperton. Diese Art von Aufgabe geht tiefer als Resignation. Resignation entsteht, wenn ich etwas nicht bekommen oder erreichen kann, weil ich die Mittel oder Fähigkeiten dazu nicht habe.

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Andere Menschen entwickeln zum Überleben den Fawn Response oder Bambi-Reflex. Sie lesen beständig die Wünsche und Bedürfnisse ihrer Eltern und versuchen sich so zu verhalten, dass sie nicht anecken, nicht auffallen und keine Wut provozieren. Diese Kinder entwickeln kein auffälliges Verhalten. Ganz im Gegenteil sind sie unglaublich „pflegeleicht“ und fallen so auch in der Schule oder im Kindergarten nicht auf. Sie werden für ihre Aufmerksamkeit sogar oft noch gelobt.

Das Problem mit dem Bambi-Reflex ist, dass er für das Umfeld der Betroffenen so ungeheuer angenehm ist. Es ist kein Problemverhalten, mit dem Betroffene ständig auffallen oder anecken. Genau aus diesem Grund fällt vielen Therapeutinnen das Verhalten oftmals kaum auf. Leider geht damit viel des Therapieerfolges verloren, da sie weiterhin darin gefangen sind, es jemandem recht machen zu wollen - diesmal uns. Dies kann dazu führen, dass sie Dinge bearbeiten, die wir vorgegeben haben und Dinge vermeiden, von denen sie wahrnehmen, dass wir sie als Therapeutinnen nicht gerne hören oder ungern damit arbeiten.

Oft wird angenommen, dass Dissoziation oder der Fawn Response Reaktionen sind, die situativ auftreten. Dies ist jedoch unbedingt nicht der Fall, da diese Zustände chronisch sein können. Als Therapeutin gilt es zu lernen, Dissoziation oder Fawn Response auch dann zu erkennen, wenn Menschen darin leben und selbst auch gar keine anderen Zustände kennen. Manchmal können wir dem Bambi-Reflex auf die Spur kommen, weil uns Klientinnen erzählen, dass sie an ihrer Arbeitsstelle ausgenutzt werden oder sich ständig um Angehörige kümmern. Ein weiteres Anzeichen können toxische Beziehungen und Co-Abhängigkeiten sein. Außerdem gibt es bei Menschen, die kaum für ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen einstehen können, oftmals starke somatische Schmerzen und Beschwerden.

Als Therapeutinnen können wir lernen, fein darauf zu lauschen, wo Klientinnen massiv gegen ihre eigenen Interessen leben und agieren. Wir können sie dabei unterstützen, wieder Selbstbehauptungsimpulse und Grenzen zu entwickeln. Vielleicht fällt uns auf, dass eine Klient*in beständig lächelt. Dies kann ein guter Ansatzpunkt sein, um sich den dahinter liegenden Mustern zu nähern. Man kann fragen, was innerlich passiert, wenn die Betreffenden das Lächeln sein lassen. Oftmals ist dies den Betroffenen kaum möglich. Da der Fawn Response als Überlebensmechanismus entstanden ist, wurde er auch zum Angstmanagement genutzt. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass jede Form von Unangepasstheit oder Selbstbehauptung dazu führen wird, dass etwas „Schlimmes“ passiert. Diese Gefühle liegen unter dem Anpassungsverhalten. Sie werden wieder aktiv und fühlbar, wenn gegen die Konditionierung verstoßen wird.

Ein weiteres Problem kann sein, dass Betroffene kaum ein Gefühl für ihr eigenes Selbst, für ihre Identität haben. Da diese so früh schon unterdrückt werden musste, gibt es nur das funktionale Ich, dessen Aufmerksamkeit immer nach außen ausgerichtet ist. Betroffenen ist es kaum möglich, die Aufmerksamkeit wirklich nach innen zu lenken. Dort wartet oft unendlich viel Schmerz, Enttäuschung und Verwirrung. Wir können unsere Klient*innen langsam darin begleiten, die innere Konditionierung zu durchbrechen und neue Erfahrungen zu machen.

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Angeberei und soziale Medien

Menschen geben an, weil sie sich dadurch besser fühlen, aber sie zahlen dafür auch einen hohen Preis, erklärt Bijan Moini. Wer zu viel angibt, nervt: Viele in den sogenannten sozialen Medien scheinen davon noch nie etwas gehört zu haben. Das Thema betrifft jeden, die Sprache ist ganz und gar außergewöhnlich, der Inhalt spannend. Schon die Vielfalt der Begriffe, ihr unterschiedliches Entstehungsalter und die vielen regionalen Sonderbezeichnungen zeigen, wie sehr Angeberei die Menschen beschäftigt. Angeber sind unbeliebt. Und doch geben wir alle an, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, im Beruf, im Privatleben, in den sozialen Medien.

Aber warum? Warum verkünden Menschen lauthals ihre beruflichen Erfolge, teilen geschönte Bilder aus dem Traumurlaub und Videos von den inspirierenden Höchstleistungen ihres Nachwuchses? Menschen geben an, weil sie sich dadurch besser fühlen. Sie ziehen Befriedigung daraus, ihren sozialen Status zu demonstrieren, zu dem Status ihres Gegenübers aufzuschließen oder diesen sogar zu übertreffen. Für den kurzen Kick bezahlen dreiste Angeber einen hohen sozialen Preis. In egalitären Jäger-und-Sammler-Gesellschaften wurde Angeberei deshalb nicht toleriert. Der Älteste eines solchen Stammes erklärte einmal einem Anthropologen, dass sich der Stamm der Prahlerei eines jungen Mannes, der viel Beute erlegt hatte und damit angab, stets erwehrte. Alle würden seine Beute als wertlos bezeichnen, bis er gelernt habe, bescheiden zu sein.

Nicht viele, die angeben, nehmen ihren Ansehensverlust wahr. Die engste Familie mag sich über einen akademischen Erfolg oder eine Gehaltserhöhung freuen. Aber auch auf der Empfängerseite kann uns das Wissen um den Empathy Gap helfen: Manchmal schätzen Menschen die Wirkung ihrer Worte einfach falsch ein. Hier und da dürfen wir es ihnen nachsehen. Notorischen Angebern aber müssen alle Paroli bieten, wie einst unsere Vorfahren.

Die Rolle von Wut und Ärger

Negative Emotionen, wie Wut, Hass, Ärger, Zorn oder Aggression, gibt es seit Beginn der menschlichen Existenz. Diese entstehen in einem evolutionär alten Bereich unseres Gehirns, dem limbischen System. Dieses besitzt, ungefähr auf Schläfenhöhe, eine Ansammlung von Nervenzellkörpern - die Amygdala. Verknüpft mit der Großhirnrinde, ist die Amygdala verantwortlich für eine große Bandbreite an Emotionen. Sie gilt als Schaltzentrale für die Gefühle Angst und Wut und verarbeitet in deren Kontext Reizinformationen von Augen und Ohren. Passiert dies, setzt sie die hemmende Großhirnrinde außer Kraft und sendet über den Hypothalamus Warnsignale an den gesamten Körper. Zwar schickt der Hypothalamus auch Warnsignale an die kontrollierende Großhirnrinde zurück, jedoch deutlich langsamer als das limbische System. So entsteht eine unkontrollierte Wut, bevor wir nach einiger Zeit wieder mehr an Kontrolle gewinnen.

Sind wir wütend, verändern wir Merkmale unserer Mimik. Unser Gesicht wird zu einer Fratze - die Augenbrauen ziehen sich zusammen, die Augen kneifen, unser Unterkiefer schiebt sich nach vorne und wir zeigen unsere Zähne. Studien belegen, dass wir ärgerliche Gesichter schneller wahrnehmen als freundliche. Für unseren Körper ist das seine Art zu sagen: „Vorsicht, am besten gerade nicht nähern.“

Die Wut entsteht im Laufe des Lebenszyklus auf viele verschiedene Arten und Weisen. Während bei kleinen Kindern die Trotzphase ein wichtiger Baustein zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit darstellt, gibt es bei Erwachsenen verschiedene Auslöser, wie z. B. Ungerechtigkeit, Respektlosigkeit, Angriff auf die eigene Persönlichkeit, Ausnutzen, Enttäuschung, unangemessene Kritik, Verletzung des Selbstwertgefühles oder Überforderung und Belästigungen. In Kombination mit Rachegedanken ist Wut eine explosive Mischung, die in Aggression münden kann. Diese ist eine permanente Impulsivität, die sich im Affekt äußert.

Was uns im Alltag nervt

Im 17. Jahrhundert störten sich manche Europäer an der Kartoffel. Diese sei nur ein Trend aus der Neuen Welt und werde sicherlich bald verschwinden. Hundert Jahre später zeigten sich viele kluge Köpfe von Gott und der Welt irritiert. Buchstäblich. Weil beide kaum jenen Gesetzen gehorchten, die die Vertreter der beginnenden Naturwissenschaften beobachteten. Wiederum ein Jahrhundert später nervten qualmende Schornsteine besonders stark. Kurzum: Die Menschheit ist wohlvertraut mit dem Gefühl der Irritation. Wieso empfinden wir überhaupt bestimmte Dinge als nervig? Und auf welche Signale und Konstellationen reagieren wir dünnhäutig? Diesen Fragen ging der amerikanische Psychologe Joe Palca in einer Internetumfrage nach. Was also nervt uns heute?

  1. Laute Geräusche: „Auffällig viele Irritationen sind auditiver Natur“, beobachtete Palca. Die störendsten Geräuschquellen sind bellende Hunde, laute Laubbläser, Autohupen sowie Möchtegernsänger. „Besonders nervig und alltäglich ist Baustellenlärm“, schreibt der Psychologe. Laute Kräche sorgen jeden Tag für neuen Frust. Ebenso irritierend sind schrille und komplexe Geräusche wie etwa das gefürchtete Kratzen von Fingernägeln entlang einer Tafel. Dass dieser Klang so lästig ist, dafür sorgt laut Joe Palca ein evolutionär alter Teil des menschlichen Gehirns: Das Mittelhirn wittert in dem durchdringenden Ton den Warnschrei oder Hilferuf eines Mitprimaten. Ähnliches gilt für die afrikanische Vuvuzela. Hier sei nicht allein die Lautstärke so störend - sondern vor allem die Neigung des menschlichen Gehirns, den Ton als Warnsignal zu interpretieren. Manche Menschen soll der Vuvuzelalärm gar an das Herantrampeln einer Elefantenherde erinnern.
  2. Leise Geräusche: „Leise Klänge können ebenfalls stören“, schreibt Palca und zitiert eine Untersuchung mit Angehörigen eines afrikanischen Stammes: Die Mafa in Kamerun und Nigeria fühlen sich demnach in besonderer Weise von ferner dissonanter Musik gestört. Bestimmte leise Geräusche nerven sogar über die Grenzen von Spezies hinweg, zum Beispiel das Summen einer Mücke. Es macht sowohl Zwei- als auch Vierbeinern zu schaffen. Um das Gefühl der Irritation besser zu verstehen, empfiehlt Palca, Menschen mit Misophonie zu studieren. Diese Personen haben eine verminderte Toleranz gegenüber den Lautäußerungen um sie herum. Sie reagieren mit intensiven Gefühlen auf all das, was die meisten von uns nicht einmal wahrnehmen: Schon das Atmen oder Gähnen kann bei ihnen starke Irritation und Unruhe auslösen. Solche emotionalen Reaktionen wissenschaftlich besser zu verstehen würde nicht nur Misophoniebetroffenen Aufschluss darüber geben, wie wir effektiver mit leisen, aber störenden Geräuschen umgehen können.
  3. Die lieben Mitmenschen: Und wer sind die Menschen, von denen sich Palcas Umfrageteilnehmer am meisten irritiert fühlen? Zu dieser Kategorie zählen lautstarke Nachbarn ebenso wie Telemarketing-Anrufer, die uns beim Abendessen rasch mit ein paar Produktfragen löchern wollen. Ebenso nervig sind Drängler, die sich in Schlangen prinzipiell nicht hinten anstellen, sondern rücksichtslos nach vorne zwängen. Selbst Stars und Sternchen sind bisweilen anstrengend. „Lästig sind all jene, die wir nicht ignorieren können, selbst wenn wir es wollen“, so Palca. Seine Umfrageteilnehmer führten eine weitere Spezies von nervigen Menschen auf: all jene, die bestimmte Ausdrücke und Kommentare benutzen. Dazu gehören Sätze wie „Es ist, wie es ist“ und das Akronym „LOL“, das manche Zeitgenossen nicht nur beim Chatten, sondern auch in alltäglichen Gesprächen benutzen. Die Irritation, die wir im Umgang mit derlei Störenfrieden in unserem Umfeld empfinden, sei „die schwächste Form von Wut“, so Palca.
  4. Lästige Umstände: Welche Situationen sind nervtötend? Zum Beispiel - da waren sich die von Palca Befragten einig - die Bedienung automatischer Anrufweiterleitungen, bei der sie durch die Eingabe bestimmter Zahlen und nach langen Wartezeiten mit etwas Glück endlich zum Kundendienst durchgestellt werden. „Damit uns ein Umstand nervt, muss er mindestens drei Kategorien erfüllen“, schreibt Palca. Zunächst darf er nicht gefährlich für uns sein. Außerdem darf die Quelle unserer Irritation nicht ständig präsent sein, sondern sie schlägt unvermittelt zu - wie die Schranke am Bahnübergang, die uns ausgerechnet immer dann zum Warten zwingt, wenn wir es besonders eilig haben. „Gerade wenn etwas unberechenbar ist, können wir uns kaum dagegen wappnen und sind dem Umstand ausgeliefert - was uns besonders leicht verärgern und lästig werden kann.“ Und zuletzt muss etwas über einen schwer abzusehen Zeitraum anhalten, damit es uns nervt - beispielsweise das Warten auf einen Flug, dessen Boarding immer wieder um zehn Minuten hinausgezögert wird, so dass man sich nicht auf eine festgelegte Warte­zeit einrichten kann.
  5. Die Technik: Selfie-Sticks schafften es in Palcas Umfrage auf die Liste der irritierendsten Alltagsgegenstände. Im alltäglichen Umgang mit der Kommunikationstechnik fanden die Befragten vor allem virtuelle Assistenten wie Siri und Alexa zum Haareraufen, ebenso die zahlreichen Pop-up-Werbungen im Internet.

Emotionale Erstarrung als Schutzmechanismus

Es wirkt paradox: Ein Mensch bekommt eine Hiobsbotschaft, die alles verändert - und bleibt vollkommen ruhig. Kein Zittern, keine Tränen, nicht einmal Fassungslosigkeit. Stattdessen: Leere. Innerer Stillstand. Wer jemals einen schweren Unfall miterlebt hat, vom plötzlichen Tod eines Angehörigen erfährt oder Opfer eines gewaltsamen Übergriffs wird, kennt den Zustand womöglich: Statt Panik oder Schmerz kommt - nichts. Diese emotionale Erstarrung ist jedoch kein Zeichen menschlicher Kälte oder Stumpfheit. Vielmehr handelt es sich um eine Notreaktion des Nervensystems.

Emotionale Erstarrung ist ein Zustand, in dem Fühlen, Denken und Handeln voneinander abgekoppelt scheinen. Sie seien „wie hinter Glas“, berichten Betroffene, hätten „vollkommen neben sich gestanden“ oder seien „wie betäubt“ gewesen. Zwar nehmen sie die Umgebung wahr, jedoch ohne emotionale Resonanz. Die Psychologie spricht in solchen Fällen oft von einer akuten Dissoziation - einer Verfassung, in der das Bewusstsein sich schützend abspaltet, um vor seelischer Überwältigung zu bewahren. Es handelt sich um einen der tiefgreifendsten Abwehrmechanismen des Menschen. Manche Forschende vergleichen ihn mit der in der Natur weit verbreiteten Freeze-Reaktion: Wenn Kampf oder Flucht nicht möglich sind, reagiert der Körper mit Erstarrung, stellt sich tot.

Begleitet wird dieser Zustand häufig von körperlichen Symptomen: Der Atem wird flacher, der Blick starr, die Haut gefühllos, der Herzschlag fühlt sich seltsam entrückt an. Die Zeit dehnt sich oder scheint gar stillzustehen. Neurobiologisch betrachtet ist das emotionale Erstarren die Folge einer extremen Stressreaktion, bei der das autonome Nervensystem die Kontrolle übernimmt. Im Zentrum steht unter anderem die Amygdala, die für die Regulierung von Angst oder Wut verantwortlich ist. Gleichzeitig verändert sich die Aktivität im präfrontalen Kortex - vor allem in jenen Arealen, die für emotionale Bewertung zuständig sind. Während das Denken, mindestens von außen gesehen, oft erstaunlich klar bleibt, ist das Gefühlserleben wie abgeschnitten.

Vorübergehend mag das neurobiologische Schutzprogramm sinnvoll sein: Wer nichts fühlt, zerbricht nicht. Nicht sofort. Problematisch wird es, wenn sich die Starre festbeißt und der innere Ausnahmezustand nicht mehr weichen will. Wenn Menschen wochen- oder monatelang zwar funktionieren, wenn sie arbeiten, einkaufen, kommunizieren. Sich dabei aber selbst nicht mehr spüren. Wenn sich Nähe immer unangenehmer anfühlt und Freude denkbar flach. Wenn sich Trauer allenfalls als diffuse Regung zeigt, verloren im Irgendwo.

Menschen, die in der Kindheit wiederholt und dauerhaft emotional überfordert oder allein gelassen wurden, erstarren als Erwachsene tendenziell häufiger. Ihr Nervensystem hat früh gelernt, sich abzukoppeln - aus Notwehr. Doch was einst schützte, wächst sich nun zur Last aus. Chronische Dissoziation kann zu einem brüchigen Selbstgefühl führen, zu Depressionen und Angststörungen. Wer sich selbst nicht spürt, kann auch schwer in Beziehung treten. Doch diese Distanz kann sich auflösen.

Um die Gefühle wiederzufinden, braucht es zuweilen keiner Worte. Sondern den Körper: Berührung, Bewegung, Atmung. Deshalb setzen Therapien mehr und mehr auf körperorientierte Verfahren. Methoden wie Somatic Experiencing, traumasensibles Yoga oder achtsamkeitsbasierte Körperarbeit können helfen, die Verbindung zwischen Empfindung und Bewusstsein langsam wiederherzustellen. Dabei geht es nicht um schnelle Durchbrüche, sondern um feine Signale: den Druck der Fersen auf Holzboden, die sanfte Bewegung des Bauchs und der Brust beim Ein- und Ausatmen. Impulse, sich zu strecken. Auch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) zeigt bei vielen Menschen Wirkung: Bei dieser Methode versetzen sich Betroffene in den Schrecken der Vergangenheit und lassen dabei ihre Augen rhythmisch hin und her wandern. Das Verfahren hilft, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten.

Und ja: Nicht zuletzt hilft es auch, das Unfassbare auszusprechen, es zu erzählen, zu benennen. Oder aufzuschreiben, selbst wenn die Worte zunächst fehlen. Viele erleben: Was in Sätze gekleidet wird, verliert ein Stück weit seinen Schrecken. Emotionale Erstarrung ist keine Schwäche. Sie ist ein kluger Reflex des Körpers - eine Überlebensleistung des Nervensystems. Wenn sich jedoch das, was einst schützte, verselbstständigt, führt der Weg zurück selten geradeaus. Vielmehr mäandert er, in Bögen, verschlungen, stockend. Aber: Er ist möglich. Und mit jedem Schritt, mit jedem Atemzug, jedem Wort kann die Chance wachsen, dass aus Taubheit wieder Empfindung wird. Zart vielleicht noch, aber echt. Und irgendwann reicht dann ein Moment. Ein Blick. Eine Melodie. Ein Streicheln, das unter die Haut geht. Dann man merkt man: Das Spektrum der Gefühle, es ist wieder da.

Genervtsein als Warnsignal

Manchmal reichen schon Kleinigkeiten aus, um uns maximal zu nerven. Sind wir einfach zu empfindlich? Nein, sagt die Wissenschaft. Ohne das Gefühl genervt zu sein, könnten wir den Alltag kaum stemmen. Angela Merkel wirkte am Montag (16.11.) ziemlich genervt von der Beratungsrunde, sie hätte gerne mehr erreicht, doch die Ministerpräsidenten und -Präsidentinnen blockierten. Das ist quasi der Prototyp einer Nervsituation. Der komme dadurch zustande, dass man Erwartungen habe, die nicht erfüllt werden, sagt der Psychologe Rainer Sachse.

Ordentlich genervt ist derzeit auch Joe Biden. Der gewählte US-Präsident möchte loslegen, doch Amtsinhaber Donald Trump versperrt ihm wie ein bockiges Kleinkind den Weg für einen geordneten Übergang und lässt ihn abblitzen. In so einer Situation des Tatendrangs kracht es besonders schnell, sagt Rainer Sachse. Wenn Respekt missachtet werde, kein Wille für Verhandlungen da ist und eigene Grenzen überschritten werden, dann sei der Ärger vorprogrammiert. "Wenn der eine meine Grenzen einfach überfährt und mich dann immer wieder mit irgendetwas behelligt, was ich nicht will - dann werde ich genervt. Und wenn er damit nicht aufhört, entsteht Ärger."

Aber führt uns Ärger beim Genervtsein nicht in eine Sackgasse? Lohnt es, sich über die Kollegin aufzuregen, die zu laut ihren Kaffee schlürft? Es hat einen Sinn, so der Psychologe. So wie Angst, die uns über eine mögliche Gefahr informiere, sei auch der Ärger Teil der biologische Warnfunktion von Emotionen: Der Ärger informiere uns darüber, dass irgendwas nicht so läuft wie wir das gerne hätten und wir was ändern müssen. "Genervt sein oder Ärger informiert uns darüber, dass irgendwas nicht so läuft, wie wir das gerne hätten und dass wir was machen müssen."

Würde wir die Emotion nicht wahrnehmen, würden wir auch nicht merken, dass irgendwo Handlungsbedarf bestehe, so der Psychologe. Je nach Situation sind wir unterschiedlich stark genervt, manchmal halten wir Dinge einfach aus, manchmal platzt uns fast der Kragen. Der US-Kommunikationsforscher Michael Cunningham spricht hierbei von sozialen Allergenen. Dabei vergleicht er unscheinbare Situationen mit kleinen Pollen. Ein Pollen macht uns nicht viel aus, doch wenn sie sich häufen, dann reagieren wir allergisch. So ähnlich läuft es mit der Frustration.

Gut zu wissen, aus dieser Erkenntnis könne durchaus Positives entstehen, sagt Rainer Sachse: Kommunikation und Kompromissbereitschaft. "Man muss darüber reden, dass man genervt ist und was man eigentlich möchte. Und das zweite ist Verhandeln. Das heißt, dass man kompromissbereit ist."

Soziale Allergene

Genervtsein sei eine milde Form von Ärger, meinen einige Psychologen. Eine Expertin für das Thema Nerven bin ich schon - ich lebe mit meinem Bruder zusammen. Um herauszufinden, wer am ehesten soziale Allergien auslöst, hat Cunningham in einer Studie 150 Menschen gefragt, welche Person sie durch Kleinigkeiten irremacht. 30 Prozent gaben an, dass ein Freund die größte Nervensäge sei, bei 18 Prozent war es der Lebensgefährte, weitere 18 Prozent nannten einen Kollegen, in 17 Prozent der Fälle war es der Vorgesetzte oder Lehrer, und - siehe da - 14 Prozent nannten ein Familienmitglied. Jeder Studienteilnehmer war in der Lage, auf Anhieb jemanden zu benennen. Das heißt, jeder reagiert mal sozial allergisch.

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