Einleitung
Martin Simons' Bericht über ein Jahr, das mit einer Hirnblutung begann und mit einem geheilten Herzen endete, ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem menschlichen Ausnahmezustand. Der Roman, der auf einer wahren Begebenheit basiert, schildert die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und die daraus resultierende persönliche Wandlung.
Die Hirnblutung: Ein Wendepunkt im Leben
An einem grauen Dezembernachmittag verliert Martin Simons plötzlich die Kontrolle über seinen Körper. Statt Weihnachten mit seiner jungen Familie zu verbringen, findet er sich auf der Intensivstation eines Berliner Krankenhauses wieder. Die Diagnose: eine Hirnblutung in einem sensiblen Bereich. Die Ärzte suchen nach den Ursachen, während Simons über sein bisheriges Leben resümiert. Jederzeit kann der "Finger aus Blut auf seinem Ausschalter", wie eine Ärztin es formuliert, sein Leben beenden.
Symptome und Diagnose
Simons spürt, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung ist. Er will frische Luft schnappen, doch es wird nicht besser. Die Kontrolle über seinen Körper entgleitet ihm. Er schleppt sich nach Hause und hofft, dass er nicht mitten auf der Straße zusammenbricht. Seine Frau erkennt sofort, dass er ärztlicher Hilfe bedarf. In der Notaufnahme muss er gar nicht erst warten, als er die Symptome schildert, sondern wird gleich zu einem Arzt gebracht. Der lässt ihn gleich mit Martinshorn zu einem Spezialisten in einer anderen Klinik fahren. Das CT zeigt eine Hirnblutung in einem sensiblen Bereich.
Ursachenforschung und medizinische Behandlung
Die Ärzte versuchen, den Grund für die Hirnblutung zu finden. Simons muss die Feiertage in der Klinik verbringen und sich strenger Bettruhe unterziehen. 48 Stunden keine Aufregung, keine Bewegung, nur um die größte Gefahr zu überleben. Untersuchung um Untersuchung folgen, abgelöst von Gedanken über das, was im Leben war und das, was bleibt, sollte er die kritische Phase nicht überleben.
Reflexionen über Leben und Sterben
Während seines Krankenhausaufenthalts geraten die inneren Kontinente des Erzählers in Bewegung. Er hinterfragt sich und seine Motive, seine Wünsche und Ziele, aber auch die Beziehungen zu seinen Liebsten und seine Arbeit. Der junge Familienvater ist vor den Kopf gestoßen und beginnt zu reflektieren, dass sein Leben sich sofort und jetzt ändern muss, denn was er bis jetzt verdrängt hat, ist, dass es endlich ist und er seine Zeit nicht weiter verschwenden darf mit Gedankenlosigkeit und Alltagskleinigkeiten.
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Die Auseinandersetzung mit der Todesnähe
Die Situation ist für den Patienten nicht überschaubar und schon gar nicht kontrollierbar. Nach der Annahme der Todesnähe kommen die essentiellen Fragen danach, was man erreicht hat, wie man gelebt hat, Fehler und Glücksmomente. Die Beziehungen zu Eltern, Ehefrau, Kind - wo steht er, will er so gehen? Manches rückt in ein anderes Licht. Dazwischen immer wieder widersprüchliche Erwartungen und Gefühle gegenüber den Angehörigen, die Weihnachten feiern, obwohl er dem Tode nahe ist. Genau die Dinge und Gedanken, die man im Alltag verdrängt, ausblendet, erkämpfen sich den vordersten Platz und sind können nicht mehr ignoriert werden.
Die Rolle der Familie
Simons möchte Halt und Zuspruch, aber seine Frau bekommt keinen Babysitter und so bleibt er erst einmal alleine mit sich und seinen Gedanken. An Heiligabend kommt auch die erweitere Familie an sein Bett: Entsetzt und hilflos sehen sie auf den Sohn, Ehemann, Bruder und Schwager, der die Seinen eher missmutig willkommen heißt und dem sein eigenes Verhalten ganz schnell leid tut. Er tröstet die Mutter auf dem Krankenhausflur und erkennt das Geheimnis der Elternschaft: Ihre Liebe zu ihm bestand „aus etwas Tieferem als Gefühlen. Selbst dann, wenn ich ihr menschlich völlig fremd geworden wäre und sie mich sogar nicht mehr ausstehen könnte, gäbe sie mich nicht auf.“
Die Suche nach den Ursachen: Meditation als möglicher Auslöser?
Simons vermutet, dass eine Meditationsübung seine Hirnblutung ausgelöst haben könnte. Er praktizierte vier Monate lang zweimal am Tag transzendentale Meditation, die darauf abzielt, die eigenen Gedanken zum Schweigen zu bringen. Er beschreibt Gedanken als "harte und stoffliche Felsbrocken", die er mit dem Mantra zertrümmern musste.
Bewusstsein vs. Materie
Simons zitiert Wissenschaftler, die die Annahme in Frage stellen, dass das Gehirn die Hardware für die Software des Bewusstseins sei. Stattdessen könnte die Welt als eine Struktur bewusster Erfahrungen betrachtet werden, wobei der tiefste Grund der Wirklichkeit geistig und nicht materiell ist. Falls dies zuträfe, könnten Meditationen sehr wohl Hirnblutungen verursachen.
Die Reaktion der Ärzte
Simons trägt diesen Gedanken während seiner zahllosen Untersuchungen den Ärzten vor. Die schrecken zurück, äußern sich nicht, wissen nicht, was sie meinen sollen. Keiner möchte eine offizielle Aussage dazu machen. Ein Arzt rät ihm jedoch ab, weiter zu meditieren.
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Die innere Wandlung und das geheilte Herz
Auch nach dem Krankenhaus setzt sich dieser Prozess einer inneren Wandlung fort. Simons erzählt mit Humor und großer Ehrlichkeit, was ihm in einem Jahr wirklich widerfahren ist. Er spürt eine neue Lebendigkeit, ein neues, intuitives Wissen über die Beziehungen zwischen Menschen und die Menschen an sich.
Ein Jahr danach: Bilanz und Erkenntnisse
Ein Jahr nach dem Erlebnis zieht der Autor Bilanz. Er erkennt, wie verletzlich wir sind und dass der Tod ein ebenso erbarmungsloser wie unfehlbarer Killer ist, der immer bereit und nie weit entfernt ist. Er liegt mit seinem kleinen Sohn und seiner Frau im Bett und hört beide leise atmen. „Je länger ich schaute, desto klarer wurde mir: Es gab zwischen ihrem sicheren Tod und meiner absoluten Liebe für sie einen Zusammenhang.“ Irgendwann, so denkt er, werde das aufhören.
Die Bedeutung von Poesie, Sachlichkeit und Klarheit
Simons ist etwas sehr Seltenes gelungen: Er hat über die Todesnähe, in der er sich damals befand, ein Buch voller Poesie geschrieben, voller Sachlichkeit und Klarheit, voll nüchterner Schönheit. Er erklärt, was unerklärlich ist, ohne religiöse Erklärungsversuche zu starten. Er berichtet einfach von dem, was ist, ordnet es ein in seinen Wertekanon und findet Worte für das, was eigentlich unerklärlich ist. Er überlässt es dem Leser selbst, zu einem Urteil zu gelangen - oder zu erkennen, dass es besser ist, nicht zu urteilen.
Stil und Rezeption des Buches
Martin Simons schreibt über das, was er selbst erlebt hat, das Ereignis, das ihn unerwartet aus dem Leben gerissen und alles in Frage gestellt hat. Er ist dabei wohltuend ehrlich und betrachtet sich selbst ungeschminkt und mit einer Portion Galgenhumor. Trotz der Schwere der Thematik findet der Autor einen leichten Erzählton, der es leicht macht, seinen Gedanken zu folgen und sich mit ihm in die Situation begeben.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt
Ein Bericht wie dieser kann einem als Leser nicht unberührt lassen. Unweigerlich stellt man sich dieselben Fragen, die sich der Autor in dieser Ausnahmesituation auch gestellt hat. Das Buch schleicht sich in den eigenen Alltag und stellt das eigene Leben in Frage. Es will kein Ratgeber sein und wird trotzdem irgendwie zu einem. Das liegt sicher an dem Autor, der es zulässt, dass man ihm sehr sehr nahe kommt, wie einem guten Freund.
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Kritische Stimmen
Einige Leser empfanden das Buch über weite Strecken als langweilig und vermissten eine sinnhafte Erkenntnis des Erzählers. Zudem blieb ihnen der Erzähler fremd, und seine egoistische, selbstbezogene Haltung ging ihnen auf die Nerven. Auch im familiären Miteinander herrschte eine seltsame Distanz. Der Bericht wirkt sehr nüchtern, denn Emotionen kommen so gut wie gar nicht vor, was angesichts der Lebensgefahr, in der der Erzähler schwebt, unerklärlich ist. Diese schwerwiegende Ernsthaftigkeit der Erkrankung kommt kaum zur Geltung. Ebenso störte die ständige Vermutung des Erzählers, dass eine Meditation seine Hirnblutung ausgelöst haben könnte.
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