Manisch-depressive Erkrankung und Migräne: Ein komplexer Zusammenhang

Die bipolare Störung, früher bekannt als manisch-depressive Erkrankung, ist durch extreme Stimmungsschwankungen gekennzeichnet. Betroffene erleben rasch wechselnde Phasen von Manie und Depression. Migräne, eine neurologische Erkrankung, die sich durch wiederkehrende, oft heftige Kopfschmerzen äußert, kann den Alltag stark einschränken. Jüngste Forschungsergebnisse deuten auf einen komplexen Zusammenhang zwischen diesen beiden Erkrankungen hin.

Was ist eine Bipolare Störung?

Mit einer Lebenszeitprävalenz von etwa 5 Prozent ist die bipolare Störung häufiger als Schizophrenie (0,4 bis 0,7 Prozent), aber seltener als die unipolare Depression (16 bis 20 Prozent). Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Die Erkrankung tritt meist im jugendlichen oder jungen Erwachsenenalter erstmals auf und begleitet die Betroffenen ihr Leben lang.

Symptome und Verlauf

Die bipolare Störung ist durch den Wechsel von Phasen des Hochgefühls und der Euphorie (Manie) mit depressiven Phasen gekennzeichnet. Diese Phasen können Tage bis Monate, selten Jahre dauern. Stabile Phasen dazwischen, in denen weitgehende Symptomfreiheit erreicht wird, können Monate bis Jahre anhalten. Im Durchschnitt erleben Menschen etwa vier Phasen innerhalb der ersten zehn Erkrankungsjahre, wobei dies interindividuell stark variiert. Bei etwa 10 Prozent der Patienten treten im Laufe ihres Lebens mehr als zehn Episoden auf. Ein Rapid Cycling, bei dem vier Episoden innerhalb von zwölf Monaten auftreten, betrifft etwa jeden Fünften.

In schweren depressiven und manischen Phasen können psychotische Symptome mit Wahnideen oder Halluzinationen auftreten. In der Manie sind Größen-, Liebes-, Beziehungs- oder Verfolgungswahn häufig, während in der depressiven Episode hypochondrischer, nihilistischer, Beziehungs- oder Verfolgungswahn dominieren kann.

Ursachen und Risikofaktoren

Wie bei anderen psychischen Erkrankungen wird von einer multifaktoriellen Genese ausgegangen. Neben einer starken genetischen Komponente spielen vor allem Umwelteinflüsse eine entscheidende Rolle. Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien haben gezeigt, dass bei Verwandten ersten Grades von Patienten mit bipolaren Erkrankungen eine Häufung festzustellen ist. Ist ein Elternteil erkrankt, beträgt die Wahrscheinlichkeit für das Kind 10 bis 20 Prozent.

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Iatrogen verursachte Hypomanien oder Manien können durch die Behandlung mit Glucocorticoiden, Schilddrüsen- oder Sexualhormonen, L-Dopa und Stimulanzien ausgelöst werden. Bei manchen Patienten kann die Gabe von Antidepressiva zu einem Switch in die Hypomanie oder Manie führen, insbesondere bei Patienten mit bipolarer Prädisposition.

Eine Dysbalance der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin wird ebenfalls diskutiert. In depressiven Phasen kommt es zu einem Mangel an Neurotransmittern, und die Empfindlichkeit und Dichte der serotonergen, noradrenergen und dopaminergen Rezeptoren ist verändert. Ein Mangel an Neurotrophinen wie Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) kann dazu führen, dass sich das Gehirn nicht adäquat an wechselnde Umweltreize anpassen kann. In der manischen Phase ist die Konzentration an Dopamin und Noradrenalin dagegen erhöht. Schlafmangel, ein häufiges Frühwarnsymptom, scheint in direktem Zusammenhang mit dem Switch von der Depression in die Manie zu stehen, da er zur vermehrten Ausschüttung von Noradrenalin, Dopamin und BDNF führt.

Therapie

Je weniger Krankheitsphasen bis zur Einleitung einer Therapie vorliegen, desto besser sprechen die Patienten darauf an. Im Fokus steht besonders die Vermeidung von Suizidversuchen, da das Suizidrisiko in der Entstehungsphase der Erkrankung am größten ist. Auch die Vermeidung von Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch ist wichtig, da viele Patienten versuchen, ihren Leidensdruck durch Selbsttherapie zu reduzieren und in die Abhängigkeit geraten. Die Vermeidung von Beziehungskonflikten und der Erhalt der Arbeitskraft sind ebenfalls wichtige Therapieziele.

Die Behandlung bipolarer Erkrankungen umfasst kurz- und langfristige Ziele. Kurzfristig geht es um die Reduktion der depressiven und (hypo)manischen Symptome (Akutbehandlung), während langfristig die Stabilisierung der Stimmung und die Verhinderung weiterer Phasen (Rezidivprophylaxe) angestrebt werden.

Akutbehandlung

Die Akutbehandlung soll die Dauer der Phase verkürzen. Es kommen drei Wirkstoffgruppen in Betracht:

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  • Stimmungsstabilisierer: Lithium, Carbamazepin, Valproinsäure und Lamotrigin eignen sich zur Behandlung der bipolaren Erkrankung. Auch einige Antipsychotika wirken stimmungsstabilisierend.
  • Antipsychotika der zweiten und dritten Generation: Olanzapin, Quetiapin und Risperidon sind Vertreter der zweiten Generation. Bei der Wahl der Substanzen sind metabolische Nebenwirkungen zu berücksichtigen.
  • Antidepressiva: Obwohl etwa 30 Wirkstoffe bei unipolarer Depression eingesetzt werden können, ist zur Behandlung der bipolaren Depression keiner zugelassen. Einige Wirkstoffe bergen ein erhebliches Switching-Risiko und sollten daher vermieden werden.

Rezidivprophylaxe

Die Herausforderung besteht in dem sich verändernden Neurotransmitter-Gleichgewicht. Angestrebt wird die Stabilisierung der Stimmung, was dazu führen soll, dass insgesamt weniger manische und depressive Phasen auftreten. Idealerweise wählt man ein Präparat, das in der Akutphase begonnen und in der Langzeitbehandlung fortgeführt werden kann.

Die Wirksamkeit einer phasenprophylaktischen Behandlung sollte erst nach Ablauf der doppelten Dauer des durchschnittlichen Krankheitszyklus des Patienten beurteilt werden. Das Ziel der Prophylaxe ist die völlige Freiheit von manischen oder depressiven Phasen, was leider selten gelingt. In Betracht kommen insbesondere Carbamazepin, Valproat, Aripiprazol, Quetiapin retard und Lithium.

In hypomanischen und depressiven Phasen kann eine Psychotherapie helfen, den Patienten zu stabilisieren.

Was ist Migräne?

Jeder kennt starke Kopfschmerzen und weiß, wie sehr diese den Alltag einschränken können. Eine extreme Form dieser Schmerzen, welche sich durch Attacken äußert, ist die psychosomatische Migräne. Dabei können Betroffene bis zu 72 Stunden andauernde, wiederkehrende Kopfschmerzen erleiden. Im Regelfall wird dieses akute Auftreten durch psychische Faktoren ausgelöst und verläuft in mehreren Phasen. Manche Menschen haben lediglich ein bis zwei Mal im Jahr eine Migräne, andere leiden mehrmals im Monat oder gar fast täglich darunter. Der Kopfschmerz ist pulsierend, pochend oder stechend. Er tritt meist einseitig in einer Kopfhälfte auf, kann sich jedoch auch auf die andere Kopfseite ausdehnen. Migräne muss nicht zwingend psychosomatisch bedingt sein.

Ursachen und Auslöser

Die Ursachen, welche eine Migräne hervorrufen, können sehr individuell sein und stark variieren. In den meisten Fällen ist die Ursache organischer Art. Nachgewiesen ist, dass sich bei einer Untersuchung der hirnphysiologischen Besonderheiten von Migränepatienten Areale festmachen lassen, die bezogen auf Migräneerkrankungen eine bedeutende Rolle spielen. Infolge dessen wird ein Migränemotor diskutiert, welcher im Hirnstamm liegen soll. Des Weiteren gibt es psychische Auslöser der Migräne. Als einer der häufigsten Faktoren gilt hierbei Stress, außerdem sind auch verstärkte Emotionen bekannt dafür, eine Ursache für einen Migräneanfall zu sein. Ein zu intensiver Wechsel von Erregungszuständen, Schlafenzug oder hormonelle Schwankungen sind ebenfalls als Ursache bekannt. Einige Betroffene wissen auch, dass bei ihnen ein plötzlicher Wetterumschwung oder bestimmte Nahrungsmittel Migräne auslösen.

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Diagnose

In der Regel kann die Migräne im Gespräch mit einem Facharzt/-ärztin aufgrund der Krankheitsanzeichen eindeutig erkannt werden. Es werden bis zu 16 verschiedene Formen von Migräne unterschieden, davon leiden 85% der Betroffenen unter einer Migräne ohne Aura, unter einer Migräne mit Aura versteht man, dass Sehstörungen, wie beispielsweise nachlassende Sehkraft, hinzukommen. Hilfreich für eine Diagnose ist es, ein Kopfschmerztagebuch über vier bis sechs Wochen zu führen. Diese Verfahrensweisen können ergänzend zu einer Psychotherapie zum Einsatz kommen. Es ist in jedem Fall ratsam, bei wiederkehrenden Beschwerden medizinischen Rat einzuholen, um den jeweils sehr individuellen Verlauf der Migräne und mögliche Auslöser zu identifizieren und schnellstmöglich mit einem ganzheitlichen Therapieansatz zu behandeln.

Der Zusammenhang zwischen Bipolarer Störung und Migräne

Die Bipolare Störung und Migräne treten häufig gemeinsam auf, sind also komorbid. Ihnen gemeinsam könnte eine leichte Erregbarkeit von Nervenzellen sein, die sich sowohl in der Gehirnrinde (Cortex) bei Migränepatienten zeigte, als auch in Nervenzellen von Patienten mit der Bipolaren Störung, bei denen eine Lithium-Therapie wirksam war. Klinische Studien deuten auf eine höhere Zahl von Rückfällen bei bipolaren Personen mit Migräne, die mit Lithium behandelt wurden.

Daten bipolarer Patienten wurden danach kategorisiert, ob eine Migräne komorbid vorlag und ob eine Behandlung mit Lithium erfolgte. Die Autoren konnten Daten von 538 Patienten mit Bipolarer Störung Typ 1 analysieren. Migräne in der Vergangenheit war, unabhängig von einer Lithium-Behandlung, mit schlechteren klinischen Verläufen assoziiert, sowohl in Bezug auf Depression (p = 0,002), Manie (p = 0,005) sowie mentale (p = 0,004) und körperliche Lebensqualität (p = 0,005). Die Analyse bestätigte somit vorherige Daten zu schlechteren Verläufen der Bipolaren Störung bei komorbider Migräne. Zusätzlich deuten die Daten jedoch auch auf stärkere Symptome, speziell in Bezug auf Manien, bei einer Behandlung mit Lithium in dieser speziellen Patientengruppe.

Fast 40 % der Befragten hatte seit längerem Migräne, in der Untergruppe der bipolaren Störungen vom Typ II war die Migräneprävalenz mit 65 % noch höher. Die Manisch-Depressiven mit Migräne unterschieden sich von jenen ohne Brummschädel durch ihr jüngeres Alter, ihre höhere Bildung und durch weniger psychiatrisch bedingte Hospitalisationen.

Genetische Faktoren

Eine internationale Zusammenarbeit untersuchte, welche Erbanlagen verschiedenen Erkrankungen gemeinsam sind. Sie verglichen die Muster der Erbanlagen, also der Gene, von 25 psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen. Sie untersuchten dazu das gesamte Genmaterial von 265218 Patienten und 784643 Kontrollen. Zusammen waren dies also mehr als 1 Million Menschen, deren Gene auf Muster untersucht wurden, die mit einer Erkrankung des Gehirns zusammenhängen konnten.

Im Ergebnis zeigte sich eine breite Überschneidung zwischen verschiedenen psychiatrischen Erkrankungen. Besonders ADHD, die Bipolare Störung, unipolare Depression und Schizophrenie waren genetisch deutlich miteinander verbunden. Im Kontrast dazu unterschieden sich neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson und Multiple Sklerose stark voneinander. Auch mit den psychiatrischen Erkrankungen zeigten die meisten der anderen Gehirnerkrankungen wenig Gemeinsamkeiten. Lediglich Migräne schien, den Erbanlagen nach zu urteilen, eher den psychiatrischen Erkrankungen nahe zu stehen.

Die Studie zeigte damit anhand der Vererbungsmuster (genetische Faktoren) deutliche Verwandtschaften zwischen psychischen Erkrankungen. Mit diesen war auch die Migräne stärker verbunden. Solche Überschneidungen können anhand der teils vergleichbaren Symptome durchaus nachvollziehbar sein. Neurodegenerative Erkrankungen dagegen wie die Alzheimerdemenz oder die Multiple Sklerose schienen nur wenige genetische Faktoren zu teilen. Weiter könnte die genetische Studie helfen, die Erkrankungen des Gehirns in sinnvollere Gruppen aufzuteilen.

Therapieansätze

Die Behandlung von Patienten mit sowohl bipolarer Störung als auch Migräne erfordert einen integrativen Ansatz, der sowohl die psychischen als auch die neurologischen Aspekte berücksichtigt.

  • Medikamentöse Behandlung: Bei der Auswahl von Medikamenten müssen mögliche Wechselwirkungen und Kontraindikationen berücksichtigt werden. Lithium, ein häufig verwendeter Stimmungsstabilisator bei bipolarer Störung, kann bei manchen Patienten mit Migräne die Symptome verschlimmern. In solchen Fällen können alternative Stimmungsstabilisatoren wie Valproinsäure oder Lamotrigin in Betracht gezogen werden. Zur Behandlung von Migräne können Triptane oder andere spezifische Migränemittel eingesetzt werden.
  • Psychotherapie: Psychotherapeutische Verfahren wie die kognitive Verhaltenstherapie können Patienten helfen, Stressoren zu identifizieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln, die sowohl die Stimmung als auch die Migräneanfälle positiv beeinflussen.
  • Lifestyle-Anpassungen: Regelmäßiger Schlaf, gesunde Ernährung und Stressmanagement können sowohl bei bipolarer Störung als auch bei Migräne von Vorteil sein. Das Führen eines Kopfschmerztagebuchs kann helfen, individuelle Auslöser für Migräneanfälle zu identifizieren und zu vermeiden.

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