Sich am Limit fühlen, obwohl grenzenlose Liebe herrschen sollte - ein Gefühl, das viele Eltern kennen. Statt „endlich angekommen" fühlen sie sich rastlos und gestresst. Erschöpfung, Hadern und Überforderung in der Elternrolle gehen oft mit Scham und Schuld einher, Gefühle, die es schwer machen, darüber zu reden. Es ist Zeit, das Tabu zu brechen und offen über Burnout bei Eltern zu sprechen. Dieser Artikel erklärt, wie man ein Eltern-Burnout erkennt, wer ein besonders hohes Risiko hat und was man tun kann, um wieder mehr Kraft für sich und die Familie zu schöpfen. Zudem werden Strategien aufgezeigt, um mit schwierigen Familiensituationen und nerviger Verwandtschaft umzugehen.
Eltern-Burnout: Wenn die Care-Arbeit zur Last wird
Oft ist mit Arbeit die Erwerbsarbeit gemeint. Viele Eltern wissen jedoch, dass die sogenannte Care-Arbeit - das Kümmern und Großziehen der Kinder - oft kräftezehrender, körperlich und emotional anstrengender ist als jeder Bürojob. Für manche fühlt sich der Weg zur Erwerbstätigkeit fast schon wie eine Auszeit an. Burnout wird per Definition als Erschöpfungszustand im Arbeitskontext verstanden. Viele Expert:innen stimmen jedoch darin überein, dass es sich hierbei nicht zwangsläufig um Erwerbstätigkeit im engeren Sinne handeln muss. Schließlich ist Care-Arbeit vergleichbar mit vielen sozialen und pflegerischen Berufen - also genau jenen, die besonders häufig von Burnout betroffen sind.
Eltern-Burnout bezeichnet einen Zustand der anhaltenden Erschöpfung und Überlastung in der Elternrolle. In den letzten Jahren ist immer mehr Forschung in diesem Bereich entstanden. Die belgische Psychologin Dr. Isabelle Roskam entwickelte gemeinsam mit ihren Kolleg:innen eine Methode zur Messung des Burnouts bei Eltern, das sogenannte Parental Burnout Assessment.
Anzeichen und Symptome eines Eltern-Burnouts
Ein Anzeichen für Burnout bei Eltern ist es, sich in der Elternrolle körperlich oder emotional erschöpft und ausgelaugt zu fühlen. Dieser Zustand ist dabei nicht ein einzelner Moment oder Tag, sondern kann sich wie ein Dauerzustand der Energielosigkeit anfühlen. Als Reaktion auf die Erschöpfung kann es dazu kommen, dass sich Eltern von ihren Kindern zurückziehen. Das kann bedeuten, nicht mehr als notwendig mit ihnen zu unternehmen oder nicht mehr in der Lage zu sein, die eigene Liebe und Zuneigung auszudrücken. Dieser Rückzug ist oft der Versuch, Energie zu sparen und die eigenen inneren Akkus zu schonen.
Eltern, die von Burnout betroffen sind, verspüren häufig keine Erfüllung mehr im Elternsein. Zum Teil kann sich sogar das Gefühl einstellen, es kaum noch zu ertragen, Eltern zu sein. Dazu kommen kann das Gefühl, sich überfordert zu fühlen oder das Zusammensein mit den Kindern nicht mehr genießen zu können. Oft haben Menschen ein Bild davon, wie sie als Eltern sein möchten oder eben auch gerade nicht sein möchten (zum Beispiel bloß nicht wie die eigenen Eltern). Bei einem Eltern-Burnout klaffen diese Vorstellung oder auch das frühere Elternselbst und die Realität plötzlich weit auseinander.
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Wer ist besonders gefährdet?
Generell kann Burnout alle Eltern betreffen. Besonders häufig entwickeln jedoch Elternteile ein Burnout, die die Hauptlast der Care-Arbeit leisten. Die 40-Stunden-Woche kommt übrigens aus einer Zeit, in der in der Regel nur eine Person im Haushalt erwerbstätig war. Heute sieht es in vielen Beziehungen jedoch anders aus. Auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale wie Perfektionismus, Hochsensibilität oder Versagensangst können das Risiko eines Eltern-Burnouts erhöhen. Studien zeigen zudem, dass besonders Eltern aus eher individualistischen (typischerweise westlichen) Ländern eine höhere Rate von Burnout bei Eltern aufweisen. Es kann davon ausgegangen werden, dass hier oft mehr Leistungsdruck, Perfektionismus, erhöhter Stress und weniger familiäre Unterstützung herrschen.
Prävention und Linderung von Eltern-Burnout
Wie kann man Burnout als Eltern vorbeugen oder Beschwerden lindern?
Offen über Überforderung sprechen
Überforderung ist oft immer noch ein Tabuthema unter Eltern. Dabei kann es bereits enorm entlasten, mit anderen über die eigene Erschöpfung, Gereiztheit, Ungeduld oder fehlende Erfüllung in der Elternrolle zu sprechen. Denn ein solches Eingeständnis öffnet Türen: für andere Eltern, die merken, dass sie nicht allein sind und sich dann vielleicht trauen, über ganz ähnliche Gefühle oder eigene Selbstzweifel zu sprechen. So kann man erfahren, dass alle anderen es doch gar nicht so viel besser hinkriegen als man selbst.
Ambivalente Gefühle akzeptieren
„Ich will alleine sein und meine Ruhe haben, aber ich würde auch gerne mit meinem Kind spielen.” „Ich will gesund kochen, aber ich habe einfach keine Kraft mehr.” Das „aber” in den Sätzen kann den Eindruck erwecken, dass die beiden Satzteile nicht zusammenpassen. Versuche einmal, das Wort mit „gleichzeitig” oder „und” zu ersetzen. Damit gibst du beiden Satzteilen und damit auch beiden Gefühlen oder Zuständen Raum. Du möchtest vielleicht am Wochenende Zeit mit deinem Kind verbringen und gleichzeitig mal ganz für dich allein einen Kaffee trinken gehen. Und beide Wünsche und Bedürfnisse sind okay. Diese Ambivalenz ist Teil des Elternseins.
Eigenes Wohlbefinden in den Fokus rücken
Wie geht es dir eigentlich gerade? Eltern werden viel häufiger gefragt, wie es ihren Kindern geht, als sich selbst. Vielleicht steckt dahinter der Gedanke, wenn es den Kindern gut geht, geht es auch den Eltern gut. Dabei ist es genau andersrum.
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Freiräume schaffen
So wertvoll die Familienzeit auch ist - macht nicht alles zusammen. Manchmal können (besonders frischgebackene) Eltern dazu neigen, viele Abläufe im Alltag gemeinsam zu gestalten. Gemeinsames Wickeln, Anziehen, Essen, Spaziergänge, Baden oder ins Bett bringen. Selbst wenn die eine Person zuständig ist, ist die andere doch auch noch halb dabei. So wertvoll diese Zeit auch ist, schafft euch auch immer wieder Zeiten, in denen ihr nicht zuständig seid. Wirklich gar nicht. Das kann bedeuten, ganz bewusst das Haus zu verlassen oder die Zimmertür zu schließen. Auch hier ist Geduld und Übung gefragt. Denn so sehr wir uns freie Zeit auch wünschen, so schwer kann es manchmal auch sein, loszulassen.
Eigene Aufladestationen finden
Wie du deine freie Zeit gestaltest, sollte allein dir überlassen sein und keinen Regeln oder Erwartungen folgen. Aufräumen, Sport machen oder etwas „Produktives” tun? Musst du nicht. Finde vor allem Aktivitäten, nach denen du dich ausgeruhter und erholter fühlst. Manchmal ist es gar nicht so einfach zu wissen, was dir guttut. Um deine ganz persönlichen Aufladestationen zu finden, kannst du auch eine Liste anlegen, in der du deine Pausenzeit-Aktivitäten festhältst. Nach deiner Auszeit kannst du dann auf einer Skala von 0 - 10 bewerten: Wie erholsam war diese Aktivität heute für mich?
Schöne Momente bewusst wahrnehmen
Wie war’s heute? Stressig. Oft bleibt von einem turbulenten Familientag nur ein erschöpftes Gefühl zurück. Dabei ist an den allermeisten Tagen nicht alles chaotisch und ermüdend. Die kleinen schönen Momente am Tag fliegen jedoch schnell vorbei. Suche dir dafür am besten einen festen Zeitpunkt, zum Beispiel kurz vor dem Zubettgehen oder beim Zähneputzen. Überlege dir: Was war heute gut oder schön? Das gemeinsame Hörspielhören auf dem Weg zur Schule?
Tipp: Du kannst dir auch ein Notizbuch anlegen, in dem du die schönen Dinge (vielleicht auch mit deiner Familie gemeinsam) festhältst. Bei dieser Übung ist es nicht das Ziel, wahnsinnig große und schöne Momente im Alltag finden zu müssen. Das kann Druck erzeugen, wenn sich der Tag eigentlich nur wie „irgendwie überstehen” angefühlt hat. Vielmehr geht es darum, den Fokus auch auf das zu legen, was gut war.
Professionelle Hilfe suchen
Wenn du merkst, dass deine eigenen Bewältigungsstrategien nicht mehr ausreichen, ist es wichtig, dir bei Eltern-Burnout Hilfe zu suchen. Professionelle Unterstützung und Beratung bekommst du unter anderem in Familienzentren, aber auch in deiner hausärztlichen Praxis. Hier kannst du beispielsweise mit deiner Hausärztin besprechen, ob eine Eltern-Kind-Kur oder vielleicht auch eine Psychotherapie für dich in Frage kommt. Kostenfreie Soforthilfe bei Burnout bietet dir der Online-Therapiekurs HelloBetter Stress und Burnout. Das Online-Therapieprogramm kannst du dir von deinem Arzt oder deiner Psychotherapeutin einfach auf Rezept verordnen lassen und in deinem eigenen Tempo durchlaufen. Ganz ohne Wartezeit und bequem von zu Hause aus ohne feste Termine. In dem Online-Therapiekurs erlernst du viele wirksame Strategien zur Stressbewältigung, zum Beispiel kraftgebende Aktivitäten in deinem Alltag einzubauen, Probleme systematisch anzugehen oder ein bewährtes Entspannungsverfahren.
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Umgang mit schwierigen Familienmitgliedern und nerviger Verwandtschaft
In jeder Familie gibt es Konflikte, die trotz aller Lösungsversuche bestehen bleiben. Oft kommen diese bei Feiertagen oder Familienfesten an die Oberfläche und lassen einen auch Wochen und Monate nach dem letzten Treffen nicht los. Jeder Gedanke daran macht einen erneut traurig, wütend, enttäuscht, ratlos. Aber was ist ein guter Umgang mit diesen Konflikten? Ignorieren? Immer wieder darin rumwühlen?
Akzeptanz und Abgrenzung
„Es gibt tatsächlich Konflikte innerhalb einer Familie, die sich nicht lösen lassen. Sich das klar zu machen, ist deshalb so wichtig, weil auch bereits erwachsene Kinder noch oft denken, sie seien vielleicht an einem bestimmten Problem schuld und könnten dafür sorgen, dass es in der Familie wieder besser klappt. Doch das können Kinder nicht. Das ist manchmal bitter, aber auch entlastend. Der Anspruch, für alles und jeden Verantwortung zu tragen und die anfallenden Probleme lösen zu können, ist einfach zu groß. Es ist wichtig, zu verstehen: Einige Probleme kann ich nicht lösen. Und es ist auch nicht meine Aufgabe."
Fallbeispiele und Lösungsansätze
Konflikt mit den Eltern bezüglich des Partners
"Seit einigen Jahren bin ich in einer glücklichen Beziehung. Das einzige Problem: Meine Eltern können meinen Partner nicht leiden, sie finden ihn ‚nicht gut genug‘ für mich. Entweder haben wir deshalb Streit oder wir schweigen das Thema aus, er kommt schon lange nicht mehr zu meiner Familie nach Hause." Elisabeth Raffauf: „Das Problem ist genau das: Warum akzeptieren meine Eltern mich nicht? Ich habe mir diesen Partner ausgesucht. Was mögen sie an mir nicht? Das ist vielleicht das eigentliche Thema, das lediglich über den Freund ausgehandelt wird. Sie können Ihre Eltern nur fragen: „Er macht mich glücklich, was wünscht ihr euch denn anderes, als eine Tochter die glücklich ist?“. Manchmal ist es tatsächlich nicht anders möglich, als für eine Zeit lang den Kontakt zu unterbrechen. Auf jeden Fall aber ist es wichtig, den Eltern deutlich zu machen: „Ihr kränkt mich damit und ich komme dadurch in einen unlösbaren Konflikt: Ich muss mich zwischen euch und meinem Freund entscheiden."
Unverarbeitete Vergangenheit
"Als ich Teenager war, ist mein Vater von zuhause ausgezogen. Er hatte sich neu verliebt. Leider hat er sich nach der Trennung aufgeführt wie ein Arsch: Er hat keinen Unterhalt gezahlt, Kontakt zu ihm gab es nur unter der Auflage, dass wir sein neues Leben mit seiner neuen Frau akzeptieren. Heute sprechen wir zwar wieder miteinander, über das Thema will er allerdings nicht reden, weil es dann Streit gibt." „Es ist schon einmal gut, dass Sie überhaupt wieder miteinander sprechen. Ein klärendes Gespräch zu dem Thema, das Sie belastet, können Sie leider nicht erzwingen. Aber Sie können bei der Haltung bleiben, dass die Sache für Sie nicht erledigt ist und Sie sich eine, vielleicht professionell begleitete, Aussprache wünschen. So haben Sie Ihr Anliegen platziert und Ihr Vater weiß darüber Bescheid. Mehr geht nicht. Möglicherweise kommt er irgendwann darauf zurück, vielleicht auch nicht, das hat man nicht in der Hand. Es ist natürlich auch möglich einen Brief zu schreiben, so können Sie das, was Sie auf dem Herzen haben, schriftlich loszuwerden. Wichtig bei so einem Brief wäre, darin zu beschreiben, was Sie an der Situation verletzt und kränkt, aber keine Vorwürfe zu formulieren."
Ungleichmäßige Verteilung von Aufgaben und Aufmerksamkeit
"In unserer Verwandtschaft gibt es einige Pflegefälle, aber auch andere, gesunde Familienmitglieder, die viel Aufmerksamkeit wollen - einige mehr, andere weniger beliebt. Meist fahren immer die gleichen von uns dorthin zu Besuch, weil ihr Pflichtgefühl sie dazu zwingt. Andere ziehen sich immer aus der Affäre. Das gibt Zoff!" „Das klappt nicht. Man kann nur für sich selbst entscheiden, was man wem gerne geben möchte, inwieweit man sich also um bestimmte Familienmitglieder kümmern möchte. Man kann sich mit den anderen Familienmitgliedern, die sich ebenfalls kümmern wollen, so gut es geht absprechen, um die Belastung zu reduzieren. Mehr nicht."
Rollenzuweisungen innerhalb der Familie
"Ich habe mehrere Brüder. Das war eigentlich immer toll, bis mir auffiel, dass ich automatisch von meiner Familie in die „Mädchenrolle“ gedrückt werde. Ich soll immer den Tisch abräumen. Ich soll zu Feiertagen beim Essenmachen helfen. Für sie ist es selbstverständlich, dass ich eine aufgeräumte Wohnung habe und weiß, wie man die Wäsche wäscht, dass meine Brüder hingegen im Dreck versumpfen, finden sie charmant." „Sie könnten darauf einfach ehrlich antworten, zum Beispiel, indem Sie sagen: ‚Ja, vielleicht stelle ich mich in euren Augen an, aber so ist es nun einmal. Ich stelle mich an. Dazu stehe ich. Ich werde das nicht weiter so machen.’ Das wäre eine Möglichkeit. Und Sie können sich zu diesem Anlass auch grundsätzlich einmal fragen, warum man eigentlich so oft das tut, was man in den Augen der Anderen tun soll."
Übertherapierung und Schwere in Gesprächen
"Fast alle meiner Familienmitglieder beschäftigen sich amateurhaft mit Sinn- und Selbstfindung, haben schon Therapien gemacht, Familienaufstellungen und Mediationsseminare besucht. Stunden um Stunden wird, sobald auch der Anflug eines Problems in der Luft liegt, wild herumtherapiert, damit niemand Wut und Traurigkeit anstaut. Aber ganz ehrlich: erstens lässt sich meiner Erfahrung nach trotz aller Aussprachen kein Problem final klären, weil wir nun einmal alle unsere unterschiedlichen Standpunkte, Bedürfnisse und Überzeugungen haben, und zweitens steckt in diesen Gesprächen jedes Mal eine solche Schwere, dass ich mich danach nicht erleichtert fühle, sondern oft tagelang schwermütig bin und vor Grübelei kaum meinen Alltag auf die Reihe bekomme." „Wir haben nicht in der Hand, als wer oder was wir bei anderen gelten. Wir können nicht bestimmen, was sie über uns denken oder sagen. Das ist auch gut so. Wir müssen in erster Linie mit uns selbst zurechtkommen. Vielleicht ist Ihr Gefühl der Schwere nach solchen Gesprächen das eigentliche Thema. Was ist das für eine Schwere? Woher kommt die? Gibt es etwas, das in diesen Gesprächen trotz aller vermeintlicher Offenheit doch nicht ausgesprochen wird und untendrunter schwelt? Ansonsten könnten Sie sich einmal überlegen, wie Sie dazu stehen können, dass Sie in einigen Angelegenheiten anders ticken und Sie sich nicht alle Probleme in der Form anschauen möchten, wie die anderen es tun möchten. Jeder hat dafür seine eigene Strategie, seine eigene Zeit, seinen eigenen Rhythmus."
Ungleichbehandlung von Geschwistern
"Ich habe mehrere Geschwister und klar, eigentlich lieben unsere Eltern uns „alle gleich“. Tatsächlich finde ich aber doch, dass sie zwischen mir und meinem Bruder von klein auf immer wieder Unterschiede gemacht haben - bis heute. So studiert mein Bruder zum Beispiel Medizin, was ständig vor Freunden und Familie lobend erwähnt wird. Mein Geisteswissenschaftsstudium, das sehr gut läuft, nehmen sie hingegen einfach so hin. Wenn mein Bruder zu Besuch kommt (was nicht oft passiert), wird sein Lieblingsessen gekocht und es wird gefragt, was er unternehmen möchte. Ich besuche meine Eltern hingegen regelmäßig und das ist total selbstverständlich für sie. Ich mag meinen Bruder und will ihm nicht vorwerfen, dass meine Eltern ihn offenbar lieber mögen als mich." „Das ist eine Familiensituation, die nicht selten vorkommt. Natürlich lieben Eltern nicht alle Kinder gleich. Sie lieben sie unterschiedlich und haben ein unterschiedliches Verhältnis zu ihnen. Liebe ist schwer in Mengen zu messen. Sie ist einfach zu jedem verschieden. Trotzdem spürt man ja einen Unterschied und kann den auch ansprechen. Die Eltern werden vielleicht abstreiten, dass sie den einen mehr lieben als den anderen, sie tun es vielleicht auch gar nicht oder es fällt ihnen auch gar nicht auf, dass sie sich unterschiedlich verhalten. Darauf kann man sie hinweisen und auch über seine Gefühle sprechen. Man kann ihnen sagen, dass ihr Verhalten etwas mit den Gefühlen dem Bruder gegenüber macht, auch wenn die Eltern das gar nicht wollen. Das elterliche Verhalten den Kindern gegenüber hat einen großen Einfluss darauf, wie die sich untereinander verstehen. Möglicherweise werden die Eltern nichts verändern, weil es ihnen nicht bewusst ist, warum sie das tun. Das hat wiederum mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Und ich selbst kann mich fragen, warum ich jede Woche zu den Eltern gehe, ob ich da eventuell immer wieder eine Zuwendung suche, die ich nicht bekomme."
Gefühl der Nicht-Wertschätzung durch die Mutter
"Meine Mutter fragt mich nie, wie es mir geht. Stattdessen erzählt sie nur von sich und ihren Problemen. Wenn ich widerspreche oder etwas anders mache, als sie es richtig findet, bekommt sie unkalkulierbare Wutanfälle. Ich habe ihr mehrmals gesagt, dass mir ihre Art nicht gut tut und auch zeitweise den Kontakt abgebrochen, unser letztes Familienfest habe ich abgesagt. Das war ein Statement, jetzt sucht sie den Kontakt zu mir, aber ich bin mir unsicher, ob ich ihr dieses Mal trauen kann. Was soll ich tun?" „Wir werden unsere Eltern nicht ändern. Aber wir können ihnen sagen, wie kränkend ihr Verhalten für uns ist. Und wie traurig es uns macht, dass sie uns nicht sehen und sich nicht so für uns einsetzen, wie wir es brauchen. Oder gebraucht hätten. Wir können versuchen, etwas Abstand einzunehmen und uns fragen: Was hatte meine Mutter, was hatte mein Vater für eine Familie? Was haben sie darüber gelernt, wie man sich um seine Kinder kümmert? Oft ist es eine entlastende Erkenntnis, dass sie selbst nicht mehr bekommen haben als sie uns nun geben. Dass sie einfach nicht mehr geben konnten - und können. Das zu verstehen, hilft manchmal zu sehen, dass unsere Eltern es nicht schlecht mit uns meinen. Sondern dass sie es einfach nicht besser können. Man muss dann vielleicht einsehen, dass man das, was man sich von ihnen wünscht, nicht mehr von ihnen bekommen wird. Es hilft, von diesen Hoffnungen Abschied zu nehmen. Und macht es gleichzeitig einfacher, sich zu fragen: Wie möchte ich diese Beziehung, so wie sie möglich ist, gestalten? Wo suche ich Kontakt?"
Umgang mit nerviger Verwandtschaft: Sprüche und ungewollte Ratschläge
Viele Eltern kennen die Situation, in der die Verwandtschaft mit ungewollten Ratschlägen und Sprüchen nervt. „Du legst dein Baby nicht ab? Wie haben wir nur überlebt.“ „Dein Baby schläft bei euch im Schlafzimmer? Ihr müsst aber schon an eure Beziehung denken, nä.“ „Dein Kind kriegt nun keine Strafe, obwohl es so einen Bockmist gemacht hat und ausgerastet ist? Ihr verwöhnt zu sehr.“
Strategien für den Umgang mit solchen Situationen
- Zuhören und akzeptieren: Es ist wichtig, der Gegenseite zuzuhören, ohne aber innerlich das Gefühl zu entwickeln, dass unser Umgang mit unserem Kind nun grundsätzlich falsch ist.
- Sich selbst treu bleiben: Besser ist es, wenn ich zuhöre, akzeptiere, dass die Haltung gegenüber Kindern früher eine andere war (und ja heute auch oft noch so ist) und mir dennoch selbst treu bleibe.
- Eigene Grenzen setzen: Man kann die Großeltern auch mal direkt fragen, warum sie diese Dinge eigentlich glauben? Was ist anders heute als früher? Und wie machen wir begreifbar, dass „Schreien nicht die Lungen kräftigt“?
- Erwartungen hinterfragen: Umgekehrt haben wir aber auch Erwartungen an die (zukünftigen) Großeltern und sind nicht selten enttäuscht, wenn sie nicht dem Bild entsprechen, das wir uns von ihnen wünschen. Das reicht von wenig Interesse am Enkelkind bis hin zu wenig oder gar keiner Unterstützung im Alltag.
Wann ist ein Kontaktabbruch sinnvoll?
Generell ist es gut und sinnvoll, sich ein eigenes Dorf zu schaffen. Menschen, die ähnlich denken, fühlen und handeln, wie wir selbst, können immer eine Bereicherung für uns sein. Das schafft Resilienz. Es lohnt sich in meinen Augen immer, in den Dialog zu gehen. Denn es geht um unsere Eltern und Schwiegereltern, also Menschen, die uns wichtig sind, die wir lieben und die ein wichtiger Teil in unserem Leben sind. Ob dieser Dialog von der Gegenseite angenommen wird, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Wenn wir den Kontakt abbrechen, geschieht dies nie leichtfertig und es schmerzt. Ob ein Kontaktabbruch Sinn macht oder nicht, kann niemand außer der Person, die es betrifft, beantworten.
Umgang mit Missgunst in der Familie
Wie kann man möglichst cool aus so einer Sache raus kommen, wenn man bei Familientreffen mit Missgunst konfrontiert wird? Wie antwortet man? Wie verhält man sich? Es ist wichtig zu erkennen, ob Fragen aus Interesse oder aus Missgunst gestellt werden. Im Falle von Missgunst ist es ratsam, sich abzugrenzen und sich nicht auf Diskussionen einzulassen. Man kann beispielsweise mit Humor reagieren oder das Thema wechseln. Wichtig ist, sich nicht von der negativen Energie beeinflussen zu lassen und sich auf das eigene Wohlbefinden zu konzentrieren.
Pathogene Familienstrukturen und -prozesse
Ehekonflikte, psychische Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten können durch individuelle Merkmale, familiale Faktoren und negative Einwirkungen größerer Systeme verursacht werden. So müssen Pathologietheorien immer alle drei Systemebenen berücksichtigen. Pathogene Familienstrukturen und -prozesse spielen bei Eheproblemen und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern eine besonders große Rolle.
Individuelle Merkmale als Ursache von Konflikten
Ehe- und Familienkonflikte werden oft durch die individuellen Merkmale der Familienmitglieder hervorgerufen. Viele Mitglieder von Problemfamilien schätzen sich falsch ein, sind egozentrisch oder narzisstisch. Sie beschäftigen sich viel mit sich selbst, den eigenen Schwierigkeiten, Gedanken und Gefühlen. Manche sind verschlossen, misstrauisch und abweisend, lassen andere Familienmitglieder nicht an sich heran, fühlen sich von ihnen entfremdet und ungeliebt. Andere sind unsicher und ängstlich, haben nur schwach ausgeprägte Selbstwertgefühle und streben fortwährend nach Bestätigung durch Partner, Eltern oder Kinder, von denen sie leicht abhängig werden können.
Kommunikationsstörungen
In vielen Familienmitglieder senden häufig undeutliche, vage und unklare Botschaften, die mehrdeutige Begriffe, unvollständige Sätze und unzulässige Verallgemeinerungen enthalten mögen. Oft werden eigene Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse nur mit ein oder zwei Worten angedeutet, weil der Sender glaubt, dass der Empfänger (z. B. aus Liebe) weiß, was er will. Vielfach versucht der Sender auch, wichtige Botschaften auf nonverbale Weise zu übermitteln, wobei derartige Signale leicht misszuverstehen sind, sich aber gut zur Kontrolle des Verhaltens anderer Familienmitglieder eignen. Häufig stehen verbale Mitteilung und nonverbales Verhalten im Widerspruch zueinander, sind also inkongruent.