Das menschliche Miteinander ist komplex. Beziehungen sind das Wichtigste, das wir haben, doch oft genug erleben wir, dass uns andere Menschen absichtlich oder unabsichtlich auf die Nerven gehen. Warum ist das so? Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Gründe, die dazu führen können, dass Menschen andere bewusst oder unbewusst verärgern, und bietet Einblicke, wie man besser damit umgehen kann.
Die Vielschichtigkeit menschlichen Verhaltens
Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass jeder Mensch anders ist und seine eigenen Bedürfnisse, Ziele und Interessen hat. Es ist normal, dass es zu Konflikten kommt, wenn diese aufeinandertreffen. Wie Gitta Jacob, Hamburger Psychotherapeutin, Psychologin und Buchautorin, bei der Psychologie Heute Live! Veranstaltung „Schwierige Menschen“ in Berlin erklärte: „Weil wir alle unsere Bedürfnisse ausleben. Und weil es das wichtigste Befürfnis ist, unseren Selbstwert zu erhalten."
Unterschiedliche Rollen, Ziele und Interessen
Manchmal kreuzen sich unsere Wege, selbst wenn wir theoretisch auf dasselbe Ziel ausgerichtet sind. In einem Unternehmen beispielsweise können die Geschäftsführung und die Mitarbeitenden unterschiedliche Prioritäten haben, was zu Konflikten führen kann. Die Geschäftsführung möchte Ausgaben einsparen, während die Mitarbeitenden innovative Ideen umsetzen wollen.
Die Last der Probleme anderer
Die Probleme anderer Menschen können uns betreffen und belasten, selbst wenn sie uns in der Theorie nichts angehen. Eine gestresste, wütende oder verletzte Person kann uns zufällig in die Schusslinie ziehen. Oder jemand ist unzuverlässig und wir müssen eine größere Portion Arbeit übernehmen. Auch das Teilen von Problemen kann eine Belastung darstellen.
Mangelnde Rücksichtnahme
Manchmal nehmen Menschen keine Rücksicht auf unsere Gefühle, ohne böse Absicht. Ein dahingesagter Satz, eine vergessene Antwort oder eine Kompromisslosigkeit können uns in Bedrängnis bringen. Auch wir selbst können unachtsam sein und andere ungewollt verärgern.
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Emotionale Trigger und wunde Punkte
Erfahrungen im Leben können uns für bestimmte Situationen besonders sensibel machen. Eine einsame Kindheit kann Angst vor Ausgrenzung wecken, während ein Mangel an Wertschätzung zu Selbstzweifeln führen kann. Diese wunden Punkte sind für andere unsichtbar, doch eine versehentliche Berührung kann schmerzhaft sein.
Notlagen und der Impuls zu schaden
Gelegentlich greifen Menschen andere aktiv an oder sabotieren sie, weil sie sich in einer Notlage sehen. Sie fühlen sich klein, verletzt oder überfordert und verspüren den Impuls, anderen zu schaden. Reue kann folgen, aber die Tat ist bereits geschehen.
Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensmuster
Neben den allgemeinen Gründen gibt es auch spezifische Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensmuster, die dazu führen können, dass Menschen andere nerven.
Narzissmus
Besonders bekannt sind Narzissten, die ihre eigenen Bedürfnisse für die wichtigsten halten und einen Anspruch auf deren Erfüllung haben. Sie neigen dazu, andere zu manipulieren und abzuwerten. Eine erwachsene Beziehung auf Augenhöhe ist mit ausgeprägten Narzissten kaum möglich.
Selbstunsicherheit und Abhängigkeit
Ein Komplementär zu den Narzissten bilden die "Selbstunsicheren" und die "Dependenten". Sie fühlen sich ständig unsicher, wollen "an die Hand genommen werden" und lassen gerne andere ihre Angelegenheiten regeln. Ihnen fehlt es an Selbstwertgefühl, was sie daran hindert, ihren eigenen Weg zu gehen.
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Hysterisches Verhalten
Viele kennen auch Menschen, die zu hysterischem Verhalten neigen, gerne auch „Dramaqueen“ genannt. Sie sind auffällig laut und stets mit einem anderen Drama beschäftigt, das sie vor anderen inszenieren. Für andere kann das verwirrend und anstrengend sein, aber auch sehr unterhaltsam.
Borderline-Persönlichkeit
Als Ausnahme unter den schwierigen Menschen bezeichnete Jacobs die „Borderliner“. Mangelnde Impulskontrolle, starker Alkoholkonsum, Selbstverletzungen und riskantes Sexualverhalten sind typisch. In Beziehungen mit ihnen gibt es ein ständiges, starkes Auf und Ab.
Das Streben nach Freude und die Vermeidung von Schmerz
Das Verhalten jedes Menschen ist im Kern darauf ausgerichtet, Freude zu erhöhen und Schmerz zu verringern sowie Ressourcen zu sparen und Belohnung nicht zu lange aufzuschieben. In diesem Sinne handeln wir alle stets „rational“, nämlich zugunsten dieser Ziele. So wird auch vermeintlich unvernünftiges Verhalten nachvollziehbar.
Unbewusste und veraltete Verhaltensmuster
Viele unserer Verhaltensmuster, mit denen wir für uns erstrebenswerte, angenehme Gefühle erzeugen möchten, sind unbewusst und veraltet. Was in unserer Kindheit eine Lösungsstrategie sein sollte und womöglich sogar funktioniert hat, ist im Erwachsenenleben meist nicht mehr in der gewünschten Weise sinnvoll, sondern führt zu Konflikten mit anderen Menschen.
Der Blick auf den Zweck des Verhaltens
Anstatt Menschen zu verurteilen, sollten wir uns fragen, was sie mit ihrem Verhalten eigentlich erreichen wollen. Die Organisationspsychologin Ragnhild Struss empfiehlt, den Blick darauf zu richten, was diese Menschen mit ihrem Verhalten eigentlich erreichen wollen.
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Kausalität vs. Finalität
Der österreichische Psychotherapeut Alfred Adler erarbeitete im Rahmen seiner Individualpsychologie die Unterscheidung zwischen Kausalität und Finalität. Statt nach den Ursachen für ein Verhalten in der Vergangenheit zu suchen, sollten wir uns fragen: „Was ist der Zweck ihres Verhaltens?“
Die wahren Ziele hinter dem Verhalten
Ob wir eine 1 schreiben, eine Gehaltserhöhung bekommen oder 5 Kilogramm abnehmen wollen: Entscheidend ist das Gefühl, was wir uns vom Erreichen unserer Ziele versprechen. Wir möchten uns beispielsweise klug, respektiert oder attraktiv fühlen.
Bedürfnisse erkennen und helfen
Wenn das nervige Verhalten ein Schrei nach Hilfe ist, was möchte dieser Mensch vielleicht eigentlich mit seiner Art erreichen? Welche Bedürfnisse werden aus dem Verhalten deutlich? Versuchen Sie außerdem, die Bewertung des Menschen oder seines Verhaltens wegzulassen. Denken Sie daran: Die Person handelt nicht aus böser Absicht, sondern im Sinne ihrer Ziele rational.
Umgang mit schwierigen Menschen
Wie also können wir besser mit Menschen umgehen, die uns auf die Nerven gehen?
Akzeptanz und die Illusion der Veränderung
Gitta Jacob empfiehlt Akzeptanz für die Macken der anderen und einen „Kratzer“ an einer verbreiteten Illusion: Den anderen ändern zu können. Anstatt sich damit zu verzetteln, sei es für uns viel besser, das zu tun, was uns wichtig ist.
Freundschaftlicher Umgang
Anstatt unseren Partner ändern zu wollen, sollten wir ihn als unseren guten Freund ansehen. Unreifes Verhalten und mangelnde Gefühlskontrolle sind Gift in der Beziehung.
Grenzen setzen und Distanz wahren
Setzen Sie klare Grenzen und machen Sie deutlich, welche Verhaltensweisen für Sie nicht akzeptabel sind. Reagieren Sie nicht auf persönliche verbale Angriffe oder weichen Sie ihnen aus. Schränken Sie den Kontakt ein oder brechen Sie ihn ab, wenn nötig.
Konfrontation suchen
Manche Runtermacher reden abwertend nur in Abwesenheit der jeweiligen Person. Suchen Sie bewusst die Konfrontation, aber werden Sie dabei nicht emotional oder laut.
Selbstreflexion
Überlegen Sie, ob es Verhaltensweisen gibt, mit denen Sie immer wieder bei anderen Menschen anecken oder wovon diese regelmäßig genervt sind. Könnte es sein, dass Sie damit auf ungünstige Weise Ziele erreichen möchten, die Sie besser auf anderem Wege anstreben?
Die Projektion eigener Gefühle
Oft projizieren wir unsere eigenen Gefühle, Eigenschaften und inneren Konflikte auf Situationen mit anderen Menschen. Anstatt uns damit auseinanderzusetzen, spiegeln wir unsere Traumata - und laden sie damit auf die Person ab, die uns vermeintlich schon mit ihrer bloßen Existenz furchtbar aufregt. Hören Sie lieber mal tiefer in sich hinein.
Misokinesie: Der Hass auf Bewegung
Eine weitere Erklärung für das Nerven bestimmter Verhaltensweisen könnte in der Misokinesie liegen. Laut einer Studie der University of British Columbia (UBC) in Kanada reagiert ungefähr ein Drittel der Bevölkerung negativ auf das Zappeln oder Hampeln anderer Menschen.
Symptome und Ursachen
Eine Misokinesie tritt oft gemeinsam mit einer Misophonie auf. Die Symptome reichen von minimalen Reaktionen bis hin zu extremen Störgefühlen. Mögliche Ursachen könnten in den Spiegelneuronen liegen, die uns Empathie ermöglichen. Das Zappeln anderer Menschen könnte uns nerven, weil wir uns in sie hineinversetzen und ihre Nervosität spiegeln.
Kommunikationsmuster
Auch bestimmte Kommunikationsmuster können dazu führen, dass Menschen andere nerven.
Viel reden und wenig zuhören
Manche Menschen reden ununterbrochen über sich, ohne auf ihr Gegenüber einzugehen. Sie sind nicht an einem Austausch interessiert und merken nicht einmal, dass ihr Gesprächspartner nur nickt.
Das "Verholzen" im Alter
Mit zunehmendem Alter können Menschen "verholzen", d.h. ihre Persönlichkeit verfestigt sich und sie sind nicht mehr bereit, ihre Vorstellungen zu hinterfragen. Sie reden viel, um ihre Welt zu kontrollieren und ihre Meinung zu verteidigen.
Umgang mit "Verholzten"
Am besten gibt man "Verholzten" Recht, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Langfristig sollte man solchen Menschen aus dem Weg gehen, weil es zu langweilig ist, in ihrem Monolog die Komparsin zu spielen.
Gründe für das Schlechtmachen anderer
Manchmal nerven Menschen, weil sie andere bewusst schlechtmachen. Dafür gibt es verschiedene Gründe:
- Minderwertigkeitsgefühle
- Mangelndes Selbstbewusstsein
- Neid
- Negative Gefühle wie Frust, Ärger, Wut und Enttäuschung
- Projektion eigener Unzulänglichkeiten
- Gruppendruck
Warum Menschen streitsüchtig sind
Manche Menschen scheinen ständig auf Streit aus zu sein. Dafür gibt es viele Gründe, wie z. B. Neid, Frust oder Langeweile. Oft werden andere provoziert und absichtlich falsch verstanden.
Umgang mit Streitsüchtigen
Am besten ignoriert man streitsüchtige Menschen, wenn eine normale Diskussion nichts bringt. Im beruflichen Kontext sollte man sachlich bleiben und sich nicht von der Emotionalität des Gegenübers anstecken lassen.