Massage bei Alzheimer: Wirkung und Anwendung

Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten Herausforderungen im Bereich der Altersmedizin dar. Neben medikamentösen Therapien rücken zunehmend nicht-pharmakologische Ansätze in den Fokus, die darauf abzielen, das Wohlbefinden der Betroffenen zu steigern und ihre Lebensqualität zu verbessern. Eine solche nicht-medikamentöse Therapie ist die Massage, die sich als vielversprechend bei der Linderung verschiedener Symptome erwiesen hat.

Einführung in die Basale Stimulation

Die basale Stimulation ist ein pflegerisches Konzept, das darauf abzielt, die Wahrnehmung von Menschen mit schweren körperlichen oder geistigen Einschränkungen zu fördern. Ursprünglich in der Sonderpädagogik entwickelt, findet sie heute breite Anwendung in der Pflege von Menschen mit Demenz, Schlaganfallpatienten, Menschen im Koma oder in der Palliativpflege. Ziel ist es, einen Zugang zu Menschen zu finden, die möglicherweise nicht mehr in der Lage sind, verbal zu kommunizieren oder ihre Umwelt adäquat wahrzunehmen.

Grundlagen der Basalen Stimulation

Die Basale Stimulation wurde in den 1970er Jahren von Andreas Fröhlich für die Sonderpädagogik entwickelt und später durch Christel Bienstein weiterentwickelt. Seit den 1980er Jahren wird das Konzept auch in der Pflege erwachsener Menschen angewendet. Im Kern geht es darum, die Wahrnehmung der betroffenen Person zu erschließen und ihre Bedürfnisse zu erkennen, auch wenn sie sich nicht verbal äußern kann. Dies erfordert eine aufmerksame Beobachtung der Mimik, des Gesichtsausdrucks und des Verhaltens der Person.

Ziele der Basalen Stimulation

  • Steigerung des Wohlbefindens
  • Förderung der Kommunikation
  • Reduktion von Ängsten
  • Erhalt der Würde, insbesondere im Sterbeprozess

Anwendungsformen der Basalen Stimulation

Die basale Stimulation nutzt unterschiedliche Zugangswege, um die Wahrnehmung anzuregen. Dazu gehören:

  • Somatische Stimulation: Hierbei wird die Haut und der Körper durch Berührungen, Waschungen oder Massagen stimuliert, um die Körperwahrnehmung zu fördern.
  • Vestibuläre Stimulation: Diese zielt darauf ab, den Gleichgewichtssinn zu aktivieren, beispielsweise durch Positionierungen oder den Einsatz eines Schaukelstuhls.
  • Vibratorische Stimulation: Schwingungen, die durch Vibrationen oder sanftes Klopfen erzeugt werden, stimulieren tiefer liegende Körperebenen.
  • Orale Stimulation: Diese konzentriert sich auf den Mundraum und den Geschmackssinn, um die Mundmotorik zu fördern.
  • Olfaktorische Stimulation: Hier wird der Geruchssinn aktiviert, um Erinnerungen und emotionale Reaktionen zu wecken.
  • Auditive Stimulation: Geräusche und Musik werden genutzt, um den Hörsinn anzuregen und Erinnerungen sowie Emotionen zu wecken.
  • Visuelle Stimulation: Der Sehsinn wird durch das Zeigen von Familienfotos, farbigen Lampen oder bewegten Lichtern stimuliert.
  • Taktile/Haptische Stimulation: Der Tastsinn wird durch Gegenstände mit verschiedenen Texturen angesprochen.

Massage als Teil der Basalen Stimulation

Die Massage spielt eine zentrale Rolle in der somatischen Stimulation und kann vielfältige positive Effekte bei Menschen mit Alzheimer erzielen. Sie ist eine relativ leicht zu erlernende Methode und nahezu nebenwirkungsfrei.

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Wirkung von Massagen bei Alzheimer

  • Reduktion von Unruhe und Agitation: Studien haben gezeigt, dass Massagen positive Effekte auf psychologische und verhaltensbezogene Demenzsymptome wie Unruhe und Agitation haben.
  • Linderung von Depressionen: Massagen können auch depressive Symptome bei Menschen mit Demenz reduzieren.
  • Verbesserung der Körperwahrnehmung: Durch gezielte Berührungen und Streichungen wird die Körperwahrnehmung gefördert, was insbesondere bei Menschen mit fortgeschrittener Demenz von Bedeutung ist.
  • Förderung der Entspannung: Massagen wirken beruhigend und entspannend, was zu einem gesteigerten Wohlbefinden führt.
  • Ausschüttung von Glückshormonen: Die Berührungen und der enge Kontakt mit dem Therapeuten bewirken eine Freisetzung neuer Glückshormone, steigern die Stimmung des Senioren und geben ihm ein Gefühl von Geborgenheit.

Anwendung von Massagen bei Alzheimer

Bei der Anwendung von Massagen bei Menschen mit Alzheimer ist es wichtig, einige grundlegende Prinzipien zu beachten:

  • Einverständnis einholen: Vor jeder Berührung sollte das Einverständnis der betroffenen Person eingeholt werden.
  • Sanfte Berührungen: Die Massage sollte mit sanften, kreisenden Bewegungen durchgeführt werden, ohne Druck auf den Körper auszuüben.
  • Aufmerksame Beobachtung: Es ist wichtig, die Reaktionen der Person während der Massage aufmerksam zu beobachten und die Technik gegebenenfalls anzupassen.
  • Fließende Übergänge: Die Berührungen sollten fließend sein, ohne abrupt abzusetzen.
  • Individuelle Anpassung: Die Massage sollte an die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Person angepasst werden.

Praktische Beispiele für Massagen im Alltag

  • Handmassage: Die Finger einzeln kreisend streicheln und massieren, danach zur Hand übergehen und das Handgelenk umkreisen.
  • Armmassage: Vom Handgelenk aus den Arm hinauf bis zur Schulter kreisend massieren.
  • Fußmassage: Die Zehen einzeln massieren und das Bein entlang nach oben streichen.
  • Gesichtsmassage: Sanft das Gesicht mit kreisenden Bewegungen massieren, dabei Stirn, Wangen und Kinn einbeziehen.

Weitere nicht-pharmakologische Therapieansätze bei Alzheimer

Neben der Massage gibt es eine Reihe weiterer nicht-pharmakologischer Therapieansätze, die bei der Behandlung von Alzheimer eingesetzt werden können:

  • Aromatherapie: Der Einsatz von Aromaölen, insbesondere Lavendel, kann verhaltensbezogene psychologische Demenzsymptome wie Unruhe und Angst verringern.
  • Musiktherapie: Musik kann positive Erinnerungen und Gefühle wecken und somit das Wohlbefinden steigern.
  • Tiergestützte Therapie: Die Anwesenheit von Tieren kann eine beruhigende Wirkung auf Menschen mit Demenz haben.
  • Lichttherapie: Es gibt erste Hinweise darauf, dass die Lichttherapie die Schlafqualität der Betroffenen verbessern kann.
  • Kognitive Stimulation: Durch einfache Wort-, Zahlen- oder Ratespiele können die Wahrnehmung, das Lernen und das Gedächtnis verbessert werden.
  • Ergotherapie: Durch funktionelle, spielerische, handwerkliche und gestalterische Aktivitäten werden die Alltagskompetenzen gestärkt und möglichst lange erhalten.
  • Bewegungstherapie: Bewegung wirkt körperlichen Beschwerden entgegen und beeinflusst Verhalten und Körperwahrnehmung positiv.
  • Biographiearbeit: Durch die Biographiearbeit werden bei den Betroffenen gezielt Erinnerungen und Erfahrungen geweckt, beispielsweise durch Fotos, Geschichten, Musik oder Gerüche.
  • Realitätsorientierungstraining: Bei dieser Therapieform werden den Erkrankten aktiv Informationen zu Zeit und Ort angeboten, beispielsweise durch große Uhren und Kalender oder eine einfache Raumbeschilderung.

Herausforderungen und ethische Aspekte

Bei der Anwendung nicht-pharmakologischer Therapien bei Menschen mit Demenz ist es wichtig, einige Herausforderungen und ethische Aspekte zu berücksichtigen:

  • Individuelle Bedürfnisse: Jede Person mit Demenz ist einzigartig und hat individuelle Bedürfnisse und Vorlieben. Die Therapie sollte daher stets individuell angepasst werden.
  • Überforderung vermeiden: Es ist wichtig, die betroffene Person nicht zu überfordern und auf ihre Reaktionen zu achten.
  • Ethische Fragen: Bei einigen Therapieformen, wie beispielsweise der Verwendung von Scheinbushaltestellen, stellen sich ethische Fragen, die sorgfältig abgewogen werden müssen.

Die Rolle der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM)

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) betrachtet Demenz aus einem ganzheitlichen Blickwinkel, der den Körper, den Geist und die Umwelt miteinbezieht. In der TCM wird Demenz oft als ein Ungleichgewicht im Fluss der lebenswichtigen Energie oder "Qi" betrachtet, das zu einer Schwächung des Gehirns und des Geistes führt.

TCM-Behandlungsansätze

Behandlungsansätze in der TCM für Demenz umfassen oft eine Kombination aus:

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  • Akupunktur: Insbesondere die Schädelakupunktur nach Yamamoto kann die Durchblutung der Mikrozirkulation verbessern und die Rehabilitation der Gehirnfunktion fördern.
  • Kräutermedizin: Chinesische Kräuter werden eingesetzt, um das Gleichgewicht von Yin und Yang wiederherzustellen und den Fluss von Qi und Blut zu fördern.
  • Ernährungstherapie: Eine ausgewogene Ernährung wird empfohlen, um die Organfunktionen zu stärken und die kognitive Gesundheit zu verbessern.
  • Bewegung und Stressbewältigung: Techniken wie Qigong oder Tai Chi können helfen, Stress abzubauen und die körperliche und geistige Gesundheit zu fördern.

Fazit

Die Massage stellt eine wertvolle nicht-pharmakologische Therapieoption bei Alzheimer dar. Sie kann dazu beitragen, Unruhe, Depressionen und Agitation zu reduzieren, die Körperwahrnehmung zu verbessern und das Wohlbefinden zu steigern. In Kombination mit anderen nicht-pharmakologischen Ansätzen und gegebenenfalls ergänzenden Methoden wie der TCM kann sie einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Alzheimer leisten. Es ist jedoch wichtig, die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der betroffenen Person zu berücksichtigen und die Therapie entsprechend anzupassen. Eine umfassende Betreuung, die sowohl körperliche, geistige als auch soziale Aspekte berücksichtigt, ist entscheidend für einen positiven Krankheitsverlauf.

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