Die Masern sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die trotz verfügbarer Impfung in Deutschland noch nicht eliminiert werden konnte. Die Diskussion um die Masernimpfung und eine mögliche Impfpflicht ist vielschichtig und berücksichtigt die Komplikationsrisiken der Erkrankung sowie die potenziellen Risiken der Impfung.
Masern in Deutschland: Eine Übersicht
Seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) im Jahr 2001 besteht eine bundesweite Meldepflicht für Masern. Nach einem anfänglichen Rückgang der Fallzahlen schwankt die jährliche Masernfallzahl seitdem. Das Ziel einer Masern-Inzidenz von < 1 Fall/1 Million Einwohner/Jahr wurde bisher weder in Gesamtdeutschland noch in Bayern erreicht. Auffällig ist der gestiegene Anteil der über 20-Jährigen unter den Erkrankten.
Die Schuleingangsuntersuchungen zeigen hohe Impfquoten für die erste und zweite Masernimpfung, jedoch deuten Abrechnungsdaten darauf hin, dass die tatsächlichen Impfquoten bei Kindern bis zum Alter von zwei Jahren niedriger liegen und regionale Unterschiede bestehen.
Komplikationen der Masern
Die Letalität von Masern in entwickelten Ländern beträgt etwa eins pro 1.000 bis 2.000 Masern-Erkrankungen. Zu den schweren akuten Komplikationen zählen:
- Masern-Pneumonie: Insbesondere bei vorbestehender Immundefizienz lebensbedrohlich.
- Primäre Masern-Enzephalitis (PME): Tritt während der Exanthemphase auf. Die Letalität beträgt ca. zehn Prozent, und bei 20 bis 30 Prozent der Betroffenen kommt es zu bleibenden Schäden.
- Akute postinfektiöse Masern-Enzephalitis (APME): Tritt in den ersten Wochen nach akuter Masern-Erkrankung auf.
- Masern-Einschlusskörper-Enzephalitis (MIBE): Eine Spätkomplikation, die nur bei schwerer Immundefizienz auftritt und fast immer tödlich verläuft.
- Subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE): Eine seltene, aber immer tödlich verlaufende Spätfolge der Masernvirus-Infektion, die in der Regel mehrere Jahre nach einer Masern-Erkrankung auftritt. Das Risiko für das Auftreten einer SSPE ist umso größer, je früher die Masernvirus-Infektion erfolgt. Eine Studie ergab ein geschätztes SSPE-Risiko von 1:3.300 nach Masernvirus-Infektionen in den ersten fünf Lebensjahren.
Masernimpfung: Schutz und mögliche Risiken
Die Masernimpfung erfolgt mit einem replikationsfähigen, aber attenuierten Impfvirus. Nach der Impfung kann es zu lokalen Reaktionen, Allgemeinsymptomen und in ca. zwei Prozent der Fälle zu „Impfmasern“ kommen.
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Falschbehauptungen und wissenschaftliche Fakten
Die Behauptung eines Zusammenhangs zwischen Masernimpfung und Autismus wurde widerlegt. Die entsprechende Studie wurde aufgrund von Datenmanipulation zurückgezogen, und zahlreiche weitere Studien konnten keinen solchen Zusammenhang bestätigen.
Postvakzinale Enzephalitis
Ob es durch Masern-Impfungen zu einer der APME entsprechenden postvakzinalen Enzephalitis kommen kann, ist nicht vollständig geklärt. Studien zeigen kein erhöhtes Risiko im Vergleich zu ungeimpften Kindern, sondern sogar ein vermindertes Risiko. In sehr seltenen Fällen (Größenordnung von 1:1.000.000) gab es Hinweise auf eine Häufung von akuten Enzephalopathien am achten und neunten Tag nach Impfung.
MIBE nach Impfung
Bei angeborenen Immundefekten, die zum Zeitpunkt der Masernimpfung nicht bekannt sind, kann es nach Masernimpfung zum Auftreten einer MIBE kommen. Bisher ist ein MIBE-Fall, der durch das Masern-Impfvirus verursacht wurde, in der Literatur beschrieben worden.
SSPE und Impfung
Nach heutigem Kenntnisstand wird die SSPE nur durch das Masern-Wildtypvirus verursacht. Bei SSPE-Patienten wurde bisher niemals das Masern-Impfvirus nachgewiesen.
Aktuelle Impfempfehlungen der STIKO
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Masernimpfung für:
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- Alle Kinder als Standardimpfung mit einem MMR-Impfstoff im Alter von elf und 15 Monaten.
- Säuglinge ab dem Alter von neun Monaten bei bevorstehender Aufnahme bzw. dem Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung.
- Nach 1970 Geborene ab einem Alter von neun Monaten mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfstoffdosis in der Kindheit.
- Nach 1970 Geborene ≥ 18 Jahre mit unklarem Impfstatus, ohne Impfung oder mit nur einer Impfstoffdosis in der Kindheit - einmalige Impfung mit einem MMR-Impfstoff.
Besondere Empfehlungen für bestimmte Berufsgruppen
Seit Januar 2020 empfiehlt die STIKO eine zweimalige MMR-Impfung für nach 1970 geborene Personen in bestimmten beruflichen Tätigkeitsbereichen, wie z.B. medizinische Einrichtungen, Einrichtungen der Pflege und Gemeinschaftseinrichtungen.
Warum zwei Impfungen?
Die zweite Impfung dient dazu, Impflücken zu schließen, da bei wenigen Geimpften die erste Impfung wirkungslos bleibt.
Nebenwirkungen der Masernimpfung
Masernimpfstoffe sind in der Regel gut verträglich, schwere Nebenwirkungen sind selten. Häufig sind Lokalreaktionen an der Injektionsstelle und Allgemeinsymptome wie Kopfschmerzen, Mattigkeit und Fieber. Etwa 5-15 Prozent der Geimpften entwickeln zwischen dem 7. und 12. Tag nach der Impfung mäßiges bis hohes Fieber. Etwa 5 Prozent der Geimpften zeigen in der zweiten Woche nach der Impfung ein 1-3 Tage anhaltendes Exanthem (Impfmasern), welches mild, nicht ansteckend und selbstlimitierend ist.
Seltene, schwere unerwünschte Wirkungen sind eine Thrombozytopenie oder idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP) sowie, sehr selten, eine Anaphylaxie. Eine Enzephalitis nach einer Masernimpfung wurde bei etwa 1 pro 1 Million Geimpften beschrieben.
Kontraindikationen
Die Impfung ist kontraindiziert für Personen mit bestimmten angeborenen oder erworbenen Störungen des Immunsystems, Schwangere und bei bekannter Allergie gegen eine der Impfstoffkomponenten.
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Die Masernimpfung und Enzephalitis
In sehr seltenen Fällen kann eine Masernimpfung zu einer Enzephalitis führen. Die Inzidenz ist jedoch niedriger als die Hintergrundinzidenz einer Enzephalitis unbekannter Genese bei ungeimpften Kindern.
Masern: Mehr als nur eine Kinderkrankheit
Masern sind keineswegs eine harmlose Kinderkrankheit. Sie können mit Komplikationen wie Mittelohr- oder Lungenentzündungen oder schwerwiegenden Komplikationen wie einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) einhergehen. Auch die Spätfolge SSPE ist eine ernstzunehmende Bedrohung.
Symptome und Komplikationen
Anfangs leiden Infizierte unter anderem unter Fieber, Schnupfen, Husten und einem Ausschlag der Mundschleimhaut. Anschließend entwickelt sich der typische Masern-Ausschlag. Zu den möglichen Komplikationen zählen schwerwiegende bakterielle Infektionen sowie neurologische Erkrankungsbilder.
Neurologische Komplikationen
Eine Maserninfektion kann sich im zentralen Nervensystem manifestieren und dort verschiedene Erkrankungen hervorrufen. Dazu gehört die akute disseminierte Enzephalitis (ADEM), bei der es zu Kopfschmerzen, Fieber und neurologischen Symptomen wie Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma kommt. Die Erkrankung führt bei bis zu 20 Prozent der Betroffenen zum Tod und bei bis zu 30 Prozent muss mit Hörverlust oder bleibenden neurologischen Schäden gerechnet werden. Weitere neurologische Komplikationen sind die seltene subakut auftretende Maserneinschlusskörperchen-Enzephalitis (MIBE) und die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE).
SSPE: Eine gefürchtete Spätfolge
Die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ist die am meisten gefürchtete Komplikation einer Maserninfektion. Das Risiko steigt mit abnehmendem Alter an. Besonders gefährdet sind Kinder im ersten Lebensjahr, die noch zu jung für eine MMR-Impfung sind. Die Erkrankung verläuft in vier Stadien und führt meistens innerhalb von ein bis drei Jahren zum Tod.
Masernvirus: Eigenschaften und Übertragung
Das Masernvirus (MeV) gehört zur Familie Paramyxoviridae, Gattung Morbillivirus. Es handelt sich um ein behülltes Einzelstrang-RNA-Virus mit negativer Polarität. Die primäre Infektion erfolgt über Aerosole oder Tröpfchen, wobei zunächst alveoläre Makrophagen und dendritische Zellen infiziert werden. Das Virus zeigt eine hohe Antigenstabilität, weshalb durch eine einmalige Infektion oder durch Impfungen eine lebenslange Immunität erworben wird.
Prävention durch Impfung
Die Impfung ist die effizienteste Methode, sich gegen Masern und die Komplikationen zu schützen. Durch ausreichend hohe Durchimpfungsraten könnten Masernfälle vermieden und die Erkrankung sogar ausgerottet werden.
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