Unsere Fähigkeit, uns Dinge vorzustellen, ist für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Wir können uns lebhafte Szenarien ausmalen, Erinnerungen abrufen oder zukünftige Ereignisse gedanklich durchspielen. Doch was passiert, wenn diese Fähigkeit fehlt? Wenn das innere Auge blind ist und die Vorstellungskraft im Dunkeln bleibt? Dieses Phänomen, bekannt als Afantasie, wirft faszinierende Fragen auf und gibt Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns und die Auswirkungen auf unser Erleben.
Die Entdeckung der Afantasie
Schon im 19. Jahrhundert bemerkte der Wissenschaftler Sir Francis Galton, dass die Vorstellungskraft von Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann. Doch erst in jüngster Zeit erfuhr das Phänomen der Afantasie, also dem nahezu vollständigen Fehlen bildlicher Vorstellungskraft, mehr Aufmerksamkeit. Adam Zeman und seine Forschungsgruppe an der University of Exeter prägten vor einigen Jahren den Begriff "Afantasie". Eine aktuelle Studie schätzt, dass fast vier Prozent der Bevölkerung davon betroffen sind.
Es ist wichtig zu betonen, dass Afantasie keine Behinderung darstellt, sondern lediglich eine kognitive Eigenart. Sie markiert einen besonders niedrigen Wert auf dem breiten Spektrum des Vorstellungsvermögens. Die Frage, die sich jedoch unmittelbar stellt, ist, wie sich dieses Unvermögen, sich etwas bildlich vorzustellen, auf das Leben und Erleben der Betroffenen auswirkt.
Auswirkungen auf das persönliche Erleben
Für die meisten Menschen ist es selbstverständlich, ihre Vorstellungskraft bei alltäglichen Aufgaben und Entscheidungen zu nutzen. Welche Konsequenzen hat es also, wenn diese Erlebniskomponente fehlt? Die Forschung steht hier noch am Anfang, aber erste Ergebnisse sind eindrucksvoll.
Demnach träumen Menschen mit Afantasie seltener und weniger intensiv. Auch ihr autobiographisches Gedächtnis ist schwächer ausgeprägt, was bedeutet, dass sie sich weniger gut an Ereignisse aus ihrer Vergangenheit erinnern können. Zukünftige Ereignisse können sie sich kaum vorstellen.
Lesen Sie auch: Nervige Menschen? Diese Sprüche helfen!
Betroffen ist nicht nur die bildliche Vorstellung, sondern auch die anderer Sinne. So fällt es Betroffenen schwer, sich vorzustellen, wie etwas riechen oder ein Lied klingen könnte. Andere kognitive Funktionen, bei denen man häufig selbstverständlich auf die Einbildungskraft zurückgreift, scheinen jedoch nicht beeinträchtigt zu sein. Dazu gehören das räumliche Denken und Gedächtnis oder das visuelle Arbeitsgedächtnis. Womöglich setzen die Betroffenen hierbei andere Strategien ein, um diese Aufgaben zu bewältigen.
Neurophysiologische Grundlagen
Welche neurophysiologischen Prozesse der Afantasie zugrunde liegen, ist noch unklar. Bekannt ist, dass ein weitverzweigtes Netzwerk an Gehirnregionen beteiligt ist, wenn wir uns etwas bildlich vorstellen. Dieses Netzwerk erstreckt sich von Regionen im Stirnbereich bis zu den visuellen Regionen an der Hinterseite des Gehirns. Entscheidende Unterschiede können somit an vielen Stellen auftreten.
Studien, die Afantasie mittels bildgebender Verfahren wie fMRT untersucht haben, fehlen bislang. Allerdings könnten Untersuchungen aus anderen Bereichen Rückschlüsse liefern. So ist der Hippocampus, der unter anderem beim Abruf von Gedächtnisinhalten eine Rolle spielt, auch für die Erzeugung gedanklicher Bilder unabdingbar. Fehlt er oder ist er stark geschädigt, ist es unmöglich, sich zukünftige Ereignisse vorzustellen.
Auch Studien darüber, wie sich die unterschiedlich stark ausgeprägte Vorstellungskraft neurophysiologisch widerspiegelt, sind aufschlussreich. In einer Studie konzentrierten sich Forscher auf die visuellen Regionen und fanden heraus, dass Menschen mit einer präziseren Vorstellungskraft einen größeren primären visuellen Cortex (V1) haben. Umgekehrt stellten sie jedoch auch fest, dass ein kleinerer V1 mit einer intensiveren Vorstellungskraft assoziiert war. Mit anderen Worten: ein größerer V1 bedeutete eine präzisere, aber weniger intensive Vorstellungskraft.
In einer weiteren Studie wurde zudem festgestellt, dass bei Menschen mit weniger intensiver Vorstellungskraft der V1 leichter erregbar und aktiver war. Diese Zusammenhänge klingen zunächst paradox. Die Forscher vermuten jedoch, dass sie widerspiegeln, wie Signale aus dem Inneren des Gehirns gegenüber den Signalen von den Sinnesorganen bei jedem Menschen unterschiedlich gewichtet werden. Wird dem Input von "außen", d.h. von den Sinnesorganen, ein stärkeres Gewicht gegeben - womöglich ablesbar an einem größeren und aktiveren V1 - treten die internen Hirnsignale, die auch Vorstellungsbilder erzeugen, womöglich weniger ins Bewusstsein.
Lesen Sie auch: Strategien gegen Nervensägen
Afantasie und psychische Erkrankungen
Eine besonders spannende Frage ist, inwieweit sich das Unvermögen, sich etwas bildlich vorzustellen, auf psychische Erkrankungen auswirken könnte. Bei der Generalisierten Angststörung malen sich die Betroffenen beispielsweise Schreckensszenarien aus, die in der Zukunft eintreten könnten. Bei der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) durchlaufen sie sogenannte Flashbacks, in denen sie das traumatische Erlebnis nochmal erleben. Bei der Schizophrenie können Halluzinationen auftreten. Doch was passiert, wenn man sich gar nichts bildlich vorstellen kann?
Eine Möglichkeit wäre, dass Menschen mit Afantasie eher vor solchen psychischen Erkrankungen gefeit sind. Eine im letzten Jahr veröffentlichte Studie könnte diese These unterstützen: Gesunde Probanden mit und ohne Afantasie sollten darin zum einen beängstigende Geschichten lesen und zum anderen furchteinflößende Bilder anschauen. Gleichzeitig wurde gemessen, wie groß ihre Angst war, indem man ihre Hautleitfähigkeit erfasste. Bei den Geschichten zeigte sich: Probanden, die sich Dinge bildlich vorstellen konnten, hatten physiologisch messbare Angstreaktionen - die Hautleitfähigkeit stieg an, was auf erhöhte Schweißbildung hinwies. Bei den Probanden mit Afantasie passierte hingegen - nichts. Anders bei den Gruselbildern. Beide Gruppen zeigten hier gleichermaßen Angst. Die fehlende Angstreaktion auf beängstigende Geschichten war bei Menschen mit Afantasie also wirklich nur dadurch bedingt, dass sie sich die Angstszenarien nicht bildlich vorstellen konnten.
Und dies ist offenbar nicht der einzige Effekt, den Afantasie mit sich bringt. Ein weiterer könnte besonders im Zusammenhang mit psychotischen Störungen relevant sein: In einer kürzlich veröffentlichten Studie fanden Forscher heraus, dass Menschen mit Afantasie deutlich unwahrscheinlicher Halluzinationen erleben. Zudem sind diese weniger lebhaft und komplex.
Ist Afantasie also womöglich ein schützender Faktor gegen so manche psychische Erkrankung? Mit dieser Schlussfolgerung sollte man vorsichtig sein. Denn Halluzinationen, Flashbacks oder Schreckensszenarien sind nur einige von vielen Symptomen, die bei solchen Erkrankungen auftreten können. Andere Symptome wie Schlafstörungen, innere Unruhe, Konzentrationsprobleme könnten auch Menschen mit Afantasie belasten. Das deutet auch eine Studie an, nach der Afantasie nicht unbedingt gegen alle Symptome schützt, die bei PTSD auftreten können. Im Gegenteil könnte sogar das Risiko bestehen, dass psychische Erkrankungen bei Menschen mit Afantasie schlechter erkannt werden - weil die so prägenden Symptome, die mit der Vorstellungskraft zusammenhängen, fehlen oder diffuser auftreten.
Lesen Sie auch: Strategien gegen Nerven