Migräne nach Corona: Ursachen, Auswirkungen und Präventionsstrategien

Die Corona-Pandemie hat nicht nur die Weltgesundheit, sondern auch das Leben vieler Einzelpersonen nachhaltig beeinflusst. Obwohl die akute Phase der Pandemie nach der Einschätzung von Expert:innen in einen endemischen Zustand übergegangen ist, kämpfen viele Menschen weiterhin mit den länger anhaltenden Auswirkungen des Virus, insbesondere mit dem sogenannten Long-COVID-Syndrom. Kopfschmerzen, einschließlich Migräne, gehören zu den häufigsten und belastendsten Symptomen von Long COVID. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen von Migräne nach Corona, die verschiedenen Ausprägungen von Kopfschmerzen im Zusammenhang mit Long COVID und die vielversprechenden Präventions- und Behandlungsansätze.

Long COVID: Eine anhaltende Herausforderung

Nach der Verkündung des Endes der Corona-Pandemie, die die Welt für lange Zeit lahmlegte, stieg die Zahl der Corona-Infektionen im Herbst wieder. Das Virus hat jedoch über die akute Infektion und Erkrankung hinaus bei einem Teil der Infizierten noch eine länger anhaltende Wirkung. Long COVID ist eine unpräzise Definition für vielfältige Symptome, die eine besondere Herausforderung für die medizinische Differenzial-Diagnose darstellen. Betroffene zeigen in der Regel nie sämtliche Symptome, die als „typisch“ für Long COVID angesehen werden. Die Krankheitsanzeichen treten nicht permanent auf, schwanken in ihrer Intensität und können auch nach einer Phase scheinbarer Symptomfreiheit zurückkehren. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Kopfschmerzen, Müdigkeit, Atemnot, Schlafprobleme, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Angstzustände und Depressionen. Hinzukommen können Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit (im Englischen als „brain fog“ bezeichnet).

Hinsichtlich der Häufigkeit der Erkrankung schwanken die Angaben aus den vorhandenen Studien erheblich. Eine Auswertung von mehr als 30 Untersuchungen zeigte beispielsweise, dass zwei Monate nach der akuten Krankheitsphase der Anteil an Long COVID-Patient:innen bei etwa 17 % lag, nach sechs Monaten waren es noch acht Prozent. Einer amerikanischen Studie aus dem Jahr 2023 zufolge zeigten sieben Prozent der Genesenen Symptome von Long COVID.

Kopfschmerzen als Begleiterscheinung von COVID-19 und Long COVID

Zahlreiche Studien belegen, dass Kopfschmerz zu den häufigsten Beschwerden im Rahmen einer akuten COVID-19-Erkrankung wie auch von Long COVID zählt. Das überrascht nicht, denn auch bei anderen Virusinfektionen kommt es oft zu Kopfschmerz als Begleiterscheinung. Die Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Long COVID und Kopfschmerz zeigen mehrere Variationen. Bei Migränebetroffenen kann es zum Beispiel zu einer Verschlimmerung ihrer bereits bestehenden Erkrankung kommen: Die Attacken treten nach ihrer Corona-Infektion häufiger auf oder dauern länger als vorher. Bei Menschen, die bis zu ihrer COVID-19-Erkrankung nicht unter Kopfschmerzen litten, kann sich nach Abklingen der eigentlichen Infektion erstmals Kopfschmerz entwickeln.

Verschiedene Arten von Kopfschmerzen im Zusammenhang mit COVID-19

Kopfschmerzen sind ein häufiges Symptom einer akuten Covid-19-Erkrankung. Kopfschmerzen können auch über die akute Erkrankung hinaus persistieren oder nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Bei Patientinnen und Patienten mit einer Kopfschmerzvorgeschichte wie Migräne treten Kopfschmerzen während und nach einer akuten COVID 19-Erkrankung intensiver und länger auf. Die Schmerzintensität während der akuten Erkrankung scheint der wichtigste Prädiktor für die Kopfschmerzdauer im folgenden Verlauf zu sein.

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Es werden unterschiedliche Kopfschmerztypen unterschieden, z.B. ein migräneartiger Kopfschmerz oder aber spannungsartige Kopfschmerzen. In diversen Studien gab die Mehrzahl der Patientinnen mit vorbestehenden Kopfschmerzen an, dass sich die mit Covid 19 in Zusammenhang stehenden Kopfschmerzen von ihren bisherigen Schmerzen unterscheiden. Sie wurden häufig als beidseitig und dumpf-drückend beschrieben (ähnlich des Spannungskopfschmerzes). Des Weiteren sind ein Teil der Patientinnen auch von typischen Migräne-Symptomen, wie der Geräusch- und Lichtempfindlichkeit, oder Übelkeit betroffen.

Kopfschmerzen nach einer COVID-19-Impfung

Kopfschmerzen können auch nach einer COVID-19-Impfung auftreten. Interessanterweise zeigte sich in einigen Untersuchungen, dass das frühe Auftreten von Kopfschmerzen im Prodromalstadium einer SARS-CoV-2-Infektion mit einer besseren Prognose der COVID-Erkrankung korrelierte. Kopfschmerzen nach einer COVID-19-Impfung waren sogar mit einer robusteren Immunantwort assoziiert, was darauf hindeutet, dass der physiologische Mechanismus komplex ist.

Ursachenforschung: Serotoninmangel als möglicher Schlüssel

Die Entstehungsmechanismen des Long COVID-Kopfschmerzes sind seit der Entdeckung des Phänomens Gegenstand intensiver Forschung. Lange war nicht klar, worin die Gründe der Beschwerden lagen. Einen Durchbruch bei der Ursachensuche könnte eine jüngst veröffentlichte Arbeit (Oktober 2023) aus den USA bedeuten. Die Arbeitsgruppe um Maayan Levy von der Perelman School of Medicine in Philadelphia entdeckte bei einer Analyse von mehreren Studien, dass es während der akuten Erkrankungsphase von COVID-19 bei den Patient:innen zu einem Abfall des im Blut zirkulierenden Botenstoffs Serotonin kam. Bei Genesenen normalisierte sich dieser Wert wieder, nachdem sie die Virusinfektion überstanden hatten. Entwickelten die Betroffenen allerdings Long COVID, so blieb das Serotonin weiter auf dem niedrigen Niveau.

Ein ähnlicher Serotoninmangel wurde auch bei Patient:innen gefunden, die sich mit anderen Viren infiziert hatten. Möglicherweise ist man mit diesen Befunden einer allgemeinen Reaktion des menschlichen Körpers bei Virusinfekten auf die Spur gekommen. Das angeborene Immunsystem setzt bei Viruskontakt verstärkt sogenannte Interferone vom Typ 1 frei. Diese Immun-Botenstoffe wirken auf die Darmschleimhaut, in der die Bildung von Serotonin aus der Aminosäure Tryptophan stattfindet. Die Interferone hemmen in den Zellen der Darmschleimhaut die Aufnahme von Tryptophan. Dadurch fehlt dort der Rohstoff für die Bildung von Serotonin, sein Level im Blut sinkt ab.

Die Rolle von Serotonin im Körper

Ein niedriger Serotoninspiegel beeinflusst die Gerinnungsaktivität bestimmter Blutzellen, der Thrombozyten. Der Mangel an dem neuroaktiven Botenstoff Serotonin wirkt sich auch auf die Funktion des Gehirns aus. Zwar kann es die sogenannte Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden, aber die Forscher:innen vermuten einen anderen Weg der Beeinflussung: Ist nicht genug Serotonin vorhanden, wird die Funktion des Vagusnervs beeinträchtigt. Dieser ist unter anderem aktiv an der Steuerung von Prozessen beteiligt, die sich auf das Gedächtnis, die Speicherung von Informationen und auch auf das Kopfschmerzgeschehen auswirken.

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Weitere mögliche Ursachen und Mechanismen

Neben dem Serotoninmangel werden auch weitere Faktoren als mögliche Ursachen für Kopfschmerzen im Zusammenhang mit Long COVID diskutiert. Dazu gehören:

  • Entzündliche Prozesse: Neue Erkenntnisse deuten darauf hin, dass bei der Entstehung von Post-COVID-Kopfschmerzen und Migräne entzündliche Prozesse und das angeborene Immunsystem von Bedeutung sind. Bei Migränepatientinnen und -patienten sind bestimmte entzündungsfördernde Substanzen im Blut erhöht.
  • Aktivierung des Immunsystems: Diskutiert werden eine dauerhafte Aktivierung des Immunsystems und des trigeminovaskulären Systems. In neueren Forschungsarbeiten wird das Augenmerk auf eine Beteiligung des sog. Inflammason gelegt. Dabei handelt es sich um einen Eiweißkomplex des angeborenen Immunsystems, welches, vereinfacht formuliert, für die Aktivierung von Entzündungsreaktionen, genauer für die Freisetzung von Entzündungsbotenstoffen verantwortlich ist.
  • Neuropathische Mechanismen: Während bei den akuten Schmerzen sowohl neuropathische als auch entzündliche Mechanismen verantwortlich gemacht werden, wird bei chronischen Kopfschmerzen eine Beteiligung des Inflammasoms diskutiert.
  • Durchblutungsstörungen: Eine Durchblutungsstörung kleinster Gefäße auf Grund einer chronischen Entzündungsreaktion, Autoimmunität und/oder Gerinnungsstörung spielen möglicherwiese eine Rolle.

Ähnlichkeiten zu anderen postviralen Kopfschmerzen

Langanhaltende Kopfschmerzen nach einer Virusinfektion sind nicht neu. Eine Influenza (Grippeinfektion) kann mit monatelangen „Nachwehen“ in Form von unter anderem Kopfschmerzen einhergehen und auch das Eppstein Barr Virus kann zu sehr hartnäckigen Kopfschmerzen führen. Bleibende Kopfschmerzen im Rahmen des Long Covid Syndroms weisen große Ähnlichkeit mit dem sogenannten NDPH auf. NDPH (new daily persistent headache) steht für neu aufgetretener persistierender täglicher Kopfschmerz. Bei dieser Kopfschmerzerkrankung kommt es zu anhaltenden, von Anfang an täglich auftretenden Kopfschmerzen ohne organische Ursache. Eine vergangene Covid 19 Infektion scheint ein Trigger für das Auftreten des NDHP zu sein.

Prävention und Behandlung von Migräne nach Corona

Impfung als Schutzmaßnahme

Inzwischen ist gut belegt, dass die Impfung gegen COVID-19 nicht nur gegen schwere Verläufe der eigentlichen Erkrankung schützt, sondern auch das Risiko für Long COVID erheblich senkt. Das heißt: Mit der Impfung lassen sich auch die Begleitsymptome vermeiden. Dabei wirkt eine sogenannte Booster-Impfung, also die Auffrischung des Impfschutzes, besonders gut. Eine 2022 veröffentlichte Untersuchung an Mitarbeitenden im Gesundheitswesen konnte zeigen, dass die Anzahl der Schutzimpfungen gegen COVID-19 in einem umgekehrten Verhältnis zum Risiko steht, an Long COVID zu erkranken. So fand man eine um zwei Drittel verminderte Wahrscheinlichkeit für Long COVID nach drei Impfungen. Man kann daher davon ausgehen, dass die wirksamste Präventionsmaßnahme nicht nur gegen eine krankheitsauslösende Infektion mit dem Virus, sondern auch gegen Long COVID, die konsequente Anwendung der Vakzine ist.

Medikamentöse Therapie

Covid 19 assoziierte Kopfschmerzen sprechen in der Regel recht gut auf herkömmliche Kopfschmerzmedikamente an. Diese können aber aus zwei Gründen problematisch sein: Zum einen ist bekannt, dass Covid 19 die Nieren angreift und die Gruppe der NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika), zu der auch der Wirkstoff Ibuprofen gehört, kann bei längerer Einnahme die Nieren schädigen. Aus diesem Grund ist eine längere Einnahme ohne ärztliche Kontrolle und regelmäßige Labor-Kontrollen nicht zu empfehlen. Zum anderen wird beschrieben, dass Long/ Post Covid Kopfschmerzen täglich auftreten können, was zu einer zu häufigen Schmerzmitteleinnahme verführt. Die tägliche Einnahme an Kopfschmerzmitteln darf aber nicht zur Normalität werden, denn Kopfschmerztabletten können bei zu häufiger Einnahme neue, sogenannte medikamenteninduzierte Kopfschmerzen, auslösen.

Nicht-medikamentöse Strategien

Menschen mit Wochen oder gar Monate andauernden Kopfschmerzen nach einer Covid-19-Erkrankung sollten sparsam mit Kopfschmerztabletten umgehen, um nicht in das ‚Hamsterrad´ des medikamenteninduzierten Kopfschmerzes zu geraten. Es lohnt sich in jedem Fall, auch nichtmedikamentöse Strategien auszuprobieren. Das Portfolio reicht von Bewegung an der frischen Luft über Entspannungstechniken und Stressreduktion.

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Multimodale Therapie

Analog zu anderen chronischen Schmerzerkrankungen sollte die Behandlung aus einer Kombination verschiedener Behandlungsbausteine bestehen. So ist neben der medikamentösen Therapie durch eine/n Schmerztherapeut*in eine bewegungstherapeutische und/oder psychotherapeutische Behandlung anzuraten. Die interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie ist dabei analog zu anderen chronischen Kopfschmerzen die am besten geeignete Therapieform.

Spezialisierte Therapieprogramme

Das Team der Schmerzklinik Kiel hat seit Beginn der Pandemie umfangreiche Erfahrungen mit der Diagnostik und Behandlung von Long-Covid aufgebaut und spezialisierte Therapieprogramme dafür entwickelt.

Was können Betroffene tun?

Nicht jeder, der nach einer durchgemachten Covid 19 Infektion häufiger an Kopfschmerzen leidet, leidet automatisch an Long/Post Covid Kopfschmerzen. Auch das Missverhältnis von verminderter Leistungsfähigkeit nach der Infektion und gleichbleibenden hohen Ansprüchen und Anforderungen des und an die/den Betroffene/n kann zu vermehrten Spannungskopfschmerzen führen. Die unsichere Zeit die wir gerade erleben steigert zudem das allgemeine Stressniveau und dadurch auch die Schmerzwahrnehmung.

Sollten die Schmerzen aber sehr stark und/oder hartnäckig sein, wird der Besuch einer/s Schmerzexpert*in empfohlen.

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