Einführung
Die Bedeutung des Schlafs wird oft unterschätzt, besonders in einer Gesellschaft, in der Zeit als kostbares Gut gilt. Doch Schlaf ist weit mehr als nur eine Ruhepause. Er ist ein essenzieller Faktor für unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit. Der österreichische Schlafforscher Prof. Dr. Manfred Walzl hat sich intensiv mit dem Thema Schlaf auseinandergesetzt und betont dessen vielfältige positive Auswirkungen.
Schlaf als Jungbrunnen: Wissenschaftlich belegt
Die Vorstellung vom Schönheitsschlaf ist keine bloße Einbildung. Eine Studie des Department of Clinical Neuroscience am Karolinska Institutet in Stockholm hat gezeigt, dass Menschen nach ausreichend Schlaf attraktiver beurteilt werden. In der Studie wurden Fotos von Personen nach acht Stunden Schlaf und nach nur fünf Stunden Schlaf verglichen. Die Testpersonen bewerteten die ausgeschlafenen Personen als attraktiver.
Zitate bekannter Persönlichkeiten
Schon in der Vergangenheit erkannten Dichter und Denker die Bedeutung des Schlafs. Arthur Schopenhauer verglich den Schlaf mit dem Aufziehen einer Uhr: „Der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr“. Heinrich Heine schwärmte leidenschaftlich: „Der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung!“. Franz Kafka forderte: „Der Mensch muss seinen Schlaf haben!“. Und Carl Zuckmayer schrieb dem Schlaf eine essenzielle Bedeutung für das Leben zu: „Der eigentlich hervorbringende, fruchtbare Teil unseres Daseins ist der Schlaf“. Goethe, der selbst regelmäßig mindestens neun Stunden schlief, sah im Schlaf sogar eine Gottheit.
Schlaf und Herzgesundheit
Eine ausreichende Schlafdauer ist wichtig für die Herzgesundheit und ein langes Leben. Die Whitehall II Studie, eine Langzeitstudie der Universität Warwick und des University College London, ergab, dass eine Reduzierung der Schlafdauer von sieben auf fünf Stunden das Sterblichkeitsrisiko deutlich erhöht. Frauen sollten besonders auf ausreichend Schlaf achten, da bereits weniger als acht Stunden Schlaf pro Nacht das Risiko für Herz- und Kreislaufkrankheiten erhöhen können.
Schlaf und Gewicht
Wer gut und ausreichend schläft, bleibt eher schlank. Im Schlaf wird das Appetit hemmende Hormon Leptin ausgeschüttet. Bei Schlafmangel kehrt der Hunger zurück, da das Hormon Ghrelin im Wachzustand zu wirken beginnt. Eine Langzeitstudie der Case Western Reserve University Cleveland zeigte, dass Kurzschläferinnen durchschnittlich mehr Gewicht auf die Waage brachten als Normalschläferinnen. Eine Untersuchung kanadischer Forscher der Universität Laval (Quebek) ergab, dass das Risiko für Übergewicht bei Kindern ohne ausreichende Nachtruhe höher ist.
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Schlaf und Leistungsfähigkeit
Schlaf hat Auswirkungen auf die Intelligenz und das Gedächtnis. Schlafmangel verringert die Gedächtnisleistung. Im Tiefschlaf wird Wissen verarbeitet, im Traumschlaf werden motorische Fähigkeiten geschult. Ein Mittagsschlaf kann die Arbeitsproduktivität steigern und das Risiko von Arbeitsunfällen senken. Eine Studie der Nasa ergab, dass ein Mittagsschlaf von rund 30 Minuten die Aufmerksamkeit um 35 Prozent erhöhen kann.
Interview mit Prof. Dr. Manfred Walzl
Edle Essenzen führte ein Interview mit dem Schlafforscher Prof. Dr. Manfred Walzl, um mehr über das Thema Schlaf zu erfahren.
Edle Essenzen: Warum schlafen wir eigentlich?
Manfred Walzl: Ohne Schlaf gibt es kein Leben. Wir können wochenlang ohne feste Nahrung auskommen, tagelang, ohne zu trinken, aber keine 48 Stunden ohne Schlaf. Sonst handeln wir uns ziemliche Probleme ein, körperlich wie geistig.
Edle Essenzen: Wie viel Mysterium und Rätsel steckt nach dem augenblicklichen Stand der Schlafforschung noch in der Thematik „Schlaf“?
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Manfred Walzl: In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat die Schlafforschung unglaubliche Fortschritte gemacht. Und im Schlaflabor entdeckt man beinahe täglich Neues. Wie sonst könnten wir schon unter 120 verschiedenen Diagnosen von Schlafstörungen unterscheiden?
Edle Essenzen: Schlafstörungen sind also ein weit verbreitetes Phänomen?
Manfred Walzl: Zweifellos. Auch die Weltgesundheitsorganisation, die WHO in Genf, ist übrigens ähnlicher Meinung. Sie hat die Schlafstörungen neben Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes und Lungenkrebs zu den vier großen Herausforderungen für die Medizin der nächsten fünfzig Jahre gereiht. „Ein ausreichender und qualitätsvoller Schlaf ist ein wirklicher Jungbrunnen (…) Der Schlaf kann vieles wieder gut machen. Er ist ein ganz bestimmender Faktor unseres Lebens, ein Spiegel unserer Seele.
Edle Essenzen: Wie und warum wird man eigentlich Schlafforscher?
Manfred Walzl: Wie vieles im Leben - es war der Zufall. Einer meiner ersten Leitartikel auf Seite 1 hat sich mit der Müdigkeit am Steuer beschäftigt, da wir damals eine ganze Serie von Schläfrigkeitsunfällen in der Steiermark hatten. Damals habe ich erstmals auf das Problem Sekundenschlaf und ‚die stille Beifahrerin‘, die Müdigkeit am Steuer aufmerksam gemacht. Viel später hat sich dann die Chance ergeben - ich war damals in der Arteriosklerose- und Hirnforschung tätig - in das relativ neue Fach Schlafmedizin zu wechseln.
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Edle Essenzen: Napoleon Bonaparte sagte einmal: „Vier Stunden schläft der Mann, fünf die Frau - und sechs Stunden ein Dummkopf“.
Manfred Walzl: Schlaf ist natürlich individuell. Tatsächlich sagt man von Napoleon, er habe nur vier Stunden Schlaf gebraucht, Einstein dafür elf. Vielleicht war Einstein deshalb gescheiter. Spaß beiseite: Tatsächlich brauchen Frauen zwischen acht und neun, Männer zwischen sieben und acht Stunden Schlaf.
Edle Essenzen: Goethe schlief nie weniger als neun Stunden, der von Ihnen eben erwähnte Albert Einstein sogar bis zu zwölf Stunden pro Tag. Also immerhin doppelt so lange wie Napoleon es allein einem „Dummkopf“ zugestehen wollte. Beide Herren sind ja nun aber nicht gerade als klassische „Dummköpfe“, sondern eher als Inbegriff des Genies schlechthin bekannt. Ist es reiner Zufall, dass gerade diese beiden so herausragenden Köpfe der Geistesgeschichte fast den halben Tag lang schliefen? Oder gab es möglicherweise irgendeinen Zusammenhang zwischen ihrem Genie und der ausgedehnten Schlafdauer?
Manfred Walzl: Eines ist klar: Wer zu wenig schläft, bekommt früher oder später Probleme mit seiner Hirnleistung. Ausreichender Schlaf ist - daran gibt es nichts zu rütteln - die Basis dafür, dass wir ordentlich funktionieren. Die Wissenschaft konnte aber auch in einzelnen Studien belegen, dass ein Zuviel an Schlaf offensichtlich auch nicht das Gelbe vom Ei ist. Daher nochmals: Die gerade gemachten Empfehlungen über die Schlafdauer sind so etwas wie die Richtschnur, die man einfach als Vorgabe nehmen muss. Ich weiß schon: Schlafen ist heutzutage nicht mehr chic.
Edle Essenzen: Sind Schlafgewohnheiten eigentlich beliebig änderbar, oder inwieweit ist das individuelle Schlafbedürfnis fest in uns verankert und vorprogrammiert?
Manfred Walzl: Nein, wir sind sozusagen programmiert. Machen wir uns nichts vor: Jeder kennt doch - wenn er ehrlich zu sich selbst ist - ziemlich genau seinen Schlafbedarf. Das ist wie mit einer Kreditkarte. Wenn sich die Schlafschulden anhäufen, wenn man tagelang zu wenig geschlafen hat, dann kommt der geistige Konkurs. Man ist nicht mehr aufmerksam, macht Fehler und baut Unfälle. Aber eines sei auch gesagt: Es gibt sie wirklich, die Eulen und die Lerchen, also die Früh- und Abendmenschen.
Edle Essenzen: Wenn die Schule, die Universität oder die Arbeit ruft, dann reißt uns der Wecker oft schon sehr früh morgens jäh aus den Träumen, unterbricht also künstlich unseren Körper bei einem Prozess, der offensichtlich noch nicht abgeschlossen ist - nämlich dem Schlaf.
Manfred Walzl: Der Wecker braucht einen doch gar nicht aus den Federn zu reißen, wenn wir ausreichenden oder noch besser: qualitätsvollen, Schlaf gehabt haben. Natürlich steht jeder beim Anschlagen des Klöppels senkrecht im Bett. Das ist nicht angenehm. Da empfehle ich doch schon eher den Lichtwecker,…
Schlafstörungen: Ein wachsendes Problem
Ein Viertel der Bevölkerung leidet bereits unter Schlafstörungen - und zwar sowohl Kinder als auch Erwachsene. Die Folgen für Volksgesundheit und Gesamtökonomie sind horrend. Die WHO listet Schlafstörungen neben Herzkreislauferkrankungen, Lungenkrebs und Diabetes unter jene vier Probleme, die unser Leben in den kommenden 50 Jahren am stärksten dominieren werden. Schuld daran ist in erster Linie unser durch eine stetige Zunahme an Tempo und Belastungen geprägter Lebensstil. Dieser bedingt zum einen, dass wir pro Woche durchschnittlich um etwa fünf bis sieben Stunden zu wenig schlafen. Laut Umfragen wird Schlafmangel und Verschlafen als Hauptgrund (61 Prozent) für das Schule schwänzen angegeben. Depressionen nehmen bei Jugendlichen deutlich zu. Dabei spielt die Schlafdauer eine entscheidende Rolle. Jeder zweite Erwachsene steht unter so starkem Stress, dass es regelmäßig zu nächtlichem Erwachen mit Grübeln und Gedankenkreisen kommt.
Ursachen und Folgen von Schlafmangel
Die Folgen von Schlafmangel sind vielfältig: Zu wenig Schlaf, starke Tagesmüdigkeit, erhebliche Einbußen in der Leistungsfähigkeit, erhöhte Unfallneigung, Fehleranfälligkeit sowie Produktionsausfälle. "Die Schlafstörung ist auch eine konkrete Basis für psychische Erkrankungen", warnt der Schlafpsychologe Günther W. Studien deuten darauf hin, dass schlechter, gestörter und vor allem zu kurzer Schlaf zu Störungen des emotionalen Verhaltens und der rationalen Kontrolle führt.
Schlafplatz und Schlafqualität
Ein weiterer möglicher Grund für Schlafstörungen sind mangelhafte Schlafplätze. Eine Folge des Schlafmangels, wie ihn ein schlechtes "Bettmaterial" verursachen kann, führt zur Beeinträchtigung der Konzentration, aber auch der Motorik. Denn gute Schlafqualität ist nicht zuletzt auch für das Organsystem der Bewegungsorgane relevant. Dauernder Schlafmangel bedeutet ein Leben wie unter zwei Promille Blutalkohol. Guter Schlaf ist daher ein wertvoller Schutz vor Verletzungen in Beruf und Freizeit und darüber hinaus gerade in der orthopädischen Rehabilitation wesentlich. Der Gestaltung des Schlafplatzes kommt generell eine hohe Bedeutung zu.
Tipps für einen besseren Schlaf
- Sei während des Tages wach.
- Regelmäßige Schlafzeiten einhalten.
- Schlafstörungen nicht als Schicksal hinnehmen.
- Einen gesunden Lebensstil pflegen.
- Mangelhafte Schlafplätze vermeiden.
- Qualitativ hochwertige Bettsysteme verwenden.
- Für eine Stabilisierung der Magnetfelder am Schlafplatz sorgen.
Bier und Gesundheit: Die Sicht von Manfred Walzl
Der Grazer Neurologe Manfred Walzl brachte zusammen mit einem Professor der Technischen Universität München ein Buch heraus, das sich mit den Eigenschaften des Biers beschäftigt. Walzl betont die vorbeugende Wirkung von Bier bei Nierensteinen und den hohen Gehalt an Kalium bei gleichzeitig niedrigem Natriumgehalt, was Bluthochdruck vorbeugen kann. Er betont jedoch, dass diese positiven Effekte nur bei mäßigem Konsum auftreten.